Arme und reiche Nationen: die theoretischen Folgerungen

Allerdings bleibt Landes nicht bei der Identifikation dieser Ursachen stehen, sondern er versucht daraus auch Lektionen für die Reduzierung des globalen Wohlstandsgefälles abzuleiten: Als zentral erweist sich dabei die Forderung, dass Regierungen Innovationen und Produktivität fördern sollten, anstatt sich auf die Konservierung ihrer Macht durch distributive Maßnahmen zu verlegen (de Long 1998).[1] Im Kern vertritt Landes die Ansicht, dass diejenigen Nationen, die seiner Perzeption nach durch Rückständigkeit geprägt sind, nur durch die Imitation des europäischen Modells zum Erfolg gelangen könnten (Landes 1998, S. 413; Helbling 2011, S. 191). Dabei könnten sie auf den Vorteil von Nachzüglern setzen, denn – weil sie die Chance haben, von Vorreitern zu lernen – stünde ihnen die Möglichkeit offen, den Entwicklungsprozess in beschleunigter Art und Weise zu durchlaufen (Landes 1998, S. 273–275; Menzel 2007, S. 6).[2] Die Verantwortung für ein Gelingen dieses Aktes der Nachahmung obliegt allerdings auch den reichen Ländern, welchen die Pflicht auferlegt wird, den ärmeren „Hilfe zur Selbsthilfe“ (Frieß 2001, S. 84) zu leisten – und zwar aufgrund der möglichen Ansteckungseffekte von Armut und nicht nur aus altruistischen Erwägungen heraus (Landes 1998, S. XX). Diesen Imperativ ergänzt Landes um den abschließenden Hinweis, der westliche Wohlstand des 21. Jahrhunderts basiere nicht allein auf Reichtum, sondern vor allem auf kontinuierlicher Arbeit an und mit diesem (Landes 1998, S. 523–524; Münkler 1999, S. 1): „We want things to be sweet; too many of us work to live and live to be happy. Nothing wrong with that; it does just not promote high productivity. You want high productivity? Then you should live to work and get happiness as a by-product“ (Landes 1998, S. 523).[3]

Seine Antwort auf seine ambitionierte Forschungsfrage destilliert Landes im Zuge eines interdisziplinär sowie komparativ ausgerichteten Vorgehens (Rassekh 1999, S. 277; Cameron 1998, S. 326). Als Methode nutzt er demzufolge die horizontal wie vertikal angelegte Fallstudie (Cheung 1998, S. 939), wobei im Rahmen der Analyse der unterschiedlichen Entwicklungspfade von Zivilisationen bestimmte Eigenschaften wie eine leistungsorientierte Kultur (Tilly 1999, S. 1255) – oder eben deren Absenz – als Bedingungsfaktoren des globalen Wohlstandsgefälles identifiziert werden. Gerade weil dieses Vorgehen vornehmlich die innere Folgerichtigkeit zum Validitätskriterium erhebt (Kleinewefers 2002, S. 7), steht das Werk in einem Kontrast zu den – von Landes kritisierten – ‚Kliometrikern', deren Anliegen darin besteht, über die Quantifizierung möglichst vieler Aspekte geschichtlicher Entwicklungen robuste generalisierbare Zusammenhänge offenzulegen (Landes 1998, S. 193). Die dieser Vorgehensweise inhärente Komplexitätsreduzierung (Kleinewefers 2002, S. 7) verwirft Landes, da die Tendenz zu monokausalen Erklärungsmodellen den Blick versperre für die einer Vielzahl an erklärenden Variablen (Landes 1998, S. 517).

Diese destilliert er aus einem Konglomerat an Theorien, das nicht nur den Sozialund Geisteswissenschaften entstammende Ansätze,[4] sondern auch wirtschaftswissenschaftliche Erklärungsmuster berücksichtigt. So stellt Landes seinen Ansatz durch die im Titel enthaltene Referenz in die Tradition Adam Smiths (Eichengreen 1998, S. 128). Pflichtet er diesem darin bei, die Konkurrenz fungiere als Triebkraft ökonomischer Entwicklung, wendet er sich jedoch zugleich gegen eine auf dem Theorem der komparativen Kosten basierende Freihandelsdoktrin, die für den Status unterentwickelter Länder als Lieferanten von Rohstoffen und Agrarprodukten verantwortlich zu machen sei (Landes 1998, S. 314; Kleinewefers 2002, S. 10). Stattdessen befürwortet Landes insbesondere im Rahmen von Prozessen der nachholenden Entwicklung eine staatlich geförderte Industrieund Schutzzollpolitik (Landes 1998, S. 265–266; Kleinewefers 2002, S. 9),[5] wobei er überdies für die Erarbeitung dynamischer komparativer Vorteile plädiert, also von Kompetenzen, die über die bereits vorhandenen, qua Natur existenten hinausgehen (Landes 1998, S. 232; Senghaas 2000, S. 147).

Begründet wird diese Absage an den bloßen Export von natürlichen Ressourcen mit dem Hinweis darauf, dass ein in der Gegenwart gegebener Nutzen nicht unbedingt auch in der Zukunft an Wirkmacht besitzen müsse (Landes 1998, S. 308); seiner Ansicht nach ist deshalb bei der Applikation von (wirtschaftswissenschaftlichen) Theorien stets auch die Möglichkeit des Wandels von Kontextbedingungen mitzubedenken (Landes 1999a, S. 10). Der Nutzung solcher dynamischer komparativer Vorteile stünden allerdings Einstellungen und Mentalitäten diametral entgegen, die von Vertretern der Dependenztheorie gefördert würden – einem weiteren von Landes mit Nachdruck kritisierten Denkansatz (Landes 1998, S. 327–328). In Abgrenzung zu diesem verweigert er sich einer generalisierenden Lesart des Kolonialismus[6] als Entwicklungsblockade,[7] da sich die Annahme, das Scheitern der Entwicklung in ehemaligen Kolonien sei immer das Produkt des Handelns mächtigerer, reicherer Nationen, zur Abwälzung von Schuld auf externe Kräfte eigne (Landes 1998, S. 328).[8]

Generell lässt sich festhalten, dass sich in der dem Werk inhärenten Diskussion wirtschaftswissenschaftlicher Theorien wichtige Leitmotive der sozialund geisteswissenschaftlich fundierten Argumentation spiegeln: So identifiziert Landes mit seinem Plädoyer für eine situationsabhängige neomerkantilistische Politik weiterhin den Nationalstaat als entscheidende Instanz zur Förderung wissenschaftlicher sowie technischer Kompetenz und unternehmerischer Initiative (Kleinewefers 2002, S. 10; Blomert 1999). Überdies ist der Aufforderung zur Suche nach kontextabhängigen komparativen Vorteilen die Favorisierung eigeninitiativen Handelns ebenso eingeschrieben wie die Warnung vor die Selbsthilfe einer Nation unterminierenden dependenztheoretischen Dogmen (Landes 1998, S. 521, 523). Gerade diese Symbiose von Aspekten, die den Denkansätzen verschiedener Wissenschaftsbereiche entnommen wurden, dokumentiert das Bemühen des Autors, eine der großen Fragen der Gesellschaftswissenschaften im Rahmen einer interdisziplinär angelegten Studie zu beantworten.

  • [1] Hierbei handelt es sich um die Lesart Bradford de Longs. Landes selbst intendiert, dass der Rezipient aus der Lektüre seines Opus magnum folgende Lehren zieht: „The gains from trade are unequal. […]. The export and import of jobs is not the same as the trade in commodities. […]. Comparative advantage is not fixed, and it can move for or against. […]. It always helps to attend and respond to the market. […]. Some people find it easier and more agreeable to take than to make. […]“ (Landes 1998, S. 522).
  • [2] Die hier thematisierte Lernbereitschaft habe in der Vergangenheit Japan zu einem Land mutieren lassen, dessen positive wirtschaftliche Entwicklung vor allem auf „leapfrogging“ (Landes 1998, S. 268) zurückzuführen sei. Forciert sei dieses Modelllernen Japans und auch anderer Staaten Ostund Südostasiens aber durch kulturelle Prädispositionen worden, die eine erfolgreiche Adaption und Weiterentwicklung europäischer Errungenschaften möglich gemacht hätten (Kleinewefers 2002, S. 4–5). An dieser Stelle wird deutlich, dass bei Absenz von entsprechenden kulturellen Voraussetzungen die Imitation des europäischen Weges als äußerst diffiziles Unterfangen erscheint (Landes 1998, S. 488–489).
  • [3] Gerade diese am Ende des Werkes getätigte Aussage leistete einer Etikettierung des Ansatzes als ‚neo-liberal' (Sutherland 1999) Vorschub
  • [4] Selbstredend handelt es sich bei Max Weber und Karl Wittfogel nur um eine Auswahl der von Landes rezipierten und berücksichtigten Theoretiker, unter welche auch Marx, Polanyi, Hegel und Montesquieu zu subsumieren sind (Menzel 2007, S. 4).
  • [5] In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass Landes eine solche staatliche Regulierung nur für bestimmte Phasen der Entwicklung als adäquat erachtet und generell eine skeptische Haltung gegenüber staatlicher Regulierung zeigt. Seine Ansicht nach würden Fehler, die im Rahmen eines Systems der freien Marktwirtschaft erfolgten, durch die Kräfte des Marktes rascher korrigiert, denn „[…] the state is like the little girl in the nursery rhyme: when it is good, it can be very good; and when it is bad, it is horrid“ (Landes 1999a, S. 11).
  • [6] Landes' Ausführungen zum Kolonialismus werden – im Gegensatz zu vielen anderen Aussagen des Werkes – von einer begrifflichen Definition getragen, die im Imperialismus das Streben oder die Behauptung eines Weltreiches sieht, während der Kolonialismus – jenseits seiner originären, durchaus mit positiven Konnotationen versehenen Bedeutung – durch eine ideologisch getrübte Perspektive, meist mit asymmetrischen Machtverhältnissen gleichgesetzt werde (Landes 1998, S. 422–423).
  • [7] Seine kritische Haltung gegenüber der Dependenztheorie hindert Landes allerdings keinesfalls daran, das brutale Vorgehen Kolumbus' in der Neuen Welt gegen die indigene Bevölkerung zu massiv zu kritisieren: „Nothing like this would be seen until the Nazi Jews hunts and killer drives of World War II“ (Landes 1998, S. 72).
  • [8] Unter Verweis auf die zwischen Nordund Südamerika bestehenden Unterschiede hält Landes der Dependenztheorie und dem Ansatz des Neokolonialismus entgegen, nicht das Phänomen per se zeichne für Fehlentwicklungen verantwortlich, sondern vielmehr das Agieren der Kolonialherren (Landes 1998, S. 437).
 
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