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Teil IV Bilanz und Folgerungen

Moderne Klassiker im Leistungstest: Bilanz, Probleme und Perspektiven der zeitgenössischen Debatte

um Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft

Martin Sebaldt

1 Einführung

Als Papst Leo XIII. im Jahre 1903 nach fünfundzwanzigjähriger Amtszeit starb, war auch kirchenkritischen Zeitgenossen bewusst, dass hier ein großes Pontifikat zu Ende gegangen war. Denn Vincenzo Gioacchino Pecci hatte dem Heiligen Stuhl in der Tat zu neuem internationalen Ansehen verholfen (Zinnhobler 1999, S. 439): Nach der Zerschlagung des Kirchenstaates durch das geeinte Italien im Jahre 1870 und dem anschließenden inneren Exil seines Amtsvorgängers Pius IX. konnte Leo das Papsttum durch vielfältige außenpolitische Aktivitäten und bahnbrechende Lehrschreiben wie die Sozialenzyklika Rerum novarum von 1891 nachhaltig revitalisieren, wenngleich er theologisch durchaus konservativ blieb und auch selbst den Verlust der weltlichen Herrschaft des Papsttums niemals akzeptierte. Sein Verhältnis zum italienischen Staat blieb daher auch während seines Pontifikats äußerst gespannt (Mathieu-Rosay 2005, S. 21–23).

Und doch wird in der Rückschau klar, dass ihm diese Erneuerung der vatikanischen Amtskirche nicht trotz, sondern gerade wegen des Verlusts seiner weltlichen Herrschaft gelingen konnte: Befreit von der Bürde eines monarchisch regierten Flächenstaates, die ihn auf eine Ebene mit den anderen italienischen Fürsten gestellt und deshalb auch zu ausgesprochen profaner Machtpolitik genötigt hatte, konnte sich der Papst wieder voll auf sein geistliches Amt konzentrieren. Leo ergriff diese Chance trotz verbliebener machtpolitischer Nostalgien konsequent, zumal er um die Chancenlosigkeit einer Restituierung des Kirchenstaates wusste. Von dieser ‚Resakralisierung' des Amtes profitieren seine Nachfolger bis heute (Mathieu-Rosay 2005, S. 46).

Dieses prominente Beispiel zeigt, dass Aufstieg und Fall politischer Herrschaft auch innerhalb ein und derselben Ordnung stark ineinander verwoben sein und einem Machtsystem gerade durch ihre Gegenläufigkeit binnen weniger Jahre ein völlig neues Gepräge verleihen können: Der machtpolitische Abstieg des Kirchenstaates katalysierte die spirituelle Renaissance des Papsttums maßgeblich; dieser neue geistliche Aufstieg konnte also letztlich nur durch die Impulswirkung des vorgelagerten weltlichen Abstiegs gelingen.

Damit ist klar, dass die Erforschung von Aufstiegsund Verfallsprozessen politischer Herrschaft schon in terminologischer Hinsicht herausfordernd ist: Denn weder umgangssprachlich noch in der Wissenschaft existiert ein einheitliches begriffliches Verständnis von ‚Aufstieg' und ‚Fall', und auch die Konnotationen ein und desselben Phänomens können stark variieren: Stalins berüchtigte Frage „Wie viele Divisionen hat der Papst?“ (Ring-Eifel 2004, S. 15) zeigt, dass der gerade skizzierte theologisch-moralische Wiederaufstieg des Heiligen Stuhls natürlich diejenigen nicht beeindrucken konnte, die antichristlich dachten. Ein RenaissancePapst wie der kriegerische Julius II. passte sicherlich besser in die politische Weltsicht des sowjetischen Potentaten. Und deshalb muss eine vergleichende Bilanz der jüngeren Diskussion um Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft schon an dieser grundsätzlichen Stelle ansetzen: Es darf also nicht nur darum gehen, die jeweils ins Feld geführten Entwicklungsfaktoren der unterschiedlichen Erklärungsansätze vergleichend zu analysieren, sondern es ist auch grundsätzlich zu fragen, ob unter ‚Aufstieg' und ‚Fall' jeweils dasselbe verstanden wird. Denn sollte dies nicht der Fall sein, liefe ein derartiger Vergleich letztlich ins Leere, da dann buchstäblich ‚Unvergleichliches' unreflektiert zueinander in Bezug gesetzt worden wäre.

Die vorliegende Abschlussbetrachtung dient davon ausgehend zwei Zwecken: Erstens bilanziert sie als Zusammenfassung der zwölf Fallstudien die Quintessenz der modernen Klassiker-Diskussion zum Problem der westlichen Herrschaftsentwicklung, will aber darüber hinaus auch die dabei erkannten Defizite dieser Diskurstradition benennen und eine Agenda skizzieren, die zur langfristigen Bewältigung dieser Schwächen führen kann. Insoweit ist das vorliegende Sammelwerk auch als Pilotstudie zu verstehen, auf der vertiefende Untersuchungen zur Thematik aufbauen sollen.

 
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