Menü
Start
Anmelden / Registrieren
Suche
 
Start arrow Politikwissenschaft arrow Aufstieg und fall westlicher herrschaft
< Zurück   INHALT   Weiter >

Sechs ökonomisch-kulturelle „Killer Apps“ als Ursache westlicher Vorherrschaft: Civilization. The West and the Rest von Niall Ferguson

Philipp Heil

1 Biographie

Niall Campbell Douglas Ferguson wurde am 18. April 1964 als Sohn eines Arztes und einer Physik-Lehrerin in Glasgow geboren. Rückblickend schilderte Ferguson, dass sich der Westen Schottlands zu dieser Zeit gewissermaßen noch im 19. Jahrhundert befand – was für ihn durchaus als Lob zu verstehen ist – und so wurden er und seine jüngere Schwester Kathryn, die in Yale promoviert hat und mittlerweile an der Perelman School of Medicine der Universität of Pennsylvania forscht, im Bewusstsein der Verpflichtung zu Arbeit und Bildung erzogen (Tassel 2007). Bedingt durch eine berufliche Station des Vaters lebte die Familie knapp zwei Jahre in Nairobi, bevor Niall dann zurück in Schottland eine Privatschule, die Glasgow Academy, besuchte. Bereits dort kristallisierte sich sein historisches Interesse heraus, wenn auch Mathematik sein bestes Fach blieb (Snowman 2007, S. 270).

Mit einem Stipendium ging er dann im Alter von 17 Jahren an das Magdalen College der Universität Oxford, wo er nach eigenen Angaben erst nach zwei Jahren voll zahlreicher extracurricularer Aktivitäten begann, engagiert zu studieren (Tassel 2007). Frustriert von der wirtschaftlichen Lage Großbritanniens und zugleich angetan von den Reformvorhaben und dem konfrontativen Politikstil Margaret Thatchers, klassifizierte sich Ferguson in dieser Phase selbst als Punk Tory, der nur zu gerne den vermeintlichen links-liberalen Mainstream herausforderte (Ferguson 2013c; Boynton 1999). Nachdem er 1985 dann sein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, wurde er in das Postgraduierten-Programm des Magdalen College aufgenommen, wo der Historiker Norman Stone, ebenfalls ein Alumnus der Glasgow Academy und ein zeitweiliger Berater der Regierung Thatcher, sein akademischer Lehrer wurde.

Ein Stipendium ermöglichte Ferguson sodann einen anderthalbjährigen Forschungsaufenthalt in Deutschland, den er zur intensiven Archivarbeit für seine Dissertation über die Inflation in Deutschland im Verlauf und Nachgang des Ersten Weltkrieges nutzte. Zur Aufbesserung seiner finanziellen Situation arbeitete er zudem für die Daily Mail und den Daily Telegraph, wobei er dort unter verschiedenen Pseudonymen schrieb, um seine wissenschaftliche Reputation nicht zu gefährden (Farndale 2001). Durch seine Anstellung bei der Daily Mail lernte er 1987 auch seine spätere Ehefrau, Sue Douglas, kennen, die damals seine vorgesetzte Redakteurin war und mittlerweile auf eine erfolgreiche Medienkarriere, unter anderem als stellvertretende Chefredakteurin der Sunday Times, zurückblicken kann. Sue Douglas und Niall Ferguson haben drei gemeinsame Kinder und trennten sich 2010 – begleitet von großem medialem Interesse – voneinander.

Mit abgeschlossener Promotion ging Ferguson 1989 dann nach Cambridge, zuerst als Research Fellow an das Christ's College und im Jahr darauf als Dozent an das Peterhouse College. 1992 kehrte er wieder nach Oxford an das Jesus College zurück, wo er im Jahr 2000 eine Professur für Politikund Finanzgeschichte erhielt. Zwei Jahre später wechselte er an die Stern Business School der New York University als Professor für Finanzgeschichte. Mit gerade einmal 40 Jahren folgte 2004 der Ruf nach Harvard, wo er seither die Laurence A. Tisch Professur für Geschichte bekleidet und zudem an der Harvard Business School lehrt. 2010 nahm Ferguson schließlich für ein Jahr den Philippe Roman Lehrstuhl für Geschichte und Internationale Beziehungen an der London School of Economics and Political Science wahr. Daneben ist Ferguson Senior Fellow an der Hoover Institution der Stanford University sowie weiterhin Senior Research Fellow am Jesus College in Oxford.

Im Laufe dieser rasanten Karriere erregte der schottische Historiker auf verschiedenste Arten öffentliches Aufsehen. Zuvörderst sind hier gewiss seine kontrovers diskutierten Werke zu nennen, deren Inhalt im nächsten Abschnitt genauer betrachtet wird. Bemerkenswert hinsichtlich seiner Publikationen ist ferner deren kommerzieller Erfolg: so soll Ferguson von seinem Verlag Penguin Books 1998 für drei Bücher im Voraus 600.000 GBP erhalten haben (Boynton 1999). Eine weitere Einnahmequelle stellt zudem seine eigene Politikund Wirtschaftsberatungsfirma Greenmantle dar. Hierbei kann Ferguson eine umfassende Vortragstätigkeit vorweisen, so beispielsweise in der Finanzbranche für ein Stundenhonorar von bis zu 100.000 USD (Milmo und Blackall 2010). Größere Bekanntheit abseits des Fachpublikums erlangte er aber insbesondere durch zahlreiche von ihm gestaltete – und seit 2007 mit eigener Produktionsfirma Chimerica Media angefertigte – Fernsehdokumentationen, auf die zumeist auch entsprechende Buchpublikationen folgten.[1] Die Reihe The Ascent of Money wurde 2009 bei den International Emmy Awards gar als beste Dokumentation ausgezeichnet. Wie bei besagten Fernsehsendungen fertigte Ferguson dann auch aus den Vorträgen, die er 2012 im Rahmen der Reith Lectures von BBC Radio 4 gehalten hat, ein Buch, The Great Degeneration. How Institutions Decay and Economies Die, an (Ferguson 2012c).

Ferner ist Ferguson weiterhin auch journalistisch tätig und kommentiert regelmäßig wirtschaftliche und politische Themen, wobei er hierbei die sachliche Ebene schon mehrfach verließ. So endete eine Debatte mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman über die Frage, wie Regierungen auf Wirtschaftskrisen reagieren sollten, in einem öffentlichen Schlagabtausch voller persönlicher Beleidigungen. Auch als Kritiker von US-Präsident Barack Obama trat Ferguson, der John McCain bei dessen Präsidentschaftskandidatur beraten und sich in der Wahl vier Jahre später öffentlich für Obamas Kontrahenten Mitt Romney ausgesprochen hatte, bereits mehrfach in Erscheinung (Ferguson 2011a, c). Seinen größten Fauxpas erlaubte er sich aber mit homophoben Äußerungen über John Maynard Keynes, den er als egoistisch und als ein „‚effete' member of society“ (Kostigen 2013) betitelte sowie zur Diskreditierung von dessen Theorie unterstellte, dass Keynes aufgrund seiner Homosexualität und der dadurch bedingten Kinderlosigkeit kein Interesse an den langfristigen Auswirkungen seiner wirtschaftlichen Ideen für zukünftige Generationen gehabt hätte (Kostigen 2013). Zwei Tage darauf folgte zwar eine öffentliche Entschuldigung, in der sich Ferguson von seinen Aussagen distanzierte (Ferguson 2013b). Anzumerken bleibt jedoch zum einen, dass er sich nur drei Tage nach dieser Entschuldigung in Anbetracht anhaltender Kritik nochmals an die Öffentlichkeit wandte und seine Kritiker als „most insidious enemies of academic freedom“ (Ferguson 2013a) diffamierte. Zum anderen war dies nicht die erste despektierliche Aussage über Keynes Sexualleben.[2]

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Ferguson, der seit 2011 in zweiter Ehe mit der Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali verheiratet ist, in Anbetracht seiner zahlreichen, mit medialer Dauerpräsenz einhergehenden geschäftlichen und politischen Engagements, die er von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit kaum mehr trennt,[3] nicht nur in akademischen Kreisen in der Kritik steht.

  • [1] Es handelt sich dabei um Empire (Erstausstrahlung: 2003), American Colossus (Erstausstrahlung: 2004), The War of the World (Erstausstrahlung: 2006) Ascent of Money (Erstausstrahlung: 2008), Civilization: Is the West History? (Erstausstrahlung: 2011) sowie Pity of War (Erstausstrahlung: 2014). Die entsprechenden Buchpublikationen sind in dieser Reihenfolge Ferguson (2003, 2004, 2006, 2012b) und (2011a). Das Buch zur Dokumentation über Henry Kissinger (Erstausstrahlung: 2011) ist noch in Vorbereitung, womit einzig aus China: Triumph and Turmoil (Erstausstrahlung: 2012) bisher kein eigenständiges Buch hervorgegangen ist.
  • [2] So schrieb Ferguson in The Pity of War über Keynes Gemütslage zur Zeit des Ersten Weltkrieges: „Though his work at the Treasury gratified his sense of self-importance, the war itself made Keynes deeply unhappy. Even his sex life went into decline, perhaps because the boys he liked to pick up in London all joined up“ (Ferguson 1998a, S. 327). In der deutschen Übersetzung fehlt die letzte Passage.
  • [3] In Der Niedergang des Westens erklärte er: „Wenn junge Amerikaner wüssten, was gut für sie ist, würden sie sich allesamt der Tea-Party-Bewegung anschließen“ (Ferguson 2014, S. 55).
 
Fehler gefunden? Bitte markieren Sie das Wort und drücken Sie die Umschalttaste + Eingabetaste  
< Zurück   INHALT   Weiter >
 
Fachgebiet
Betriebswirtschaft & Management
Erziehungswissenschaft & Sprachen
Geographie
Informatik
Kultur
Lebensmittelwissenschaft & Ernährung
Marketing
Maschinenbau
Medien und Kommunikationswissenschaft
Medizin
Ökonomik
Pädagogik
Philosophie
Politikwissenschaft
Psychologie
Rechtswissenschaft
Sozialwissenschaften
Statistik
Finanzen
Umweltwissenschaften