Profile der Gesamtwerke

Douglass C. North fasst die Entwicklung seines Profils bereits 1994 treffend zusammen: „I set out to understand what made economies rich or poor because I viewed that objective as being the essential prerequisite to improving their performance. The search for the Holy Grail of the ultimate source of economic performance has taken me on a long and certainly unanticipated journey, from Marxism to cognitive science, but it has been this persistent objective that has directed and shaped my scholarly career“ (North 2004, S. 209). Seine Forschung lässt sich dabei in drei Betrachtungsebenen aufteilen, die bereits Ingo Pies identifiziert hat (Pies 2009, S. 2–4): USA, westliche Welt oder Europa, sowie die kognitive Ebene von Handlungen.[1] Eine große Rolle spielen dabei Eigentumsrechte, Transaktionskosten, die wirtschaftliche Organisation sowie die institutionelle Entwicklung, welche für ihn den Schlüssel zu historischem Wandel darstellt (Zouboulakis 2005, S. 139). North ist damit ständig auf der Suche nach einer für ihn stimmigen theoretischen Fundierung von Wandel sowie Wachstum und geht dabei, unter den eher kritischen Augen seiner Wissenschaftskollegen, auch „unkonventionelle Wege“ (Sauerland 2009, S. 62).

Beginnend mit seiner Dissertation über die Geschichte der Lebensversicherung in den Vereinigten Staaten und zunächst geprägt durch die Vorstellungen Schumpeters,[2] versucht North regionales Wachstum genauer zu betrachten, was zu einem seiner ersten Artikel mit dem Titel Location Theory and Regional Economic Growth (North 1955) führt (Pies 2009, S. 2; North 2004, S. 211–212). Diese Arbeit bringt ihn dazu, eine grundlegende Theorie wirtschaftlichen Wachstums zu entwickeln. Nach seiner Tätigkeit beim NBER veröffentlicht er dann mit The Economic Growth of the United States from 1790 to 1860 (North 1966) eine Arbeit über amerikanische Wirtschaftsgeschichte, durch welche er vorhandene Märkte im Kontext eines exportbasierten Wachstumsmodells beleuchtet.

Immer stärker treten in den 1960er Jahren nun aber Bemühungen hervor, die Wirtschaftsgeschichte neu zu fassen, was insbesondere von den sogenannten Kliometrikern vorangetrieben wird (North 2004, S. 212–213; Myhrman und Weingast 1994, S. 186–187). Gilt Friedrich August von Hayek als Begründer, ist Douglass C. North wohl deren bekanntester Vertreter. Ziel ist es, die existierende wirtschaftshistorische Analyse mit objektiven empirischen Instrumenten zu verknüpfen.[3] Zusammen mit Lance Davis macht North deshalb in Institutional Change and American Economic Growth 1971 den Versuch, die Grenzen neoklassischer Modelle auszutesten und die Rolle von Institutionen zu begreifen (Davis et al. 1971). Im Gegensatz zur bisherigen Denkrichtung der Neoklassik stellen sich hier Erfolge nur ein, wenn die ökonomische Organisation eine ständige Anpassung durchläuft. Mit seinem Ruf nach Genf im Jahr 1966 tritt ein thematischer Wechsel von der amerikanischen zur europäischen Wirtschaftsgeschichte zu Tage. Zunehmend kritischer gegenüber der neoklassischen Wirtschaftstheorie, welche lediglich die Funktionalität existierender Märkte betrachtet, war es für North klar, dass es eine Weiterentwicklung geben müsse. Der Aufstieg des Westens und die darin enthaltene Differenz der einzelnen Volkswirtschaften stellt für ihn damit gar die zentrale Frage dar, um schlussendlich entwicklungspolitische Hinweise auf Wachstumsprozesse zu geben (North 2004, S. 212–217; Pies 2009, S. 2–3). Aus diesem Grund verlagert North seinen Forschungsschwerpunkt auf die Untersuchung neuer institutioneller Arrangements, was in der Publikation The Rise of the Western World: A New Economic History (North und Thomas 1973a) gipfelt. Mit dieser Publikation kann North nicht nur neue Mechanismen der Analyse entwickeln, sondern auch Impulse für die historische Wachstumsforschung liefern (Galiani und Sened 2014, S. 6; Schröder 2009, S. 35–37).

Beeinflusst durch Robert Coase, untersucht der spätere Nobelpreisträger mit Hilfe seiner eigenen Perspektive anschließend verstärkt individuelle Glaubensgrundsätze, welche die Entscheidungsfindung außerhalb des neoklassischen Rationalitätspostulats bestimmen (North 2004, S. 215–216; Schröder 2009, S. 44). So spielen mentale Modelle bei North eine zunehmende Rolle, wenngleich er derartigen Strukturen weiter ökonomische Grenzen auferlegt (Döring 2009, S. 165–167). Gleichsam im Spagat verabschiedet sich North damit durch den kognitiv-institutionellen Ansatz von der Neoklassik, bietet allerdings weiterhin Anknüpfungspunkte beider Lehrsätze (Döring 2009, S. 182; Schröder 2009, S. 35, 37).

In Structure and Change in Economic History (North 1981) sowie Institutions, Institutional Change and Economic Performance (North 1990) lässt North deshalb die bisher grundlegende Annahme fallen, dass Institutionen immer effizient wären (Speth 2007, S. 331; Groenewegen et al. 1995, S. 471–472; North 2004, S. 218– 219), denn bislang hat der spätere Nobelpreisträger derartige Konstrukte im Sinne der „naive theory of property rights“ (Myhrman und Weingast 1994, S. 190) immer als Handlungsrahmen von Interaktionen betrachtet, ohne die spezifische Wahl der Eigentumsstruktur zu hinterfragen (Galiani und Sened 2014, S. 2).

Man findet sich nun am Anfang einer für ihn notwendigen Betrachtung von Interaktionsprozessen kultureller, demographischer, politischer aber auch ökonomischer Art, um die Entwicklung von Gesellschaften zu erklären. Dies resultiert 2005 in Understanding the Process of Economic Change (North 2005; Zoboulakis 2005, S. 148–149; Ischer 2010). Er führt darin die bisherigen Forschungsschritte zusammen und setzt nachfolgend mit Violence and Social Orders (North et al. 2009) sowie In the Shadow of Violence (North et al. 2013) neue Wegmarken der Entwicklungspolitik, indem er idealtypische Gesellschaftsformen auf dem Weg zu einer Open Access Order der westlichen Welt identifiziert (Galiani und Sened 2014, S. 7; North et al. 2009, S. 1–7; Bates 2010, S. 752–756; Pies 2009, S. 15–20).

Obwohl sich zahlreiche Erkenntnisse und Denkanstöße zum gesellschaftlichen Wandel ergeben, resultiert die kritische Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk des Autors dabei nicht zuletzt aus seinem weiter andauernden Spagat zwischen Neoklassik und der kognitiv-institutionellen Umorientierung. So sieht beispielsweise nicht nur Maurer (2009, S. 249) die Arbeiten des Nobelpreisträgers in Folge seines breiteren Ansatzes als wirkliche Alternative zur bestehenden Transaktionskostentheorie, wohingegen Ingo Pies feststellt, dass sich North mit seiner methodologischen Erweiterung auf „Abwege begeben“ (Pies 2009, S. 28) habe.

Robert Paul Thomas spiegelt seine Expertise in Wirtschaftsgeschichte, wirtschaftlicher Entwicklung sowie institutioneller Organisation durch verschiedene Veröffentlichungen. In seiner Doktorarbeit zum Thema An Analysis of the Pattern of Growth of the Automobile Industry, 1895–1929 (Thomas 1966) wendet er seine analytischen Fähigkeiten zunächst auf die amerikanische Automobilwirtschaft an. Er verknüpft dies mit Wachstumsmustern und zeigt später mögliche Fehlentwicklungen auf (University of Washington 1984, S. 1–2).

Mit der britischen Kolonialpolitik wählt er ein neues Betrachtungsfeld, um wirtschaftshistorische Zusammenhänge zu untersuchen. Der Wohlstand der Kolonien, aber auch der Zuckerund Sklavenhandel befinden sich hier im Fokus. Neben der Analyse British Imperial Policy and the Economic Interpretation of the American Revolution (Thomas 1968) sind hier auch die Titel The Fishers of Men: The Profits of the Slave Trade (Thomas und Bean 1974) oder The Adoption of Slave Labor in British America (Bean und Thomas 1979) zu nennen, welche Thomas zusammen mit Richard Bean veröffentlicht. Er liefert damit nützliche Hintergrundinformationen zur Wirtschaft des Vereinigten Königreichs, die ihm später in der Zusammenarbeit mit Douglass C. North nützen und in An Economic Theory of the Growth of the Western World (North und Thomas 1970) sowie The Rise and Fall of the Manorial System: A Theoretical Model (North und Thomas 1971) münden.

Insbesondere der Aufsatz von 1970 legt den Grundstein für weitere Betrachtungen der Entwicklungsgeschichte westlicher Ökonomien und die Wirkung effizienter Institutionen sowie Eigentumsrechte. Er führt schließlich sowohl zur gemeinsamen Monographie mit North über das Wachstum der Vereinigten Staaten als auch zu The Rise of the Western World: A New Economic History (North und Thomas 1973a). Das Analyseobjekt wird im Jahr 1975, zusammen mit North, weiter ausgebaut, um Ursprünge und Rahmenbedingungen weiter zu ergründen. Beispiele bilden The Role of Governments in Economic Growth in Early Modern Times: Discussion (North und Thomas 1975) und The First Economic Revolution (North und Thomas 1977). So wird die Rolle der Regierung im Wachstumsprozess noch einmal genauer betrachtet und in den Zusammenhang zur gemeinsamen Monografie von 1973 gesetzt. Die thematische Verbindung mit der Forschung des späteren Nobelpreisträgers bestimmt so die längste Phase seines Schaffens.

Im Gegensatz zur späteren theoretischen Wendung bei North vollziehen die Veröffentlichungen und Überlegungen von Thomas damit lediglich thematische Wendungen, was auch mit seiner letztendlichen Festlegung auf allgemeine makround mikroökonomische Fragestellungen zusammenhängt (University of Washington 1984, S. 2–4).

  • [1] 1 Dieser Aufsatz skizziert das Gesamtwerk des Nobelpreisträgers mit Hilfe einer sinnvollen Auswahl seiner Veröffentlichungen. Für einen umfassenderen Blick siehe u. a. Wiley (1994)..
  • [2] Später erfolgt eine Abgrenzung zu Schumpeter sowie anderen neoklassischen Ansätzen, da für ihn weder die Vermehrung von Kapital noch neue Technologien als grundlegend für Wachstum gelten (Döring 2009, S. 145).
  • [3] Von Hayek macht deutlich, dass die bisherige Betrachtung der Wirtschaftsgeschichte unter subjektiven Einschätzungen erfolgt und man deshalb die theoretischen, aber auch empirischen Elemente der Wirtschaftstheorie anwenden müsse. Resultat einer solchen Herangehensweise war, dass zum Beispiel die Sklaverei− nach Reduktion sämtlicher sozialer Prägungen − als weit weniger schlechtes Kapitel der Menschheitsgeschichte klassifiziert wurde (Dugger 1995, S. 457).
 
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