Why the West Rules: Morris' Erklärungsansatz westlicher Herrschaft

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3.1 Grundsätzliches

Eine Darstellung von Ian Morris' Erklärungsansatz in Why the West Rules – For Now: The Patterns of History and What They Reveal about the Future ist diffizil und simpel zugleich. Das Vorhaben erscheint bezogen auf seine inhaltlichen Aspekte schwierig. Dies ist der großen Zeitspanne geschuldet, welche Morris in seine Betrachtung einbezieht, der Fülle an historischen Ereignissen also und damit letztlich dem Umfang seiner Studie. Eine detaillierte Nachzeichnung ist demzufolge hier nicht leistbar. Allerdings ist dies auch gar nicht notwendig. Es genügt vollkommen, den deskriptiven Teil kurz zu halten und nur in Umrissen auf die geschichtliche Entwicklung der vergangenen 15.000 Jahre – denn diesen Zeitraum umfasst Morris' Betrachtung – einzugehen; denn dass der Westen aktuell in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung dem Osten voraus ist, scheint ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass dieser Zustand für die Majorität der vergangenen 15.000 Jahre Gültigkeit besitzt. Es gab jedoch – und auch dies sei bereits an diesem Punkt erwähnt – auch das umgekehrte Verhältnis.

Wesentlich übersichtlicher gestaltet sich das Bild dagegen, wenn man den Umfang der theoretischen Grundlagen und der argumentativen Linien, die Morris verfolgt, nachzeichnen möchte. Seine Theorie ist diesbezüglich sehr knapp und beschränkt sich im Wesentlichen auf einige wenige, zentrale Prämissen und Argumentationszusammenhänge, welche im Laufe seiner Ausarbeitung immer wiederkehren. Ihnen soll im Rahmen dieses Artikels jedoch weit mehr Aufmerksamkeit zu Teil werden als der rein inhaltlich-faktischen Ebene, da es wesentlich fruchtbarer und zielführender erscheint, das argumentative Muster und die theoretischen Annahmen Morris' offenzulegen und auf ihren Gehalt hin zu untersuchen. Zunächst allerdings der Vollständigkeit halber ein kurzer Blick auf eben diesen vermeintlich faktischen Verlauf der Geschichte, wie Morris ihn interpretiert.

Morris beginnt sein Buch mit der Gegenüberstellung zweier potentieller Szenarien der Geschichte, von der das eine rein fiktiver Natur ist, während das alternative in dieser Weise eingetreten ist. Ausgehend von diesem Beispiel wirft er die Frage auf, warum die Geschichte einen eben solchen Verlauf genommen und nicht umgekehrt stattgefunden hat. Warum hat diese Entwicklung also dazu geführt, dass aktuell der ‚Westen' die Welt beherrscht und nicht der ‚Osten'? Morris möchte jedoch nicht nur diese Frage beantworten, sein Ansatz ist noch ambitionierter: Er glaubt aus den gewonnenen Erkenntnissen und Mustern der Geschichte eine Prognose für die zukünftige Entwicklung ableiten zu können.

Zunächst aber versucht Morris einleitend zu klären, seit wann die Welt eigentlich in Kategorien wie ‚Ost' und ‚West' zu denken ist. Den Ausgangspunkt, so sein erster Vorschlag, könnte man an der so genannten Movius-Linie festmachen. Sie geht auf den Harvard-Archäologen Hallam Movius zurück, der in den 1940er Jahren festgestellt hatte, dass eine für die damalige Zeit (vor ca. 1,5 Mio. Jahren) moderne Art von Werkzeugen nur westlich dieser geographischen Linie vorkam, während östlich davon nur primitivere Werkzeuge gefunden worden seien. Diese Theorie langfristiger Determiniertheit beraubt Morris jedoch direkt ihrer Gültigkeit und somit auch der damit einhergehenden Annahme, ein genetischer Unterschied zwischen den Menschen in Ost und West sei als Grundlage westlicher Dominanz anzusehen. Morris schließt damit an vergleichsweise aktuelle Erkenntnisse der DNA-Forschung aus den vergangenen zehn Jahren an, mit Hilfe derer nachgewiesen werden konnte, dass alle heute lebenden Menschen letztlich afrikanischer und damit gleicher Abstammung sind (Morris 2012, S. 79–80). Weder Rassentheorien noch daraus abgeleitete kulturelle Differenzen sind es, die in seinen Augen als Erklärungsansatz taugen.

3.2 Methodik und empirische Befunde

An dieser Stelle setzt Morris nun an und erklärt, worin für ihn selbst Fortschritt und Entwicklungsabstand zwischen Ost und West zum Ausdruck kommen. Er meint, in der gesellschaftlichen Entwicklung den entscheidenden Indikator für die westliche Vorherrschaft ausgemacht zu haben, und diesen versucht er durch einen Entwicklungsindex messbar zu machen.[1] Dieser setzt sich aus vier Parametern zusammen (Morris 2012, S. 150–164):

1. Energieausbeute

2. Grad der Organisation bzw. der Grad der Urbanisierung einer Gesellschaft

3. Fähigkeit zur Verarbeitung und Verbreitung von Nachrichten

4. Militärisches Potential bzw. die Fähigkeit zur Kriegsführung

Mit diesem methodischen Instrumentarium beginnt er einen fulminanten Parforceritt durch die Jahrtausende, dessen zentrale Erkenntnisse im Folgenden gerafft präsentiert werden. Er beginnt seine Unterscheidung von Ost und West erst ab der Zeit um ca. 12.700 v. u. Z. Um 17.000 v. u. Z., so führt er aus, beginnt das Ende der Eiszeit, und die einsetzende Klimaerwärmung führt zu einem Fortschritt im Hinblick auf die Lebensverhältnisse. Diese nunmehr verbesserte Lebenssituation ist aber eben nicht an allen Orten gleich, manche Regionen profitieren in besonderem Maße und entwickeln sich in der Folge besser und schneller als andere. Die im Westen Eurasiens gelegenen – auch als Fruchtbarer Halbmond bezeichneten – Kernregionen, welche aufgrund ihrer geographischen Lage signifikant bessere Bedingungen vorzuweisen hatten als andere Regionen und wo etwa um 9500 v. u. Z. die ersten Versuche der Domestizierung zu verzeichnen waren, definiert Morris als den ‚Westen'.

Den ‚Osten' bilden dagegen jene Gesellschaften, deren Herkunft auf das östlichste Kerngebiet Eurasiens zurückzuführen ist, in dem die Domestizierungsversuche jedoch erst um das Jahr 7500 v. u. Z. begannen (Morris 2012, S. 39–40). Die Führung des Westens im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung – und hieran macht er die Herrschaft des Westens fest – bleibt zunächst einmal stabil. Das heißt der Abstand zwischen Westen und Osten bleibt nahezu gleich, die gesellschaftliche Entwicklung beider Lager steigt aber zwischen 14.000 v. u. Z. und 5000 v. u. Z. permanent an, wobei hinzuzufügen ist, dass diese Entwicklung immer mehr an Geschwindigkeit zunimmt, vor allem ab ca. 5000 v. u. Z. (Morris 2012, S. 177–178).

Zu Beginn des von Morris' betrachteten Zeitraums, also ca. im Jahr 14.000

v. u. Z., starten Ost und West bei etwas über vier Punkten. Wie bereits beschrieben geht der Westen zunächst in Führung und übertrifft bis 5000 v. u. Z. zum ersten Mal die Marke von acht Indexpunkten. Der Osten befindet sich zur gleichen Zeit bei sieben Punkten. In den folgenden knapp 4000 Jahren beschleunigt sich diese Entwicklung: der Westen entwickelt sich bis ca. 3000 v. u. Z. noch besser als der Osten und erreicht einen Wert von ca. vierzehn Punkten, der Osten dagegen legt im gleichen Zeitraum nur bis auf acht Punkte zu. In der Folge kommt es bis ca. 1200

v. u. Z. zu einem schnelleren, nahezu parallel verlaufenden Wachstum, welches den Osten bis auf siebzehn und den Westen bis auf vierundzwanzig Punkte bringt. Zwischen 1200 v. u. Z. und 1000 v. u. Z. holt der Osten dann auf und der Westen hat hinsichtlich seiner Entwicklung sogar eine Regression zu verzeichnen. Die Werte für das Jahr 1000 v. u. Z. betragen auf westlicher Seite zweiundzwanzig und auf östlicher Seite neunzehn Punkte (Morris 2012, S. 176–178). Für die nun folgenden knapp 1000 Jahre entwickelt sich ein Kopfan-Kopf-Rennen, wie Morris es beschreibt (Morris 2012, S. 226–275). Die Entwicklung beider Gebiete verläuft in ähnlicher Weise positiv, so dass bis zum Jahr 100 v. u. Z. Werte von fünfunddreißig Punkten im Westen und einunddreißig Punkten im Osten erreicht werden (Morris 2012, S. 227). Für weitere einhundert Jahre steigen die Indexwerte im Westen etwas stärker bis auf ca. dreiundvierzig Punkte, im Osten etwas weniger stark auf vierunddreißig Punkte. In der Folgezeit kommt es dann zu einem Verfall der Indexwerte auf beiden Seiten, wobei der Westen in der Zeit bis 500 u. Z. bis auf fünfunddreißig Punkte deutlich stärker verliert, während die Regression im Osten mit einem Rückgang um lediglich drei Punkte auf dann einunddreißig relative moderat ausfällt (Morris 2012, S. 277).

Was nun folgt, ist in Morris' Worten das „Zeitalter des Ostens“ (Morris 2012,

S. 325–372). Nach dem Jahr 500 u. Z. sinken die Indexwerte des Westens weiter ab, die des Ostens dagegen steigen an, so dass es zwischen 500 u. Z. und 600 u. Z. zu einem Wechsel an der Spitze kommt. Der Osten übernimmt erstmals die Führung und erreicht im Jahr 1100 u. Z. mit dreiundvierzig Punkten den vorherigen Spitzenwert des Westens aus dem Jahr 0. Der Westen dagegen verliert bis ungefähr 700 u. Z. weiter an Boden und unterschreitet die 30 Punkte-Grenze dabei sogar (ein Wert der eigentlich eintausend Jahre vorher bereits überschritten wurde). Danach stabilisiert sich die westliche Entwicklung jedoch wieder und steigt bis 1100 u. Z. wieder leicht an, bis auf einen Wert von ca. dreißig Punkten (Morris 2012, S. 326). Nach 1100 u. Z. wird der Abstand zunächst langsam und dann deutlich schneller wieder kleiner. Die Werte des Ostens sinken, die des Westens dagegen steigen an, bis im Jahr 1300 u. Z. der Abstand lediglich noch sieben Punkte beträgt (der Osten steht zu dieser Zeit bei neununddreißig Punkten, der Westen bei zweiunddreißig). Die weitere Entwicklung in den folgenden zweihundert Jahren ist nahezu parallel. Einhundert Jahre sinken die Werte auf beiden Seite um zwei respektive drei Punkte, dann steigen sie innerhalb der nächsten einhundert Jahre um jeweils drei Punkte, so dass die Werte des Ostens im Jahr 1500 u. Z. bei ungefähr neununddreißig Punkten liegen, die des Westens bei dreiunddreißig (Morris 2012, S. 374).

In den anschließenden dreihundert Jahren holt der Westen dann bei einer positiven Entwicklung beider Seiten sukzessive auf, bis im Jahr 1800 u. Z. ein Gleichstand bei ungefähr fünfzig Punkten erreicht wird (Morris 2012, S. 420). Was daraufhin folgt ist eine rasante, fast als explosionsartig zu beschreibende, gesellschaftliche Entwicklung des Westens ab 1800 u. Z. und des Ostens ab 1900 u. Z., wobei die Werte des Westens sogar wesentlich stärker in die Höhe schnellen. Im von Morris so genannten „westlichen Zeitalter“ erreicht der Westen im Jahr 2000 u. Z. die 900 Punkte-Marke, der Osten dagegen bleibt trotz der überaus positiven Entwicklung um mehr als 300 Punkte hinter dem Westen zurück (Morris 2012, S. 476).

An den vier Parametern seines Entwicklungsindex (Energieausbeute, Grad der Organisation bzw. Urbanisierung, Fähigkeit zur Nachrichtenverarbeitung und

-verbreitung, militärisches Potential) gemessen diagnostiziert Morris also folgende Gesamtentwicklung: Der Westen geht wie bereits erwähnt anfangs schnell in Führung, dann holt der Osten auf, es kommt zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen, bis beide einen Einbruch erleben, der jedoch auf westlicher Seite stärker ausfällt als auf östlicher. Letztlich übernimmt so der Osten die zwischenzeitliche Führung, welche der Westen in der Folge wieder langsam verringert, bis schließlich das westliche Zeitalter anbricht, in dem der Westen den Osten mit weitem Vorsprung hinter sich gelassen hat und der bis in die Gegenwart reicht. Was an dieser Stelle ins Auge fällt, ist, dass die einzelnen Abschnitte im Detail betrachtet deutliche Unterschiede aufweisen. Nimmt man jedoch die gesamte Entwicklung in den Blick, dann sehen sich die Graphen von Osten und Westen doch sehr ähnlich.

3.3 Erklärungsmuster

Nun kann man die Erklärungsansätze für diese aktuelle westliche Vormachtstellung laut Morris in zwei Kategorien einteilen. „Eine sieht die Entwicklung als „langfristig determiniert“, die zweite sieht sie als „Produkt kurzfristiger Zufallsereignisse““ (Morris 2012, S. 21–22). Auf beide theoretische Lager geht Morris kurz ein und erwähnt deren wichtigste Vertreter.[2] Letztlich ist für ihn jedoch eindeutig klar, dass keiner dieser beiden Ansätze eine zufriedenstellende Antwort hat anbieten können. Das liegt in seinen Augen vor allem in der Tatsache begründet, „dass mit der Art, wie wir bisher an das Problem herangegangen sind, etwas nicht stimmt. […] Was Not tut, ist [s]einer Ansicht nach eine andere Perspektive“ (Morris 2012, S. 30). Seiner Meinung nach reicht es eben nicht, zur Erläuterung des Status quo lediglich aus politikwissenschaftlicher, soziologischer oder ökonomischer Perspektive die vergangenen zwei Jahrhunderte zu betrachten und zu analysieren. Es erscheint ihm genauso wenig zielführend, einen punktuellen Blick in die Geschehnisse der Vorgeschichte zu werfen, um damit die gegenwärtige Situation plausibel zu machen.

Ian Morris möchte die „Geschichte der Menschheit im Ganzen betrachten und deren Konturen definieren“ (Morris 2012, S. 30–31). Nur mittels dieser Herangehensweise, so sein Credo, könne man die Frage beantworten, warum der Westen die Welt regiert. Eben dieses ‚Regieren', beziehungsweise die westliche Vorherrschaft, macht Morris am Grad der gesellschaftlichen Entwicklung fest. Und damit meint er „die Handlungsfähigkeit von Gesellschaften – das Vermögen, ihr materielles, ökonomisches, soziales und intellektuelles Umfeld nach ihren eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen zu gestalten“ (Morris 2012, S. 33).

Den jeweiligen Grad der gesellschaftlichen Entwicklung misst Morris mit Hilfe des von ihm entwickelten und bereits beschriebenen Index. Das Abbilden gesellschaftlicher Entwicklung anhand dieses Index vergleicht Morris mit der Arbeit eines Bildhauers, der mit einer Kettensäge versucht, einen Baumstamm in die Form eines Grizzlybären zu bringen. Auch in dessen künstlerischer Darstellung kommt es letztlich nicht auf Details an, sondern darauf, die Umrisse, also die grundlegende Erscheinung des Baumstammes als Bären, erkennen zu können. Der Index, so Morris' Anspruch, „sollte so wenige Dimensionen der Gesellschaft abbilden wie möglich […] und doch die wesentlichen Züge gesellschaftlicher Entwicklung enthalten. Jede Dimension der Gesellschaft, die wir abbilden und bewerten, sollte sechs Kriterien des gesunden Menschenverstandes genügen. Erstens: Sie muss relevant sein, also etwas über gesellschaftliche Entwicklung aussagen. Zweitens: Sie muss kulturunabhängig sein. […] Drittens: Die ausgewählten Eigenschaften müssen voneinander unabhängig sein. […] Viertens: Die Merkmale müssen angemessen dokumentiert sein. […] Fünftens: Die Merkmale müssen verlässlich sein, will sagen die Fachleute müssen sich mehr oder wenig einig sein über die jeweils einschlägigen Befunde und ihre Interpretation. Sechstens: Es darf nicht zu schwierig sein, Daten zu diesen Merkmalen zu erheben“ (Morris 2012, S. 152).[3]

Am Ende erfasst und quantifiziert dieser Index eben aber nur, was untersucht und erklärt werden muss, also die westliche Vorherrschaft. Erklärungen für die empirischen Befunde liefert er jedoch noch nicht. Was eine solche Darstellung zunächst aber leisten kann, liegt in ihrem Abstraktionsgrad begründet. Sie lässt das Individuum und dessen Handeln außen vor und gibt dem Historiker nach Morris' Ansicht die Möglichkeit, die „zwingenden Muster“ (Morris 2012, S. 34) zu erkennen, nach denen die Geschichte verläuft. Mit dem adäquaten Instrumentarium, so glaubt er, könne man diese Muster dann auch erklären.

Die drei von Morris intendierten Werkzeuge sind dabei die Biologie, die Soziologie und die Geographie. Jedoch – so lautet das Fazit von Ian Morris – sind am Ende zwei dieser Wissenschaften lediglich hilfreiche Nebendarsteller, welche einige Aspekte menschlichen Verhaltens zu verstehen helfen,[4] zur wirklichen Erklärung westlicher Vorherrschaft dient aber letztlich nur eine der drei. Denn „[d]ass der Westen regiert, ist eine Frage der Geographie. Die Biologie sagt uns, warum Menschen die gesellschaftliche Entwicklung vorantreiben; die Soziologie sagt uns, wie sie dies tun; und die Geographie sagt uns, warum ausgerechnet der Westen und nicht irgendeine andere Region in den letzten 200 Jahren die Welt beherrschte“ (Morris 2012, S. 533; Hervorhebung J. K.).

Inwiefern sind nun die Biologie und die Soziologie im Sinne von Morris hilfreich? Nun, die Biologie, so seine Auffassung, „verrät, was Menschen in Wirklichkeit sind: schlaue Schimpansen“ (Morris 2012, S. 35). Und aus diesem Umstand zieht Morris drei Schlüsse. Punkt eins ist, dass der Mensch seiner Umwelt Energie entzieht und diese sozusagen in Form der Hervorbringung eigener Nachkommen transformiert. Punkt zwei seiner Annahme besagt, dass der Mensch wie jedes intelligentere Tier ständig mit den ihn umgebenden Dingen experimentiert und diese zu optimieren versucht. Drittens schlussfolgert er, „dass große Menschengruppen im Gegensatz zu einzelnen Individuen alle ziemlich gleich sind“ (Morris 2012, S. 35). All diese Aspekte haben laut Morris dazu beigetragen, die gesellschaftliche Entwicklung immer weiter und mit zunehmender Geschwindigkeit voranzutreiben. Lediglich gesellschaftliche Stagnation oder gar Rückschritte im Entwicklungsprozess wären so nicht erklärbar.

An diesem Punkt bringt Morris deshalb die Soziologie ins Spiel. Er entwickelt in diesem Zusammenhang sogar ein eigenes Theorem, welches er selbst als ‚Morris-Satz' bezeichnet und das sozusagen den Katalysator gesellschaftlicher Veränderung zu Tage fördert. „Veränderungen werden von faulen, habgierigen, verängstigten Menschen bewirkt, die nach leichteren, profitableren und sichereren Wegen suchen etwas zu tun. Und sie wissen nur selten, was sie eigentlich tun“ (Morris 2012, S. 36). Allerdings führten Reproduktion und Energieverbrauch unweigerlich immer wieder zu Ressourcenengpässen. Gesellschaftliche Entwicklung beinhaltet oder kreiert somit auch immer gleich ein Hindernis ihres eigenen, weiteren Wachstums. Diesen Umstand bezeichnet Morris als das „Entwicklungsparadox“ (Morris 2012, S. 36). In den meisten Fällen sind die Menschen seiner Auffassung nach in der Lage gewesen, diesen Zustand wieder und wieder zu überwinden. So erklärt er auch den zu größten Teilen der Geschichte positiven Verlauf gesellschaftlicher Entwicklung.

An einigen Punkten der Geschichte entstehen bedingt durch das Entwicklungsparadox aber Situationen des Stillstands, die nur durch grundlegende Veränderungen durchbrochen werden können. Sind diese Schwierigkeiten für eine Gesellschaft nicht zu lösen, treten oftmals die von Morris so bezeichneten fünf Reiter der Apokalypse auf und sorgen für einen Zusammenbruch und damit eine Regression gesellschaftlicher Entwicklung. Diese Phänomene sind im einzelnen Hungersnöte, der Ausbruch von Epidemien, unkontrollierte Wanderbewegungen, politische Instabilität und Klimawandel. Zwar sind nicht alle dieser Aspekte durch den Menschen verursacht, aber ein Zusammenwirken dieser fünf Phänomene führt nahezu unweigerlich zum Verfall.

Nimmt man nun also die Biologie und die Soziologie zusammen, so ist man mit Hilfe ihrer in der Lage, „die Verlaufskonturen der Geschichte“ zu erklären –

„warum die gesellschaftliche Entwicklung im Großen und Ganzen angestiegen ist, warum sie manchmal schneller und dann wieder langsamer wächst und gelegentlich rückläufig ist. Aber die biologischen und soziologischen Gesetze, denen die gesellschaftliche Entwicklung unterworfen ist, sind gleichbleibende Größen, die immer und überall Gültigkeit haben“ (Morris 2012, S. 37). Sie helfen also dabei, die Entwicklung zu verstehen, haben jedoch keinerlei Aussagekraft bezüglich der Differenzen zwischen West und Ost. Diese können laut Morris nur anhand der Geographie plausibel gemacht werden. Betrachtet man die Entwicklungskurven des Westens und des Ostens, so fällt auf, dass beide Seiten im Laufe der vergangenen 15.000 Jahre nahezu die gleichen Entwicklungen durchlaufen haben und das überdies auch in der gleichen Abfolge der jeweiligen Entwicklungsphasen. Eben diesen Umstand erklärt sich Morris aus seinen Annahmen zur Biologie und Soziologie. Allerdings zeigen die Graphen eben auch, dass die entsprechenden Entwicklungen nicht in der gleichen Geschwindigkeit und damit nicht zur selben Zeit stattgefunden haben. Dieses Faktum wiederum, meint Morris, kann nur mittels der Geographie erläutert werden.

Morris möchte seine Theorie aber ob des prominenten Platzes, den die Bedeutung der geographischen Gegebenheiten darin einnimmt, keinesfalls als eine Theorie langfristiger Determiniertheit verstanden wissen. Nach seiner Ansicht wirken sich spezifische geographische Gegebenheiten und Differenzen zwar langfristig aus, sie sind jedoch in der Art und folglich in den Auswirkungen ihrer Bedeutung gerade nicht festgeschrieben. Vielmehr beeinflussen sich gesellschaftliche Entwicklung und die Bedeutung der geographischen Gegebenheiten wechselseitig. „Die physische Beschaffenheit eines Ortes“, so führt Morris aus, „bestimmt, wie sich die gesellschaftliche Entwicklung verändert, aber die Veränderungen in der gesellschaftlichen Entwicklung bestimmen ihrerseits, welche Bedeutung die physische Beschaffenheit dieses Ortes hat“ (Morris 2012, S. 536).[5] Das Fazit, welches Morris schließlich zieht, fällt somit wenig überraschend, aber dennoch recht simpel aus: „Dass der Westen regiert, hat sowohl langals auch kurzfristige Gründe, die ihrerseits dem ständig wechselnden Zusammenspiel von geographischen Bedingungen und gesellschaftlicher Entwicklung geschuldet sind. Aber die westliche Dominanz ist weder ein Resultat eherner Festschreibung noch eines zufälliger Ereignisse. Es wäre richtiger, diese Dominanz als „wahrscheinlich“ zu beschreiben, als das nächstliegende Ergebnis eines historischen Spiels, in dem die Karten aufgrund der geographischen Bedingungen fast immer zugunsten des Westens gemischt waren. Der Westen war, so könnte man sagen, immer ein heißer Kandidat für die Vorherrschaft“ (Morris 2012, S. 547).

Auf die erste der beiden Fragen, die Morris klären wollte, ist also eine Antwort gefunden. Nun steht aber noch die zweite und vielleicht noch ambitioniertere Frage im Raum, nämlich die nach der Zukunft. Morris ist ja schließlich mit der Behauptung angetreten, dass man aus den Mustern der Geschichte eben auch verlässliche Prognosen hinsichtlich der zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung ableiten könne. Zunächst, so sein Schluss, müsse man in Anknüpfung an die Berechnungen seines Index davon ausgehen, dass der Osten den Westen wieder überholen wird und dass dies irgendwann zwischen den Jahren 2013 und 2050 geschehen wird. Das zumindest wäre die Antwort auf der Grundlage seiner bisherigen Prämissen. Doch sein Fazit fällt letztlich unerwartet anders aus. Im abschließenden Kapitel seines Werkes ergänzt er seine beiden bisherigen Grundannahmen[6] noch um eine weitere. „Im 21. Jahrhundert verspricht – oder droht – die gesellschaftliche Entwicklung so hoch zu steigen, dass sie auch den Einfluss der natürlichen und sozialen Bedingungen verändern wird. Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte“ (Morris 2012, S. 567). Für die Gestalt dieser Diskontinuität bietet Morris zwei mögliche Entwicklungsszenarien an. Hinsichtlich der ersten Alternative schließt sich Morris der Theorie des Futuristen Ray Kurzweil an und nennt den zukünftigen Zustand der Gesellschaft Singularität. Hintergrund dieses Phänomens ist die rasante technische Entwicklung unserer Zeit, die sich noch weiter beschleunigen wird und bislang kaum vorstellbare Ergebnisse hervorbringt. Die Computer, so die These, erreichen um das Jahr 2030 die gleiche Leistungsfähigkeit wie das menschliche Gehirn und Scanner werden in der Lage sein, das Gehirn vollständig zu erfassen, so dass es letztlich möglich sein wird, das menschliche Gehirn in Maschinen hochzuladen. Eine Vernetzung aller Gehirne würde dann zu einem weltumspannenden, singulären Bewusstsein vereint werden können.[7] Auch in anderen Bereichen der Wissenschaft, wie beispielsweise der Biologie oder der Medizin, versuchen Forscher die bislang als nicht überschreitbar geltenden Grenzen zu durchbrechen. Gelänge dies und würde die Singularität erreicht, dann wären die „alten Kategorien „Osten“ und „Westen“ völlig gegenstandslos […]. Vielleicht wird sich die Bedeutung der geographischen Bedingungen nicht einfach ein weiteres Mal verändern, vielleicht spielt sie dann überhaupt keine Rolle mehr“ (Morris 2012, S. 572).

Morris bietet aber auch noch ein alternatives Szenario an, allerdings verlieren auch in diesem die alten Kategorien ihre Bedeutung. Dies liegt jedoch schlicht in der Tatsache begründet, dass es sich hierbei um ein Worst-Case-Szenario handelt, an dessen Ende die totale Vernichtung allen Lebens steht, die „Weltendämmerung“ (Morris 2012, S. 582). In Morris Augen, und damit beschließt er seine Betrachtungen, kommt es im 21. Jahrhundert zu einem Wettlauf dieser zwei Szenarien – Singularität auf der einen Seite und Weltendämmerung auf der anderen Seite. Einen zweiten Platz wird es jedoch bei dieser Auseinandersetzung nicht geben können, so viel steht fest. „Entweder werden wir bald […] eine Transformation in Gang setzen, die die industrielle Revolution weit in den Schatten stellen und die meisten unserer aktuellen Probleme in Wohlgefallen auflösen wird; oder wir stolpern in einen Zusammenbruch, wie es bislang keinen gab“ (Morris 2012, S. 583).

Weil sich die Regeln der Welt im 21. Jahrhundert also geändert haben, spielt die Geographie Morris' Meinung nach keine Rolle mehr. Die Geschichte, die nun alles in den Schatten stelle, sei eine Geschichte globalen Ausmaßes, „eine der Evolution. Sie erzählt uns, wie wir vom Leben als Einzeller zur Singularität gelangt sind“ (Morris 2012, S. 591). Und dieses Verdikt lässt schon darauf schließen, auf welchen Ausgang des Wettlaufs Morris setzt. Er glaubt an einen positiven Ausgang der Geschichte.

  • [1] Auf seine mathematische Architektur wird hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen. Vgl. dazu im einzelnen Morris (2012, S. 148–164).
  • [2] Dies sind Karl Marx und Friedrich Engels (Marx und Engels 1848; Marx 1852) sowie Jared Diamond (1999) für die Seite der Theorien langfristiger Determiniertheit und André Gunder Frank (1998), Jack Goldstone (2006) und Kenneth Pomeranz (2000) auf Seiten der Theorie kurzfristiger Zufallsereignisse.
  • [3] Über einige dieser sechs Merkmale wird in Abschn. 4 dieser Abhandlung noch zu diskutieren sein. Insbesondere die Punkte eins, zwei und fünf.
  • [4] Nebenbei erwähnt dienen sie ungesagt auch als Grundlage der axiomatischen Prämissen seiner Theorie; auch auf diesen Punkt wird im folgenden, vierten Abschnitt dieser Abhandlung noch eingegangen.
  • [5] Morris gibt zahlreiche Beispiele für diese Theorie der wechselseitigen Beziehungen zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und geographischen Gegebenheiten. An dieser Stelle sei zur Verdeutlichung eines davon angeführt: „Beispielsweise war es vor 5000 Jahren ein großer geographischer Nachteil für Portugal, Spanien, Frankreich und Britannien, dass sie am äußersten Rand Europas in den Atlantik hineinragten, weil sie auf diese Weise sehr weit weg waren vom Zentrum des Geschehens in Mesopotamien und Ägypten. Viereinhalb Jahrtausende später war die gesellschaftliche Entwicklung so weit fortgeschritten, dass sich die Bedeutung der geographischen Bedingungen verändert hatte. Inzwischen gab es Schiffe, mit denen man Routen über die Meere nehmen konnte, die bis dahin unvorstellbar gewesen waren, wodurch die europäische Randlage am Atlantischen Ozean plötzlich zu einem gewaltigen Pluspunkt wurde“ (Morris 2012, S. 41–42).
  • [6] Grundannahme eins ist, dass Biologie und Soziologie erklären, was die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt und wie dies geschieht, während mit Hilfe der Geographie Aussagen darüber getroffen werden können, warum eine Region eine schnellere oder langsamere Entwicklung durchmacht als eine andere. Grundannahme zwei unterstellt eine wechselseitige Beziehung zwischen den geographischen Bedingungen und der gesellschaftlichen Entwicklung (Morris 2012, S. 567).
  • [7] Morris drückt dies folgendermaßen aus: „Setzt sich [der aktuelle] Trend fort, dann […] werden die Computer um 2030 so leistungsfähig sein, dass auf ihnen Programme laufen, die jene zehntausend Billionen elektrischer Signale reproduzieren, die pro Sekunde zwischen den 22 Mrd. Neuronen im menschlichen Schädel hin und her gefeuert werden. Superrechner werden auch genug Kapazität haben, um die 10 Billionen Erinnerungen zu speichern, die ein Gehirn im Durchschnitt beherbergt. Zur gleichen Zeit wird die Scannertechnik genau genug arbeiten, um das menschliche Gehirn Neuron für Neuron kartographisch zu erfassen – woraus Technikfreaks schließen, dass man in der Lage sein wird, das menschliche Gehirn in Maschinen hochzuladen. Um 2045 etwa werden sie […] in der Lage sein, als Host-Rechner für alle Gehirne der Welt zu fungieren und die kohlenstoffund silikonbasierte Intelligenz in einem weltumspannenden Bewusstsein zu verschmelzen“ (Morris 2012, S. 568).
 
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