Rezeption und Kritik

Olsons Aufstieg und Niedergang von Nationen war provokativ und machte den Autor berühmt. Es gewann 1983 die Auszeichnung der American Political Science Association (APSA) für das beste Buch des Jahres über Politik in den Vereinigten Staaten (Busch 2014, S. 214). Olson war darüber hinaus bis zu seinem verfrühten Tod ein aussichtsreicher Kandidat für den Nobelpreis für Ökonomie. Zwar waren seine Innovationen in der Gruppentheorie bereits aus der Logik des kollektiven Handelns bekannt, die Folgerungen daraus sorgten jedoch für viele Diskussionen auf wissenschaftlicher und politischer Ebene. Es gab sowohl Zustimmung wie auch Kritik. Die oft gelobte Klarheit und Transparenz der Theorie war es, die so viele einlud, sich mit ihr zu beschäftigen und an ihr abzuarbeiten. Ein Plan Olsons ging also schon einmal auf, und auch noch ein zusätzlicher: Die weitergehenden empirischen Überprüfungen seiner These stützten diese auch – zumindest für den von Olson beschriebenen Zeitraum (bspw. Choi 1983; Weede 1986; Mueller und Murrell 1986 oder auch Lane und Ersson 1986). Vor allem die allgemeinere und

langfristige These vom Altern der Demokratie wurde bestätigt, während die Erklärungen von kurzund mittelfristigen Entwicklungen, etwa von Konjunkturschwankungen, teilweise in Frage gestellt wurden (Braun 1999, S. 128).

Kritik an Olsons Buch gab und gibt es aus allen Richtungen und in unterschiedlicher Schärfe. Zum einen wird seine Methode kritisiert. Im Zentrum steht hierbei zunächst der Untersuchungsgegenstand: Er teilt für seine ökonometrische Analyse die USA in ihre Einzelbestandteile auf, während er bei anderen Ländern nicht so verfährt, obwohl sich deren Teile oft genauso verschieden entwickelt hatten. Auch bei den Variablen seiner Regressionsanalyse gibt es Kritik. Man könne nicht einfach das Alter der Demokratie als Proxy für politische Stabilität setzen (Keller 1992, S. 90 f.).

Der Hauptteil der Kritik konzentrierte sich jedoch auf den Inhalt. Diese Kritik, die hauptsächlich aus den Sozialwissenschaften kam, greift vor allem an dem axiomatisch-deduktiven Ansatz, den Olson wählte, an. Bereits seine Grundannahmen zum rationalen Wahlhandeln des Individuums waren und sind keinesfalls Common Sense. Aber auch die vereinfachende und monokausale Zuspitzung der Theorie auf die eine Variable der Verteilungskoalitionen rief Kritik hervor. Andere Variablen, wie politisch-institutionelle, könnten das Wirtschaftswachstum genauso gut erklären (bspw. Schmidt 1986). Die Theorie ist aus der Sicht vieler Kritiker zudem zu unterkomplex, um die vielfältigen Zusammenhänge der modernen Welt zu erklären (Braun 1999, S. 129 f.). Das führte sogar zum Vorwurf, genau das Gegenteil seiner Beobachtungen sei zutreffend: Die als jung und an Verteilungskoalitionen arm gewerteten Demokratien seien in Wahrheit korporatistische Länder. Krieg und Invasion hätten vielmehr die Verbände gestärkt und ihnen Legitimation verliehen. Auch ihre wirtschaftliche Stärke speise sich daraus, behaupteten etwa liberale Korporatismustheoretiker (Höpner 2007, S. 323).

Fest steht: Der eigene Anspruch von Olsons Theorie wurde in seiner Universalität nicht eingelöst. Bei aller Kritik waren sich aber wieder fast alle einig, dass Olson viele neue Impulse für etliche Bereiche der Wissenschaft geliefert hatte. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Douglass North fasste die Meinung vieler Kritiker treffend zusammen:

„Books with grandiose titles about societal change seldom live up to their promises, and this book is no exception. It is, however, at least partly successful; and even a partial success is an extraordinary achievement“ (North 1983, S. 163).

Die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen bewerteten ihn folglich auch unterschiedlich. So darf man auch die eingangs erwähnte Charakterisierung durch seinen Doktorvater einordnen. Denn die Ökonomie tat sich immer schwer, die Leistung Olsons für ihren Fachbereich zu bewerten. Dennoch gilt Olson als Mitbegründer und führender Vertreter des institutionenökonomischen Forschungsansatzes in den Sozialund Wirtschaftswissenschaften (Faust 2002, S. 280). Sein Werk hatte ganz wesentlich dazu beigetragen, „dass die politischen Bedingungen der Politikformulierung Gegenstand ökonomischen Denkens geworden sind. Dadurch wird die Einsicht vermittelt, dass die politischen Programme eines Landes und die Qualität der politischen und rechtlichen Institutionen seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit maßgeblich bestimmen“ (Kevenhörster 2007, S. 347).

Aber auch zur politikwissenschaftlichen Theorieentwicklung hat Olson einen großen Beitrag geleistet. Er hat auf die Defizite eines Gruppenwettbewerbs hingewiesen, der nicht geordnet wird. Diese „Asymmetrie des Pluralismus“ setzte Impulse für eine korrektive Ordnungspolitik und für die Formulierung einer diese These berücksichtigenden Demokratietheorie, welche auch dafür Lösungsansätze bietet (Kevenhörster 2007, S. 348).

In der Entwicklungspolitik hatten seine wissenschaftlichen Ergebnisse ganz praktische Folgen. Sie trugen in den 1990er Jahren maßgeblich dazu bei, das Paradigma, für Unterentwicklung sei vor allem ein Mangel an Kapital verantwortlich, abzulösen. Denn gemäß Olson führt mehr Geld durch Entwicklungshilfe in denjenigen instabilen Gesellschaften, wo vor allem kleine Verteilungskoalitionen die Macht besitzen, nur dazu, die ungewollten Strukturen auch noch zu verstärken. Die große Mehrheit der Bevölkerung werde dann bei der Verteilung der Ressourcen übergangen. Entwicklungspolitik muss also für Olson in erster Linie die schlechten Institutionen verbessern, damit diese dann den Verteilungskoalitionen Einhalt gebieten könnten (Faust 2002, S. 277).

Olson hat mit Der Aufstieg und Niedergang der Nationen also ein Buch geschrieben, das viele Reaktionen hervorrief und auch noch mehr als 30 Jahre nach seinem Erscheinen für Diskussionen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen sorgt. Er geht als großer Nationalökonom, Verbändetheoretiker und Wegbereiter einer neuen Entwicklungspolitik in die Geschichte ein – und vielleicht auch ein bisschen als Revolutionstheoretiker.

 
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