Vier Faktoren der Entwicklung: die empirischen Befunde

Als Ausgangsbedingung des Drifts zwischen armen und reichen Ländern und der damit einhergehenden Dominanz des Westens präsentiert Landes 1) die geographische Lage, wobei er vor allem auf den Einfluss des Klimas abhebt. So hätte gerade im ersten Jahrtausend das nordwesteuropäische Klima eine entwicklungsfördernde Wirkung entfaltet, denn es habe nicht nur die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert, sondern auch eine dichte Bewaldung nach sich gezogen, deren Rodung die Erfindung eisernen Schneidewerkzeugs voraussetzte und damit zur Innovation provozierte (Landes 1998, S. 19). Divergierende geographische Ausgangsbedingungen zeichnen nach Landes also dafür verantwortlich, dass einige Länder, beziehungsweise Regionen sich als prädestinierter für eine positive wirtschaftliche Entwicklung präsentierten als andere. Dennoch verweigert sich der Autor einer naturdeterministischen Lesart seines Ansatzes, denn „[…] it would be a mistake to see geography as destiny. Its siginficance can be reduced or evaded, […]“ (Landes 1998, S. 15).

Die Konsequenzen, welche die geographische Lage im Allgemeinen und die klimatischen Bedingungen im Besonderen für 2) die staatliche Organisationsform sowie die Herrschaftsform zeitigten, exemplifiziert Landes im Rahmen eines Vergleiches zwischen Europa und China, der sich letztlich als Zitat der Wittfogelschen Theorie von der ‚Orientalischen Despotie' präsentiert (Landes 1998, S. 27; Wittfogel 1962). So sieht er in der flusstalgebundenen, durch massives Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Gesellschaft Chinas spätestens ab dem 6. Jahrhundert die Notwendigkeit begründet, die Nahrungsmittelproduktion über die Regulierung des Bewässerungssystems sicherzustellen. Die damit verbundenen hydraulischen Großprojekte seien nur durch einen Staat durchzuführen gewesen, der sich als hochgradig zentralisiert, beziehungsweise bürokratisiert präsentierte und zudem über die hinreichende repressive Kapazität verfügte, um Zwangsarbeiter für die Baumaßnahmen zu rekrutieren (Landes 1998, S. 27). Anders gestaltete sich nach Landes Auffassung die Situation ab dem Frühmittelalter in Europa: Die hier vorhandenen klimatischen Bedingungen hätten zu einer Organisation des Zusammenlebens geführt, die von einem Höchstmaß an Fragmentierung geprägt gewesen sei. Territoriale Zersplitterung und die damit einhergehende Konkurrenz zwischen verschiedenen politischen Entitäten firmierten als Ursachen einer Wettbewerbssituation, welche letztlich einer Beschränkung von Macht Vorschub leistete (Landes 1998, S. 33).

Die – einer Verklärung der Verhältnisse des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europas gleichkommende

[1] – Behauptung, dass den Untertanen aufgrund des Nebeneinanders verschiedener Herrschaftsgebiete auf engstem Raum die Möglichkeit offenstand, „to vote with their feet“ (Eichengreen 1998, S. 131), kulminiert darin, dass Landes den (westeuropäischen) Machthabern ein konsensorientiertes Handeln gegenüber den Untertanen attestiert. Um im Wettbewerb mit den umliegenden politisch-territorialen Einheiten nicht durch Bevölkerungsverluste zu unterliegen, erschien eine Selbstbeschränkung in der Machtausübung demzufolge als unabdingbar (Landes 1998, S. 36). Politische Fragmentierung und die damit einhergehende Konkurrenzsituation, begleitet von einem Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht, der Entwicklung von Freiräumen für Städte und Klöster sowie der Herausbildung säkular wie religiös fundierter Dissidenz firmierten demzufolge am Ende des 15. Jahrhunderts als wichtige Bedingungen für den Aufstieg Europas (Landes 1998, S. 36–38; Senghaas 2000, S. 145). In dem Agieren chinesischer Machthaber, die auf ein legitimitätsgenerierendes und damit Stabilität sicherndes Verhalten aufgrund der territorialen Ausdehnung verzichten hätten können (Landes 1998, S. 36), glaubt Landes die These bestätigt zu sehen, eine in Nationen aufgespaltene europäische Zivilisation firmiere als „Nährboden“ (Senghaas 2000, S. 145) für eine leistungsfähige Ökonomie (Landes 1998, S. 44); der Aufstieg Europas gründe demnach letztlich in „Mickrigkeit, nicht Kolossalität“ (Jones, zit. nach Senghaas 2000, S. 145).

Um die Menschen langfristig zu binden, bedürfe es nämlich wirtschaftlicher Entwicklung, die nur über ein System zu gewährleisten sei, das in das ihm zur Verfügung stehende menschliche Kapital investiert, Kreativität sowie die Ausbildung von Fachwissen fördert, Leistung und Initiative belohnt und den Menschen erlaubt, die Früchte ihrer Anstrengungen zu ernten und zu genießen (Landes 1998, S. 217). Dies berge die Implikation, dass die wirtschaftliche Performanz einer Nation[2] maßgeblich durch (formelle wie informelle) Institutionen geprägt werde, die Eigentum sowie persönliche Freiheitsrechte schützen und die Existenz einer stabilen Regierung gewährleisten, die einen begrenzten Machtanspruch zeigt (Landes 1998, S. 217–218). Indem Landes die Ausgestaltung des politischen Systems als wichtige Determinante der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vorstellt (Landes 1998, S. 36–37; Cameron 1998, S. 327), führt er neben der Geographie also einen zweiten Aspekt ein, der eine Antwort auf die im Untertitel des Werkes aufgeworfene Frage offeriert: „Landes shows that today, as in the past, these societies that are relatively more tolerant, more democratic, more respectful of individual rights, and more devoted to the pursuit of science and profits will do better“ (Chirot 1999, S. 230).

Während die Gesellschaften Westeuropas ab dem 15. Jahrhundert diesem Idealtypus partiell entsprochen und damit ein Umfeld geboten hätten, das der Entfaltung eines freien Unternehmertums zuträglich gewesen sei, müssten den Ländern des islamisch geprägten Raumes (aber auch Südeuropas) derartige Attribute abgesprochen werden (Landes 1998, S. 133–136, 392–394). Dieser – stellenweise simplifizierende[3] – Kontrast zwischen wirtschaftliches Wachstum förderndem demokratischem Westen und autokratischem, ökonomische Stagnation evozierendem Osten gründet laut Landes primär in 3) religiösen und kulturellen Aspekten, welchen er im Rahmen seines multidimensionalen Ursachenbündels die stärkste Bedeutung beimisst. Die Ausgangspunkte seiner Argumentation bilden dabei der Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Macht (Landes 1998, S. 38; Creutzburg 1999) sowie die spätestens mit der Reformation einsetzende Konkurrenzsituation innerhalb des Christentums (Landes 1998, S. 38; Senghaas 2000, S. 145).

Insbesondere die spezifische Arbeitsund Alltagsethik des Calvinismus (Landes 1998, S. 174–176), welche Landes aus der Protestantismusthese Max Webers destilliert,[4] habe in Kombination mit der älteren jüdisch-christlichen Kultur des Erfindens (Landes 1998, S. 58–59) letztlich der kapitalistischen Wirtschaftsform den Boden bereitet (Landes 1998, S. 178–179). Im Islam sieht Landes demgegenüber eine Religion, welche durch hierarchische Autoritätsbeziehungen geprägt sei und als hochgradig innovationsfeindlich verstanden werden müsse, da sie jede Form der unternehmerischen Initiative unterdrücke und auf Werten gründe, die einem durch eigenständiges Experimentieren induzierten Wissenszuwachs diametral entgegenstünden (Landes 1998, S. 392–394, 401–402; Porter 1998). Während die islamisch geprägte Zivilisation bis 1500 als „Europe's teacher“ (Landes 1998, S. 54) firmierte, hätte spätestens mit der Okkupation der Wissenschaft durch die Religion eine Regression eingesetzt, die bis in die Gegenwart für den Entwicklungsrückstand der muslimischen Region verantwortlich zeichne (Landes 1998, S. 54, 491).

Indem er die Religion als Fundament von spezifischen Einstellungen und Verhaltensweisen präsentiert, die die Arbeitsweise und die Innovationsbereitschaft einer Gesellschaft nachhaltig beeinflussen, spannt Landes den Bogen zum Aspekt der Kultur. Unter dem – in unspezifischer Weise verwendeten – Terminus wird ein Konglomerat an Werten und Verfahrensnormen gefasst (Landes 1998, S. 517), die den Charakter eines Individuums nachhaltig prägen (Fukuyama 2008) und damit zur Orientierungsgrundlage des menschlichen Handelns avancierten (Conte 2011, S. 52). Der Autor postuliert die Existenz einer genuin westlichen Kultur, die mitunter das Individuum dafür prädestiniert, sich gegen traditionelle Kenntnisse aufzulehnen, neue Kenntnisse aufzunehmen und an Dritte weiterzugeben sowie die Rationalität gegenüber Aberglauben und Magie zu priorisieren (Conte 2011,

S. 217). Gerade die damit einhergehende Offenheit gegenüber externem Wissen

stelle nahezu ein Alleinstellungsmerkmal der europäischen Gesellschaften dar, auf welches die Superiorität der westlichen Zivilisation zurückzuführen sei (Fukuyama 2008).

Auch wenn Landes gegen Ende des Werkes dem Rezipienten eindringlich verdeutlicht, „[i]f we learn anything from the history of economic development, it is that culture makes all the difference“ (Landes 1998, S. 516), so darf sein Ansatz keinesfalls als strukturalistischer verstanden werden. Kulturelle Faktoren werden nämlich nicht als „ironclad constraints“ (Rose-Ackerman 1999, S. 167) gedacht, sondern als durchaus transformierbare Größen, die sich unter dem Einfluss von Akteurshandeln langfristig als entwicklungsfähig zeigen würden (Rose-Ackerman 1999, S. 167).[5]

An Wirkmacht gewinnt dieser enge Konnex zwischen Kultur und menschlichem Agieren, nimmt man 4) mit der technologischen Innovation die letzte Variable des Ursachenbündels in den Blick. So hätte – idealtypisch gedacht – die europäische Kultur einem Handeln Vorschub geleistet, welches durch den kontinuierlichen Aufbau von Wissen, die Dominanz von Rationalität, die Routinisierung von Forschung[6] sowie die Durchsetzung der empirischen Methode in den Wissenschaften[7] geprägt gewesen sei (Rose-Ackerman 1999, S. 200–201). Dieses Streben nach Innovation hätte letztlich der Industriellen Revolution[8] den Boden bereitet (Menzel 2007, S. 6–7), die gerade deshalb ihren Ausgang im England des 18. Jahrhunderts nahm, weil dort die oben genannten institutionellen und kulturellen Faktoren in nahezu symbiotischer Art und Weise miteinander verschmolzen gewesen seien (Landes 1998, S. 215).[9] Wenn Landes auf die Diffusion der Errungenschaften dieser Revolution über große Teile Europas verweist, dann will er damit verdeutlichen, dass die kulturell (und institutionell) bedingte Innovationsbereitschaft und -fähigkeit innerhalb der westlichen Zivilisation für den wirtschaftlichen Takeoff verantwortlich zeichnet (Landes 1998, S. 248). Kultur, technologische Innovation und wirtschaftliche Entwicklung stehen demzufolge in einem interdependenten Verhältnis, im Rahmen dessen sie sich – quasi rückkoppelnd – zu beeinflussen vermögen (Landes 1998, S. 517; Jones 1998, S. 860).[10]

Für die Dominanz des Westens präsentiert sich zwar die geographische Lage als durchaus relevante, mitnichten aber als determinierende Größe. Weitaus bedeutsamere – eindeutig endogene – Faktoren im Rahmen des vorgestellten Ursachenbündels stellen unternehmerisches Handeln ermöglichende Institutionen, eine spezifische Arbeitsethik sowie die prinzipielle Bejahung technologischer und wissenschaftlicher Innovation dar (Vries 1998, S. 68; Menzel 2007, S. 7). Es seien eben diese Aspekte, welche eine Antwort auf die Frage, „[w]hy some [nations, C.H.] are so rich“, offerierten und damit als Ursachen der Dominanz des Westens zu identifizieren seien: „The West invented modernity, defined it and advanced it. And that is what's so beautiful: the progress of progress“ (Landes, zit. nach Conte 2011, S. 48). Vice versa gilt es im Zuge der Beantwortung der Frage, „[w]hy some [nations, C.H.] are so poor“, zwar auch eine ungünstige geographische Lage zu berücksichtigen, vielmehr aber politisch-institutionelle sowie kulturelle Aspekte zu fokussieren. In diesem Zusammenhang präsentiert Landes nicht nur die Absenz nationaler Identität[11] (Landes 1998, S. 313), sondern auch die autokratische Herrschaftsform als Entwicklungshindernisse (Landes 1998, S. 398–399), deren destruktives Potential sich vor allem aus der Absenz von ‚good governance' und politischer Stabilität speise (Landes 1998, S. 313, 402). Paradoxerweise firmiere gerade die Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen als „Danaergeschenk“ (Landes 1999c, S. 191), welches zwar – im Sinne des rentierstaatlichen Modells[12] – die kurzfristige Aufrechterhaltung des Status quo gewährleiste (Porter 1998), keinesfalls aber in dauerhafte Stabilität transformiert werden könne. Der Ölexport der muslimischen Länder des Vorderen Orients tauge demzufolge nicht, um den Reichtum von Nationen zu begründen, da er nicht nur das Entstehen von Ressentiments in einer durch ein enormes Wohlstandsgefälle gekennzeichneten Region fördere, sondern auch gegen die Aufnahme externen Wissens und technologische Innovation immunisiere (Landes 1998, S. 410).

Generell bleibt festzuhalten, dass Landes über die starke Konturierung der Gegensätze zwischen der europäischen und der islamisch geprägten Zivilisation aufzuzeigen intendiert, dass Geographie, politisch-institutionelle Faktoren, Kultur sowie die Einstellung gegenüber wissenschaftlicher und technischer Innovation nicht nur die Fundamente des Reichtums von Nationen bilden, sondern zugleich als Wurzeln der Armut betrachtet werden können.

  • [1] Zur Kritik an Landes' verklärender Darstellung der Verhältnisse im Europa der Frühen

    Neuzeit vgl. Sutherland (1999).

  • [2] Der hier verwendete Terminus impliziert, dass Landes den Nationalstaat als entscheidende Größe im internationalen System perzipiert, welche für die Ausbildung wissenschaftlicher sowie technologischer Kompetenz verantwortlich zeichne und am besten in der Lage sei, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern (Blomert 1999).
  • [3] Zur Kritik an einem oberflächlichen Verständnis des Islams vgl. Viorst (1999).
  • [4] Vgl. Weber (2000). Zur Kritik an Landes' Bezugnahme auf die Protestantismusthese vgl. Lal (1998).
  • [5] In einem Interview führt Landes den im 18. Jahrhundert deutlich hervortretenden Entwicklungsrückstand Chinas auf die Dominanz eines imperialen Überlegenheitsgefühls zurück, welches der Aufnahme neuen Wissens diametral entgegenstand. Die dadurch bewirkte Deklassierung Chinas leitete allerdings einen kulturellen Wandel ein, der den Respekt gegenüber aus externen Quellen stammendem Wissen wieder ansteigen ließ (Fukuyama 2008). An dieser Stelle wird deutlich, dass Landes – im Gegensatz zur Annahme vieler seiner Kritiker – Kultur eben nicht als statische Größe, sondern durchaus als veränderbares, dynamisches Moment perzipiert.
  • [6] Im Werk wird dieser Vorgang mit dem – vielzitierten – Diktum der „invention of invention“ (Landes 1998, S. 58) bezeichnet.
  • [7] Als Ursache für die Priorisierung des Experimentierens und Beobachtens in den Wissenschaften identifiziert Landes die Überwindung der Scholastik in Europa, die wiederum als Resultat des Widerstandes gegen die katholische Kirche und die damit einhergehende Separierung der weltlichen und geistlichen Sphäre gewertet werden kann (Landes 1998, S. 201; Menzel 2007, S. 7).
  • [8] Landes verteidigt die Verwendung des Revolutionsbegriffs gegen jede Form der Kritik, indem auf den rapiden Anstieg der Produktivität und des Pro-Kopf-Einkommens, die positive Entwicklung von Wissenschaft und Wirtschaft, die Veränderung der Konstellation der politischen Kräfte (auf der nationalen wie internationalen Ebene), die Umgestaltung der Gesellschaftsordnung sowie eine grundlegende Veränderung des Denkens und Handelns der Menschen abhebt (Landes 1998, S. 187–193).
  • [9] Bei der Beantwortung der Frage, weshalb die Industrielle Revolution ihren Ausgang in England genommen habe, rekurriert Landes unter anderem auf folgende Aspekte: Frühe Nationalstaatsbildung und Konstitutionalisierung, früh einsetzender Prozess der Bauernbefreiung, Absenz der Diskriminierung von Minderheiten sowie die – konkurrenzfördernde – Aufhebung der Zunftverfassung (Menzel 2007, S. 7).
  • [10] Analog zu dieser Feststellung destilliert Landes aus dem holländischen Fallbeispiel die Erkenntnis, dass eine Veränderung der wirtschaftlichen Situation ein innovationsfeindliches Agieren nach sich ziehen könne, welches die ökonomische Entwicklung wiederum nachhaltig hemme (Landes 1998, S. 446–448).
  • [11] Die Rückständigkeit vieler lateinamerikanischer Staaten gründet nach Landes zum einen in der fehlenden Eigeninitiative bezüglich der Herbeiführung der Unabhängigkeit, welche eine nur schwach ausgeprägte nationale Identität sowohl als Ausgangsbedingung als auch zur Folge habe (Landes 1998, S. 313). Zum anderen wird die retardierte Entwicklung auf eine für populistische Herrschaft anfällige politische Kultur und eine verfehlte Wirtschaftspolitik zurückgeführt (Landes 1998, S. 492–493).
  • [12] Zur Rentierstaatlichkeit vgl. exemplarisch Karl (1997).
 
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