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2 Profil des Gesamtwerks

Das Oeuvre Samuel Huntingtons, als einem der meist zitierten Politikwissenschaftler des 20. Jahrhunderts (Masuoka et al. 2007, S. 140), gestaltet sich so umfangreich und vielschichtig, dass an dieser Stelle lediglich ein Überblick gegeben werden kann. Aus seinem Gesamtwerk, das sich aus 17 Büchern, an denen er entweder als Autor oder Co-Autor beteiligt ist, und über 90 wissenschaftlichen Artikeln zusammensetzt, sollen im Folgenden die Eckpfeiler seine Forschung extrahiert und ihre Bedeutung für die Politikwissenschaft evaluiert werden.

Als charakteristisch für Huntingtons Werke erscheinen grundsätzlich seine Thesen. Jedes seiner Bücher vertritt eine oft umstrittene und dennoch bahnbrechende Aussage, die zunächst für kontroverse Diskussionen sowie harte Kritik sorgt, letztlich jedoch meist in Akzeptanz mündet. Diesen Trend initiierte schon sein erstes Buch The Soldier and the State. The Theory and Politics of Civil-Military Relations (Huntington 1957), das einen ersten Meilenstein in Huntingtons wissenschaftlicher Laufbahn symbolisiert. Dieses Werk – inspiriert von der Entlassung General MacArthurs durch Präsident Harry S. Truman im Jahr 1951 aufgrund dessen öffentlicher Ablehnung der präsidialen Politik im Koreakrieg (Putnam 1986, S. 837; Ireland 2009) – untersucht die Frage der zivilen Autorität über das Militär sowie die Beziehung zwischen politischer Macht und militärischem Professionalismus. Das Werk steht vor diesem Hintergrund für den Forschungsbereich der zivil-militärischen Beziehungen, den Huntington in den späten 1950er Jahren fokussierte und in weiteren Veröffentlichungen aufgriff (Huntington 1961, 1962). Die zentrale Aussage, die Huntington in The Soldier and the State trifft, nämlich dass nur eine Professionalisierung des Offizierkorps einschließlich einer strikten Trennung zwischen politischer und militärischer Sphäre das Dilemma zwischen einer Sicherung der nationalen Verteidigung bei gleichzeitiger effektiver ziviler Kontrolle über das Militär auflösen könne (Huntington 1957, S. 83 f.), bedeutete für ihn einen großen Einschnitt in seiner akademischen Karriere.

Als Reaktion auf das Buch formierte sich innerhalb Harvards eine Opposition

– angeführt von Carl J. Friedrich –, die Huntingtons Aussage harsch kritisierte und letztendlich dafür sorgte, dass sein Vertrag als Dozent an der Harvard University im Jahr nach der Veröffentlichung nicht mehr verlängert wurde (Kaplan 2001). Huntington wechselte daraufhin an die Columbia University. Jedoch bereits vier Jahre später, als sich abzeichnete, dass sich der junge Wissenschaftler zu einem aufstrebenden Stern der US-amerikanischen Politikwissenschaft entwickelte, war es wiederum Carl J. Friedrich, der sich persönlich mit dem in die Kritik geratenen Huntington traf und ihn zurück nach Harvard holte (Kaplan 2001). Diese Monographie sorgte jedoch nicht nur während dieser Phase für Aufsehen, sondern gilt auch heute noch als Standardwerk zum Thema der zivil-militärischen Beziehungen (Ireland 2009).

Als zweites wichtiges Werk Huntingtons kann das Buch Political Power: USAUSSR eingestuft werden, das er zusammen mit Zbigniew Brzezinski veröffentlichte (Brzezinski und Huntington 1964). Brzezinski und Huntington schufen hier eine zentrale Studie über die Dynamik des Kalten Krieges und die Beeinflussung der Welt durch zwei konträre Ideologien (Ireland 2009). Das Untersuchungsobjekt – Kalter Krieg und die Beziehungen zwischen den USA und der damaligen UdSSR

– weist darauf hin, dass sich Huntingtons Forschungsschwerpunkt ab Mitte der 1960er Jahre sukzessive verlagerte – weg von der ausschließlichen Beschäftigung mit der politischen oder militärischen Situation der USA und hin zu auswärtigen Angelegenheiten und internationalen Beziehungen, politischer Entwicklung und Modernisierung.

Diesen Trend setzte der Autor nicht nur mit einer Untersuchung politischer Partizipation in Entwicklungsländern fort (Huntington und Nelson 1976), sondern vor allem auch mit einer Monographie, die sich zu einem seiner einflussreichsten Werke entwickelte: In Political Order in Changing Societies (Huntington 1968) beschäftigt er sich mit Hindernissen und Stolpersteinen, die sich entwickelnde Länder beim Versuch der Etablierung einer stabilen und verantwortungsvollen Regierung überwinden müssen. Auch in diesem Buch trifft Huntington eine Hauptaussage, die intensive Diskussionen und harsche Kritik ausgelöst hat: „The most important political distinction among countries concerns not their form of government but their degree of government“ (Huntington 1968, S. 1). Das zentrale Problem in sich entwickelnden Nationen, das effektive Politik, politische Modernisierung und Stabilität verhindere, sei nicht die Form der politischen Ordnung (autoritäre oder demokratische Systeme), sondern vielmehr ein zu geringer Grad an effektiver Regierung – also fehlende institutionalisierte und legitime Herrschaft sowie Autorität (Huntington 1968, S. 1 f.). Mit dieser Aussage, die unterfüttert wurde mit Thesen zur möglichen Funktionalität von Korruption in Systemen mit unzureichend funktionierenden politischen Institutionen (Huntington 1968, S. 64), entfachte er im Bereich der Entwicklungsund Modernisierungsforschung eine intensive Diskussion und erntete scharfe Angriffe, die ihn sogar als Anhänger autoritärer Führung verunglimpften (Zimmermann 2007, S. 187).

Mit The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century (Huntington 1993c) erweiterte er seine Forschung innerhalb des Bereichs Entwicklung und Modernisierung. Dieses Werk stellt eine umfassende Analyse des weltweiten Trends der Transition verschiedener Nationen von nicht-demokratischen zu demokratischen politischen Systemen in den 1970er und 1980er Jahren dar. Huntington versucht hier, den Prozess der Demokratisierung innerhalb der zeitgenössischen Weltpolitik zu erklären, der in drei unterschiedlichen Wellen ablaufe, und kommt dadurch zu der zentralen Aussage, dass Demokratisierung vorranging das Produkt einer Übereinkunft der nationalen Eliten sei (Huntington 1993c, S. 36). Diesen elitenzentrierten Ansatz, nach dem eine Transition nur durch einen Top-Down-Prozess erfolgreich sein könne, dehnt Huntington noch weiter aus und konstatiert, dass „[d]emocracy can be created even if people do not want it“ (Huntington 1993c, S. 36). Mit dieser Idee, die die Sicht auf transitorische Systeme und deren Einfluss auf die internationale Staatengemeinschaft revolutionierte, gewann der Autor den Grawemeyer Award in der Kategorie Ideas Improving World Order (Ireland 2009). Huntingtons letztes Buch ist wohl das kontroverseste. In der Monographie Who are We? The Challenges to America's National Identity (Huntington 2004) projiziert er Gedanken, die er bereits im anschließend genauer zu betrachtenden The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (Huntington 1996) entwickelt hatte, auf die aktuellen Herausforderungen US-amerikanischer Politik. Er konstatiert hier düstere Konsequenzen aus Immigrationsprozessen in die USA, die seiner Ansicht nach eine einheitliche, aus der weißen europäischen Gründergeneration erwachsene amerikanische Nationalität bedrohten (Huntington 2004, S. 181). Diese homogene Nationalität, mit ihren Kernelementen der englischen Sprache, der freiheitlichen Gesellschaft, der Gleichheit, der Rechte des Individuums, der Rechtsstaatlichkeit und der Verantwortlichkeit der Regierenden sei definiert „in large part by its Anglo-Protestant culture and its religiosity“ (Huntington 2004, S. 365), die durch den Anstieg hispanisch-lateinamerikanischer Bevölkerungsanteile aufgeweicht werde. Die USA liefen deshalb Gefahr, in „a country of two languages, two cultures, and two peoples“ (Huntington 2004, S. 256) transformiert zu werden. Die Rezeption dieser aufsehenerregenden These gestaltete sich durchweg kritisch. Das Werk wurde überwiegend als relativ polemisch und plakativ eingeschätzt.

Die hier vorgestellte Auswahl aus Samuel Huntingtons Gesamtwerk zeigt, dass sich sein Forschungsschwerpunkt gemäß seiner Lebensumstände, seiner akademischen Laufbahn und zeitgenössischer weltpolitischer Entwicklungen nicht allein verändert, sondern auch erweitert hat. Beschäftigte er sich am Anfang seiner Laufbahn vorrangig mit der Politik der Vereinigten Staaten und ihren zivil-militärischen Beziehungen (Huntington 1957, 1961, 1962), verschob sich der Fokus seiner Untersuchungen ab Mitte der 1960er Jahre in Richtung Internationale Politik und Internationale Beziehungen sowie auf die Bereiche Demokratisierung, Entwicklungsund Modernisierungspolitik (Brzezinski und Huntington 1964; Huntington 1968; Huntington und Nelson 1976; Huntington 1993c). Einen wichtigen Eckpfeiler innerhalb dieses Forschungsgebietes bilden darüber hinaus die Thesen seines Aufsatzes The Clash of Civilizations? (Huntington 1993b) und die darauf aufbauende Monographie The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order (Huntington 1996), die im folgenden Kapitel genauer analysiert werden.

 
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