Rezeption und Kritik

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Das Werk erfuhr eine sehr breite, globale Rezeption, die sich nicht nur auf eine wirtschaftsund politikwissenschaftliche Aufarbeitung[1] beschränkte, sondern auch ihren Niederschlag in den Feuilletons internationaler Zeitungen fand und erstmals, als Konsequenz des Bedeutungsgewinnes neuer Medien, auch in privaten Blogs und sozialen Netzwerken in einem hohen Maße thematisiert wurde. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt von den Autoren selbst mitgetragen, die ihrem Werk einen eigenen Blog6 widmeten, auf dem ergänzende Artikel und Essays gepostet und kritische Rezessionen direkt thematisiert wurden. Darüber hinaus trugen Robinson und Acemoğlu ihre Diskussionen mit Kritikern wie Jeffrey Sachs nicht nur in Fachzeitschriften aus, sondern führten parallel einen informellen und oftmals stärker emotionalisierten Diskurs über das soziale Netzwerk Twitter (Braunberger 2013; Murphy 2012).

Why Nations Fail wurde 2012 und 2013 für zahlreiche Auszeichnungen und Preise akademischer und nicht-akademischer Natur nominiert. Robinson und Acemoğlu erhielten schlussendlich den Eccles Prize der Columbia Business School, darüber hinaus zeichneten führende Medienorgane, wie die Washington Post, der Economist, die Financial Times, der Christian Science Monitor und die Business Week, die Studie als eines der besten Bücher des Jahres 2012 aus (Columbia Business School 2013; Washington Post Staff 2012; Economist 2012; Wolf 2012; Monitor Staff 2012; Kennedy 2012; Financial Times 2012).

Gerade wirtschaftswissenschaftliche Rezensenten begrüßten Robinsons und Acemoğlus Ansatz, staatliche Institutionen ins Zentrum ihrer Analyse zu rücken, da sich dieser Aspekt in der volkswirtschaftlichen Literatur lange Zeit als unterbeleuchtet präsentiert hatte (Dawson 2007, S. 1–4; Boushey 2012, S. 82). Nicht zuletzt erfuhr auch die Synthese makroökonomischer und politikwissenschaftlicher Konzepte, und dabei insbesondere die Inkorporation von Michels' und Schumpeters Forschungsergebnissen, eine sehr positive Aufnahme (Klinger 2013, S. 58; Jha 2012, S. 169; Bevege 2012, S. 82; Bass 2012). Gleichzeitig sah sich das Werk aber auch mit einer Vielzahl negativer oder ambivalenter Bewertungen konfrontiert ‒ nicht zuletzt von Autoren wie Jared Diamond und Jeffrey Sachs, deren Theorien Robinson und Acemoğlu scharf kritisiert hatten. Kritikpunkte entfallen dabei auf die folgenden Kategorien:

1. Der grundsätzliche methodische Ansatz der Studie

2. Eine intransparente Definition und Operationalisierung zentraler Konzepte

3. Die monokausale Herangehensweise an die Kernproblematik

4. Ein Bias bei der Fallauswahl und -interpretation

4.1 Der grundsätzliche methodische Ansatz der Studie

Insbesondere die rein qualitative Herangehensweise der Autoren stieß auf Kritik. Obgleich das Werk den Kulminationspunkt eines fünfzehnjährigen Forschungsprozesses darstellt und auf einer Reihe quantitativer Studien basiert (vgl. Abschn. 2), verzichteten Robinson und Acemoğlu zugunsten einer breiteren Zugänglichkeit der Materie auf eine Inkorporation ihrer vorherigen empirischen Analysen. Dies führe jedoch dazu, dass das empirische Grundmodell einer kritischen Auseinandersetzung entzogen werde und weder eine Verifikation noch eine Falsifizierung zentraler Thesen im Rahmen der Studie selbst zu realisieren seien (Clary 2012). In diesem Sinne konstatiert auch Easterly, dass „they [Acemoğlu und Robinson, S.S.] are overly reliant on anecdotes and don't present more rigorous statistic-based evidence to support their theories“ (Easterly 2012).

4.2 Eine intransparente Definition und Operationalisierung zentraler Konzepte

Im Zentrum der kritischen Auseinandersetzung steht jedoch primär Robinsons und Acemoğlus Definition und Operationalisierung zentraler Konzepte, insbesondere aber die Dualität zwischen inklusiven und extraktiven Institutionen. Hier beklagt Francis Fukuyama, dass „these terms are way too broad, so broad indeed that AR never provide a clear definition of everything they encompass, or how they map onto concepts already in use“ (Fukuyama 2012). Inklusion und Extraktion stünden sich bipolar gegenüber, ohne dass quantitativ oder qualitativ messbar sei, ab wann ein politisches Gemeinwesen als absolutistisch oder pluralistisch zu klassifizieren sei (Pfahl-Traughber 2013, S. 353; Vries 2012, S. 10). Dies führe gerade im historischen Querschnitt zu anachronistischen Bewertungsmustern. So problematisieren beispielsweise Boldrin et al., inwieweit die von Robinson und Acemoğlu als inklusiv charakterisierte Römische Republik eine pluralistischere Grundstruktur als das extraktive China der Post-Deng-Ära aufweise (Boldrin et al. 2012, 3 f.).

Ebenfalls kritisch perzipiert wird eine fehlende Konzeptualisierung der zeitlichen Dimension institutioneller Entwicklungspfade. Basierend auf Robinsons und Acemoğlus Ausführungen über den Niedergang Roms im Zuge des Übergangs von der Republik zum Kaisertum, argumentiert etwa Storm, dass „Rome continued to prosper for nearly four more centuries after Julius Caesar's coup and the establishment of imperial rule – much longer, in fact, than the period of Western prosperity starting from the beginning of the Industrial Revolution“ (Storm 2013, S. 1190). Aus dieser Perspektive sei es nicht nur fraglich, ob institutionelle Degeneration überhaupt einen signifikanten Einfluss habe, und falls ja, ob dieser relevant sei, wenn er seine Wirkung erst nach mehreren Jahrhunderten entfalte (Freire 2013, S. 33).

Aus einer funktionalistischen Perspektive beanstandet Levi zudem, dass Robinson und Acemoğlu kaum ein Augenmerk auf die Fragen nach der Genese und konkreten Funktionsweise von kollektivem Handeln legen, obgleich die Entstehung von Interessenkoalitionen einen zentralen Baustein politischer Inklusion bilde (Levi 2013, S. 189). Eine ähnliche Leerstelle verortet Vries bei Robinsons und Acemoğlus Analyse ökonomischer Institutionen, wo außerhalb einiger Schlagworte – beispielsweise der Anerkennung von Eigentumsrechten oder der Ermöglichung freien Wettbewerbs – keine detaillierte Evaluation staatlicher Wirtschaftsund Sozialpolitik und den divergierenden Zielvorstellungen von Liberalismus, Konservatismus und Sozialismus staatfinde (Vries 2012, S. 18 f.).

Des Weiteren fokussieren Kritiker schließlich auf die Interaktionsmuster innerhalb inklusiver Institutionen. Die Entwicklung moderner Staatlichkeit, des Rechtsstaates und demokratischer Partizipation repräsentiere zwar die Prämisse politischer Inklusion und die Voraussetzung für ökonomischen Fortschritt, eine harmonische Koexistenz sei jedoch in vielen Fällen nicht identifizierbar. Vielmehr könnten diese singulär positiven Charakteristika in ihrem Zusammenspiel entwicklungshemmend wirken, etwa wenn die Etablierung demokratischer Institutionen klientelistische Strukturen auf nationaler Ebene reproduziere oder wenn infrastrukturelle Projekte durch konsensorientierte Beteiligungsformen blockiert würden. Diese dunkle Seite politischer Inklusion werde jedoch von Robinson und Acemoğlu nicht problematisiert (Fukuyama 2012).

4.3 Die monokausale Herangehensweise an die Kernproblematik

Ein dritter Kritikstrang problematisiert Robinsons und Acemoğlus monokausalen Erklärungsansatz und betont die Relevanz sekundärer Faktoren, insbesondere von geographischen Rahmenbedingungen, Normen und Werten sowie den Interaktionsmustern zwischen politischen Gemeinwesen (Puttermann 2013, S. 470– 472). Im öffentlichen Diskurs fanden dabei vor allem die ambivalenten Beurteilungen des Geographen Jared Diamond und des Ökonomen Jeffrey Sachs großen Niederschlag.[2] So argumentiert Sachs, dass Robinson und Acemoğlu durch das Ausblenden geographischer Rahmenbedingungen einen fundamentalen Aspekt für die Genese leistungskräftiger Institutionen ignorierten. Am Beispiel der Dampfmaschine illustriert er, wie die Verfügbarkeit einer bestimmten Ressource – in diesem Fall Kohle – eine nicht substituierbare Voraussetzung für technologische Innovation darstelle. Des Weiteren determiniere auch die geographische Positionierung eines Landes, unabhängig von dessen institutionellem Gefüge, die Integrationsmöglichkeiten auf regionalen und globalen Märkten (Sachs 2012a, S. 149, b, S. 2–4).

Ergänzend dazu beleuchtet Diamond, inwieweit geographische Voraussetzungen, wie klimatische und landwirtschaftliche Ausgangsbedingungen, bereits genügen, um ökonomischen Wohlstand beziehungsweise Armut zu determinieren, ohne dass institutionelle Arrangements einen relevanten Einfluss entfalteten. Eine höhere Anzahl an Krankheitserregern, wie beispielsweise in den Tropen, führe zum einen zu einer gestiegenen Reproduktionsrate innerhalb der Bevölkerung, um die extreme Säuglingsmortalität zu kompensieren, was wiederum den weiblichen Teil der Bevölkerung effektiv vom Arbeitsmarkt ausschließe. Zum anderen korreliere sie auch mit einer vergleichsweise geringen Lebenserwartung. Dies resultiere auf ökonomischer Ebene darin, dass die Produktivität eines Arbeitnehmers in Relation zu seinen Ausbildungskosten sinke. Ähnlich negative Muster zeichneten sich im primären Sektor ab, wo die ganzjährige Existenz landwirtschaftlicher Schädlinge und eine limitierte Nutzbarkeit der Böden einer effektiven agrarischen Nutzung im Weg stünden (Diamond 2012a, b; Sachs 2012a).

Jedoch nicht nur das Ausblenden von geographischen Aspekten, sondern auch ein fehlender Fokus auf Werte und Normen wurde kritisch vermerkt. Kasper argumentiert, dass jene die Entwicklungspfade eines Systems mitbeeinflussen, da „they tend to be the ultimate stopping points at which rational debate ceases. They define what a particular society is, but they also place huge obstacles in the path of political engineering“ (Kasper 2013, S. 47). Diese Kritik wird auch vom Economist wieder aufgenommen, der konstatiert, dass insbesondere die ideengeschichtliche Tradition der Aufklärung das Fundament für eine graduell zunehmende politische Inklusion in Europa gebildet habe (Economist 2012, S. 79 f.).

Ein weiteres Element, das Robinson und Acemoğlu ausblendeten, sei die Interaktion zwischen politischen Gemeinwesen, beziehungsweise die Rolle internationaler Regime und Institutionen. Boldrin et al. illustrieren dabei exemplarisch anhand des Niedergangs der italienischen Stadtstaaten der Renaissance, dass auch ein hoher Grad an politischer Inklusion nicht vor militärischer Unterwerfung und schlussendlichem Bedeutungsverlust schütze: Der kriegerische Erfolg eines Staates – und nicht seine institutionellen Arrangements – habe historisch oftmals die entscheidende Variable für Aufstieg oder Fall dargestellt (Boldrin et al. 2012, S. 6). Auch Sachs konstatiert eine entscheidende Rolle gewaltsamer Konflikte; für ihn ist die militärische Kompetition zwischen Staaten jedoch mit einem positiven Nebeneffekt verbunden, denn auch in autoritären Systemen begünstige die Angst vor einer existenziellen Bedrohung die Bereitschaft zur Modernisierung und Adaption technologischer Innovationen. Aus dieser Logik heraus sei es irrelevant, dass nach Robinson und Acemoğlu extraktive Gemeinwesen selbst nicht als Katalysatoren technologischen Fortschritts in Erscheinung träten, da militärische Verwundbarkeit nichtsdestoweniger eine rasche Übernahme technologischer Innovationen diktiere (Sachs 2012a, S. 143 f., b, S. 11).

Über einen sicherheitspolitischen Blickwinkel hinausgehend beklagt Can zudem, dass Robinson und Acemoğlu die Relevanz internationaler Institutionen, sowie die Frage, ob sie inklusive oder extraktive Charakteristika aufwiesen, ausblendeten (Can 2013, S. 87). Eine weitere Leerstelle verorten Storm und Vries im Hinblick auf das Verhältnis zwischen den Subjekten und Objekten kolonialer Herrschaft im zwischenstaatlichen Interaktionsgefüge. Sie kritisieren dabei Robinsons und Acemoğlus singuläres Augenmerk auf den hohen Grad an politischer Inklusion in Großbritannien in seiner imperialistischen Hochphase, da diese ökonomische Blütezeit nicht zuletzt Produkt politischer und ökonomischer Extraktion in den Kolonien und Protektoraten des Empires gewesen sei (Vries 2012, S. 12.f). „It is impossible to explain Western success in isolation with ‚Restern' failure“ (Storm 2013, S. 1194), betont Storm, sodass das Konzept des Tugendkreises von Robinson und Acemoğlu obsolet werde.

4.4 Ein Bias bei der Fallauswahl und -interpretation

Ein letzter Kritikstrang problematisiert die Fallauswahl und -Interpretation der Autoren. So argumentieren Boldrin et al. mit Referenz auf die deutsche Entwicklung zwischen der Reichsgründung 1871 und dem Zweiten Weltkrieg, dass Robinson und Acemoğlu Beispiele für ein langfristiges Wachstum unter extraktiven Vorzeichen bei ihrer Analyse verschweigen (Boldrin et al. 2012, S. 6–9); einen Befund, den Sachs unter Berufung auf die südasiatischen Tigerstaaten teilt (Sachs 2012a,

S. 146). Subramanian vergleicht dagegen anhand von Indien und China das langfristige ökonomische Wachstumsprofils inklusiver respektive extraktiver Systeme und kommt zu dem Schluss, dass die beiden Staaten in Relation zu ihrer institutionellen Performanz unterbeziehungsweise überentwickelt seien (Subramanian 2012).

Auch die im Werk verorteten Länderanalysen wurden kritisch rezipiert. So warfen insbesondere Easterly und Freire den Autoren eine ex-post-Rationalisierung ihrer Fallstudien vor. Am Beispiel von Robinsons und Acemoğlus Evaluation des Niedergangs von Venedig zeige sich die Tendenz der Autoren, etablierte Erklärungsansätze – in diesem Fall die Verlagerung der Handelsrouten vom Mittelmeer zum Atlantik – auszublenden und alleine auf institutionelle Veränderungen zu fokussieren, ohne zu fragen, ob diese nicht erst das Produkt veränderter ökonomischer Ausgangsbedingungen darstellten (Easterly 2012; Freire 2013, S. 44).

Am Ende dieser Analyse muss jedoch noch einmal betont werden, dass die im Rahmen dieses Kapitels skizzierten Kritikstränge nur eine erste Reaktion auf das Oeuvre von Robinson und Acemoğlu repräsentieren. Aufgrund der Aktualität des behandelten Werkes ist eine Evaluation der langfristigen Forschungsrezeption nicht möglich, und einige Zukunftsprojektionen der Autoren – etwa die negative langfristige Entwicklungsprognose, die sie einem Staat wie China aufgrund institutioneller Defizite bescheinigen – können zu diesem Zeitpunkt weder verifiziert noch falsifiziert werden.

  • [1] Die Auseinandersetzung mit Robinson und Acemoğlus Werk lässt sich sehr gut auf quantitativer Ebene anhand ihres Zitationsprofils nachzeichnen. Beide Autoren haben einen vergleichsweise hohen H-Index – Robinsons liegt bei 26 und Acemoğlus bei 61 – doch allein 2012 wurde Robinson 437mal und Acemoğlu 1497mal zitiert, was in beiden Fällen eine Steigerung zum Vorjahr um ca. 15 % markiert (CitEc 2104a, CitEc2014b).
  • [2] Für eine chronologische Abfolge der Kontroverse zwischen Diamond und Robinson und Acemoğlu in der New York Review of Books vgl. Diamond (2012a), Acemoğlu und
 
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