Rezeption und Kritik

„Our models will always be underspecified. Yet at the same time, we do better

– much better – than the casual storytelling which characterizes much historical writing“ (North und Thomas 1975, S. 19). Auf diese Weise stellen sich die beiden Autoren bereits 1975 der aufkommenden Kritik. Mit ihrer Analyse möchten sie sowohl Geschichtsschreibung als auch Theoriebildung betreiben (Pies 2009, S. 5). Ihnen ist bewusst, dass sie sich an ihren Aussagen messen lassen müssen, und erkennen frühzeitig, dass eine Ausdifferenzierung, mit Hilfe der Betrachtung von Verhaltensweisen, nützlich sein könnte (North und Thomas 1973b, S. 293–294).

Betrachtet man zunächst die Analysemethoden, stößt die grundlegende Einteilung in malthusianische Zyklen bei einigen Autoren nicht auf Gegenliebe und stellt daraus entstehende Fehlschlüsse deshalb in den Fokus. So hatte für Van der Wee auch die institutionelle Organisation der politischen Einheiten ihren spezifischen Einfluss auf Verlauf und Dauer malthusianischer Plagen (Van der Wee 1975, S. 239). Außerdem sieht Field die damit einhergehende Aussage widersprüchlich, dass der Zusammenbruch des Feudalismus sowohl durch Bevölkerungswachstum aber auch -abnahme gekennzeichnet sei (Field 1981, S. 190). Einen ähnlichen Ansatz vertreten Kimmel und Goldfrank mit der für sie inkonsistenten Darstellung des Staates. So beschreiben North und Thomas den Staat zunächst als bloßen Rahmengeber ohne eigene Interessen, obwohl sie später Fehlentwicklungen auf den jeweiligen Monarchen zurückführen (Kimmel und Goldfrank 1977, S. 704). Die Autoren Gregory Clark, James Z. Lee und Julian L. Simon stellen die Anwendung der malthusianischen Kreisläufe schließlich sogar völlig in Frage (Coelho 2001).

Neben der Ausrichtung an den malthusianischen Zyklen präsentiert sich aber auch die historische Fundierung der Argumentationslinie in kritischem Licht. Obwohl jeder Betrachter der Zeitspanne in seiner Quellenlage eingeschränkt ist, erscheint die vorhandene historische Beweisführung für einige Kritiker wenig überzeugend. Mit nur einem Referenzautor entsteht nicht nur Widerspruch durch die Darstellung der französischen und englischen Entwicklung, sondern auch durch die scheinbar ungenaue Trennung zwischen Manorialismus und Feudalismus (Coelho 2001; Oesterdiekhoff 2007, S. 293; Knauerhase 1974, S. 1054). Für Rostow ist aus diesem Grund insbesondere die Fehlentwicklung Frankreichs zu vereinfacht dargestellt. Er verweist auf nicht beachtete Leistungen im sozialen Bereich und einen fehlenden historischen Zusammenhang zwischen der richtig erkannten Handelsrevolution und der später erfolgenden Industriellen Revolution (Rostow 1974, S. 494–496).

Ohne die schon immer vorhandene Innovationstätigkeit anzuerkennen, würden North und Thomas lediglich Gegebenheiten voraussetzen: „In simplest economic terms, North and Thomas assume that an elastic supply curve of inventors was always there; but the demand curve confronting them (representing the private rate of return over costs for inventions) was too low and too far to the left to yield a significant flow of inventions“ (Rostow 1974, S. 496). Sieht Stefano Fenoaltea die angebotene Sicherheit nicht als öffentliches Gut (Field 1981, S. 177), widerlegen Belege für Oesterdiekhoff außerdem den negativen Einfluss der Mesta in Spanien oder der Zünfte (Oesterdiekhoff 2007, S. 291–292). Die Vorbehalte richten sich auch gegen die nachträgliche Ökonomisierung historischer Verhältnisse, die im Mittelalter als gottgewollte Ordnung anerkannt waren (Leipold 2009, S. 263–264). Lee Shneidman fasst dies in völliger Ablehnung zusammen: „It is, however, poor economic history and terrible history“ (Shneidman 2010, S. 38).

Mit der Erweiterung seiner Vorgehensweise um die kognitive Ebene begegnet North schließlich der Kritik an einer statischen Analyse. So beanstandet Van der Wee noch vor der Feinjustierung der Überlegungen, dass es nur eine festgelegte Anzahl von realitätsfremden institutionellen Arrangements geben würde. Er verweist in diesem Zusammenhang auf fehlende soziale, kulturelle und religiöse Aspekte, die für Knauerhase gar den Schritt von einer nützlichen hin zur richtungsweisenden Antwort auf die Frage nach dem Aufstieg der westlichen Welt ermöglichen würden (Van der Wee 1975, S. 238–239; Knauerhase 1974, S. 1054). Auch Taylor unterstützt den Ausschluss von Denkmustern nicht, wenngleich die Annahme des Homo oeconomicus zugleich notwendig erscheint (Taylor 1975, S. 181–184; Zouboulakis 2005, S. 140). So bietet North mit seiner Erweiterung ein Rahmenwerk, das lang anhaltende Entwicklungen umfassend beschreibt und damit auch vielseitige Zustimmung erfährt (Myhrman und Weingast 1994, S. 193). Nicht nur für Zouboulakis ergänzt dieses Konzept deshalb die vorhandene Vorstellung des rational denkenden Individuums sinnvoll, wenngleich es weiterhin Beiwerk bleibt. Auch Schmid hebt diesen Paradigmenwechsel hervor (Zouboulakis 2005,

S. 140–141; Schmid 2009, S. 99–100). Da sich North allerdings nicht systematisch mit den verschiedenen religiösen und kulturellen Faktoren auseinandersetzt, wird nicht klar, welcher letztlich der wichtigere Ansatz ist – die ökonomische Fundierung oder dessen kognitive Erweiterung (Döring 2009, S. 179; Leipold 2009, S. 267).

Zahlreiche Autoren sehen die Arbeit von North und Thomas zudem schon immer als hervorragende Verbindung von Wirtschaftstheorie und Geschichte. Das Bemühen, diese Verbindung aufund auszubauen, kennzeichnet auch die nachfolgende Forschung. Mit der ständigen Suche nach der besseren methodischen Fundierung erscheint die Verknüpfung aber als immer noch nicht abgeschlossen (Leipold 2009, S. 261). Die Analysemethode selbst räumt für Davis mit der traditionellen Betrachtung von bloßer Wirtschaftsgesetzgebung auf. Auch die Wiedereinführung des politischen Einflusses in die Diskussion der Wirtschaftsgeschichte wird anerkannt. So schaffen es die beiden Autoren, einen wahren Perspektivwechsel einzuleiten, indem bislang unbeachtete Variablen in den Mittelpunkt der Entwicklung gestellt werden (Field 1981, S. 177; Taylor 1975, S. 182; Davis 1975, S. 150–151).

Wendet man sich den Erkenntnissen von North und Thomas zu, findet sich auch hier weitreichende Kritik. So wird beispielsweise Eigentumsrechten und Institutionen häufig ein weitaus geringerer Stellenwert zugerechnet (Oesterdiekhoff 2007, S. 282, 298). Zusätzlich ergeben sich auch wenige wirtschaftliche Fehlschlüsse aus der fehlenden Erklärung des initialen Wechsels von Arbeitsdienst auf Bezahlung. Auch die Feststellung, dass sinkende Erträge nur auf dem Land existieren, lässt sich für Coelho (2001) mit den eigentlichen Effekten realer Löhne nicht aufrechterhalten.

Diametral entgegengesetzte Auffassungen finden sich weiterhin in der Abgrenzung zu bisherigen Arbeiten. Für Kimmel und Goldfrank sind die innovativen Erkenntnisse lediglich eine Übersetzung klassischer soziologischer Theorie in wirtschaftliche Sprache, die auf Erkenntnissen von Marx, Weber und Durkheim basiert (Kimmel und Goldfrank 1977, S. 704). Andere loben dagegen explizit das Aufgreifen dieser Ansätze und die damit verbundene ökonomische Präzisierung (Beckmann und Pejic-Pulkowski 2009, S. 210). Auch Van der Wee erkennt Gemeinsamkeiten zu Marx, denn auch er sieht institutionellen Wandel als Grundlage des Wachstums sowie externe Faktoren als Auslöser (Van der Wee 1975, S. 238). Doch genau dieser Punkt führt wiederum zu Abgrenzung, da North und Thomas, im Gegensatz zu Adam Smith und Karl Marx, die Rolle des Staates neu definieren (Davis 1975, S. 151; Maurer 2009, S. 249). Für Checkland (1975, S. 197) setzen sie damit bislang wenig beachtete Entwicklungen in einen sinnvollen Kausalzusammenhang. So setzt auch neuere Forschung an diesen Erkenntnissen an.

Beispielsweise verweisen Acemoğlu und seine Mitautoren auf die richtungsweisende Analyse. Wichtig sind für sie insbesondere die Notwendigkeit gesicherter Eigentumsrechte sowie repräsentative Versammlungen. Neu ist die Betonung einer nutzbringenden Nähe zum atlantischen Handel (Acemoglu et al. 2005, S. 546– 562). In einer späteren Publikation entwickelt er ein Konzept inklusiver Institutionen, die über Aufstieg und Niedergang von Nationen entscheiden können (Hacke 2013, S. 40; Acemoglu und Robinson 2012).

So ist die Darstellung des Aufstiegs der westlichen Welt aus wirtschaftshistorischer Sicht nicht nur durch die Worte von Coelho „a landmark book on the impact of property rights on European economic development“ (Coelho 2001). Es spiegelt die von den Autoren vorgesehene Zielsetzung, schafft eine Verbindung aus Wirtschaftstheorie sowie Geschichte und ermöglicht neue Denkanstöße für weiterführende Forschung. Trotz berechtigter Kritik besitzen die Überlegungen dennoch sowohl historischen Erklärungsgehalt im Hinblick auf den Aufstieg und das wirtschaftliche Wachstum Westeuropas, als auch das Potential zur theoretischen Weiterentwicklung vorhandener wirtschaftshistorischen Perspektiven hin zu einer institutionenund eigentumsrechtsfokussierten Betrachtungsweise.

Die Erkenntnisse der beiden Autoren sind so auch heute noch anwendbar: Nicht zuletzt stehen wirtschaftspolitische Entscheidungen auf europäischer Ebene weiterhin auch im Zusammenhang mit der richtigen Ausgestaltung von Institutionen zum Schutz von Eigentumsrechten (Handelsblatt 2015). Denn obwohl derartige Strukturen sowohl positiv als auch negativ auf Innovationstätigkeit wirken können (Crampes und Langinier 2009), fördert die Durchsetzung von Eigentumsrechten Technologietransfers, bei denen der Profit für den Erfinder gesichert ist und Wachstum entsteht (Dinopoulos und Segersttrom 2010; Falvey et al. 2006). Zudem zeigen aktuelle Studien, dass derartige Strukturen weiterhin stark von kulturellen Werten abhängen und demokratisch verfasste Systeme dadurch indirekt einen positiven Einfluss auf Wachstum ausüben können, wie es North und Thomas bereits mit den repräsentativen Versammlungen in England und den Niederlanden zeigen (Garmon 2002; Knutsen 2012; Leblang 1996; Przeworski und Limongi 1993).

 
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