Anpassungsfähigkeit und Eigentumsrechte als Wegbereiter westlicher Dominanz

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Betrachtet man den Aufstieg der westlichen Welt aus ökonomischer Warte, gilt The Rise of the Western World: A New Economic History (North und Thomas 1973a) im Bereich der Wirtschaftsgeschichte als Meilenstein der Analyse westlicher Dominanz. Für Douglass C. North ist klar: „The central question in the study of the economic history of Europe has always been how one small part of the world achieved material abundance in the past few centuries“ (North 1968, S. 139). Für ihn sind bisherige Ansätze namhafter Autoren wie Sombart, Weber, Hamilton oder Schumpeter deshalb bislang nicht zielführend, ja sogar enttäuschend.

3.1 Die Grundannahmen

So gilt zunächst allein die Ausbildung einer effizienten wirtschaftlichen Organisation als Ursache westlicher Dominanz. Der Schlüssel der Betrachtung liegt dabei in der Evolution institutioneller Arrangements, die ab dem 10. Jahrhundert durch demographischen Wandel und die Entstehung überregionaler Märkte losgetreten wurde (Davis 1975, S. 150; North und Thomas 1973a, S. 9, 25–26): „In capsule form our explanation is that changes in relative product and factor prices, initially induced by Malthusian population pressure, and changes in the size of markets induced a set of fundamental institutional changes which channelled incentives towards productivity-raising types of economic activity“ (North und Thomas 1970, S. 1). Mit dem 18. Jahrhundert schaffen demnach institutionelle Veränderungen in der politischen und gesellschaftlichen Ordnung Anreizsysteme, um erstmalig aus dem malthusianischen Kreislauf auszubrechen (North und Thomas 1970, S. 1; North 2005, S. 127; Oesterdiekhoff 2007, S. 299).[1]

Dominanz ist für beide Autoren eng verknüpft mit Wohlstand und Wachstum. Wichtig dabei ist, dass Wachstum als langfristige Pro-Kopf-Größe festgelegt wird. Unter dieser Voraussetzung reicht es bereits aus, wenn auch nur ein Teil der Bevölkerung nutzenorientiert handelt. So gelten Innovation und Investition bereits als Wachstumsgrundlagen. Viele Gesellschaften können allein von diesen Faktoren aber nicht profitieren (North und Thomas 1973a, S. 1–8). Die Überlegung beider Autoren ist, dass deshalb nur effiziente wirtschaftliche Organisation die Quelle einer derartigen Entwicklung darstellen kann. Institutionelle Rahmenbedingungen und Eigentumsrechte müssen den Anreiz erzeugen, individuellen wirtschaftlichen Einsatz so zu kanalisieren, dass privater Nutzen gleich gesellschaftlichem Nutzen wird ‒ kurz, sozialproduktive Aktivitäten gefördert werden (North und Thomas 1970, S. 5–7).

Diese Eigentumsrechte bedürfen einer ständigen institutionellen Neuordnung, welche sowohl Kooperationsals auch Wettbewerbsgrundlagen festlegt. Obwohl der Staat auch wachstumsschädigend handeln kann, spielt dieser dabei dennoch eine entscheidende Rolle (North und Thomas 1970, S. 7–9), denn „we pay government to establish and enforce property rights“ (North und Thomas 1973a, S. 6). Allerdings werden Innovationen erst ausgeführt, wenn der Nutzen effizienter Institutionen und Eigentumsrechte deren Kosten übersteigt (North und Thomas 1973a, S. 7). Der Druck nach spezifischen Eigentumsrechten entsteht dabei aber nur, wenn Ressourcen relativ zu ihrer Nachfrage geringer werden (North und Thomas 1973a, S. 19; Oesterdiekhoff 2007, S. 280). Für North ist in Abgrenzung zur bestehenden Theorie der Institutionen deshalb klar: „[I]nstitutions change because prices change“ (Dugger 1995, S. 455).

3.2 Der erste malthusianische Zyklus

In einem ersten Schritt stellen North und Thomas die Entwicklung Europas mit Hilfe zweier Zyklen vor. Diese malthusianischen Zyklen erstrecken sich von 900 bis 1700. Der erste Zyklus führt Gutsherren sowie Feudalismus als damals effizienteste Organisationsform ein. Sie bildet den Ausgangspunkt und ist zunächst von ungeschriebenen Gewohnheitsrechten geprägt (North und Thomas 1973a, S. 9–11). Da Grund und Boden nicht knapp sowie durch das Gewohnheitsrecht reglementiert waren, lag der Anpassungsdruck auf Arbeitskraft und Schutz.

Wiederkehrende Angriffe machen den befestigten Ort zum Lebensmittelpunkt. Strukturen dafür bietet der Feudalismus, welcher als Steuerungssystem verstanden werden kann, wo Sicherheit im Austausch für Arbeitskraft angeboten wird. Die Arbeitskraft war damit wichtiger als Land, da ein Warenaustausch, auf Grund der noch fehlenden Märkte und Preise, nur eingeschränkt möglich war. So definiert insbesondere die Nichtexistenz von Märkten das Überleben der feudalen Wirtschaftsform (North und Thomas 1973a, S. 19–24, 26–32).

Steigender Lebensstandard und Sicherheit führen zu Bevölkerungswachstum. Dieser bringt das existierende System an seine Grenzen. Mit der Überbevölkerung bestehender Siedlungen beginnt deshalb ein Auszug in unbewohntes Land (North und Thomas 1973a, S. 11, 35–38). Bevölkerungswachstum und die damit verbundene Kolonisierung führen zu einer größeren Variation in der Faktorausstattung, welche es, im Sinne des entstehenden Handels, vorteilhaft machten, den Schutz der Eigentumsrechte auszudehnen. Vor allem die Ausbreitung von Handel, in Verbindung zur Einführung des Geldes als Zahlungsmittel, verändert die ersten Grundkonditionen des bis dato effizienten feudalen Wirtschaftssystems.

So führt das Einsetzen von Handel im 11. Jahrhundert nicht nur zum Wachstum von Städten, sondern auch zur Entwicklung neuer institutioneller Arrangements. Diese bedeuten zum Teil auch größere Flexibilität, da Geldmittel erstmalig den Arbeitsdienst ersetzen konnten. Nachdem bislang eine Tauschvereinbarung sowohl Fürst als auch Untertan mit den gewünschten Gütern zu niedrigsten Kosten ausgestattet hatte, ermöglichen jetzt erste Märkte eine Preisbildung (North und Thomas 1973a, S. 12, 22, 38–41).

Mit Entstehung der Märkte werden zudem neue Technologien eingesetzt, um den wichtigen Ackerbau weiter zu unterstützen. Da das bis dato existierende institutionelle Rahmenwerk – ausgenommen der Bereich für neue Waffentechniken – allerdings noch keine Erfindertätigkeit fördert, war auch hier schnell ein Endpunkt erreicht. Es lassen sich durch das weiter anhaltende Bevölkerungswachstum deshalb nur wenige positive Effekte erkennen, weshalb man zum Ende des 12. Jahrhunderts danach strebt, Produktivitätsgewinne außerhalb der Landwirtschaft zu suchen (North und Thomas 1973a, S. 41–50).

Es werden Versuche unternommen, sekundäre institutionelle Arrangements zu entwickeln, um den sinkenden Erträgen des Ackerbaus zu begegnen und die Einnahmen aus dem sich ausbreitenden Handel auszunutzen. Versicherungen und Verträge im Seehandel sowie der Aufbau von Geldinstituten spiegeln die Nachfrage nach Sicherheit und Kapital. Auch entwickelte Mechanismen zur Finanztransaktion über weite Strecken verringerten die im Handel anfallenden Transaktionskosten massiv. So stellen die wachsenden überregionalen Märkte erstmalig Preisinformationen zur Verfügung, reduzieren die kostenintensive Suche nach Marktinformationen und tragen zur Ausbildung von Kreditmechanismen bei. Obwohl der Ackerbau weiter der wichtigste Sektor war, konnte man also durch die Ausbreitung der Märkte steigende Erträge durch Spezialisierung erreichen, wovon insbesondere das Handwerk der Städte profitierte (North und Thomas 1973a, S. 53–64).

Im 13. Jahrhundert setzen schließlich erste Wertanpassungen ein. Da die Bevölkerung weiter wächst, wird das verfügbare Land immer weniger. Boden musste stärker bearbeitet werden oder die Bauern auf weniger fruchtbares Land ausweichen. In beiden Fällen wandelt sich der Wert von Land und Arbeitskraft, was Auswirkungen auf vorhandene Verträge, aber auch auf das existierende institutionelle Arrangement bereithält. Der Wert der Arbeitskraft ist gesunken, da sich die Produktivität verringert. Es konnte weniger produziert werden als früher, was die Verhandlungsmacht des Untertanen beschneidet. Folglich konnte der Fürst die Vereinbarungen nun zu seinen Gunsten anpassen. Das zweite Ergebnis sinkender Erträge der Arbeitskraft war die damit verbundene Landverknappung. Statt der feudalen Anbindung von Arbeitskräften versprechen Eigentumsrechte an Land damit erstmalig größere Erträge. Landverknappung und Arbeitskräfteüberschuss zusammen führen dann schlussendlich auch zu einer Wertanpassung produzierter Güter (North und Thomas 1973a, S. 12–15, 22–23, 46–51).

Märkte, Bevölkerungswachstum und die Geldwirtschaft bringen die feudale Ordnung dabei immer stärker in Bedrängnis. Vor allem die Absicherung privater Eigentumsrechte an Gütern beim Handel auf lange Distanzen wird zur Triebfeder größerer politischer Einheiten. Dadurch kann man die Entwicklung erster Nationalstaaten wie England, Spanien, Frankreich und die Niederlanden erkennen, wenngleich die strukturelle Ausprägung von Beginn an unterschiedlich war. Entwickeln sich Frankreich und Spanien zu absolutistischen Monarchien, so bringen repräsentative Versammlungen ihr Gewicht in England und den Niederlanden ein. Mit dem Anstieg der Funktionen nationaler Regierungen steigen aber auch deren Kosten. Daher stoßen Einnahmen aus dem feudalen Tauscharrangement, wie das System selbst, an ihre Grenzen. Aus diesem Grund findet man bereits Steuern, Zölle ausländischer Kaufleute oder Gebühren für Monopole und Privilegien (North und Thomas 1973a, S. 64–69, 80–86, 95).

Bevölkerungswachstum und fortschreitende Landverknappung führen demnach ab 1200 zum Eintreten der angesprochenen malthusianischen Plagen. Zwar erreichten die neuen sekundären institutionellen Strukturen, ausgebildet durch den entstehenden Handel sowie größere Exklusivrechte an Ackerland, Produktivitätszuwächse. Der Output konnte dem Bevölkerungswachstum allerdings nie entkommen (North und Thomas 1973a, S. 69–70). Das Absinken des realen Einkommens sowie eine Verteuerung der Nahrung führen deshalb zum Absinken des Lebensstandards. Ländliche Regionen werden stärker getroffen als die neuen Handelszentren, wenngleich auch der überregionale Handel Einbußen hinnehmen muss. Da sich bei gleichbleibendem Bevölkerungswachstum der Output im Landwirtschaftssektor weiter verringert, sieht man sich nun mit Hungersnöten und Krankheiten konfrontiert. Die Pest sorgt für eine Verringerung der Bevölkerungszahlen. Boden wurde damit wieder verfügbar und der Wert der Arbeitskraft stieg, was sich folglich auch in steigenden Reallöhnen niederschlug (North und Thomas 1973a, S. 12–13, 86).

Mit Hintergrund der weiter geltenden institutionellen Arrangements sowie deren Anpassungen treten erneut Preisveränderungen zu Tage. Der Wert des Landes nimmt ab, dagegen nimmt der Wert der Arbeitskraft zu (North und Thomas 1973a, S. 76–79). Wo eine zentralisierte politische Einheit fehlt, können Arbeiter und Bauern nun von einer wachsenden Verhandlungsmacht profitieren. Sie bekommen größere Exklusivität an Grund und Boden, weshalb Fürst und Untertan dort zu Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Großgrundbesitzer und Pächter werden. Da auch der Handel von der neuen Situation geprägt wird, sieht man sich einer begrenzten Wiederbelebung der Selbstversorgung auf Kosten der Spezialisierung gegenüber. Wettbewerbsbarrieren, wie Gilden und Monopole, werden deshalb verstärkt eingesetzt, um Märkte zu schützen (North und Thomas 1973a, S. 13, 23–24, 59–64, 88).

3.3 Der zweite malthusianische Zyklus

Zum Ende des 15. Jahrhunderts, am Startpunkt des zweiten malthusianischen Zyklus, setzt eine Erholung der Bevölkerungszahlen ein, worauf eine Wiederbelebung der Märkte sowie eine Ausdehnung des Handels über die Grenzen Kontinentaleuropas erfolgt. Neue Technologien in Schifffahrt sowie Navigation ermöglichen Zugewinne im Handel, und die neue Welt bietet der wachsenden Bevölkerung Platz. Der erneute Bevölkerungszuwachs führt zum endgültigen Zusammenbruch des Feudalismus, aber auch zum Druck auf Ressourcen. Wie schon im 13. Jahrhundert steigen deshalb erneut Preise für landwirtschaftliche Produkte, und reale Löhne nehmen ab (North und Thomas 1973a, S. 86–89, 103–109).

Dennoch existiert nun eine andere Ausgangssituation, da institutionelle Anpassungen des ersten malthusianischen Zyklus trotz des defensiven Verhaltens beibehalten werden konnten. Durch den vorhandenen institutionellen Vorsprung entstehen Rahmenwerke im Bereich der Eigentumsrechte, welche dem Druck auf Ressourcen nun erstmalig begegnen konnten. Auch der Handel dehnte sich im 16. Jahrhundert weiter aus und entwickelte sich zu einer regulären Einrichtung, um Hungersnöte und Dürren in anderen Gebieten zu begegnen. Der wachsende überregionale und internationale Markt unterstützt weiterhin durch Güter aus der neuen Welt und sorgt für die Etablierung neuer Institutionen, wie zum Beispiel Anteilsoder Aktiengesellschaften. Auch der Austausch immaterieller Werte und der effizientere Schutz von Eigentumsrechten wurden vorangetrieben (North und Thomas 1973a, S. 13–18, 109–113).

Mit dem Zusammenbruch des Feudalismus tritt der Nationalstaat – gleich einer neuen Konstante – endgültig an dessen Stelle. Steuern werden zur Überlebensgrundlage der Staaten, Handel musste gefördert werden. Im Verständnis eines institutionellen Arrangements, welches Schutz und Gerechtigkeit verkauft, monopolisiert der Nationalstaat die Durchsetzung von Eigentumsrechten, im Gegenzug erhält er dafür Steuern. Die Natur des Staates sowie die Kontrollen, welche den Monarchen auferlegt waren, beeinflussen aber die Institutionen des jeweiligen Landes und damit auch das jeweilige Wachstum. In England übernimmt ein Parlament die Kontrolle der Besteuerung. In Frankreich und Spanien dagegen führen die Ereignisse des 15. Jahrhunderts zu Zugeständnissen an den Monarchen, was Monopole ermöglicht und Innovation erstickt (North und Thomas 1973a, S. 17– 18, 86–89, 97–100).

Der Wohlstand wird immer mehr dadurch bestimmt, ob effiziente Märkte das Absinken der Produktivität im Landwirtschaftssektor verhindern können. Allerdings wird Westeuropa durch den Anstieg der Bevölkerung mit Beginn des 17. Jahrhunderts erneut durch malthusianische Plagen geschwächt. Hungersnöte und Krankheiten beeinflussen noch einmal die Nationalstaaten. Dennoch sorgen die geänderten Grundvoraussetzungen des 15. Jahrhunderts dafür, dass England weniger unter der Bevölkerungsabnahme leiden musste als Spanien. Ausschlaggebend dafür war die Effizienz der ökonomischen Organisation. Waren die Wirtschaften im 13. und 14. Jahrhundert noch alle gleich organisiert und deshalb gleich betroffen, zeichnen sich nun unterschiedliche Institutionen und Eigentumsrechte innerhalb der Nationalstaaten ab. So realisierten die Niederlande und England zum ersten Mal, trotz wachsender Bevölkerung, einen steigenden Lebensstandard (North und Thomas 1973a, S. 113–119).

Wirft man einen Blick auf die unterschiedliche Ausgestaltung der Wirtschaft, samt Sicherung der Eigentumsrechte, sorgt in Frankreich die Bedrohung durch England dafür, dass der Monarch das Sicherheitsmonopol übertragen bekam. Dies hilft, die Kompetenz zur Besteuerung bis 1439 vollständig an sich zu binden. Durch die daraus resultierende Vergabe von Monopolen unternimmt der französische Staat jedoch jeden Schritt, die Ausbreitung eines effizienten Marktes zu verhindern. So wurde nicht nur die Mobilität der Arbeitskräfte gehemmt, sondern auch die Kapitalmobilität und der Innovationsprozess verlangsamt. Auch in Spanien gibt ein Parlament seine Kontrolle über das Steuersystem ab. Die Bevorzugung der Schäfer verhindert eine Entwicklung anreizstiftenden Eigentums an Land. Feste Pacht sowie die Festlegung des Weizenpreises sorgen zudem für Landflucht und Hungersnöte. Die spanische Fehlentwicklung zeigt sich damit als Ergebnis unsicherer Eigentumsrechte, staatlich begrenzter Märkte und fehlender Anreize (North und Thomas 1973a, S. 120–131).

In den Niederlanden wurde im Jahr 1463 dagegen eine Staatsversammlung in Form eines repräsentativen Organs ins Leben gerufen, welche Gesetze verabschiedet sowie die Steuerhoheit besitzt. Die vorherrschende Grundidee war, Handel zu kreieren, welcher zum Wachstum beiträgt und damit auch zum Wohl des Monarchen. Die Erleichterung von Finanztransaktionen, staatlich gesichertes Bankwesen sowie die Entwicklung eines effizienten Kapitalmarktes sind deshalb nur wenige Beispiele dieser Politik (North und Thomas 1973a, S. 84–86, 132–145). Auch in England wurde das Parlament zu einer etablierten Größe (North und Thomas 1973a, S. 83–84). Dem Abschwung des 16. Jahrhunderts konnte man schließlich durch Reduzierung von Transaktionskosten entgehen. Die damit günstige Nutzung der Märkte ermutigt Produktivitätszuwächse und unterstützt die Bevölkerung durch einen steigenden Lebensstandard. Ein Patentrecht fördert Innovation. Aktiengesellschaften, Versicherungen und das Bankwesen senkten die Transaktionskosten weiter, was zusätzliche Profite ermöglichte (North und Thomas 1973a, S. 146–156). Beide Länder profitieren so von nachhaltigem Wachstum. Damit schafft der Rahmen für Eigentumsrechte sowie die entstehenden Arrangements die Grundlage, den privaten Nutzen nahe den gesellschaftlichen Nutzen zu bringen, was zu Innovationstätigkeit führt. Anreize für die Erfindertätigkeit der Industriellen Revolution waren damit vorbereitet und konnten sich mittels Adaption über den Rest der westlichen Welt ausdehnen (North und Thomas 1973a, S. 18).

3.4 Die Folgerungen

Auf der Suche nach einer besseren Aufarbeitung des institutionellen Ansatzes unternimmt North allerdings später noch eine Feinjustierung. Er stellt die Ausbildung der Eigentumsrechte als dritten Schritt in eine Reihe von Entwicklungen seit Aufkommen der Naturwissenschaften und ergänzt seine Überlegungen zum Aufstieg der westlichen Welt um kognitive Implikationen (Beckmann und Pejic-Pilkowski 2009, S. 225), da er das Effizienzpostulat in Frage stellt (North 1990, S. 7). Diese Feinjustierung ermöglicht einen umfassenderen Blick auf die Staatstätigkeit, welche auch einer Pfadabhängigkeit unterworfen ist (Libecap 1990, S. 10; Döring 2009, S. 152). Für North entsteht Wachstum, wenn institutioneller Anreiz Produktivitätssteigerungen erlaubt. Da Fehlentwicklungen nun zahlreicher sind als Erfolge, müssen Aufschwung und Niedergang deshalb spezifische Denkmuster reflektieren (North 1998, S. 21). Diese spielen für North eine herausragende Rolle in der Stabilität westlicher Demokratien, regeln das Verhalten des Staates und beeinflussen Institutionen (North 1983, S. 164; Bruce und von Staden 2013, S. 16): „[T]o ignore this dimension would be to limit our understanding of long-run institutional change“ (Zouboulakis 2005, S. 142).

Der Erfolg der chinesischen Wirtschaft wird für North beispielsweise durch einen zentralisierten Staat und den damit verbundenen Willen eines Kaisers beschnitten. Krisen und ideologische Ansichten schädigen die Anreizstruktur. Ähnlich verhält es sich für ihn in Indien oder der islamischen Welt. Auch hier werden Entwicklungen, trotz eines anreizstiftenden Rahmenwerks, nicht fortgeführt: „As in the case of China there were specific historical periods when a Moslem ruler fostered trade and commerce but others when the state exercised arbitrary control over property rights and practiced confiscation“ (North 1993, S. 10). Den Antrieb dieser Entwicklungen glaubt North in den Entscheidungsgrundlagen der Herrscher zu erkennen: „The belief structure that guided such decisions – and still does – is a hodgepodge of theories, dogmas, and ideological preconceptions“ (North 1993, S. 11).

So treten schon bei den Kontrahenten der westlichen Welt immer wieder hemmende Glaubensansätze zu Tage. Da sich diese für North hauptsächlich aus religiösen Gegebenheiten bilden, entwickeln nicht nur bereits bestehende Institutionen Pfadabhängigkeiten, denen ein Herrscher folgen muss, sondern auch Ideologien und Denkmuster. Dabei dürfe man allerdings nicht spezifische religiöse Normen betrachten, sondern müsse das Augenmerk auf ihre jeweilige Adaptionsfähigkeit richten. In diesem Sinne bietet der christliche Ansatz im mittelalterlichen Europa den Nährboden für Lerneffekte. Zusätzlich schaffen der geographische, ökonomische sowie institutionelle Kontext eines jeden Staates Erfahrungen, um spezifische Anpassungen vorzunehmen (North 1993, S. 11, 1998, S. 20–24).

Dies lässt sich auch an der Entwicklung der eingeführten Nationen zeigen, wo die vorher dargelegten geographischen, wirtschaftlichen aber auch institutionellen Grundlagen weiter ihre Gültigkeit besitzen. Zusätzlich zu diesen Faktoren wird Westeuropa durch die gemeinsame Glaubensstruktur des Christentums geprägt, welche sich allerdings in Europa unterschiedlich entwickelte. In den Niederlanden und England erfolgt die Ausbildung einer Glaubensstruktur, welche eine starke Bindung zur modernen Freiheitswahrnehmung und Selbstbestimmung besitzt. Im Gegensatz dazu führen die Erfahrungen in Spanien zu einer konservativen Ausrichtung und damit auch defensiver Wirtschaftsaktivität. Lerneffekte wurden damit eher selten in den konservativ geprägten Nationen sichtbar, sondern führen lediglich in den Niederlanden und England zur bereits dargestellten Adaption in Wirtschaft und Politik, welche für North und Thomas die Grundlage der westlichen Vorherrschaft legt (North 1998, S. 28).

Das Ergebnis der sinnstiftenden Suche aus dem Jahr 1973 lässt sich damit folgendermaßen erweitern: Die Dominanz der westlichen Welt resultiert für North und Thomas nicht nur aus der institutionellen Anpassungsfähigkeit sowie der anreizstiftenden Eigentumsstruktur, welche sozialproduktives Verhalten und Innovationen in repräsentativ geprägten politischen Einheiten fördert, sondern auch aus Lerneffekten, die durch den christlichen Glaubenskern ermöglicht wurden.

  • [1] Der malthusianische Ansatz entspricht einem Zyklus und fußt zunächst auf steigenden Lebensstandards samt Bevölkerungswachstum, was bei gegebenen Ressourcen zu einem Absinken des Lebensstandards und damit auch zur Abnahme der Bevölkerungszahlen führt (Pies 2009, S. 7). Siehe dazu auch Esser (1993), S. 291−298.
 
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