Profil des Gesamtwerks

Das Gesamtwerk von Ian Morris ist im Zusammenhang mit der Themenstellung des vorliegenden Sammelbandes eher von untergeordneter Bedeutung. Die meisten seiner Forschungsbeiträge setzen sich mit gänzlich anderen Themengebieten auseinander und sind in aller Regel im Bereich der Geschichtswissenschaft oder der Archäologie zu verorten, daher soll an dieser Stelle die inhaltliche Entwicklung seiner Arbeit lediglich kurz skizziert werden. Ein wenig näher eingegangen wird schlussendlich nur auf die für die hier behandelte Themenstellung relevanten Werke.

Zu Beginn seiner akademischen Karriere war Morris viel stärker als aktuell an archäologischen Fragestellungen interessiert und hat darüber hinaus an zahlreichen Ausgrabungen teilgenommen oder diese sogar geleitet. Deren überwiegende Zahl hat in Griechenland stattgefunden, so dass es nur wenig verwunderlich erscheint, dass auch ein Großteil seiner Publikationen dem antiken Griechenland gewidmet ist. Beginnend mit seiner bereits erwähnten Dissertation aus dem Jahr 1987 hat er sich bis einschließlich 1997 in seinen größeren Schriften nahezu ausschließlich mit dem alten Griechenland und der klassischen Antike beschäftigt. In dieser Zeit sind Werke wie Death Ritual and Social Structure in Classical Antiquity (Morris 1992), Classical Greece: Ancient Histories and Modern Archaeologies (Morris 1994) oder auch A New Companion to Homer (Morris und Powell 1997) entstanden. In der Folgezeit, also von 1997 bis zu den Veröffentlichungen aus dem Jahr 2009, gilt sein Hauptaugenmerk zwar weiterhin der Antike, was sich jedoch ändert ist seine Betrachtungsweise. Sein Erkenntnisinteresse verschiebt sich anscheinend bis auf wenige Ausnahmen weg von archäologischen oder kulturellen Fragen hin zu po-litischen und ökonomischen. Als Beleg dafür können Veröffentlichungen wie The Ancient Economy: Evidence and Models (Morris 2005), The Cambridge Economic History of the Greco-Roman World (Morris et al. 2007) oder auch The Dynamics of Ancient Empires (Morris und Scheidel 2009) gesehen werden.

Seine aktuellsten Publikationen, beginnend mit dem an dieser Stelle im Mittelpunkt stehenden Why the West Rules – For Now: The Patterns of History and What They Reveal About the Future, stellen erneut eine Verschiebung seines Forschungsschwerpunktes dar. Morris widmet sich seit 2010 verstärkt empirischen Untersuchungen zum Themenfeld der gesellschaftlichen Entwicklung. Dies kommt, wie noch zu zeigen ist, in Why the West Rules vor, wesentlich plakativer dann aber in seinem 2013 publizierten Text The Measure of Civilization: How Social Development Determines the Fate of Nations (Morris 2013), der deutlich an Why the West Rules anschließt und die dort verwandte Methode, gesellschaftliche Entwicklung mittels eines Index abzubilden, noch einmal vertieft. Morris – und das zeigt auch sein jüngst erschienenes Werk War! What is it Good For? Conflict and The Progress of Civilization (Morris 2014a) – betrachtet nicht länger singuläre Phänomene und Ereignisse der Geschichte, vielmehr skizziert er langfristige historische Entwicklungen und versucht daraus universalgültige Aussagen faktischer Art zu generieren oder sogar darüber hinaus gehend, Prognosen für die zukünftige Entwicklung abzuleiten.

 
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