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2 Profil des Gesamtwerks

Bei der Betrachtung von Niall Fergusons bisherigem Gesamtwerk fällt zuallererst auf, dass der gebürtige Schotte trotz der im vorigen Kapitel beschriebenen zahlreichen anderweitigen Aktivitäten seine Werke in einer erstaunlichen Geschwindigkeit verfasst (Boynton 1999) und zudem eine umfangreiche wissenschaftliche Publikationsliste vorweisen kann. Nicht selten wird diesbezüglich jedoch, vor allem bei den Büchern, die in Zusammenhang mit den TV-Dokumentationen entstanden sind, auf die tatkräftige Zuarbeit zahlreicher wissenschaftlicher Assistenten verwiesen, die Ferguson für Rechercheaufgaben engagiert (Boynton 1999; Farndale 2001; Münkler 2012; Ziemann 2006). Unabhängig davon gilt Ferguson – wie seine beruflichen Stationen bereits nahelegen – aber zweifelsohne als Experte für Wirtschaftsund Finanzgeschichte, was nicht zuletzt auf sein auf seiner Dissertation aufbauenden Erstlingswerk Paper and Iron. Hamburg Business and German Politics in the Era of Inflation, 1897–1927 (Ferguson 1995), zurückzuführen sein dürfte. Hierin argumentierte er im Widerspruch zu gängigen Interpretationen, dass die Inflation im Deutschland der 1920er Jahre keine zwangsläufige Folge der Ansprüche des Versailler Vertrags oder das Resultat der Weimarer Politik, den nicht leistbaren Reparationsforderungen zu entgehen, gewesen sei, sondern ihren Ursprung in der wilhelminischen Wirtschaftspolitik gehabt habe und es nichtsdestoweniger Alternativen zur Inflationspolitik gegeben hätte (Snowman 2007, S. 271 f.).

Bereits in dieser Studie offenbarte sich Fergusons Faible für kontrafaktische Geschichte, die Überlegungen anstellt, ob die Geschichte auch anders hätte verlaufen können. Dieser in der Geschichtswissenschaft äußerst umstrittene Ansatz durchzieht Fergusons gesamtes Werk – ebenso wie der Anspruch, über Teildisziplinen des Faches hinweg, einen umfassenden Zugang zum entsprechenden Thema zu finden – und so fungierte der Historiker 1997 auch als Herausgeber des Sammelbandes Virtual History: Alternatives and Counterfactuals, der sich allein besagten Fragestellungen widmete und ebenfalls vehemente Kritik erntete (Evans 2014, S. 50, 63). Die Leitidee seines eigenen Aufsatzes The Kaiser's European Union: What if Britain had ‚stood aside' in August 1914? griff Ferguson dann auch in The Pity of War (Ferguson 1998a) wieder auf, worin er behauptete, dass das Eingreifen Großbritanniens 1914 in den Krieg auf dem europäischen Kontinent ein Fehler gewesen sei, da die deutschen Kriegsziele keine vitalen britischen Interessen tangiert hätten und London mit dieser Entscheidung einen begrenzten Konflikt zu einem Weltkrieg eskalieren ließ – ergo die Verantwortung für dessen Ausbruch trage –, was darüber hinaus den unnötigen Machtverlust des Empires zur Folge hatte (Ferguson 2001b, S. 111, 389, 399).

Ferner lauteten Fergusons kontrafaktische Thesen für den Fall eines von ihm präferierten Nicht-Eingreifens Großbritanniens in den Krieg, dass dieser nicht über die Grenzen des Kontinents hinaus eskaliert und Deutschland aus ihm als Sieger hervorgegangen wäre. Darauf aufbauend argumentierte er, dass in einem solchen Szenario sowohl der Bolschewismus in Russland als auch der Nationalsozialismus in Deutschland wahrscheinlich vermeidbar gewesen wären, Berlin sich liberalisiert[1] und wohl eine kontinentaleuropäische Ordnung unter deutscher Vorherrschaft ähnlich der EU geschaffen hätte – nur eben ohne zwei Weltkriege. Einen Erfolg des Faschismus hielt er hingegen in Frankreich für wahrscheinlicher, dessen Rechte „weit schärfer antisemitisch als die deutsche“ (Ferguson 2001b, S. 397 f.) gewesen sei. Die öffentlichkeitswirksame Provokation war Ferguson damit zweifelsohne gelungen, doch in Fachkreisen konnten seine Argumente kaum überzeugen und insbesondere die höchst spekulativen Thesen des Autors wurden weithin abgelehnt (Hildebrand 1999). Vereinzeltes Lob erhielt Ferguson jedoch für seine Erläuterungen zu wirtschaftlichen Aspekten des Krieges (Ackermann 2004).

Weniger Anlass zur Kontroverse lieferte dann The World's Banker. The History of the House of Rothschild (Ferguson 1998b), für das Ferguson als erster Historiker vollständigen Zugang zu den Archiven der Familie erhalten hatte. Das rund 1300-seitige Auftragswerk, das in den USA und Deutschland in zwei Bänden erschienen ist, untersucht den Aufstieg und Niedergang der Dynastie über einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten und verbindet die Familienund Unternehmensgeschichte mit politischen und wirtschaftlichen Ereignissen, gemäß Fergusons Leitbild der Meistererzählung. Abgesehen von Kritik an der vermeintlich zu großen Detailversessenheit des Werks, wurde The World's Banker geradezu euphorisch gelobt (Skidelsky 1999; Stern 1999).

Mit weitaus weniger Begeisterung wurde dann wiederum The Cash Nexus. Money and Power in the Modern World, 1700–2000 (Ferguson 2001a) aufgenommen, in dem sich Ferguson mit den Wechselbeziehungen von Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Politik auseinandersetzt und vor einer Überschätzung des Einflusses ökonomischer Faktoren auf historische Entwicklungen warnt. Das Buch beinhaltet darauf aufbauend zudem eine klare politische Botschaft, dass die Globalisierung einer Steuerung bedürfe, wofür Ferguson nun die USA – nachdem dies im 19. Jahrhundert von Großbritannien geleistet worden sei – in der Pflicht sieht, der er zu einer stärkeren imperialen Politik rät (Plumpe 2001). Imperiale Politik war dann auch der Inhalt von Fergusons nächsten Werken Empire. How Britain Made the Modern World (Ferguson 2003) und Colossus. The Rise and Fall of the American Empire (Ferguson 2004).[2]

In Ersterem versuchte sich Ferguson – ohne die Gräueltaten des Britischen Empires zu verschweigen – an einer Rehabilitierung des britischen Imperialismus, indem er argumentiert, dass dieser langfristig positive Auswirkungen wie die Verbreitung von parlamentarischer Demokratie und Gesetzesherrschaft oder den Zugang zu freien Märkten gehabt hätte, was ohne britische Herrschaft in den Kolonien dort seiner Meinung nach nicht entstanden wäre (Ferguson 2003, S. 358 f.). Nicht völlig zu Unrecht brachten diese Thesen Ferguson die Kritik ein, er relativiere die Verbrechen des Imperialismus, wobei ihm zudem noch vorgeworfen wurde, er wolle mit seinem abschließenden, bereits aus The Cash Nexus bekannten Appell an die USA, in die Fußstapfen des Britischen Empires zu treten, die damals bevorstehende Invasion der USA in den Irak legitimieren (Wilson 2003). Besagten Aufruf wiederholte Ferguson dann auch in Colossus, wobei ihm hierin vor allem die mangelnde Aufmerksamkeit für diese Aufgabe in den USA Sorge bereitete (Ferguson 2009, S. 293). In beiden Werken offenbarte sich davon abgesehen einmal mehr die Lust des schottischen Historikers an der gezielten Provokation sowie an gewagten Thesen.[3]

Selbiges gilt ebenso für The War of the World: History's Age of Hatred (2006)[4], das nicht weniger als eine Gesamtbeurteilung der extremen Gewalt im 20. Jahrhundert liefern soll, was schon dadurch eingeschränkt wird, dass Ferguson den Krieg der Welt auf den Zeitraum zwischen dem Beginn des Russisch-Japanischen Krieges 1904 und dem Ende des Koreakrieges 1953 begrenzt und die zahlreichen Konflikte der zweiten Hälfte des Jahrhunderts kaum mehr analysiert. Im behandelten Abschnitt macht Ferguson, der gewohnt anekdotenreich schreibt, dann zur Erklärung des kriegerischen (Halb-)Jahrhunderts drei Faktoren ausfindig: ethnische Konflikte, wirtschaftliche Unsicherheit sowie den Niedergang von (multiethnischen) Imperien. Das Fachpublikum übte jedoch teils heftige Kritik an dem Werk, das vermeintlich wenig Neues und Überzeugendes zu bieten hatte (Ziemann 2006) und das mit der Feststellung des Niedergangs des Westens und des Aufstiegs des Ostens endet.

Vom thematischen Anspruch her nicht weniger ambitioniert als War of the World war dann auch The Ascent of Money. A Financial History of the World (Ferguson 2012b), eine umfassende Finanzgeschichte von der Antike bis in die Gegenwart. Hierin konstatiert Ferguson für den Leser von The Cash Nexus sicherlich überraschend:

Behind each great historical phenomenon there lies a financial secret. (Ferguson

2012b, S. 3).

From ancient Mesopotamia to present-day China, in short, the ascent of money has been one of the driving forces behind human progress. (Ferguson 2012b, S. 342).

Eine Auflösung dieses Widerspruchs liefert Ferguson nicht, was auch in der Rezeption des Werks bemängelt wurde, die darüber hinaus weitgehend einig darin war, dass The Ascent of Money kaum neue Erkenntnisse zu Tage förderte und somit eher für die breite Leserschaft eine gelungene Einführung in die Materie biete (Craig 2011, S. 188; Skidelsky 2009).

Vor dem im Folgenden diskutierten Civilization[5] erschien 2010 dann noch High Financier. The Lives and Time of Siegmund Warburg, die Biographie des 1902 in

Deutschland geborenen und 1934 nach England ausgewanderten Bankiers, für die der Schotte beste Kritiken erhielt (Ahamed 2010; Stiles 2010). Dabei hatte Ferguson mit den Warburgs jedoch kein neues Terrain betreten, spielte die Familie mit Siegmunds Onkel Max Warburg an der Spitze doch schon in Paper and Iron eine zentrale Rolle.

  • [1] Diese Mutmaßungen sind jedoch kaum mit einer Passage aus Civilization in Einklang zu bringen, in der er in Bezug auf das brutale Vorgehen der deutschen Kolonialtruppen in Namibia zuerst die Frage aufwirft, ob dabei nicht bereits das Prozedere für einen größeren Völkermord getestet wurde, und dies dann letztlich bejaht, indem er die besagten Handlungen als ersten Schritt in Richtung Auschwitz betitelt (Ferguson 2011a, S. 181, 190).
  • [2] In den US-Versionen wurden die Titel geändert in Empire. The Rise and Fall of the British World Order and the Lessons for Global Power sowie in Colossus: The Price of America's Empire.
  • [3] So beispielsweise zur von ihm befürworteten Vergrößerung der US-Armee: „If one adds together the illegal immigrants, the jobless and the convicts, there is surely ample raw material for a larger American army“ (Ferguson 2009, S. 292).
  • [4] In den USA erschien es unter dem Titel The War of the World: Twentieth-century Conflict and the Descent of the West.
  • [5] Auch das an Civilization anknüpfende The Great Degeneration. How Institutions Decay and Economies Die (Ferguson 2012c) wird im nächsten Kapitel behandelt.
 
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