Why Nations Fail – The Origins of Power, Prosperity and Poverty

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3.1 Inklusive und extraktive Institutionen: Definition, Genese und Persistenz

Im Zentrum von Acemoğlu und Robinsons Ansatz steht die Prämisse, dass es die politischen und ökonomischen Institutionen seien, die das Entwicklungsmuster eines politischen Gemeinwesens determinierten.[1] Institutionelle Arrangements spiegelten die Struktur der politischen und ökonomischen Machtkonfiguration, die in zwei idealtypische Formen differenziert werden könne. So konstatieren Acemoğlu und Robinson:

If the distribution of power is narrow and unconstrained, then the political institutions are absolutist. […] Those who can wield this power will be able to set up economic institutions to enrich themselves and augment their power at the expense of society. In contrast, political institutions that distribute power broadly in society and subject it to constraints are pluralistic. […] political power rests with a broad coalition and plurality of groups. (Acemoğlu und Robinsons 2012b, S. 80)

Eine breite Dispersion politischer Macht schaffe sektorenübergreifend positive Anreize – etwa zur politischen Partizipation, technologischen Innovation oder Investition in die eigene Bildung – und generiere dabei ein langfristiges Wirtschaftsund Wohlstandswachstum (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 73–78). Das politische Gemeinwesen, das durch eine Reihe politischer Safeguards vor einem Capture durch Partikularinteressen geschützt werde, agiere als Garant politischer und ökonomischer Grundfreiheiten, insbesondere im Hinblick auf den Schutz von Privateigentum, die Bereitstellung von Kollektivgütern und den Zugang zu einem transparenten und funktionalen Rechtswesen (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 74 f.). Jedoch versehen Acemoğlu und Robinson ihr Argument über die positiven Effekte einer pluralistischen Machtkonfiguration mit einem entscheidenden Vorbehalt: Es genüge nicht, politische Macht gleichmäßig zu distribuieren, vielmehr müsse gleichzeitig ein gewisses Maß an Zentralisierung existieren, um dem Staat die Instrumente zur Implementierung seiner grundlegenden Kernkompetenzen übereignen zu können (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 80). Sind diese beiden Bedingungen jedoch erfüllt, so seien die politischen und ökonomischen Institutionen als inklusiv zu klassifizieren.

Antithetisch dazu stellten sich extraktive Institutionen dar, die genau nach der entgegengesetzten Logik auf der Basis von Machtakkumulation und unzureichender politischer Schutzmechanismen operierten (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 76–80). Ihre extraktive Wirkung entfalteten sie, da sie den Zugriff auf Ressourcen in den Händen einer kleinen Elite konzentrierten, die diese zur eigenen Bereicherung ausbeuteten oder zur Machtkonsolidierung an ihre Klienten transferierten. Für Akteure außerhalb des staatlichen Patronagenetzwerkes – die breite Mehrheit der Bevölkerung – sei nicht nur politische Mitbestimmung eine Unmöglichkeit, auch im Wirtschaftssektor würden sie sich mit anreiz-minierenden Strukturen, wie unsicheren Eigentumsrechten und mangelnder formeller und materieller Rechtsstaatlichkeit, konfrontiert sehen (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 66, 80).

Reform gestalte sich in diesem Kontext systemimmanent als äußerst schwierig, da die kleine Elite, die die politischen Institutionen dominiere, als einziger Akteur ohne Blockaderisiko Reformen initiieren könne, von diesen aber am wenigsten profitiere, da der Status Quo ihre Interessen am besten abbilde. Neben diesem Eigeninteresse an finanzieller Bereicherung und Machterhalt würden zudem selbst graduelle Öffnungen mit Misstrauen beäugt, da sie immer das Risiko einer Schumpeterschen schöpferischen Zerstörung nach sich zögen; ein Prozess, durch den soziale und politische Disruption befürchtet werde (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 84–86).

Neben der Funktionsweise inklusiver und extraktiver Institutionen befassen sich Acemoğlu und Robinson auch mit deren Genese und Persistenz. Sie adaptieren dafür das Konzept der critical junctures; diese sind charakterisiert als

Unterschiede der institutionellen Arrangements – und als Konsequenz des Wohlstandniveaus –, so argumentieren Acemoğlu und Robinson, sind das Ergebnis abweichender Entwicklungspfade, die politische Gemeinwesen als Reaktion auf critical junctures beschritten hätten. Anhand dreier critical junctures, der Pest im 14. Jahrhundert, des Atlantikhandels im 15. Jahrhundert und der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert, illustrieren sie die kontrastierenden Reaktionen der europäischen Mächte auf externe Schocks und technologische Innovation (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 96–101, 105 f., 197–208).

Die erste critical juncture, der Schwarze Tod, markiere für Gesamteuropa eine tiefe Zäsur mit einer massiven Entvölkerung und daraus resultierendem Arbeitskräftemangel im Agrarsektor als Folgeerscheinungen. In England reagierte die Bauernschaft mit einem wachsenden wirtschaftlichen und politischen Selbstbewusstsein, das langfristig in einer Schwächung feudalistischer Strukturen mündete. In Ungarn dagegen agierte der Adel kollektiv mit offener Repression gegen seine Bauern und stärkte dabei die feudalistische Gesellschaftsordnung (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 99–101). Diese divergierenden Entwicklungspfade erklären Acemoğlu und Robinson mit kleinen institutionellen Anfangsdifferenzen, – englische Städte waren zu Beginn der Seuche einflussreicher als ungarische, während der magyarische Adel sich geeinter als sein englisches Pendant präsentierte – die in ihrer Summe in einem institutionellen Auseinanderdriften kulminierten (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 101, 107–109).

Dieser institutional drift sei auch ursächlich für die variierende Ausgestaltung des Atlantikhandels durch England und Spanien. Auf den britischen Inseln eröffnete er unabhängigen Kaufleuten lukrative ökonomische Opportunitäten, während in Spanien die Krone unter Philipp II. ein Monopol etablierte. Auch in diesem Fall führen Acemoğlu und Robinson wieder kleine institutionelle Unterschiede – namentlich die fiskalische Schwäche der britischen Krone, die Elisabeth I. abhängiger von ihrem Parlament werden ließ, während Philipp II. auf Rentiereinnahmen aus den südamerikanischen Goldvorkommen zurückgreifen konnte – an, um divergierende Entwicklungspfade zu erklären (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 105–107).

Diese Dynamik illustrieren Acemoğlu und Robinson auch am Beispiel der Industrialisierung und präsentieren die britischen Inseln als Exempel für ein inklusives Institutionengefüge, das die Generierung ökonomischen Wachstums und Wohlstands ermöglichte und Großbritannien zur führenden Weltmacht transformierte. Infrastrukturelle Projekte, wie etwa der Ausbau von Schiffskanälen und Schienennetzen, die Harmonisierung von Eigentumsrechten sowie ein wachsender politischer Partizipationswille des Mittelstandes, der die parlamentarische Vertretung von florierenden Industriestädten wie Leeds, Manchester, Birmingham und Sheffield im Unterhaus ermöglichte, bildeten das Fundament des britischen Erfolges (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 197–212).

Doch während die britischen politischen Institutionen als Antriebsfeder für die Industrialisierung agierten, blockierten die Eliten absolutistischer europäischer Staaten, wie Österreich und Russland, den Transfer technologischer Innovation, da sie die Entstehung eines urbanen Industrieproletariats und eine, mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes einhergehende, gewachsene Mobilität der Bevölkerung als Bedrohung für ihren Machterhalt identifizierten. Diese Opposition sei systemimmanent, ein Resultat lange gewachsener extraktiver politischer Institutionen, die eine Interessenartikulation und -vertretung außerhalb des konservativen Hochadels ausschlossen (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 224–231).

Am Beispiel Großbritanniens illustrieren Acemoğlu und Robinson, wie institutional drift in seiner optimalen Form in einer graduellen Steigerung politischer und ökonomischer Inklusion resultieren kann. Gleichzeitig betonen die Autoren, dass dieser Prozess nicht unumkehrbar sei, und verweisen exemplarisch auf das antiken Rom, wo für sie der Übergang von der Republik zum Kaisertum – begleitet von einer politischen Exklusion der Plebejer, dem Aufstieg der Prätorianer-Garde als Machtsicherungsinstrument und der Schaffung sozial unfreier Klassen wie der Coloni – das Fundament des späteren Niederganges markiert (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 158–175). Eine ähnliche Dynamik identifizieren sie auch im mittelalterlichen Venedig, dessen ökonomischer Bedeutungsverlust Ergebnis einer Unterminierung inklusiver Institutionen – etwa der Commenda auf Wirtschaftsebene und der Repräsentation bürgerlicher Interessen in den relevanten politischen Gremien und Räten – durch den konservativen Adel gewesen sei (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 152–156).

3.2 Institutionelle Selbstpräservation, Reformpotenzial und autoritäres Wachstum

Acemoğlu und Robinson evaluieren auch das langfristige Entwicklungsprofil von inklusiven Institutionen und argumentieren dabei, dass insbesondere über längere Perioden konstante inklusive Institutionenarrangements systemimmanent über Kontrollmechanismen und Incentives verfügen, die die pluralistische Struktur der Machtkonfiguration schützen und stabilisieren. Diesen „powerful process of positive feedback that preserves institutions in the face of attempts to undermine them and, in fact, sets in motion forces that lead to greater inclusiveness“ (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 308) charakterisieren die Autoren als virtuous circle. Ursächlich für die Effektivität solcher Tugendkreise seien dabei drei Faktoren:

1) Eine breite Machtdispersion erschwere individuelle und kollektive Bemühungen der Machtkonzentration und Aushebelung pluralistischer Safeguards.

2) Individuelle Anreize zur Herrschaftsusurpation sanken aufgrund der pluralistischen Distribution politischer Macht, die persönliche Bereicherung weniger lukrativ mache.

3) Zivilgesellschaftliche Einzelpersonen und Koalitionen profitierten von politischen Partizipationsrechten und seien in der Lage, als demokratische Kontrolleure zu agieren (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 332–334).

Wie Acemoğlu und Robinson anhand der Ausweitung des britischen Wahlrechts im 19. und 20. Jahrhundert illustrieren, schützen Tugendkreise jedoch nicht nur existierende inklusive Institutionen, sondern begünstigen auch eine graduelle Qualitätsund Quantitätszunahme politischer und ökonomischer Inklusion im Rahmen von moderaten, konsensorientierten Reformen (2012b, S. 310–318).

Diese strukturstabilisierende Dynamik verorten die Autoren jedoch nicht nur bei inklusiven Institutionen, unter negativen Vorzeichen existiere sie auch bei ihren extraktiven Pendants in Form eines vicious circle. Dieser Teufelskreis perpetuiere extraktive Strukturen als Resultat von zwei Faktoren:

1) Das Fehlen von machtlimitierenden Vetospielern erleichtere Machtakkumulation, Klientelismus und persönliche, beziehungsweise kollektive Bereicherung.

2) Die Konzentration politischer Macht, als Prämisse für kompetitionsfreie Ressourcenextraktion und ungehinderte Patronage, steigere den Anreiz zur Selbstbereicherung (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 364–367).

Auch ein Elitenwechsel ändere nichts an dieser Konstellation, argumentieren Acemoğlu und Robinson. In Referenz auf Michels Ehernes Gesetz der Oligarchie (Michels 1989, S. 370 f.) identifizieren sie eine Reproduktion extraktiver Strukturen auch nach einem Austausch des Führungspersonals, die in der Persistenz gemeinwohlfeindlicher Anreize begründet liege (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 358–364). Auf diese Weise erklären sie politische Kontinuitätslinien in Staaten wie Sierra Leone und Guatemala, in denen koloniale Extraktionspraktiken auch nach der Unabhängigkeit fortbestünden, beziehungsweise partiell sogar eine Intensivierung unter der Herrschaft indigener Eliten erfuhren (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 336–342, 345–351).

Reform gestalte sich unter solchen Umständen äußerst schwierig, wenn auch nicht hoffnungslos, wie die Autoren betonen. Sie führen als Beispiel die Erfolge der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an, der es gelang, das ihre Partizipationsund Menschenrechte unterminierende Jim-Crow-Regime in den ehemaligen Sezessionsstaaten des Südens zu überwinden. Durch die Instrumentalisierung gesamtstaatlicher inklusiver Repräsentationsorgane wie dem Kongress, von Safeguards wie dem Supreme Court und mithilfe einer breiten zivilgesellschaftlichen Unterstützerkoalition sei es möglich gewesen, den regionalen Teufelskreis zu durchbrechen (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 414–419).

Die Dualität, die Acemoğlu und Robinson zwischen inklusiven Institutionen und wirtschaftlichem Wohlstand, beziehungsweise zwischen extraktiven Institutionen und ökonomischem Niedergang, aufzeigen, wird jedoch in einem Punkt, bei dem Phänomen des Wirtschaftswachstums unter autoritären Vorzeichen, zumindest partiell durchbrochen. Die Autoren akzeptieren, dass auch Diktaturen, wie die Sowjetunion unter Lenin und Stalin, sowie China unter Deng Fortschritte im Hinblick auf zahlreiche ökonomische Indikatoren verbuchen konnten. Dies sei möglich, da die regierende Führungsspitze Ressourcen direkt in eine eigenkontrollierte Hochleistungsindustrie lenken könnte (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 91–95). Allerdings zweifeln Acemoğlu und Robinson die Persistenz und Qualität dieses Prozesses an und argumentieren, in Referenz auf die Sowjetunion und als Prognose für China, dass autoritäres Wachstum mittelund langfristig von Angst vor kreativer Zerstörung gebremst werde und nicht in der Lage sei, Innovation zu generieren. Neue Technologien könnten nur adaptiert, aber niemals selbst entwickelt werden (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 124–131, 437–443).

3.3 Interund Intrakontinentale Entwicklungslinien und Zukunftsprognosen

Acemoğlu und Robinson referieren in Why Nations Fail über 60 moderne Nationalstaaten und eine breite Auswahl historischer Gemeinwesen. Eine genaue Analyse dieser Fallstudien ist im Rahmen dieses Aufsatzes weder wissenschaftlich ergiebig noch praktikabel, jedoch soll an dieser Stelle skizziert werden, welche grundlegenden Entwicklungspfade und Interdependenzen auf globaler, kontinentaler oder regionaler Ebene identifiziert werden.

Im Zentrum der europäischen Länderstudien steht die Entwicklung Englands bzw. Großbritanniens zwischen Spätmittelalter und Moderne, die als Prototyp gradueller politischer und ökonomischer Inklusion zu lesen ist (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 182–212). Die britischen Inseln, als Blaupause eines virtuous circle, bilden für Acemoğlu und Robinson einen Kontrastpunkt zu denjenigen europäischen Staaten, deren Niedergang als weltpolitischer oder regionaler Akteur Ergebnis ihrer extraktiven Strukturen gewesen sei: dazu zählten etwa in der frühen Neuzeit Spanien, in der Moderne das Heilige Römische Reich deutscher Nation, die K&K-Monarchie und das russische Zarenreich, beziehungsweise ab 1922 die Sowjetunion (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 124–133, 213–231).

Spanien und England, so führen die Autoren weiter aus, treten zudem auch als Importeure staatlicher Entwicklungsmodelle in Südrespektive Nordamerika in Erscheinung und legen damit die Fundamente für die institutionellen Arrangements, die die Region bis heute prägen. Die spanische Kolonialstrategie sei dabei charakterisiert von einer Übernahme und Intensivierung existierender Zwangsarbeitsund Besteuerungssysteme unter den Vorzeichen christlicher Missionierung und einer Ausbeutung regionaler Goldvorkommen, die in ihrer Summe darin kulminierten, dass der Lebensstandard der indigenen Bevölkerung auf ein Subsistenzniveau sank. In Nordamerika war ein solches Vorgehen durch die dünne Besiedelung und Ressourcenarmut der Ostküstenregion nicht implementierbar, was eine Reproduktion feudaler Strukturen verhinderte und einem politischen Ordnungsmodell konsensorientierter Mitbestimmung der Siedler den Weg ebnete (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 9–28).

Diese strukturbildenden Muster, so argumentieren Acemoğlu und Robinson, konsolidierten sich dann sukzessive. Extraktive Institutionen in Lateinamerika erwiesen sich in einem modernen Gewand auch nach der Unabhängigkeit als persistent: An die Stelle staatlich initiierter Zwangsarbeit traten weniger offene Formen ökonomischer Exklusion, wie Monopolbildung, unsichere Eigentumsrechte oder Klientelismus, während koloniale Unterdrückungsmuster durch subtilere Formen politischer Gewalt und Ausgrenzung substituiert wurden. Das nordamerikanische Entwicklungsmodell präsentierte sich im Vergleich deutlich erfolgreicher: Das inklusive System werde durch demokratische checks and balances stabilisiert und sei in der Lage gewesen, extraktiven Tendenzen im Wirtschaftssektor, oftmals mithilfe zivilgesellschaftlicher Gruppierungen, erfolgreich entgegen zu treten (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 28–40, 319–332, 345–351).

Die extraktivste Manifestation europäischer Kolonialisierung verorten Acemoğlu und Robinson jedoch in Afrika, wo sie in ihrer extremsten Form zur Extermination ganzer Bevölkerungsgruppen geführt habe. Der europäisch dominierte Atlantiksklavenhandel, der seinen Zenit im 17. Jahrhundert erreichte und in der Versklavung von bis zu 10 Mio. Afrikanern resultierte, habe zu einer Restrukturierung afrikanischen Gemeinwesen geführt, bei der von den Kolonialmächten importierte Waffen einer Eskalation politischer Gewalt den Weg ebneten, absolutistische Organisationsmodelle gestärkt und traditionelle Legitimitätsmuster erodiert wurden. Nach dem Verbot der Sklaverei in Europa sei jene zudem in Afrika in eine bis dato in dieser Qualität und Quantität nicht existierende indigene Institution transformiert worden, was erneut extraktive Strukturen gestärkt habe (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 245–258).

Mit dem Beginn direkter Kolonisation erfuhren extraktive Institutionen eine erneute Intensivierung, selbst in Gemeinwesen wie Südafrika, wo bis dahin partiell inklusive Institutionen existiert hatten (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 258–271). Auch die Unabhängigkeitsbewegungen des 20. Jahrhunderts konnten in der Mehrheit – mit Ausnahmen wie Botswana, das auf eine ungebrochene prä-demokratische Tradition und auf ein hohes Maß an Zentralismus rekurrieren konnte (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 404–414) – diese vicious circles nicht durchbrechen, in einigen extremen Fällen wie Mugabes Zimbabwe markierte die nationale Selbstdetermination sogar den Startpunkt für eine weitere Kräftigung absolutistischer Machtstrukturen und einer Eskalation ökonomischen Missmanagements (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 368–373).

Während die politischen Gemeinwesen Mitteleuropas, Afrikas sowie Südund Nordamerikas in großer Tiefe analysiert werden, erfahren die asiatische Pazifikregion und der Mittlere Osten – in einem deutlichen Kontrast sowohl zum zeitgenössischen außenpolitischen Diskurs (Clinton 2011) als auch zu stilbildenden und kontroversen Studien, etwa jenen von Huntington (1996) und von Pomeranz (2000) – nur eine äußerst kursorische Evaluation. So werden die heutigen extraktiven politischen Strukturen des Mittleren Ostens als Produkt der absolutistischen Institutionen des Osmanischen Reiches identifiziert, um die Persistenz autoritärer Herrschaft in der Region zu erklären (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 61, 120 f.). Nordund Südkorea wiederum dienen der Veranschaulichung von Acemoğlu und Robinsons Kernthese, da sich auf den beiden Seiten des 38. Breitengrades trotz identischer kultureller und geographischer Rahmenbedingungen divergierende Entwicklungspfade abzeichneten (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 73–76). Japan und China schlussendlich stellen eine Illustrierung unterschiedlicher Reaktionen auf den europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts, basierend auf dem zeitgenössischen Institutionengefüge, dar. Während Peking sich tiefgreifenden Reformen verweigerte und einen traumatischen Verlust nationaler Souveränität erlebte, führte in Japan die Meiji-Restauration zu einer Modernisierung und Stärkung des politischen Gemeinwesens (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 118–120, 294–298).

  • [1] Acemoğlu und Robinson argumentieren dabei monokausal, für sie sind die politischen und wirtschaftlichen Institutionen allein entscheidend. Konventionelle Erklärungsansätze für den Erfolg und Niedergang von politischen Gemeinwesen – etwa die geographische Ausgangskonstellation, kulturelle Normen und Werte oder das fehlende Wissen der regierenden Elite über funktionale Development-Strategien – kritisieren sie scharf (Acemoğlu und Robinson 2012b, S. 45–69).
 
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