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2 Profile der Gesamtwerke

Die gleichen Einschränkungen, die für die biographische Skizze gelten, sind auch an die Annäherung an das Oeuvre von Acemoğlu und Robinson anzulegen; jede Evaluation ihres Gesamtwerks kann im Kontext der Aktualität ihres Schaffens nur eine Momentaufnahme darstellen. Im Rahmen dieses Kapitels soll kursorisch das Frühwerk beider Autoren beleuchtet werden, um schließlich ihre gemeinsamen Ausarbeitungen[1] über die Ursprünge staatlichen Aufstiegs und Falls, die sowohl das empirische Fundament des zu diskutierenden Werkes als auch den Schwerpunkt ihres wissenschaftlichen Schaffens bilden, chronologisch nachzuzeichnen. Schlussendlich sollen ihre individuellen Forschungsprojekte kurz vorgestellt werden.

Acemoğlus frühe Literatur, die er primär in der Form von Aufsätzen publizierte, ist – auch wenn sie die Wirtschaftswissenschaften noch kaum transzendiert – thematisch doch äußerst divers und zeichnet sich auf einer inhaltlichen Ebene durch die Synthese makround mikroökonomischer Konzepte aus; dieser hybride Ansatz war es auch, der maßgeblich zu seinem wissenschaftlichen Durchbruch beitrug (Willson 2010, S. 3). Trotz der thematischen Heterogenität lassen sich jedoch einige Schwerpunkte identifizieren: So evaluiert Acemoğlu beispielsweise das Phänomen der Arbeitslosigkeit im Kontext von Informationsasymmetrie (Acemoğlu 1995), Einkommensungleichheit (Acemoğlu 1999) und Kreditmärkten (Acemoğlu 2001) oder analysiert gemeinsam mit dem Ökonomen Steve Pischke die Rolle von beruflicher Ausund Weiterbildung (Acemoğlu 1997; Acemoğlu und Pischke 1998, 1999).

Das Profil von Robinsons Frühwerk präsentiert sich ähnlich vielfältig, wenn auch hier sich bereits ein größerer Fokus auf die politische Ökonomie abzeichnet. Primär im Rahmen von Zeitschriftenaufsätzen sowie Beiträgen in Sammelbänden untersucht Robinson die Interdependenzen zwischen soziopolitischer Instabilität, externen Schocks und institutionellem Wandel (Robinson und Campos 1999), die langfristigen Konsequenzen von Bevölkerungswachstum (Robinson 1997) sowie die Zusammenhänge zwischen Arbeitnehmerverhandlungsmacht und Wachstum (Robinson 1996).

Das erste Treffen beider Ökonomen bei einer Diskussion der LSE wird von Acemoğlu als „transformative moment“ (Willson 2010, S. 3) charakterisiert und markiert den Beginn einer Zusammenarbeit, die 2001 in der Veröffentlichung des Aufsatzes The Colonial Origins of Comparative Development: An Empirical Investigation kulminiert, in dessen Rahmen ihr zentrales Erklärungsmodell über die Entwicklungspfade politischer Gemeinwesen erstmals vorgestellt wird. Am Beispiel der ehemaligen europäischen Kolonien argumentieren sie, dass das von den Kolonialmächten präferierte ökonomische Erschließungsmodell – die großflächige Ansiedlung europäischer Auswanderer oder die Extraktion lokaler Ressourcen durch indigene (Zwangs-)Arbeit, unter Aufsicht einer kleinen, aber professionalisierten Kolonialadministration – auch heute noch die institutionellen Arrangements und die Performanz beeinflusst. In neoeuropäischen Kolonien wie Australien oder Neuseeland seien die Siedler in der Lage gewesen, ihre Präferenzen für Eigentumsrechte und checks and balances durchzusetzen, während Kolonien ohne eine größere europäische Population, wie etwa Belgisch-Kongo, von einem weitaus höheren Maß an politischer Repression und fehlenden Möglichkeiten politischer Partizipation für die Ureinwohner geprägt waren (Acemoğlu et al. 2001, S. 1370). Der Nachweis ihrer These erfolgt über eine Regressionsanalyse, bei der jedoch Mortalitätsraten der Siedler als Substitut für die historischen Institutionen fungieren. Diese Herangehensweise wurde gewählt, da die Todesrate zwar mit den historischen Siedlungsmustern korreliert – Regionen mit besonders virulenten Krankheitserregern etablierten sich nie als Siedlerkolonien, da das Risiko der breiten Öffentlichkeit bekannt war – aber keine direkte Wechselbeziehung zum heutigen Bruttoinlandsprodukt der jeweiligen Staaten identifiziert werden kann (Acemoğlu et al. 2001, S. 1370–1373). Schlussendlich kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Siedlermortalität 27 % der institutionellen Unterschiede erklärt, während Kontrollvariablen, wie etwa die Entfernung zum Äquator oder die religiöse Zusammensetzung der Population, keinen signifikanten Effekt aufweisen (Acemoğlu et al. 2001, S. 1372, 1374). Trotz Kritik an der Validität der zugrundeliegenden Daten (Albouy 2012, S. 3060) und der fehlenden Reflexion des kontinuierlich beobachtbaren Einflusses von Krankheitserregern erfuhr das theoretische Modell eine sehr positive Rezeption. 2002 erfolgte eine Erweiterung der zentralen Thesen, bei der vor allem die nationalen Entwicklungspfade im Hinblick auf ihr Potenzial für ökonomisches Wachstum und Industrialisierung im Vordergrund standen (Acemoğlu et al. 2002, S. 1278 f.).

In den folgenden Jahren erarbeiteten Acemoğlu und Robinson weitere zentrale Konzepte und publizierten Länderstudien, die das Fundament für das zu diskutierende Werk bilden sollten, an dieser Stelle aber nur selektiv und kursorisch zu skizzieren sind. 2005 veröffentlichten sie den Aufsatz The Rise of Europe: Atlantic

Trade, Institutional Change and Economic Growth, in dem sie dem Aufschwung europäischer Nationen wie Großbritanniens im Zuge des Atlantikhandels als indirekte Konsequenz neuer ökonomischer Märkte identifizieren: Nicht das Extraktionspotenzial Amerikas und Asiens sei ursächlich für die britische Blütezeit gewesen, vielmehr habe diese Ausgangslage das Machtpotenzial der gewerbetreibenden Schichten gestärkt und so eine Pluralisierung des politischen Systems und seiner Institutionen eingeleitet (Acemoğlu et al. 2005, S. 550, 563–566).

2006 folgte die Monographie Economic Origins of Dictatorship and Democracy, bei der Acemoğlu und Robinson anhand der Entwicklungspfade Großbritanniens, Argentiniens, Singapurs und Südafrikas das Gelingen und Scheitern demokratischer Transition thematisieren (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 2–14). Sie argumentieren, dass ökonomische Interessen individuelle Präferenzen determinieren. Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene resultiere dies in einer Konfliktkonstellation, in der sich eine kleine Elite, die ihre Besitzstände wahren will, und die breite Masse der Bevölkerung, die redistributive politische Forderungen artikuliere, antagonistisch gegenüber stünden (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 22–24, 27).[2]

Ursächlich für die Erfolgschancen einer demokratischen Transition sei in diesem Kontext der Grad an politischer und ökonomischer Ungleichheit: Existiere ein hohes Maß an Ungleichheit in einem Gemeinwesen, wie etwa in Südafrika, habe die Elite durch die Demokratisierung viel zu verlieren, während gleichzeitig die Kosten für eine Niederschlagung der Partizipationsforderungen gering seien; die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Demokratisierung sinke. Das gleiche Ergebnis resultiere aus einem sehr geringen Maß an Ungleichheit, wie das Beispiel Singapur zeige. Ein wohlwollender Autoritarismus, verbunden mit materiellem Wohlstand weiter Teile der Bevölkerung, produziere politische Apathie und lasse oppositionelle Reformbewegungen in der Bedeutungslosigkeit verschwinden (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 37). Erst wenn der Grad an Ungleichheit sich zwischen diesen beiden Polen befinde, sei eine Demokratisierung wahrscheinlich, da zum einen der Anreiz der Elite zur Repression sinke, während gleichzeitig innerhalb der Population eine erfolgreiche Mobilisierung möglich sei (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 37).

Zwei Sekundärfaktoren trügen des Weiteren zu den Erfolgschancen der Transition bei. Zum einen die Existenz einer Mittelklasse, die de-radikalisierend auf die Forderungen der breiten Masse wirke und Konzessionen der Elite wahrscheinlicher mache (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 38–40). Zum anderen aber auch die Wohlstandsgrundlage der Elite. Ist diese landanstelle kapitalbasiert, sei eine erfolgreiche Demokratisierung unwahrscheinlicher, da eine stärkere Besteuerung und Redistribution dieser unbeweglichen Vermögenswerte befürchtet werde (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 32 f.). Im Framework der Autoren spielen darüber hinaus Institutionen eine zentrale Rolle. Sie seien das „commitment device“ (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 177), durch welches insbesondere die Eliten ihre langfristige Akzeptanz der politischen Spielregeln signalisierten. Institutionen kanalisierten die Partizipationsforderungen der Bürger und institutionalisierten die de-facto-Macht in einem demokratischen Rahmen (Glaeser 2007, S. 180).

Auch die Rezeption dieses Werkes fiel sehr positiv aus (Drazen 2007, S. 169; Easterly 2007, S. 169 f.), und Kritik fokussierte primär auf Einzelaspekte, wie etwa die Wahrscheinlichkeit einer bottom-up Transition, die historischen Erfahrungswerten zuwiderlaufe (Boettke 2007, S. 322). In nachfolgenden Aufsätzen entwickelten Acemoğlu und Robinson ihre Thesen über die Funktionsweise von Institutionen weiter und verknüpften sie mit wirtschaftswissenschaftlichen AnreizTheorien und politikwissenschaftlichen Modellen, wie Michels Ehernem Gesetz der Oligarchie (Acemoğlu und Robinson 2010, S. 8, 22–23). In ihrer Gesamtheit bilden die hier skizzierten empirischen Analysen, sowie eine Fülle an Länderstudien, das quantitative Fundament von Why Nations Fail, das im Jahr 2012 erschienen ist.

Auf die Erforschung der Genese und Degeneration pluralistischer Institutionen entfällt ein Gros an Acemoğlu und Robinsons wissenschaftlicher Arbeit, jedoch sollen an dieser Stelle auch ihre anderen Forschungsfelder thematisiert werden. So forscht Acemoğlu weiterhin auch über primär wirtschaftswissenschaftliche Themen wie Einkommen (Acemoğlu et al. 2013a) und Steuerwesen (Acemoğlu et al. 2008, 2011); zudem publiziert er gemeinsam mit seiner Ehefrau Asuman Ozdaglar Aufsätze in ihrem Forschungsfeld, dem Elektroingenieurwesen (Acemoğlu et al. 2012, 2013b).

Robinson bleibt dagegen stärker dem oben skizzierten Themenfeld verhaftet, seine Publikationen leisten primär einen Beitrug zur Vertiefung; dies gilt insbesondere im Bereich der Länderstudien (Urrutia und Robinson 2007). Zugleich hat er aber auch als Mitherausgeber zweier Sammelbände einen Beitrag zur interdisziplinären Forschung geleistet. Gemeinsam mit Klaus Wiegandt stellt er die Frage nach der wissenschaftlichen Erforschbarkeit von Geschichte und präsentiert eine Vielzahl an Perspektiven über die Ursachen historischer Entwicklungspfade (Robinson 2008, S. 25–41). Einen ähnlichen Fokus weist ein weiterer, gemeinsam mit Jared Diamond herausgegebener Sammelband auf, der multiperspektivisch die Problematik einer komparativen wissenschaftlichen Evaluation der Geschichte erschließt (Diamond und Robinson 2010b, S. 1–6).

  • [1] Neben Acemoğlu und Robinson war auch der Ökonom Simon Johnson maßgeblich an der Entwicklung des theoretischen Frameworks beteiligt, ab 2006 tritt er jedoch nicht mehr als Coautor in Erscheinung. 2007 nahm er eine Position als Wirtschaftsberater und Direktor der Forschungsabteilung des Internationalen Währungsfonds an und fokussierte im Folgenden primär auf die Fiskalpolitik der USA und die Folgen der too big to fail-Politik (Peterson Institute for International Economics 2014).
  • [2] Dieses Standardmodell verortet Konflikte vor allem zwischen ökonomischen Klassen. Die Autoren halten jedoch auch eine Fragmentierung entlang ethnischer Identitäten für möglich (Acemoğlu und Robinson 2006, S. 109–113).
 
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