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3 The Rise and Decline of Nations

3.1 Einführung, Abgrenzung und grundsätzliche Gedanken zur Logik des kollektiven Handelns

Mancur Olson reiste in den 1950er Jahren durch Europa. Er war erstaunt zu sehen, wie Großbritannien, das gerade einen Krieg gewonnen hatte, ökonomisch schwächelte, während der große Verlierer Deutschland wirtschaftlich boomte. Waren die Briten von Natur aus einfach fauler, Deutsche und auch Japaner hingegen fleißiger? Mit solchen undifferenzierten Begründungen für ökonomische Entwicklungen von Staaten wollte sich Olson nicht zufriedengeben. Monokausale Ad-hocErklärungen zeigten aus seiner Sicht gar nichts. Die Erklärungen, die er liefern wollte, sollten nicht nur den Aufstieg und Niedergang eines speziellen Landes oder eines bestimmten Zeitraums begreiflich machen. Seine Theorie hatte eine große Zahl von Tatsachen in ganz verschiedenen Kategorien zu erklären. Und sie sollte Hinweise darauf geben können, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden können, um eine Situation zu verbessern (Olson 1985, S. 16 f.). Seiner Untersuchung dazu gab er den bescheidenen Titel Aufstieg und Niedergang von Nationen: Ökonomisches Wachstum, Stagflation und soziale Starrheit.

Während der Titel auf einen sehr universalen und historischen Charakter der Studie hindeutet, weist Olson in der Einführung ausdrücklich darauf hin, dass er nicht versuchen wolle, allgemeine induktive Lehren aus historischen Erfahrungen über antike Gesellschaften zu ziehen. Somit grenzt er sich konkret von Universalhistorikern wie Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee ab, deren Werke er „Schaustücke“ (Olson 1985, S. 2) nennt. Sie seien eher als Anreiz für weitere Untersuchungen zu sehen und nicht als Grundlage für direkte Schlussfolgerungen. Ein Grund, den er dafür nennt, sei der Mangel an Daten und Fakten über diese längst vergangenen Zeiten. Allein diese Abgrenzung deutet schon an, welche methodische Gestalt die Studie des Ökonomen Olson haben wird und welchen Zeitraum er dafür in den Blick nimmt: Sein Fokus liegt auf dem 20. Jahrhundert. Hier gebe es genug empirisches Material. Was nicht existiere, seien Darstellungen – weder ökonomische noch politikwissenschaftliche –, die die ökonomischen, politischen und gesellschaftlichen Veränderungen befriedigend und überzeugend erklären können (Olson 1985, S. 8). Sein Buch soll diese Lücke füllen.

Im ersten Teil des Buches legt Olson seine grundlegenden Gedanken zur Logik des kollektiven Handelns dar, die er bereits in seinem ersten Hauptwerk erarbeitet hatte. Sie sind der Kern seiner Argumentation. Er verknüpft sie allerdings noch nicht mit Empirie. Die Argumente sollen zunächst logisch überzeugen, bevor sie mit Beispielen aus der Praxis gestützt werden.

Die Theorie des rationalen Wahlhandelns ( Rational-Choice-Theorie) ist Olsons Ausgangspunkt und Kern. Grundlagen dieses Denkens sind bereits bei Machiavelli und Hobbes zu finden. Durch Adam Smith wird die Rationalität ökonomisiert. Er hat Annahmen über die Natur des Menschen mit ökonomischen Vorgängen verknüpft (Braun 1999, S. 18 f.). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg findet dann auch durch Olsons Werke eine Repolitisierung des Modells der rationalen Entscheidung durch die Neue Politische Ökonomie statt.

Olson bedient sich dabei der Tradition des methodologischen Individualismus, die soziale Vorgänge immer als Interaktion individueller Akteure begreift (Leuffen 2006, S. 97). Er setzt das rational handelnde, von Eigeninteressen geleitete Individuum voraus. Dieses rationale Wahlhandeln wird nun von ihm aber nicht eins zu eins auf das Gruppenhandeln übertragen. Während andere Ansätze, wie etwa die Pluralismustheorie, wie selbstverständlich davon ausgingen, dass die Gruppenmitglieder, die alle das gleiche Interesse haben, sich automatisch gleich für das Gruppeninteresse einsetzen, bezweifelt Olson diesen Automatismus aus rationalen Gründen. Wenn einzelne Mitglieder einer Gruppe ihre Interessen verfolgten, müssten sie dafür ein Opfer erbringen. Ergebe sich aus diesem Handeln ein Gewinn, müssten sie diesen jedoch mit allen Mitgliedern der Gruppe oder darüber hinaus teilen. Ihr eigener Gewinn sei dann geringer als ihr Einsatz und ein Anreiz damit kaum vorhanden. Olson folgert daraus, dass große Gruppen ohne besondere Vorkehrungen nicht in ihrem Gruppeninteresse handeln werden, weil sie wenige Anreize bieten könnten (Olson 1985, S. 21).

Vor allem wenn es um Kollektivgüter geht, sieht Olson jedoch noch ein weiteres Problem kollektiven Handelns: „Allgemeiner gesagt, erzielt eine politische Interessengruppe oder Lobby, die eine allgemeine Gesetzesoder Regulierungsänderung durchsetzt, ein öffentliches oder kollektives Gut für jeden, dem die Änderung nützt […]“(Olson 1985, S. 23). Für ein rational handelndes Individuum ist es daher nicht die beste Möglichkeit, sich für das Kollektivgut zu engagieren und etwas beizutragen. Am besten ist es, wenn das Kollektivgut bereitgestellt wird, ohne dafür selbst ein Opfer erbracht zu haben. Dieses Paradoxon sollte als so genanntes Trittbrettfahrer-Dilemma als das zentrale Problem bei der Bereitstellung kollektiver Güter in die Forschung eingehen (Dehling und Schubert 2011, S. 114). Aber wie kommt es dann zu kollektivem Handeln, das ja in der Realität stattfindet?

Wenn es nur rationales individuelles Verhalten gibt, kann es Staaten oder Interessengruppen nur geben, wenn diese mehr zur Verfügung stellen oder erreichen als die öffentlichen Güter. Der individuelle Beitrag zur ‚Gruppe' Staat erklärt sich nach Olson daraus, dass er eben nicht freiwillig, sondern durch eine zwangsweise Besteuerung eingezogen wird. Interessengruppen hingegen werden unterstützt, weil sie selektive Anreize für diejenigen bieten, die einen Beitrag zur Bereitstellung des kollektiven Gutes geleistet haben. Diese selektiven Anreize können positiv und negativ sein (Olson 1985, S. 25). Positive selektive Anreize steigern den Nutzen für das Individuum und sind beispielsweise materielle Unterstützung für Gewerkschaftsmitglieder im Streikfall oder zusätzliche Serviceleistungen. Es können aber auch immaterielle Güter wie soziales Ansehen sein. Negative soziale Anreize hingegen erhöhen die Kosten eines Nicht-Engagements in der Gruppe. Dazu zählen beispielsweise Pflichtmitgliedschaften in Rechtsanwaltsund Ärztekammern (Dehling und Schubert 2011, S. 123).

Kleine homogene Gruppen haben dabei die besten Aussichten auf ein erfolgreiches kollektives Handeln, da in ihnen die selektiven Anreize am größten sind. Sie können soziale selektive Anreize bieten, die in großen Organisationen schlicht nicht möglich sind, weil diese zu heterogen und ob ihrer Größe nicht zu sozialer Interaktion fähig sind. In kleinen Gruppen können die Mitglieder miteinander verhandeln und sich auf ein kollektives Handeln einigen.

Aber auch ohne selektive Anreize nimmt der Anreiz zum Gruppenhandeln mit zunehmender Gruppengröße ab, da der Anteil am Gewinn einer Gruppenhandlung damit sinkt. Um die Logik zu verdeutlichen, bringt Olson folgendes Beispiel: Eine Gruppe von einer Million Menschen würde insgesamt eine Milliarde Dollar, also jeder 1000 Dollar, erhalten, wenn sie sich wirksam organisieren und am kollektiven Handeln beteiligen würden. Ihr Beitrag würde insgesamt 100 Mio. Dollar, also 100 Dollar pro Person, betragen. Nach Olsons Logik ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in einer solchen Situation zum kollektiven Handeln kommt, jedoch viel geringer, als wenn die Gruppe kleiner ist. Wenn sich zum Beispiel fünf Großunternehmen oder fünf organisierte Gemeinden bei gleichen Kosten von 100 Mio. Dollar zusammenschlössen, könnten sie bei 20 Mio. Beitrag einen Gewinn von 180 Mio. Dollar erreichen. Hier wäre der Gewinn sogar bei 100 Mio. Dollar, wenn sie die Kosten alleine trügen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese fünf Gemeinden oder Unternehmen absprächen, sei deshalb wesentlich höher, auch weil die Kosten der Verhandlungen wesentlich geringer seien als in der großen Gruppe (Olson 1985, S. 42).

Die Kosten-Nutzen-Rechnung sagt aber auch: Wenn die Kosten des individuellen Beitrags sehr gering oder vernachlässigbar sind, zum Beispiel das Unterschreiben von Petitionen oder das Wählen der bevorzugten Partei, dann können freiwillige Beiträge zur Bereitstellung öffentlicher Güter oft und auch in großen Gruppen erfolgen (Olson 1985, S. 35). Es gibt für Olson also durchaus unterschiedliche Qualitäten des kollektiven Handelns, die sich nach den Kosten des eigenen Beitrags richten.

Demnach gibt es zwei Dinge, die einen wesentlichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit des kollektiven Handelns haben. Erstens ist es die Frage nach dem Zugang der Gruppe zu selektiven Anreizen, zweitens eine Frage der Größe der Gruppe, die Einfluss auf die allgemeinen Anreize hat. Gesellschaften und historische Zeiträume würden sich nach Olson nun vor allem darin unterscheiden, wie sehr die Gruppen, die nach der vorliegenden Logik gut organisiert sein könnten, tatsächlich organisiert seien. Die Erklärung des Aufstiegs und Niedergangs von Nationen baut auf dieser These auf.

3.2 Die gesellschaftlichen Auswirkungen des kollektiven Handelns

Nachdem die allgemeinen Schwierigkeiten und Zusammenhänge kollektiven Handelns beschrieben sind, widmet sich Olson den gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Handelns. Er verknüpft seine Organisationstheorie mit einigen mikround makroökonomischen Annahmen zu spezifischeren Folgerungen, die im Folgenden erläutert werden. Sie sind die grundlegenden Instrumente, die Olson immer wieder für die Erklärung von Aufstieg und Niedergang der Nationen heranzieht.

(1) Es wird keine Länder geben, die eine symmetrische Organisation aller Gruppen mit einem gemeinsamen Interesse erlangen und dabei durch umfassende Verhandlungen optimale Ergebnisse erzielen (Olson 1985, S. 48).

Die Gruppen (z. B. Steuerzahler, Arbeitssuchende) haben entweder die selektiven Anreize nicht oder sie sind nicht klein genug, um sich organisieren zu können. Damit sind sie von den Verhandlungen ausgeschlossen. Die Organisierten werden dann versuchen, die Kosten auf die Unorganisierten abzuwälzen, um die eigenen Gewinne zu erhöhen. Eine symmetrische Organisation und effiziente Ergebnisse sind dann nicht mehr möglich.

(2) Stabile Gesellschaften mit unveränderten Grenzen neigen dazu, im Laufe der Zeit mehr Kollusionen2 und Organisationen für kollektives Handeln zu akkumulieren (Olson 1985, S. 52).

Organisationen für kollektives Handeln – auch kleine – brauchen zu Beginn einige Zeit, bis sie organisiert sind, da es erst Verhandlungen über das kollektive Handeln geben muss. Oft muss es besonders günstige Bedingungen, wie etwa soziale Verwerfungen der Arbeiter für eine Gewerkschaft, geben. Je mehr Zeit vergeht, desto größer ist die Zahl der Gruppen, die günstige Situationen vorfinden, in denen kollektives Handeln organisierbar ist. Einmal installierte Gruppen mit selektiven Anreizen bleiben dann prinzipiell unbeschränkt bestehen, weil sie sich selbst erhalten und oder ihre Ziele anpassen.

(3) Mitglieder von "kleinen" Gruppen haben vergleichsweise große Organisationsmacht für kollektives Handeln, und dieses Missverhältnis verringert sich mit der Zeit in stabilen Gesellschaften, aber es verschwindet nicht (Olson 1985, S. 52).

Kleine Gruppen organisieren sich schneller und sind deshalb in instabilen Gesellschaften und Gesellschaften, die im Aufbau sind, oft anzutreffen. Ihre Mitglieder haben dementsprechend mehr Lobbymacht pro Kopf als die großer Gruppen. Je länger die Gesellschaft stabil bleibt, desto mehr gleicht sich die Organisationsmacht aus, weil es mehr große Organisationen geben wird.

(4) Im Ergebnis vermindern Sonderinteressengruppen und Kollusionen die Effizienz und das Gesamteinkommen der Gesellschaften, in denen sie wirken, und sie machen das politische Leben zwieträchtiger (Olson 1985, S. 61).

Organisationen haben nach Olson also einen negativen Einfluss auf die Effizienz und das ökonomische Wachstum eines Landes. Eine Organisation dient ihren Mitgliedern, wenn sie ihren Anteil an der Produktion vergrößert. Sie könne das erreichen, indem sie den Kuchen, den die Gesellschaft produziert, insgesamt größer macht. Sie kann es aber auch erreichen, indem sie das Kuchenstück im Verhältnis zu den anderen vergrößert. Erstere Methode wird nach Olsons Rational-ChoiceModell fast nie gewählt, da die Kosten für die Bereitstellung des Kollektivgutes die Organisation alleine trägt, während der Nutzen alle betrifft. Die Gruppe wird demnach versuchen, einen größeren Teil am Sozialprodukt zu erlangen. Dazu ist Umverteilung nötig, die die Struktur der Anreize komplett verändern und zur Verminderung des gesamten Produktionsniveaus beitragen kann. Dies kann somit auch negativ auf die Gruppenmitglieder wirken. Diese werden den Verteilungskampf nach Olsons Logik jedoch so lange weiterkämpfen, bis die Verminderung des Wertes des Sozialprodukts hundertfach größer ist, als der Betrag, den die Grupvon Wirtschaftseinheiten, sondern auch andere Formen, wie etwa eine stillschweigende Abstimmung des Verhaltens oder gentlemen agreements (Fleischmann 1985, S. XVII). Er wird deshalb auch in dieser Abhandlung so genutzt. penmitglieder gewinnen. Die typische Organisation für kollektives Handeln wird jedoch nichts tun, um den sozialen Verlust zu beseitigen (Olson 1985, S. 54 f.).

Die Organisationen für kollektives Handeln sind in erster Linie auf die Verteilung von Einkommen und Vermögen ausgelegt, nicht auf die Produktion weiterer Güter. Sie bringen Opfer nur im eigenen Interesse, nie für die Gesellschaft. Olson nennt diese Organisationen deshalb Verteilungskoalitionen und Sonderinteressengruppen. Sie können der Gesellschaft als Ganzes ganz erhebliche Kosten auferlegen.

(5) Umfassende Organisationen haben also einen erheblichen Anreiz, die Gesellschaft blühender zu machen und Einkommen mit möglichst geringen sozialen Kosten an ihre Mitglieder umzuverteilen (Olson 1985, S. 68).

Nun gibt es auch andere, umfassendere und inklusivere Organisationen, die einen erheblichen Teil der Gesellschaft umfassen. Die Sonderinteressengruppen, die größere Teile des Produktionspotentials repräsentieren, kümmern sich allein aus Interesse ihrer Mitglieder um die sozialen Kosten, welche die Umverteilung mit sich bringt. Ihre Mitglieder sind dann nämlich ein großer Teil der Betroffenen. Auch Parteien können aus Olsons Sicht als solche umfassenden Organisationen gelten. Die Parteidisziplin könnte theoretisch die Sonderinteressen des einzelnen Abgeordneten in Bahnen lenken, die der Gesamtgesellschaft dienlich sind. Eine starke Parteidisziplin, gepaart mit der Verantwortlichkeit der Partei für die getroffenen Entscheidungen, würde so zu einer Verbesserung der nationalen Politik führen, da die Wähler bei der nächsten Wahl sonst bei einer weniger Kosten verursachenden Partei ihr Häkchen machen würden. Hier gebe es Unterschiede zwischen dem Verhältnisund dem Mehrheitswahlrecht. Dort, wo es nur zwei große Parteien gebe, seien diese auch um die Wohlfahrt der ganzen Nation bemüht, da sie die Mehrheit der Wähler vertreten möchten. Kleine Klientel-Parteien, wie sie in Systemen mit Verhältniswahl möglich sind, haben dementsprechend einen geringeren Anreiz, für das Gemeinwohl zu sorgen (Olson 1985, S. 65 f.).

(6) Verteilungskoalitionen treffen Entscheidungen langsamer als die Individuen und Unternehmen, die sie umfassen, neigen dazu, überfüllte Tagesordnungen und Verhandlungstische zu haben und setzen häufiger Preise als Mengen fest (Olson 1985, S. 75).

Verteilungskoalitionen müssen entweder auf Übereinstimmung zielende Verhandlungen führen oder ein satzungsmäßiges Verfahren verwenden. Denn kollektives Handeln verlangt Entscheidungsregeln oder eine Satzung, die Olson Verfassungsregeln nennt. So muss sich beispielsweise auf eine gemeinsame Handlungsweise geeinigt werden, oder wie die Kosten für das Handeln zu verteilen sind. Preise setzen Verteilungskoalitionen häufiger als Mengen fest, weil sich so das eigene Einkommen am besten maximieren lässt. Das ist bei einer Mengenfestsetzung schwieriger, da sich die Preise dauernd ändern, was deshalb ein gemeinsames Gruppenhandeln weniger wahrscheinlich macht.

(7) Verteilungskoalitionen verringern die Fähigkeit einer Gesellschaft, neue Technologien anzunehmen und eine Reallokation von Ressourcen als Antwort auf sich verändernde Bedingungen vorzunehmen, und damit verringern sie die Rate des ökonomischen Wachstums (Olson 1985, S. 87).

Die wirtschaftliche Lage ändert sich dauernd, zum Beispiel durch technologische Innovationen oder Umwelteinflüsse. Verteilungskoalitionen haben einen störenden Einfluss auf die Fähigkeit einer Wirtschaft, sich an Änderungen anzupassen und Innovationen hervorzubringen. Als Beispiel nennt Olson Gewerkschaften. Sie würden typischerweise arbeitssparende Innovationen verhindern wollen, weil diese die Nachfrage nach den von ihnen vertretenen Mitgliedern vermindern. Allgemein könnten technologische Innovationen die Größe des ‚Kuchenstücks' der Sonderinteressengruppen gefährden. Diese sind deshalb mindestens vorsichtig bis ablehnend. Auch die langsame Entscheidungsfindung der Organisationen führt zu langsamer Anpassung bei sich verändernden Bedingungen. So können die Sonderinteressengruppen dem Sozialprodukt ein Vielfaches von dem entziehen, was sie auf lange Sicht erhalten.

(8) Verteilungskoalitionen sind exklusiv, sobald sie groß genug sind, um erfolgreich zu sein, und sie versuchen, die Unterschiedlichkeit der Einkommen und Werte ihrer Mitgliedschaft zu begrenzen (Olson 1985, S. 91).

Am Beispiel der Ärzte beschreibt Olson den Wert der Exklusivität für Verteilungskoalitionen. Wenn es mehr Ärzte gebe, ohne dass sich die Bedingungen änderten, müssten alle Ärzte weniger verdienen, weil sie weniger Patienten pro Arzt hätten. Und so beschränken in sehr vielen Ländern die Berufsorganisationen der Ärzte den Zugang zum Beruf. Allgemein: Je mehr Gruppenmitglieder es gibt, desto mehr muss das rationale Individuum den wie auch immer gearteten Gewinn teilen. Die oft erst durch die Exklusivität gegebene soziale Interaktion in einer Gruppe macht die sozialen selektiven Anreize möglich. Wenn die Gruppenmitglieder dann auch noch ähnliche Einkommen und Werte haben, ist die Wahrscheinlichkeit für Übereinstimmung zu kollektivem Handeln am höchsten.

(9) Die Zunahme von Verteilungskoalitionen erhöht die Komplexität der Regulierung, die Bedeutung des Staates und die Komplexität von Übereinkommen, und sie ändert die Richtung der sozialen Evolution (Olson 1985, S. 97).

Verteilungskoalitionen haben zwei Möglichkeiten, ihre Ziele zu erreichen. Erstens, sie setzen ihre Lobby-Macht ein, um die Gesetzgebung zu beeinflussen. Mit speziellen Gesetzen erhöht diese Lobby-Arbeit die Komplexität von Regulierungen, da für sie immer Ausnahmen und Sonderbestimmungen eingeführt werden müssten. Das wiederum erhöht den Bedarf an Spezialisten und Rechtsanwälten, aber auch die Staatstätigkeit. Die Bedeutung des Staates nimmt zu. Oder Verteilungskoalitionen nutzen ihre kollusive Macht, um mit mehr und komplexeren Übereinkommen den Markt zu beeinflussen. Mit beidem ändern sie die Richtung der ‚sozialen Evolution': „Der Anreiz zu produzieren ist vermindert; der Anreiz, einen größeren Anteil am Produzierten zu erlangen, nimmt zu“ (Olson 1985, S. 95). Diese neunte Forderung liefert bereits deutliche Hinweise für die Gründe des Niedergangs von Nationen.

3.3 Der Niedergang der alternden Demokratien

Olsons bisher rein theoretisch und logisch hergeleitete Auswirkungen von kollektivem Handeln treffen im vierten Kapitel des Buches auf die Empirie. Er folgert aus den bisherigen Überlegungen, dass in der Praxis „Länder, deren Verteilungskoalitionen durch totalitäre Regierungen oder fremde Besatzungsmächte kraftlos oder beseitigt wurden, relativ schnell wachsen werden, nachdem wieder eine freie und stabile Rechtsordnung errichtet worden ist“ (Olson 1985, S. 99). Das könne die Wirtschaftswunder in Deutschland und Japan erklären. Gleichzeitig bedeuten seine Gedanken jedoch, dass im Falle einer lange andauernden Stabilität und einer damit verbundenen Ansammlung von Verteilungskoalitionen auch in diesen beiden Ländern die Wachstumsraten sinken werden. Länder mit der längsten demokratischen Koalitionsfreiheit, wie etwa Großbritannien, würden ja bereits unter den meisten wachstumshemmenden Organisationen leiden. Diese These vom Altern der Demokratie, oder auch Age-of-Democracy-These genannt, ist das Zentrum von Olsons Argument, das er in der Folge weiter ausführt (Braun 1999, S. 124 f.).

Neben den bisher bekannten Länderbeispielen führt er nun auch die Vereinigten Staaten, die Schweiz und Schweden an, um seine These über lange stabile Demokratien zu untersuchen. Auf den ersten Blick erscheinen diese wie Gegenbeispiele. Die Schweiz könnte man etwa als Vorbild für eine relativ erfolgreiche Wachstumsbilanz, trotz langer Stabilität, einordnen. Hier entgegnet Olson, der sich dabei auf den Politikwissenschaftler Franz Lehner bezieht, dass die außergewöhnlich strikten Verfassungsregeln es in der Schweiz aber besonders schwer machten, neue Gesetze durchzubringen. Damit hätten es Sonderinteressengruppen besonders schwer, was die guten Werte der Schweiz erklären würde.

Eine weitere Ausnahme stellt auf den ersten Blick Schweden dar. Auch hier gab es eine lange Zeit der Stabilität und Koalitionsfreiheit, ohne dass besondere Verfassungshindernisse wie in der Schweiz existierten. Dennoch hat es, wie auch Norwegen, eine gute Wachstumsbilanz vorzuweisen. Aber auch hier sieht Olson seine Theorie in besonderer Weise bestätigt. Anders als in Großbritannien und den USA gebe es in Schweden vor allem inklusive und umfassende Organisationen, welche die sozialen Kosten ihres kollektiven Handelns selbst trügen. Als Ursache dafür benennt er die späte Industrialisierung, die dafür gesorgt hätte, dass sich nicht spontan kleine Organisationen gründen mussten, sondern anhand der Beispiele anderer Länder direkt recht umfassende Organisationen gegründet werden konnten, die sich dann auch mehr um die sozialen Kosten ihres Handelns gekümmert hätten (Olson 1985, S. 124 f.).

Die USA scheinen die Theorie Olsons auf den ersten Blick zu stützen, hatten sie nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich nur ein langsames Wachstum vorzuweisen. Allerdings gibt Olson zu bedenken, dass die Stabilität in den Vereinigten Staaten nicht einheitlich lange Bestand hat. Es gebe keine Gesamterfahrung der Bundesstaaten. Das Bild, das sich in den USA abzeichne, lasse sich erst deuten, wenn man die verschiedenen Staaten getrennt betrachte, womit er dann in seinen quantitativen Teil überleitet. Als Grundlage nutzt er Daten aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders die Zeit nach 1964. Er will es bei aller Differenziertheit besonders einfach halten und bedient sich simpler Regressionsanalysen. Eine Variable ist die Zeit, die seit der Eigenstaatlichkeit vergangen ist. Je länger dieser Zeitraum der stabilen Koalitionsfreiheit andauert, desto mehr wachstumshemmende Organisationen müssten sich angesammelt haben und desto niedrigere Wachstumsraten müssten die Länder dementsprechend haben ‒ es sei denn, eine Niederlage im Krieg oder andere Instabilitäten haben solche Organisationen zerstört.

Seine statistischen Anwendungsbeispiele beschränken sich zunächst auf die einzelnen US-Bundesstaaten, zu denen allerdings auch nur Mitgliedsstatistiken für Gewerkschaften vorliegen. Diese könnten aber, so Olson, als stellvertretendes Maß für die Stärke der Koalitionen dienen, die für das Wachstum schädlich sind, da Gewerkschaften zu den wichtigsten Interessengruppen gehörten. Und so ist die Anzahl der Mitgliedschaften in Gewerkschaften tatsächlich in den Staaten am höchsten, in denen es am längsten eine stabile Koalitionsfreiheit gegeben hat. Auch gibt es einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Mitgliedschaft in Sonderinteressengruppen und den Wachstumsraten seit 1965 (siehe Tab. 4.2 bei Olson 1985, S. 143). Olsons Theorie ist damit zunächst statistisch signifikant gestützt. Andere Regressionen, wie die zwischen Wachstum und Klima oder Wachstum und Wirtschaftszweigen, wiesen nach Olson zwar auch positive Zusammenhänge auf, aber schwächere als das Maß der Länge der Zeit, in der sich

Verteilungskoalitionen bilden konnten (Olson 1985, S. 144 f.). Und so wundert sich Olson nach den statistischen Tests, wie gut die Daten trotz der „komplexen, multikausalen Welt“ zu seiner Theorie passten. Dennoch hält er sein Argument noch nicht für zwingend. Er weitet deshalb die Datengrundlage auf die internationale Ebene aus.[1]

3.4 Hoheitliche Integration, Außenhandel oder Laissez-faire als Mittel des Aufstiegs?

Die sechs Mitglieder der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wuchsen in den 1960er Jahren rasant, was auch einer der Hauptgründe für Olsons Forschungsinteresse war. Für Deutschland hatte er bereits erste Begründungen angedeutet. Nun will er es für alle Staaten der EWG erklären, ohne sich dabei auf den gemeinsamen Markt als Ursache zu beschränken, wie dies oft geschehe. Vorteile aus einem freieren Handel seien bei Weitem nicht groß genug, erhebliches Wirtschaftswachstum zu erklären (Olson 1985, S. 162). Er beginnt seine Begründung in den mittelalterlichen Städten Englands und Kontinentaleuropas. In diesen kleinen Hoheitsgebieten hätten es kleine und homogene Gruppen, wie etwa die Zünfte, besonders einfach gehabt. Sie hatten hohe selektive Anreize und einen kurzen Weg zur Entscheidungsmacht. So verhinderten sie durch ein strenges Regelsystem vor allem auch Innovationen und läuteten damit den Niedergang der mittelalterlichen Städte ein, die fast komplett von den neuen Industrie-Städten wie Manchester überholt wurden, welche sich frei von Zünften entwickelten. Die Zentralisierung, die als hoheitliche Integration wirkte, nahm vielen Sonderinteressengruppen in den Städten und anderen kleinen Räumen die Existenzbedingungen. Innovationen konnten Einzug halten, auch die industrielle Revolution konnte nur so ihren Lauf nehmen (Olson 1985, S. 170 f.).

Hier zeigt sich ein weiteres Mal, dass sich Olsons Theorie nicht nur für die Erklärung der Unterschiede zwischen den Staaten, sondern auch auf kleineren Ebenen einsetzen lässt. Aber auch auf Staatsebene hat nach Olson die Integration eine ‚heilende' Wirkung. Frankreich, Deutschland und Italien hatten aufgrund des Krieges unter starker Instabilität und der Invasion gelitten. Dadurch hatten sie relativ weniger Sonderinteressengruppen und mehr umfassende Organisationen. Vor allem war das Protektionsniveau in den meisten EWG-Staaten, mit Ausnahme Deutschlands, vor dem Zusammenschluss sehr hoch. Ein gemeinsamer Markt schwächte deshalb vor allem die Organisationen, die sich für eine protektionistische Politik starkmachten. So konnte beispielsweise mehr Auslandskonkurrenz die Macht von Gewerkschaften verringern, da sich Produzenten um niedrige Arbeitskosten bemühen mussten, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben und damit auch die Arbeitsplätze zu retten (Olson 1985, S. 176).

Als weitere Beispiele für Länder mit einer langen stabilen Geschichte und niedrigen Wachstumsraten nennt Olson Neuseeland und Australien. Sie hätten ein hohes Protektionsniveau gehabt, ihre Zölle lagen zweibis dreimal so hoch wie in der EWG und den USA. Das erklärt Olson mit der Organisation von Industrieunternehmen und städtischen Interessen, die einen Schutz für ihre Kartellstrategien brauchten, die sie bei Freihandel nicht hätten durchsetzen können. Ihre Lage würde ihnen Stabilität und Freiheit von Invasion garantieren, die wiederum eine weitere Ansammlung von Sonderinteressenorganisationen begünstigen und das Wachstum niedrig halten würden. Schweden und die Schweiz, die wesentlich stärker wuchsen, hatten hingegen die niedrigsten Protektionsniveaus, weil die Sonderinteressengruppen dort aus oben genannten Gründen keine protektionistische Politik durchsetzen konnten. War es also doch der freiere Handel, der das Wachstum beschleunigte?

Die Begründung liegt nach Olson nicht in der Theorie der komparativen Vorteile begründet. Vielmehr seien es die Beschränkungen, die freier Handel und Faktormobilität den Sonderinteressengruppen auferlegen. So muss etwa jedes Kartell, wenn die Zölle beseitigt werden, alle Firmen in allen an der Produktion beteiligten Ländern einschließen. Da größere Gruppen schwieriger zu organisieren sind als kleine, ist dies nachteilig für die Sonderinteressengruppen, auch weil das Trittbrettfahrer-Dilemma dann häufiger auftritt (Pies 1997, S. 9). Auch Sprachund Kulturunterschiede erschweren die Errichtung internationaler Kartelle. Die staatliche Zwangsgewalt kann ebenfalls nicht mehr im Interesse der Sonderinteressengruppen genutzt werden. Und so verringern sich die Probleme kollektiven Handelns, die aus den Folgerungen 4, 6, 7, 8 und 9 erwachsen, durch freien Handel (Olson

1985, S. 185).

Die Folgerung für die Politik ist nach Olson also nicht, wie nach dem theoretischen Teil angeklungen war, dass sie blutige Revolutionen anstreben sollte ‒ auch wenn Olson nach seinen Ausführungen für mehr Verständnis für Thomas Jeffersons Bemerkung, dass „der Baum der Freiheit von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen aufgefrischt werden muß“ (Olson 1985, S. 187), wirbt. Die anwendbaren Folgerungen für die Politik sind nach Olson vielmehr das Streben nach freierem Handel und weniger Behinderungen für die freie Bewegung von Produktionsfaktoren und Unternehmen. Die Motivation zu hoheitlicher Integration und Zentralisierung entstammte seiner Ansicht nach allerdings immer politischen, militärischen und nationalistischen Überlegungen und nicht ökonomischem Verständnis. Die positiven Folgen waren immer Nebenwirkungen. Und die Politikempfehlungen sind nach Olson auch kein Allheilmittel, sondern könnten nur Linderung bringen (Olson 1985, S. 192).

Dann wendet Olson sich einem „modernen Mythos“ zu, der seiner Ansicht nach

„Millionen von Menschen unnötige Armut und Erniedrigung gebracht hat“ (Olson 1985, S. 226): die Annahme, Wettbewerb fördere Ungleichheit und müsse deshalb vom Staat und anderen Institutionen begrenzt werden. Olson behauptet, dass diese Annahme in einem Großteil der Länder eine Unwahrheit sei und in den anderen mindestens nur eine Halbwahrheit. Zwar stimme es, dass in den meisten dieser Länder eine Umverteilung durch Steuern und Transferzahlungen in Richtung der Bedürftigen, und damit eine gewisse Abmilderung der Ungleichheit, stattfinde. Doch der Autor behauptet, dass die meisten Umverteilungen nicht von Reichen zu den Armen, sondern umgekehrt, beziehungsweise willkürlich stattfinden. Als Beispiele dafür nennt er Gesetzeslücken im Steuersystem, die nur Reichen nützten, oder Mindestlohngesetze, die Arme von der Beschäftigung ausschlössen (Olson 1985, S. 229). Regierungen und andere Institutionen sorgen deshalb nach Olsons Logik (v. a. Folgerungen 3 und 9) nicht für weniger Ungleichheit, wenn sie in die Märkte eingriffen. Bei der Möglichkeit, Verteilungskoalitionen zu bilden, gebe es eine größere Ungleichheit als bei den angeborenen produktiven Fähigkeiten der Menschen. Arme haben keine Lobby, so das Kernargument. Es gebe keine Tendenz, dass sich Ungleichheiten durch Verteilungskoalitionen verringerten. Der Wettbewerb begünstige hingegen immer die, die am günstigsten produzieren und die damit ihre Löhne steigern können (Olson 1985, S. 230).

Der geneigte Leser könnte nun meinen, Olson sei ein Prediger des Laissezfaire. Doch dies nimmt er als Vorwurf auf und widerspricht ihm. Nirgendwo im Buch nehme er vollkommenen Wettbewerb an. Ja, die grundsätzliche Wertschätzung des Marktes teile er mit der klassisch-liberalen Laissez-Faire-Ideologie. Aber er teile mit dieser nicht die Überzeugung, dass jede Regierung die beste sei, die am wenigsten regiere. Die Märkte lösten nicht alle Probleme, weil es nach Olsons Vorstellung noch andere Ursachen für Zwang und sozialen Druck als den Staat gebe. So würden sich auch ohne staatliche Intervention Kartelle auf vielen Märkten ergeben. Darüber hinaus könne es gar keine Abwesenheit von staatlichen Interventionen geben, da diese durch die Lobbytätigkeit von Sonderinteressengruppen hervorgerufen würden. Das Beispiel Großbritannien soll seine Ausführungen stützen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zwischenkriegszeit habe das Land eine Laissez-faire-Politik verfolgt. Sie konnte die Kartellbildung in vielen Sektoren nicht verhindern, und auf ihrem Höhepunkt habe sich sogar erst ein großer Teil der engen Verteilungskoalitionen gebildet, die bis heute wirkten. So sei während des Laissez-faire die ‚britische Krankheit' aufgekommen, die britischen Wachstumsraten begannen zurückzubleiben (Olson 1985, S. 234 f.). So kann also auch eine Laissez-faire-Politik die Probleme durch Verteilungskoalitionen nicht ernsthaft begrenzen.

3.5 Gegenwartsprobleme und Lösungsansätze

Zum Ende seines Buches versucht Olson mit seiner Theorie Antworten auf Gegenwartsprobleme zu geben. Die bekannten makroökonomischen Theorien seien alle verhängnisvoll unvollständig und könnten keine solchen liefern. Speziell beschäftigt er sich mit dem keynesianischen, dem monetaristischen, dem Ungleichgewichtsund dem Gleichgewichts-Modell und beschreibt deren Blindstellen. Diese will Olson mit seiner Theorie nun beseitigen. Zentral sei dabei die Erklärung von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit, Stagflation und Konjunkturschwankungen. Seine Ausführungen dazu beginnt er mit der Unterscheidung von unfreiwilliger und freiwilliger Arbeitslosigkeit. Eine vom Arbeitslosen in Kauf genommene längere Arbeitslosigkeit, um einen besser bezahlten Job zu bekommen, ist beispielsweise für Olson eine freiwillige. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit liegt für ihn in einem strengen Sinn nur vor, „[…] wenn die Beschäftigung eines weiteren Arbeiters einem Arbeitgeber einen Erlöszuwachs bringt, der größer ist als der Wert, den der Arbeiter seiner Zeit beimißt, wobei der Wert der Muße und aller anderen Alternativen für den Arbeiter berücksichtigt werden“ (Olson 1985, S. 261).

Warum es diese gebe, könnten Keynes und auch die Ungleichgewichtstheorie nicht erklären. Olson aber will die Einflüsse kennen, die den beidseitig vorteilhaften Vertragsschluss zwischen Arbeitslosen und Arbeitgeber verhindern. Aber wer kann ein Interesse daran haben? Für Olson sind es die Arbeiter mit denselben oder konkurrierenden Qualifikationen, die ein erhebliches Interesse daran hätten, dass Arbeitgeber und Arbeitsloser zusammenkommen. Denn ihre Löhne würden sinken, wenn zusätzliche Arbeit das Wertgrenzprodukt der Arbeit verkleinert. Die beschäftigten Arbeiter organisieren sich daher und versuchen so kollusiven Druck auszuüben. Die andere Gruppe, die ein solches Interesse verfolgen könnte, umfasse Arbeitgeber, welche die Löhne unter dem Wettbewerbsniveau halten und deshalb den freien Wettbewerb um Arbeitskräfte blockieren wollten (Olson 1985, S. 264). Sonderinteressengruppen treffen nach Olsons Logik (Folgerung 6) nur sehr langsam Entscheidungen. Löhne und Preise bleiben deshalb auch relativ lange starr, vor allem nach unten. Eine unerwartete Inflation verringert daher die durch Lobbytätigkeit verursachten sozialen Kosten und den Grad der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit, da die vereinbarten Preise und Löhne durch die langsamen Entscheidungsfindungen nicht so schnell angepasst werden können. Die Wirtschaft mit einem hohen Organisationsgrad an Sonderinteressen wird in Zeiten unerwarteter Inflation also produktiver als normal sein. In Zeiten einer Deflation hingegen werden die Effekte einer hohen Organisation in das Gegenteil verkehrt. Die sozialen Verluste durch Verteilungskoalitionen werden dann höher als normal sein, darunter auch die unfreiwillige Arbeitslosigkeit (Olson 1985, S. 270).

Aus dieser Argumentation heraus erklärt Olson auch das Entstehen von Rezessionen und Depressionen. Durch die langsame Entscheidungsfindung kann es lange dauern, bis ein Preisvektor entsteht, der den aktuellen Gegebenheiten (z. B. einer plötzlichen Steigerung des Ölpreises) angepasst ist. Dadurch wird die Nachfrage nach Gütern und Arbeit überall in der Wirtschaft verringert – mit besagtem Ergebnis. Neue langfristige Investitionen wird es bei den zu hoch festgesetzten Preisen auch nicht geben, sodass eine Abwärtsspirale entsteht. Das Gleiche lässt sich nach Olson auch in positive Richtung sagen. So sieht er Konjunkturschwankungen erklärt. Sie kommen quasi nur durch die verstärkenden Einflüsse der Sonderinteressengruppen zustande (Olson 1985, S. 276).

An dieser Stelle grenzt er seine Theorie auch noch einmal zu den anderen makroökonomischen Theorien ab, die einen „Mangel an Unterscheidungen zwischen Gesellschaften verschiedenen Typs […] [hätten, der ihren] niederdrückend unhistorischen, unevolutionären, komparativ-statistischen und institutionsfreien Charakter“ (Olson 1985, S. 282) reflektiere. Seine Theorie erkläre die Unterschiede dadurch, dass in den verschiedenen Gesellschaften eben unterschiedliche Grade an Sonderinteressenorganisation herrschten und diese bei gleichen makroökonomischen Problemen sich deshalb anders entwickelten. Keynes Hinweise für die Praxis hingegen können aus Olsons Sicht nicht ausreichen und nur die Symptome lindern. Die Expansion der Gesamtnachfrage beispielsweise sei ganz im Interesse der Sonderinteressengruppen und würde nur vorübergehend deren soziale Kosten auffangen. Auch die Inflexibilität vieler Löhne und Preise könne Keynes Theorie nicht erklären, obwohl gerade die Erklärung der Kern jeder makroökonomischen Theorie sei. Olson sieht sich trotzdem nicht als Anti-Keynesianer, sondern als Puzzler an einer wirklich allgemeinen Theorie, an der sich auch andere beteiligen dürften (Olson 1985, S. 293 ff.).

Aber was sind am Ende die Folgerungen für die Politik? Erstens gebe es keinen Ersatz für eine offenere und kompetitivere Umwelt: „Wenn Zusammenschlüsse die Märkte überall im Lande beherrschen und die Regierung immer zugunsten von Sonderinteressen interveniert, gibt es keine makroökonomische Politik, die die Dinge in Ordnung bringen kann“ (Olson 1985, S. 304). Eine zweite Maßnahme sei die Überzeugung der Öffentlichkeit für eine über lange Zeit antiinflationäre Politik inklusive einer kurzen und scharfen Kontraktion. Einige Beispiele ermutigen Olson, dass sich die Verteilungskoalitionen dann schließlich doch der Wirklichkeit anpassten und Preise und Löhne senken würden. Und drittens müssten Anreize für Unternehmen geschaffen werden, niedrigere Lohnerhöhungen auszuhandeln, um so mehr Arbeiter einstellen zu können, was eine niedrigere unfreiwillige Arbeitslosigkeit nach sich zöge (Olson 1985, S. 304 f.).

Der ultimative Lösungsweg versteckt sich dann in einem Gedankenexperiment am Ende seiner Schrift. Er nimmt an, dass die Theorie aufgrund ihrer Einfachheit durch das Erziehungssystem und die Massenmedien weitergegeben werden könnte. So könnten die meisten Menschen zu der Überzeugung kommen, dass sein Argument richtig sei. Zögen sie die richtigen Schlüsse daraus, würden sie rigoros alle Sonderinteressengesetze und -regulierungen aufheben und neue Wettbewerbsgesetze einführen. So könnten sie die Verteilungskoalitionen an ihrem schädlichen Handeln hindern. Ohne großen Aufwand könnte so eine große Zunahme der Wohlfahrt erlangt werden. Allerdings hätten in der bisherigen Geschichte eigentlich immer die Verteilungskoalitionen einen solchen Erkenntnisgewinn der Massen zu bekämpfen gewusst (Olson 1985, S. 308 f.). Und so wünscht sich Olson am Ende des Buches eigentlich nur, dass immer größeren Teilen der Bevölkerung bewusst wird, dass Sonderinteressengruppen der Allgemeinheit schaden. Der Wunsch nach Revolution klingt dabei – trotz aller gegenteiliger Beteuerungen – ein bisschen mit.

  • [1] Thema des Sammelbandes ist der Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft. Olsons Thesen lassen sich seiner Ansicht nach jedoch auch in allen anderen Kulturen belegen. Obwohl hier oft spezifische Daten fehlten, werde deutlich, dass Zünfte und Verteilungskoalitionen in allen Kulturen dieselbe nachteilige Wirkung auf ökonomische Effizienz und Wirtschaftswachstum hätten. Hieraus zieht er auch entwicklungspolitische Schlüsse (ausführlich in Olson 1985, S. 214 ff).
 
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