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4 Rezeption und Kritik

An dieser Stelle muss festgehalten werden, dass Morris' Werk Why the West Rules

– For Now bislang nur sehr spärlich rezipiert worden ist, vor allem im deutschen Sprachraum, und wenn, dann in aller Regel abseits des wissenschaftlichen Kontexts in Form von Rezensionen in Tageszeitungen. Dieser Umstand ist zum einen sicher mit dem nicht sehr lange zurückliegenden Zeitpunkt des Erscheinens zu erklären: Im englischen Original ist das Buch 2010 erschienen, die deutsche Übersetzung stammt aus dem Jahr 2011. Zum anderen können dahinter auch inhaltliche Gründe vermutet werden. Vielmehr scheint es aber wohl der Tatsache geschuldet, dass Ian Morris sich in seinem Werk als eine Art Universalgelehrter präsentiert, was in wissenschaftlichen Kreisen oftmals mindestens mit Skepsis betrachtet wird. Zunächst zu den positiven Kritiken. Das Buch wurde von der Presse mit ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit bedacht und nahezu überschwänglich gefeiert, und das trotz seiner akademischen Provenienz. Dies wird auch bei einem Blick auf den Klappentext der deutschen Paperbackausgabe deutlich. Neben einigen nahezu als enthusiastisch zu beschreibenden Bemerkungen von Jared Diamond, Niall Ferguson und David Landes, wird das Buch als „Geschichtsblockbuster“ beworben (Morris 2012). Auch die Rezensionen in der New York Times von Orville Schell, dem Direktor des Zentrums für amerikanisch-chinesische Beziehungen bei der Asia Society, und die in der FAZ von Herfried Münkler finden erst einmal anerkennende Worte für Morris' Arbeit. So bescheinigen sie ihm ein „großes Buch“ mit einer „beeindruckenden Forschungsarbeit“ (Schell 2010) vorgelegt zu haben, respektive „[e]ine spannende Theorie der Zivilisationsgeschichte, die man mit großem Gewinn liest“ (Münkler 2011).

Aber auch im Rahmen dieser Kurzrezensionen in der Tagespresse findet sich schon Kritik. Münkler mahnt die Tatsache an, dass Morris die Geschichte etwas simplifiziert als reinen Zweikampf zwischen Ost und West darstellt. Dies geschieht auf Kosten anderer Regionen, wie beispielsweise Südasien, Nordund Zentralasien oder auch Afrika, die allesamt in Morris' Theorie nur eine marginale Rolle spielen. Viel gravierender noch scheint Münkler jedoch zu missfallen, dass Morris einen sehr weiträumigen Begriff des Westens vertritt, während der Osten im Verlauf der Geschichte weitestgehend an ein und derselben Stelle verortet wird.[1] Münkler wirft Morris hier einen methodischen Fehler vor und zeigt sich erstaunt, „dass sich Morris, der die empirisch-statistische Basis seiner Darstellung methodologisch immer wieder reflektiert, die narrativen Grundlagen seiner Darstellung keiner weiteren Begründung für notwendig erachtet hat und ihm auch nicht in den Sinn gekommen ist, was es für den Vergleich bedeutet, wenn der Osten weitgehend stationär begriffen wird, während der als Westen begriffene Raum aus einer heliotropen Bewegung resultiert […]“ (Münkler 2011). Was dieser Umstand aber tatsächlich für Auswirkungen auf Morris' Theorie hat, deutet Münkler nur an, ohne es jedoch explizit zu machen.

Diesen Teil der Kritik übernimmt stattdessen Ricardo Duchesne für ihn, im Rahmen der einzig wirklich substantiellen und umfangreicheren Auseinandersetzung mit Morris' Theorie. Als durchaus positiv hebt er hervor, dass Morris mit seiner Behauptung, der eigentliche, ehemalige Kern des Westens befinde sich in dem Gebiet, welches heute als Naher Osten bezeichnet wird, mit einer Tradition willkürlicher und je nach Bedarf anpassbarer Verbindung der Zuschreibung ‚Westen' zu unterschiedlichen Kategorien wie Europa, Christentum, Aufklärung etc. bricht. Allerdings nur, um Morris daran anschließend vorzuwerfen, seine eigene „geographical definition“ sei „far more arbitrary than any prior definition“ (Duchesne 2011, S. 4). Nicht nur ist Morris' Definition in Duchesnes Augen willkürlicher als alle vorherigen, sie reduziert zudem die Bedeutung Europas vor dem 18. Jahrhundert auf ein Minimum – eine Einschätzung, die Duchesne in keinster Weise teilt: „Every epoch in European history has seen major innovations and original giants“ (Duchesne 2011, S. 8).

Neben den genannten Punkten kritisiert Duchesne auch den ‚Universalgelehrten' Morris. Diesem wirft er vor, weder die teilweise vernichtende Kritik an den von Pomeranz entlehnten Theorien kurzfristiger Zufallsereignisse in Betracht gezogen zu haben, noch wirklich sorgfältig und gewissenhaft im Sinne wissenschaftlicher Wahrheitsfindung vorgegangen zu sein. Vielmehr, so sein Vorwurf, konstruiert Morris nur eine Theorie um seine bereits feststehende Schlussfolgerung herum (Duchesne 2011, S. 10). Trotzdem hat Münkler sicher nicht unrecht, wenn er anmerkt, dass man nicht sämtliche von Morris' Annahmen teilen muss, „um sein Buch mit großem Gewinn zu lesen“ (Münkler 2011). Das Skizzieren geschichtlicher Konturen unter Ausblendung kultureller Aspekte, stellt eine originelle Perspektive auf das Thema gesellschaftlicher Entwicklung dar.

In den Grundzügen mag Morris dies vielleicht auch tendenziell gelungen sein, nichtsdestotrotz gibt es einige gravierende Einwände gegen seine Theorie. Morris erläutert sein Indexmodell nicht nur ausführlich,[2] er geht sogar auf potentielle Einwände in einem eigenen Kapitel ein.[3] Die Auswahl der vier Parameter seines Index erscheint Münkler auch weniger problematisch „als vielmehr die Möglichkeit der Messung und ihres transitorischen Vergleichs […]. Die Kampfkraft einer römischen Legion lässt sich nur spekulativ zu der eines modernen Jagdbombers in Beziehung setzen“ (Münkler 2011). Außerdem sind, und das lässt Morris' Theorie des Entwicklungsparadoxons bereits vermuten, drei der vier Faktoren des Index weit weniger wichtig als die Energieausbeute. Mit ihr steht und fällt letztlich die Entscheidung über Fortschritt oder Zusammenbruch einer Gesellschaft.

Neben diesen Kritikpunkten methodischer Art gibt es jedoch deutlich fundamentalere Missstände im Hinblick auf die inhaltliche Ebene anzumerken, von denen an dieser Stelle aufgrund des begrenzten Rahmens lediglich die wichtigsten erwähnt werden können. Eine zwar sehr knappe, aber besonders treffende Anmerkung findet sich hinsichtlich dessen in einer Rezension von George Walden. „By ignoring ideas and culture entirely, this history of why societies develop at different speeds is too simplistic to be convincing“ (Walden 2011). Mit dieser Feststellung trifft Walden den Kern des Problems. Sicherlich leistet Morris einen interessanten und auch sehr detaillierten Beitrag zu einem spezifischen Gebiet der empirischen Sozialforschung, seinem Anspruch aber, nämlich die Frage nach den Gründen der westlichen Vorherrschaft zu beantworten, kann er damit nicht gerecht werden. An zahlreichen Stellen seiner Abhandlung sind seine Erläuterungen der Geschehnisse wenig überzeugend oder schlicht unvollständig.[4]

Dies liegt in erster Linie daran, dass Morris, wie Walden meint, eine „unified egalitarian theory of history“ (Walden 2011) vertritt, während er elementare Entitäten des Menschseins und der Gesellschaft ausblendet. Aspekte wie Kultur, Religion oder Werte werden von Morris dementsprechend als vermeintlich unbedeutend abgetan. Damit ist sein Begründungszusammenhang letztlich einer, der die Gründe für die westliche Vorherrschaft der Gegenwart einzig in materiellen Aspekten begründet sieht. Die Ignoranz anderer als nur rein materieller Zusammenhänge ist vermutlich schon in Morris' Verständnis der Biologie angelegt, welches der einer axiomatischen anthropologischen Prämisse ähnelt, wenn er wiederholt in seinem Werk die Menschen verallgemeinernd als „faul, habgierig und ängstlich“[5] charakterisiert. Entsprechend dieser Deindividualisierung oder gar Dehumanisierung negiert Morris auch die Einzigartigkeit und Bedeutung der Kultur im Allgemeinen und der westlichen im Besonderen. Der Stellenwert und Nutzen kulturellen Fortschritts und innovativen Denkens, welches oftmals aus den Leistungen einzelner Individuen erwachsen ist, wird von Morris herabgewürdigt.

Als beispielhaft kann hier vor allem seine Beurteilung von Sokrates' Denken betrachtet werden. Dessen Ideen stuft Morris lediglich als Teil eines vielfältigen westlichen Denkens seiner Zeit ein, welches seiner Meinung nach „wiederum ebenso mystisch, autoritär, relativistisch oder obskur wie das östliche“ (Morris 2012, S. 258) war. Diese Bewertung, oder besser gesagt Abwertung, der westli-

chen Philosophie erscheint geradezu abwegig,[6] und somit kann man an dieser Stelle der Einschätzung Duchesnes nur beipflichten: „This line of reasoning is less than inadequate. Not one or two giants set the West apart; rather, it was the continuous sequence of original giants in Greece and in Rome, in medieval Europe, and throughout the modern era. The West was always filled with individuals persistently searching for new worlds, new visions, and new styles of painting, architecture, music, science, philosophy, and literature“ (Duchesne 2011).

Betrachtet man abschließend noch die Antwort von Morris auf seine zweite Frage, die zu beantworten er angetreten war, also die Frage nach der zukünftigen Entwicklung, dann muss man sich doch fragen, warum er sich nicht an eine Feststellung gehalten hat, die er anfangs seiner Abhandlung selbst propagiert. „Geschichtswissenschaftler taugen bekanntlich so wenig als Propheten, dass sie sich in den meisten Fällen weigern, überhaupt über die Zukunft zu sprechen“ (Morris 2012, S. 21). Unweigerlich stellt man sich nach der Lektüre des abschließenden Kapitels die Frage, inwiefern seine Prognosen aus den gewonnenen Erkenntnissen vergangener Entwicklung resultieren sollen. Dass aufgrund der Verbreitung von Atomwaffen und einer unübersichtlicher werdenden Welt die Gefahr eines Vernichtungskrieges steigt, kann durchaus als eine Möglichkeit in Betracht gezogen werden. Es erschließt sich jedoch in keinster Weise, warum dazu ein Blick auf die Entwicklungsgeschichte der vergangenen 15.000 Jahre vonnöten gewesen sein soll.

Wenig verwunderlich ist auch, wie seine Betrachtung der Zukunft ausfällt, deckt sie sich doch mit der Art, wie er auch die bisherige gesellschaftliche Entwicklung charakterisiert. Man kann sie kurz als „purely technological and unconcerned with cultural matters“ (Duchesne 2011) beschreiben. Und so kommt Walden nicht zu Unrecht zu folgendem Schluss: „As for Morris's much-vaunted revelations about the future, so simple to predict now he has his grid, they come down to the need to avoid nuclear and environmental catastrophe so that history can continue. On his bleakly deterministic interpretation of our lives, it is not too clear why we should want that“ (Walden 2011).

Letztlich fällt die Kritik an Morris' Werk recht ambivalent aus. Es gibt zahlreiche sehr positive Rezensionen, die seinen Ansatz als originell ansehen und ihm bescheinigen, eine neue Perspektive in den Diskurs eingebracht zu haben (z. B. Brown 2011; Ferguson 2010; James 2010). Allerdings scheinen bei genauerer Betrachtung seiner Ausführungen und gewissenhafter Analyse die Defizite und Unzulänglichkeiten seiner Theorie zu überwiegen. So bleibt nur mit einem zugegebenermaßen etwas ernüchternden Fazit zu schließen: „He tells us he wants history to be a branch of science, but what he has produced is another myth“ (Gray 2010).

  • [1] „Für Morris beginnt der Westen in der Region, die wir heute als Nahen und Mittleren Osten bezeichnen, konzentriert sich dann auf den Mittelmeerraum, bewegt sich anschließend nach Nordwesteuropa, um schließlich auch noch Nordamerika einzuschließen. […] Dagegen bleibt der Osten in der Gegenüberstellung von Morris weitgehend stationär: Im Wesentlichen umfasst er China und Japan, also den Raum, den wir als Ostasien bezeichnen“ (Münkler 2011).
  • [2] Morris hat ein ganzes Kapitel der Erläuterung dieses Index zugedacht und es mit dem Titel Die Vermessung der Vergangenheit (2012, S. 141–175) überschrieben. Zudem hat er mit dem im Anschluss an Why the West Rules erschienen The Measure of Civilization. How Social Development Determines the Fate of Nations im Jahr 2013 ein komplettes Werk dieser Thematik gewidmet.
  • [3] In diesem Kapitel erläutert er die vier Parameter seines Index noch einmal, geht auf die seiner Meinung nach wesentlichen Einwände ein und diskutiert auch die Auswirkungen von Fehlermargen bei der Datenerhebung (Morris 2012, S. 594–616).
  • [4] Auf solche unvollständigen Erläuterungen weisen sowohl Duchesne (2011), als auch Walden (2011) hin. Duchesne arbeitet diese zum Teil sogar weiter aus, um entsprechende Defizite deutlich werden zu lassen.
  • [5] Diese Beschreibung des menschlichen Wesens durchzieht sein gesamtes Werk und kann als charakteristisch für seine Sichtweise betrachtet werden.
  • [6] Die Geschichte der Philosophie zeichnet in diesem Punkt ein gänzlich anderes Bild, und insbesondere ein Blick in die politische Philosophie und Ideengeschichte macht mehr als deutlich, dass die Realität in diesem Bereich eine andere ist. Zudem sollte Morris in Betracht ziehen, dass insbesondere die Postmoderne der Bedeutung der Kultur und der Differenz einen enorm großen Stellenwert einräumt. Diese Kritik könnte man noch detaillierter fortführen, was jedoch an dieser Stelle nicht möglich ist
 
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