Rezeption und Kritik

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Kaum eine These hat so für Aufsehen gesorgt und eine derart lebhafte und kontroverse Debatte ausgelöst wie Fukuyamas Ende der Geschichte. Bis heute wird sie in Anbetracht der weltpolitischen Entwicklungen regelmäßig aufgegriffen und auf ihre Aussagekraft hin überprüft. Eine vollständige Analyse der Rezeption und Kritik ist aufgrund der Masse und Vielfalt an Reaktionen im Rahmen dieses Beitrags nicht zu leisten. Stattdessen wird versucht, wesentliche Merkmale und Positionen der Diskussion aufzuzeigen.

4.1 Grundsätzliches

Sowohl der Artikel als auch die ausgearbeitete Buchfassung stoßen fast durchweg auf Ablehnung. Einwände gegen die These werden aus dem gesamten politischen Spektrum vorgebracht und richten sich gegen die verschiedensten Elemente der Argumentation (Anderson 1993, S. 15; Smith 1994, S. 1). Die Aussagen Fukuyamas fallen in eine Zeit, die nicht zuletzt wegen der grausamen Ereignisse des 20. Jahrhunderts von einem starken Pessimismus bezüglich eines evolutionären Fortschritts geprägt ist. Die im 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts vorherrschenden optimistischen Geschichtstheorien, an die er anknüpft, waren lange diskreditiert (Anderson 1993, S. 9; Smith 1994, S. 2 f). So ist es nicht verwunderlich, dass die optimistischen weltpolitischen Überlegungen Fukuyamas zunächst auf allgemeines Erstaunen und Skepsis treffen (Kristol 1989, S. 27 f; Atlas 1989). Gegen ein Ende der Geschichte sprächen schon der gesunde Menschenverstand und aktuelle Ereignisse, die zeigten, dass immer Neues und Unvorhergesehenes geschehe und man die Zukunft nicht kenne. Man könne die Geschichte und die Dauerhaftigkeit des Momentanen kaum vorhersagen (Anderson 1993, S. 98; Himmelfarb 1989,

S. 25 f; Fuller 1994, S. 57; Huntington 1989, S. 10). Auch die von Fukuyama ignorierte menschliche Natur schließe ein Ende der Geschichte aus, so lange Menschen existierten, denn sie seien irrational, schwach und nie zufrieden (Huntington 1989, S. 10; Hassner 1989, S. 23 f; Smith 1994, S. 4; Anderson 1993, S. 98 f). Während die Rechte Fukuyama vorwirft, in seiner These lebe der Marxismus weiter (Huntington 1989, S. 9 f; Thompson 1994, S. 364), zeigen sich einige Vertreter der Linken wenig begeistert, dass die Geschichte mit dem liberalen Individualismus und freien Markt enden solle (Smith 1994, S. 4).

Für Irritationen sorgt rund um die Veröffentlichungen der These zudem der Hintergrund Fukuyamas. Das Erscheinen des Artikels in einer konservativen Zeitschrift und die gleichzeitige Tätigkeit des Autors im Außenministerium der USA bringen ihm neben einer Zuschreibung zum Neokonservatismus auch den Verdacht ein, politische Ziele zu verfolgen und Präsident Bush junior eine Grundlage für dessen Außenpolitik zu liefern (Atlas 1989; Jordan 2009, S. 159 f; Kurtz 2002, S. 51), obgleich er umgehend jegliche Verbindung zur Politik der Bush-Regierung zurückweist (Fukuyama 1989a, S. 23 f; Atlas 1989). Zudem schätzen einige Kritiker die Argumentation des Politikwissenschaftlers als kulturimperialistisch ein. Er sehe die USA als Ideal, an das sich nichtwestliche Staaten letztlich anpassen würden, und dränge dem Rest der Welt die amerikanische Sicht auf (von Laue 1994, S. 26, 32; Meyer 1992, S. 440 f; Jordan 2009, S. 160 ff). Seine Behauptung, die Demokratie sei nichts spezifisch Westliches, sondern würde kulturübergreifend dem menschlichen Wesen entsprechen (Fukuyama 1992a, S. 302 f), sei nicht korrekt. Denn ihre Anziehungskraft und Ausbreitung gehe auf die westliche, beziehungsweise amerikanische Überlegenheit und die Verwestlichung der Welt zurück (von Laue 1994, S. 26; Gat 2007). Überdies wertet Füredi Fukuyamas These als moralische Rechtfertigung von Imperialismus und den Versuch, eine Intervention in der Dritten Welt zu legitimieren (Füredi 1994, S. 41 f).

4.2 Spezifische Kritik

Eine andere Gruppe von Einwänden befasst sich dagegen mit den perzipierten Defiziten und sozialen Problemen der liberalen Demokratie selbst. Smith argumentiert, dass der Wegfall des Kommunismus ihre bisher fehlende substanzielle theoretische Begründung von innen heraus nötig mache (Smith 1994, S. 2). Marks verweist auf die anhaltenden ideologischen Auseinandersetzungen über die liberale Demokratie und das unterschiedliche Verständnis von Liberalismus und Demokratie und ihrer Beziehung zueinander (Marks 1997, S. 456). Zudem werden zahlreiche konkrete Probleme, wie schwindendes Vertrauen in liberale Prinzipien, Pessimismus über ein mögliches Wirtschaftswachstum, fehlende Sittlichkeit, Zukunftsängste, und soziale Herausforderungen, wie Armut, Kriminalität und Umweltfragen, vorgebracht, die die Stabilität der liberalen Demokratie gefährdeten, auf die sie bislang jedoch keine Antwort habe (Marks 1997, S. 456 ff; Smith 1994, S. 10; Füredi 1994, S. 31; Johnson 1992, S. 52–54; Himmelfarb 1989, S. 26; de Berg 2007, S. 217 f; Anderson 1993, S. 100–103). Allerdings weisen einige Kritiker darauf hin, dass solche Einwände an Fukuyamas Argumentation vorbei zielten, schließlich sei die liberale Demokratie am Ende kein vollkommenes System frei von Konflikten und Problemen, sondern lediglich die beste Alternative (de Berg 2007, S. 217 f; Anderson 1993, S. 100–103; Smith 1994, S. 10; Bertram und Chitty 1994, S. 5). Durch die Nichtthematisierung oder Beschönigung ernster Herausforderungen verschleiere Fukuyama jedoch die Fragilität der liberalen Demokratie und behindere ihre Verbesserung, wendet Marks ein (1997, S. 459). Letztendlich laufe er Gefahr, einer unheilvollen Selbstgefälligkeit zu verfallen (Marks 1997, S. 458 f; Huntington 1989, S. 4).

Darüber hinaus zweifeln einige Kritiker an Fukuyamas Definition von Demokratie, anhand derer er Länder wie Sri Lanka, Nicaragua und Rumänien als liberale Demokratien einstuft (Johnson 1992, S. 51; von Laue 1994, S. 25). Marks führt dies darauf zurück, dass er die Spannung zwischen Liberalismus und Demokratie zugunsten des Liberalismus auflöse und alle Staaten als liberale Demokratien sehe, in denen er einen wirtschaftlichen Liberalismus wahrnehme. Deshalb übertreibe er auch bei dem weltweiten Konsens für liberale Werte und dem Ausmaß der liberalen Revolution (Marks 1997, S. 456 f). Diese sieht Johnson eher im Anspruch als in der Realität bestätigt (Johnson 1992, S. 51 f). Des Weiteren stellt Anderson Fukuyamas Verbindung der Ausbreitung der politischen Demokratie mit der prognostizierten Zunahme kapitalistischen Wohlstands infrage. Denn faktisch stünden sich die interkontinentale Ausdehnung der Demokratie und die regional begrenzte Basis kapitalistischen Wohlstands unübersehbar gegenüber. Der Erfolg ein paar weniger Länder wie Taiwan und Südkorea bedeute keineswegs, dass dies für alle Akteure möglich sei. Schließlich ließen sich die gegenwärtigen Konsummuster der Ersten Welt nicht in der Dritten Welt reproduzieren, ohne eine allgemeine ökologische Katastrophe auszulösen (Anderson 1993, S. 127–133).

Neben der liberalen Demokratie widmen sich einige Kritiker Fukuyamas auch dessen Ansicht, es existierten zu ihr keine ernsthaften ideologischen Konkurrenten mehr. Ein paar Stimmen sehen den Sozialismus mit dem Zusammenbruch des Kommunismus nicht automatisch als Alternative wegfallen, schließlich sei der Kapitalismus weniger erfolgreich als angenommen und lebe der Sozialismus in der Sozialdemokratie weiter. Einer radikalen Position zufolge werde die Sozialdemokratie immer weiter über den Kapitalismus hinaus wachsen und den wirklich existierenden Sozialismus darstellen (Anderson 1993, S. 108 ff; Hirst 1989, S. 14 f; Stove 1989, S. 98). Als Antwort auf Einwände räumt Anderson zwar ein, dass staatliche Eingriffe gegen die Logik des Kapitalismus zu erhöhtem Wohlstand und mehr Sicherheit geführt hätten, wirft den Kritikern aber gleichzeitig vor, durch Neudefinitionen den Kapitalismus schlechter und den Sozialismus besser aussehen zu lassen (Anderson 1993, S. 110 f). Solange man kein qualitativ anderes und überzeugendes Gesellschaftssystem anbieten könne, seien diese Einwände gegenstandslos (Anderson 1993, S. 111; de Berg 2007, S. 218).

Als ernsthafte Alternative zur liberalen Demokratie bewerten einige Kritiker den Nationalismus, der immer wieder aufflamme und zukünftig noch stärker werde. Sie führen den Krieg im ehemaligen Jugoslawien und den Völkermord in Ruanda als Beispiele für die wachsende Bedeutung des Nationalismus und als eine Herausforderung für oder gar Widerlegung der These vom Ende der Geschichte an (Anderson 1993, S. 103 f; Mueller 2014, S. 41 f; de Berg 2007, S. 7). Anderson, der Fukuyamas Ansicht, der Nationalismus sei kein ernsthafter Konkurrent, teilt, kontert solche Einwände mit dem Autor selbst, der in Konflikten in der Dritten oder ehemaligen Zweiten Welt Unruhen an den Rändern ohne große Bedeutung für die Weltpolitik und den Nationalismus mit Großmachtambitionen zwischen großen Staaten als diskreditiert sehe (Anderson 1993, S. 104 f). Mueller betont zudem die oftmals positive Kraft des Nationalismus, wie bei der Wiedervereinigung Deutschlands, und seine Kompatibilität mit der Demokratie und dem Kapitalismus (Mueller 2014, S. 42).

Auch den Fundamentalismus schätzen viele Kritiker im Gegensatz zu Fukuyama als ernsthaften Konkurrenten ein. Seine politische Anziehungskraft zeige sich in Ereignissen wie der schiitischen Revolution im Iran oder dem zunehmenden Kommunalismus der Hindus in Indien. Dem widerspricht Anderson, da religiöse Lehren zumeist universale Wahrheiten vertreten würden und mit technologischem Fortschritt und einer zunehmend säkularen Kultur zu kämpfen hätten. Erst in Verbindung mit nationalistischen Bestrebungen würden sie potenziell gefährlich, seien dann jedoch auf das Nationale beschränkt. Allerdings weist Anderson auf eine entscheidende Ausnahme und zugleich das Hauptargument dieser Gruppe von Einwänden hin, den nationenübergreifenden islamischen Fundamentalismus (Anderson 1993, S. 106 f).

Als Beleg für seine Bedeutung werden die Terroranschläge des 11. September angeführt, die Fukuyamas These definitiv widerlegt hätten. Man erlebe nicht das Ende der Geschichte, sondern ihren Neubeginn, beziehungsweise den von Samuel P. Huntington postulierten ‚Clash of Civilizations'[1] (Kurtz 2002; Herscovitch 2011, S. 40; de Berg 2007, S. 225 f). Fukuyama sieht seine These dadurch allerdings keineswegs falsifiziert. Die Moderne sei nach wie vor die treibende Kraft in der Weltpolitik, und die westlichen Institutionen würden sich langfristig weiter in der Welt ausbreiten. Der 11. September stelle den verzweifelten Versuch dar, sich gegen diese unaufhaltsame und schnell fortschreitende Entwicklung zu stemmen. Zudem fehle es dem Islamismus nach wie vor an Anziehungskraft. Selbst innerhalb der islamischen Welt sei eine islamische Theokratie in der Praxis nicht attraktiv und würden eine Vielzahl junger Menschen liberalere politische Ordnungen fordern (Fukuyama 2002a, S. 3, 7; de Berg 2007, S. 225–229).

Mit dem Aufstieg Chinas und den Entwicklungen in Russland sehen zudem einige Kritiker in diesen autoritären kapitalistischen Staaten ein tragfähiges und attraktives alternatives Modell zur liberalen Demokratie (Gat 2007; Fukuyama 2008). Für Fukuyama stellt es allerdings im Bereich der Ideen keine ernsthafte Konkurrenz dar, da die heutigen autokratischen Regierungen nur wenig gemein hätten und China und Russland heute im Gegensatz zur Diktatur unter Mao und der Sowjetunion über keine universalistischen Ideologien verfügten. Stattdessen sei für beide Länder ein jeweils spezifischer Nationalismus Antrieb (Fukuyama 2008). Selbst das einzige scheinbar konkurrenzfähige System, das China-Modell, sei letztlich nicht tragfähig (Fukuyama 2014a).

4.3 Theoretisch-philosophische Einwände

Eine weitere Kategorie von Einwänden befasst sich mit der philosophischen Tradition, auf die sich Fukuyamas Argumentation stützt. Eine Gruppe von durchweg erhobenen Vorwürfen betrifft dabei die Darstellung der Hegelschen Lehre, die als unvollständig, problematisch, oder sogar grundlegend falsch eingestuft wird (Walsh 1994; Kimball 1992; Anderson 1993, S. 15). Einen zentralen Kritikpunkt bildet hierbei Fukuyamas Rückgriff auf die umstrittene Interpretation von Hegels ‚Phänomenologie des Geistes' durch Alexandre Kojève. Viele Aspekte seiner Deutung würden dem Hegelschen Denken nicht gerecht (Meyer 1993, S. 37 f, 53 ff; de Berg 2007, S. 198 f). Für Pöggeler werde die Phänomenologie Hegels bei Kojève „zu einer wächsernen Nase, die man nach Belieben drehen kann, damit sie wittere, wohin es geht“ (Pöggeler 1995, S. 25). Während Meyer bemerkt, dass Fukuyama mögliche Abweichungen zu oder Verfälschungen der Hegelschen Lehre nicht wirklich thematisiere (Meyer 1993, S. 38), weist de Berg darauf hin, dass er sich schließlich auf Hegel-Kojève beziehe und die Frage nach der Richtigkeit der Interpretation Hegels damit für die Argumentation irrelevant sei (de Berg 2007, S. 197). Außerdem wird Fukuyamas Synthese von Hegel und Platon vielfach kritisiert (Holmes 1992, S. 31; Smith 1994, S. 12; Burns 1994, S. 160–164). Anderson bewertet die Integration von Platons Theorie der menschlichen Natur in Hegels Geschichtstheorie zwar als originell, aber gleichzeitig auch als problematisch, da die ontologische Teilung der Seele nicht zu einer kohärenten historischen Abfolge führe. Fukuyama wechsle zwischen einem rhetorischen Vorrang des Strebevermögens und dem faktischen Vorrang der Begierde hin und her und ließe die beiden rivalisierenden Erklärungsprinzipien unversöhnt nebeneinander stehen. Eine tatsächliche Verflechtung finde nicht statt. Am Ende stünde bei Fukuyama eine unauflösbare Dichotomie zwischen einem rationalen Hedonismus und einem elementaren Agonismus (Anderson 1993, S. 118–126). Auch Gourevitch argumentiert, dass Fukuyama versuche, Positionen zusammenzuführen, die nicht in Einklang zu bringen seien. Durch die Gleichstellung von Platons Beherztheit und Hegels Anerkennung müsse er seine transhistorische Natur für eine variable oder provisorische Natur aufgeben. Damit breche das Argument vom Ende der Geschichte zusammen, denn eine transhistorische Natur, die lediglich einen provisorischen Konsens darstelle, könne kein beweiskräftiges Kriterium für die Entscheidung darüber sein, welche, beziehungsweise ob eine gewisse politische Ordnung das Ende der Geschichte darstelle (Gourevitch 1993, S. 127 f).

Zudem beschäftigen sich einige Kritiker mit den stärksten der zahlreichen perzipierten Spannungen und Inkonsistenzen in Fukuyamas These, die mit dem letzten Teil der Argumentation auftreten. Hier verkehre sich der Optimismus des Autors in einen starken Kulturpessimismus. Damit gerate die gesamte Argumentation ins Wanken (Holmes 1992, S. 28 f, 32; Meyer 1993, S. 58 f; Kimball 1992). McCarney und Holmes führen diese Widersprüche auf den Einfluss von Leo Strauss, Lehrer von Fukuyamas Mentor Allan Bloom und wichtiger Gesprächspartner und Kritiker Kojèves, zurück (McCarney 1993, S. 41; Holmes 1992, S. 32). Einerseits folge Fukuyama Kojèves egalitärer Position und sehe in der liberalen Demokratie die Anerkennung vollkommen befriedigt. Andererseits drücke er mit der Frage, ob eine gleiche Anerkennung tatsächlich wünschenswert und ihre Qualität nicht bedeutender sei, Strauss' Zweifel an und Einwände gegen den Aspekt der Universalität aus und beziehe sich Strauss folgend auf Nietzsche und den letzten Menschen (McCarney 1993, S. 41 f). Gegen Kojève und wie Strauss stehe Fukuyama der tendenziell gleichen Anerkennung ungleicher Menschen in der liberalen Demokratie ablehnend gegenüber (Holmes 1992, S. 32). Letztendlich führe diese Zerrissenheit zwischen Kojève und Strauss zu einer starken Inkohärenz und Aushöhlung der ursprünglichen Argumentation Fukuyamas (McCarney 1993, S. 43).

Darüber hinaus wird an Fukuyamas geschichtsphilosophischem Ansatz allgemein Kritik geäußert. Denn in einem solchen geschlossenen System könne kein Ereignis mehr sein als eine Abweichung, eine Art Übergangsphänomen auf dem Weg zur liberalen Demokratie, eine Widerlegung sei prinzipiell nicht möglich (Meyer 1993, S. 42 f, 45, 57, 59; Kimball 1992). Für Meyer macht es deshalb keinen Sinn, gegen eine solche überzeitliche Geschichtsphilosophie substanzielle Argumente vorzubringen, man könne sich bestenfalls mit ihrem prognostischen Gehalt befassen (Meyer 1993, S. 45). Kimball sieht in Fukuyamas These unter anderem ein schwerwiegendes moralisches Problem, da sie alle historischen Ausnahmen der moralischen Bedeutung beraube. Eine Universalgeschichte, die zwei Weltkriege und die Tyrannei Hitlers und Stalins als vorübergehende Begleiterscheinungen abtue, müsse dringend überdacht werden (Kimball 1992).

Zwar hat Fukuyama seine These vom Ende der Geschichte im Laufe der Zeit relativiert, ihren Grundgedanken aber verteidigt er nach wie vor (Fukuyama 2014a). Das häufigste Missverständnis in Bezug auf seine These sei dabei damals wie heute der Gebrauch des Begriffs Geschichte (Fukuyama 1989a, S. 21 f; Woolslayer et al. 2014, S. 10). Eine Widerlegung seiner Aussagen ist für Fukuyama nur dann möglich, wenn man aufzeige, dass hinter weltpolitischen Ereignissen eine systematische Idee der politischen und sozialen Gerechtigkeit stehe, die den Liberalismus abzulösen beanspruche (Fukuyama 1989a, S. 22). Ob nun dieser oder ein anderer Ansatz gewählt wird, um das Ende der Geschichte zu widerlegen, bisher ist es trotz der zahlreichen Spannungen und Widersprüche in Fukuyamas Argumentation nicht gelungen.

  • [1] Vergleiche den Beitrag zu Samuel P. Huntingtons These in diesem Band von Sabine Fütterer.
 
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