Civilization

Ferguson beginnt Civilization. The West and the Rest (Ferguson 2011a) unmittelbar mit der bereits 2006 in War of the World geäußerten und für ihn bedauernswerten Einschätzung, dass sich der Westen nach einem gut 500-jährigen Aufstieg aktuell im Niedergang befinde – ein Problem, das aus Sicht des Schotten nirgends so ausgeblendet werde wie in Deutschland (Ferguson 2013d). Um eine fundierte Prognose für die zukünftige Entwicklung des Westens abgeben zu können, bedarf es jedoch laut Ferguson zuerst der Klärung folgender grundlegender Frage:

Just why, beginning around 1500, did a few small polities on the western end of the Eurasian landmass come to dominate the rest of the world, including the more populous and in many ways more sophisticated societies of Eastern Eurasia? (Ferguson 2011a, S. XV).

Dies stellt für Ferguson nichts weniger als die „most interesting question a historian of the modern era can ask“ (Ferguson 2011a, S. XV) dar und es offenbart sich schnell, dass er die bisherigen Lösungsansätze, die er in erstaunlicher Kürze abhandelt, allesamt für unzureichend hält. Doch mit Civilization – so die implizite Botschaft – wurde das „most challenging riddle historians have to solve“ (Ferguson 2011a, S. 18) nun wie folgt gelöst: Es seien sechs neuartige Institutionen und die mit ihnen verbundenen Ideen und Verhaltensweisen gewesen, die den Westen vom Rest der Welt unterschieden haben und seinen einzigartigen Aufstieg begründeten (Ferguson 2011a, S. 12). Eine gewisse Einschränkung fügt Ferguson jedoch unmittelbar hinzu, da neben diesen Faktoren, die er wohl im Hinblick auf die erhoffte Zielgruppe seines Werks Killer Apps nennt,[1] auch die zufällige Schwäche seiner Rivalen den westlichen Siegeszug begünstigt habe (Ferguson 2011a, S. 13). Mit einer abschließenden Definition des ‚Westens', des ‚Rests' und des Begriffs der Zivilisation hält er sich dann nicht lange auf. So erklärt er zwar einerseits, dass neben Großbritannien und den USA nunmehr zweifellos auch Frankreich, Deutschland, Italien, Portugal, Skandinavien, Spanien und Griechenland dem Westen zugehörig sind. Andererseits argumentiert er aber, dass der Westen selbst mehr als eine geographische Region sei und der Begriff zugleich für bestimmte Normen, Verhaltensweisen und Institutionen stehe, was eine klare Grenzziehung erschwere. Die Benennung der Uneinigkeit als wesentliches Merkmal des Westens helfe in diesem Punkt kaum weiter (Ferguson 2011a, S. 14–16).

Nicht weniger diffus ist zudem die Definition der ‚Zivilisation', die Ferguson als „the single largest unit of human organization, […] a practical response by human populations to their environments“ (Ferguson 2011a, S. 3) umschreibt, die zudem oft, aber nicht immer Religionsund/oder Sprachgemeinschaften seien. Über die schwierige Messbarkeit des Erfolges einer Zivilisation, die er „not just in its aesthetic achievements but also, and surely more importantly, in the duration and quality of life of its citizens“ (Ferguson 2011a, S. 3) sieht, ist sich Ferguson bewusst, ohne aber weiter darauf einzugehen.

  • [1] The book is partly designed so a 17-year-old boy or girl will get a lot of history in a very digestible way, and be able to relate to it“ (Porter 2011).
 
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