Was bleibt?


Das letzte Kapitel des Buches To the twenty-first century beginnt mit einem methodischen Abschnitt, der sich dem Verhältnis von „History and Speculation“ (Kennedy 1987, S. 438) widmet: Während man im Großen und Ganzen[1] behaupten könne, dass „past events […] did indeed occur“ (Kennedy 1987, S. 438; Hervorhebung im Original), sei mit Blick auf die Zukunft letztlich alles ungewiss: „Unforeseen happenings, sheer accidents, the halting of a trend, can ruin the most plausible of forecasts; if they do not, then the forecaster is merely lucky“ (Kennedy 1987, S. 438). Geht auch Kennedy davon aus, dass die skizzierten Trends[2] des Zusammenhangs von ökonomisch-technologischer Entwicklung, militärischer Macht und dem Status eines Staates im ‚System Großer Mächte' „likely to continue“ seien (Kennedy 1987, S. 440), schränkt er das prognostische Potential seines abschließenden Kapitels doch deutlich ein: Es wäre „surprising, if this present chapter survives unscathed“ (Kennedy 1987, S. 438); diese ‚Überraschung' ist in der Tat ausgeblieben.

Dies wirft die abschließend zu diskutierende Frage nach Sinn und Unsinn ‚historischer Prognostik' auf, deren Beantwortung zwei unterschiedlichen Pfaden folgen kann: Akzeptiert man die prinzipielle Möglichkeit tentativer Prognosen auf Basis historischer Erkenntnisse mittleren Abstraktionsniveaus, so wäre der Hebel der Kritik an Kennedys Empirie und den hieraus deduzierten Modellen anzusetzen; oder aber man gelangt zu der Einsicht, dass von der problematischen Extrapolation historischen Wissens generell Abstand zu nehmen sei.[3] Kennedy selbst scheint an einer Kombination beider Perspektiven gelegen, die zwar einerseits die ‚Risiken' von derlei Verfahren durchaus klar benennt, umgekehrt aber den Anspruch, „to learn from history“ (Kennedy 1988; McLean 1991, S. 61) nicht aufzugeben bereit ist.

Angesichts der weltpolitischen Entwicklungen seit den späten 1980er Jahren kann es kaum überraschen: Kennedys Prognosen erwiesen sich grosso modo als irrig.[4] Liegt dies in seiner spezifisch ‚realistischen' Perspektive begründet, die den Faktor der „legitimate power“ (Nau 2001, S. 583) notorisch unterschätzt habe und so nicht zu erahnen in der Lage gewesen sei, dass „America's spending on the military“ nicht den Niedergang der Vereinigten Staaten, sondern im Gegenteil der „Soviet Union“ (Nau 2001, S. 580) provoziert habe? Lassen sich ‚Staaten' unterschiedlicher historischer Epochen hinsichtlich ihrer ökonomischen und militärischen Performanz plausibel auf einen gemeinsamen und vom Hauch des Überzeitlichen umwehten Nenner reduzieren (Schöllgen 1989, S. 7; Rostow 1988)?[5] Und: Weshalb soll überhaupt mit guten Gründen davon ausgegangen werden, dass sich die – historiographisch keineswegs unumstrittenen – Thesen über die Entwicklung von „economics and strategy“ zwischen 1500 und 1980 auch in Zukunft werden bestätigt finden (Giddens in Giddens et al. 1989, S. 331)?[6] Viele dieser Bedenken sind gewichtig; indes: So problematisch der Ansatz auch genannt werden muss, auf Basis des – notwendig – selektiven Charakters historischer Darstellungen Prognosen über zukünftige Entwicklungen entwerfen zu wollen, so sehr überlagert die berechtigte Infragestellung der wissenschaftlichen Validität von Kennedys „speculations“ und deren durchaus bemerkenswerte[7] Bezugnahme auf Rankes „Große Mächte“ (Kennedy 1987, S. XXIV–XXV) von 1833 eine Würdigung des gesamten Werkes.

Tangiert die Ablehnung historischer Prognosen im Allgemeinen und jener Kennedys über die Zukunft der USA im Besonderen eigentlich die Luzidität der vorgebrachten Kernthesen, zumal die Arbeit ursprünglich nur bis 1945 angelegt war (Crace 2008)? Man liegt vermutlich nicht ganz falsch, wenn man hier die Eigendynamik eines Rezeptionsprozesses unterstellt, der vor allem den zeitbezogenen Ausführungen zur gegenwärtigen und zukünftigen Rolle der Vereinigten Staaten Ende der 80er Jahre in den Vordergrund stellte. Dass von den in diesem Zusammenhang vorgebrachten Prognosen – wenn überhaupt – nur mehr wenig übrig geblieben ist, kann kaum verwundern; was jedoch bei aller berechtigten Kritik bleibt, ist eine äußerst detailreiche und zugleich systematisierende, um (vorsichtige) Generalisierung bemühte Studie über The Rise and Fall of the Great Powers aus ökonomischmilitärischer Perspektive, die nicht nur auf die notwendige wirtschaftliche Fundierung der internationalen Politik, sondern auch auf deren implizite ‚Gefahren' aufmerksam macht: das (quasi-psychologische) (Rostow 1988, S. 864) Fatum des ‚imperial overstretch' mag dabei zwar als analytisches Konzept nicht von universeller Geltung zu sein – als Begriff jedoch ist es seinem Werkkontext längst entstiegen.

  • [1] Kennedy selbst betont, dass es mit ‚historischen Tatsachen' aus methodologischer Perspektive nicht ganz so einfach sei, wie die Formulierung suggeriert (Kennedy 1987, S. 438).
  • [2] Zusammenfassend: „The argument in this book has been that there exists a dynamic for change, driven chiefly by economic and technological development, which then impact upon social structures, political systems, military power, and the position of individual states and empires. […] The second major argument of this book has been that this uneven pace of economic growth has had crucial long-term impacts upon the relative military power and strategical position of the members of the state system“ (Kennedy 1987, S. 439).
  • [3] Vgl. zum Problem historischer Prognostik Koselleck (1985); Koselleck argumentiert, dass Prognosen durchaus möglich seien, insofern es „formale Strukturen in der Geschichte gibt, die sich wiederholen, auch wenn ihr konkreter Inhalt jeweils einmalig und überraschend für die Betroffenen bleibt“ (Koselleck 1985, S. 50–51). Für das hier verhandelte Problem erscheint insbesondere Kosellecks zweite „Zeitebene“ „mittlerer Trends“ von Interesse: „Es handelt sich um prozessuale Verläufe, die aller Innovationen zum Trotz […] Analogieschlüsse zulassen“ (Koselleck 1985, S. 55–56). Die Kritik wirft Kennedy gerade vor, (zur Darstellung der Situation der USA) auf irreführende oder zumindest problematische Analogien rekurriert zu haben (Rostow 1988; Woodruff 1989, S. 721; Iriye 1988, S. 726; Herz 1989, S. 53).
  • [4] Vgl. bereits Boden (1988, S. 973). So empfiehlt Kennedy (1987, S. 478) beispielsweise der Bundesrepublik Deutschland, ihre Außenund Sicherheitspolitik mittelfristig vor allem an einer luziden Verteidigungsstrategie im Falle eines europäischen Krieges zu orientieren.
  • [5] Vgl. auch Bredow (1991, S. 767), der von „waghalsige[n] Vergleichen“ spricht, die mithilfe der ‚Überdehnungs'-These angestellt würden.
  • [6] Giddens nimmt hier jedoch lediglich auf die USA-These Bezug: „The USA may be declining relative to other nations, but has forged a system of global alliances on a military level unparalleled in previous history. It is unlikely that its relative economic decline will fit snugly into earlier patterns of the rise and fall of nations“ (1989, S. 331). Ähnlich auch Woodruff (1989, S. 721).
  • [7] Auf die Kritik an einer Geschichtsschreibung nach Art Leopold von Rankes wurde bereits verwiesen; vgl. einführend Borowsky und Nicolaysen (2007).
 
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