Profil des Gesamtwerks

Die Monographie The Great Divergence: China, Europe, and the Making of the Modern World Economy (Pomeranz 2000), die als Pomeranz' Hauptwerk betrachtet werden kann, wurde im Jahr 2000 mit dem John King Fairbank Prize der American Historical Association für das beste Buch in ostasiatischer Geschichte ausgezeichnet (The University of Chicago 2012, S. 2); darüber hinaus teilte sich das Werk im Jahr 2001 den Gewinn des World History Association Book Prize (The University of Chicago 2014) und wurde von Choice als „one of the Notable Academic Books of the Year for 2000“ (The University of Chicago 2012, S. 2) ausgezeichnet.

Die Monographie bildet die verschiedenen Forschungsschwerpunkte von Pomeranz, die auf seiner Universitätshomepage wie folgt beschrieben werden, ab:

Reciprocal influences of state, society and economy in late Imperial and twentiethcentury China; the origins of a world economy as the outcome of mutual influences among various regions; and comparative studies of labor, family organization, and economic change in Europe and East Asia (The University of Chicago 2014).

The Great Divergencekann somit als Bindeglied zwischen den zwei Forschungssträngen angesehen werden, die das Gesamtwerk von Pomeranz auszeichnen: Zum einen beschäftigt er sich – meist unter historisch-komparativen Gesichtspunkten – mit dem ostasiatischen Raum und nutzt Europa hierfür als Projektionsfläche. Dabei stellt die (moderne) chinesische Geschichte seinen Hauptforschungsschwerpunkt dar. Zum anderen ist ein großer Teil seiner Publikationen der Disziplin der Globalgeschichte, vor allem der Entstehung der Weltwirtschaft, verpflichtet. Seine generell historisch angelegte Forschung fokussiert sich meist auf Sozial-, Wirtschaftsund Umweltgeschichte. Dabei streift er auch Themen wie Imperialismus, Religion und Genderfragen (The University of Chicago 2014). Ein Blick auf seine umfangreiche Publikationsliste (The University of Chicago 2014; The University of Chicago 2012, S. 2–12) spiegelt die sich oftmals auch wechselseitig beeinflussenden Forschungsstränge. Im Folgenden werden sie jeweils knapp, mit Verweis auf zentrale Publikationen, beleuchtet.

Seine erste veröffentlichte Monographie, The Making of a Hinterland: State, Society, and Economy in Inland North China, 1853–1937 (Pomeranz 1993),[1] stellt eine Erweiterung seiner Dissertation dar, die denselben Titel trägt, sich allerdings auf die Jahre 1900–1937 beschränkt (Pomeranz 1998). In dieser Monographie, auf die in Great Divergence häufig verwiesen wird, beschreibt Pomeranz die Transformationen, denen die chinesische Region Huang-Yun (nordchinesisches Binnenland) unterlag und sich infolgedessen vom wirtschaftlichen Kern der Makroregion Nordchina zu einer Peripherieregion, dem Hinterland der neuen Kernregion, entwickelte (Pomeranz 1993). Dieser Monographie folgten weitere Publikationen zur Geschichte und wirtschaftlichen Entwicklung Chinas, beispielsweise, um die aktuellsten zu nennen, Sammelbandbeiträge, die die ökologischen Umwälzungsprozesse in China von 1500–2000 beschreiben (Pomeranz 2009b) oder sich mit der Industrialisierung im Jangtse-Delta beschäftigen (Pomeranz 2013). Pomeranz ist Mitherausgeber des Sammelbandes China in 2008: A Year of Great Significance (Merkel-Hess et al. 2009), wodurch deutlich wird, dass er nicht nur als Historiker, sondern auch als Experte für das gegenwärtige China gefragt ist. Seine aktuellen Projekte zu diesem Hauptforschungsschwerpunkt umfassen eine Geschichte der chinesischen politischen Ökonomie vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart und ein noch nicht veröffentlichter Forschungsbeitrag mit dem Titel Why is China so Big?, der aus verschiedenen Perspektiven zu erklären versucht, wie und warum das heutige China mit seiner immensen Landmasse und Bevölkerung schließlich eine politische Einheit formte (The University of Chicago 2014).

Zu seinem zweiten Forschungsstrang, der Globalgeschichte mit besonderem Fokus auf die Weltwirtschaft, kann an prominenter Stelle die Monographie The World that Trade Created (Pomeranz und Topik 2012 [1999]) genannt werden, in der die Autoren die historischen Wurzeln der Globalisierung betrachten und dabei deutlich machen, dass ökonomische Zusammenhänge nicht separat von sozialen oder kulturellen Kontexten betrachtet werden können. Im Sammelbandbeitrag Without Coal? Colonies? Calculus? Counterfactuals & Industrialization in Europe

& China (Pomeranz 2006) werden die zentralen Argumente und Gedankengänge aus The Great Divergence wieder aufgenommen, allerdings hier unter dem Blickwinkel des Gedankenexperiments, welche Faktoren dazu geführt hätten, dass China anstelle von Europa eine industrielle Revolution erlebt hätte und Europa stattdessen den chinesischen Weg gegangen wäre. In einer der wenigen Publikationen von Pomeranz, die auch ins Deutsche übersetzt wurden,[2] dem Sammelbandbeitrag Politische Ökonomie und Ökologie am Vorabend der Industrialisierung: Europa und China im globalen Kontext (Pomeranz 2007), sind ebenfalls die zentralen Thesen aus The Great Divergence wiederzufinden, allerdings werden hier weitaus pointierter als in der ausführlichen Monographie die zentralen Gemeinsamkeiten Westeuropas und Chinas – vor allem ähnliche ökologische Belastungen sowie ein vergleichbarer ökonomischer Entwicklungsstand um 1750– herausgestellt und die Faktoren, die zur Divergenz zwischen Ost und West ab 1800 führten, benannt.

Abschließend zu diesem Forschungsstrang sollte noch auf den Zeitschriftenaufsatz Social History and World History: From Daily Life to Patterns of Change (Pomeranz 2009a) verwiesen werden, in dem Pomeranz Reflexionen über die Disziplin der Globalgeschichte anstellt und ihren generellen Stellenwert innerhalb der Geschichtswissenschaften verortet, „[…] world history, like any national or local history, must integrate culture, politics, economics, environment, and so on […]“ (Pomeranz 2009a, S. 70), und besonders deren Bereicherung durch eine enge Verzahnung mit der Sozialgeschichte betont (Pomeranz 2009a, S. 98). Pomeranz wird zugeschrieben, eine „active figure in the growing field of world history“ (Lee 2001, S. 703) zu sein.

Darüber hinaus kann Pomeranz auf eine Vielzahl eingereichter Papers, Vorträge und Podiumsdiskussionen an Universitäten sowie bei Konferenzen vorwiegend in

den USA, in Europa, China und Japan zurückblicken, die thematisch ebenfalls den oben skizzierten Forschungsschwerpunkten zuzurechnen sind (The University of Chicago 2012, S. 12–28).[3]

  • [1] Ebenfalls Gewinner des John K. Fairbank Prize (The University of Chicago 2014).
  • [2] Wenn Publikationen von Pomeranz übersetzt wurden, dann meist ins Französische und ins Chinesische oder in andere asiatische Sprachen.
  • [3] Für eine konkrete Liste aller Papers und Vorträge bis 2012 vgl. die detaillierte Auflistung in seinem Lebenslauf (The University of Chicago 2012, S. 12–28).
 
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