Bilanz und Probleme

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Es ist unbestreitbar, dass die Diskussion der letzten Jahrzehnte zu einem signifikanten Zuwachs an Wissen um Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft geführt hat. Schon allein die zwölf hier im Mittelpunkt des Interesses stehenden modernen Klassiker zum Thema, die ja nur die prominente Spitze des gesamten forscherischen Eisbergs darstellen, dokumentieren dies eindrücklich. Aber auch die systematischen Probleme und Blindstellen dieser Debatten sind an ihnen exemplarisch gut ablesbar. Dieses Spannungsfeld aus Soll und Haben wird im Folgenden genauer profiliert.

2.1 Variable Ansatzund Fluchtpunkte der Argumentation

Ein Vergleich der zentralen Aussagen der zwölf Klassiker offenbart auffällige Überschneidungen, aber auch markante Unterschiede. Es wird also deutlich, dass sich die jeweiligen Ansatzund auch die Fluchtpunkte der Argumentation zwar immer wieder mit anderen Werken in Verbindung bringen lassen, aber am Ende doch ihr spezifisches Profil behalten. Dazu tragen nicht nur die unterschiedlichen fachlichen Hintergründe der einzelnen Autoren bei, sondern auch Variationen der Methodik sowie der konkreten Gegenstandswahl. Unter den Rubriken Geographie und Ressourcen, Kapitalismus und Kultur sowie Institutionen und Organisation lassen sie sich grob in drei thematische Vierergruppen untergliedern.

In Tab. 1 sind die Kernaussagen der einzelnen Klassiker noch einmal radikal zugespitzt zusammengestellt – verbunden mit dem erneuten Hinweis, dass sich die durchweg recht voluminösen Studien nicht einseitig auf diese Perspektive reduzieren lassen, sondern dass sie daneben auch viel Material präsentieren, das den jeweiligen Ansatz differenziert. Gleichwohl sind diese archimedischen Punkte doch prägend.

Im Einzelnen lässt sich aus der Zusammenstellung ersehen, dass Jared Diamond, Ian Morris, Kenneth Pomeranz und Paul Kennedy zwar generell eine geographieund ressourcenorientierte Perspektive eint, sie aber in den Details ihrer Argumentationslinien doch erhebliche Unterschiede aufweisen. Der Physiologe und Geograph Diamond führt die Dominanz des Westens letztlich auf eine vorteilhafte Kombination von überlegener Militärtechnik, Krankheitsresistenzen seiner Bevölkerung sowie seine überlegene Schriftkultur zurück (Diamond 2005). Diese wiederum versteht er als Resultat der günstigen Ost-West-Ausrichtung der eurasischen Kontinentalachse, die den biologischen und den kulturellen Austausch

Tab. 1 Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft: Die Klassiker-Ansätze im Vergleich

Klassiker

Erklärungsansatz für Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft

Geographie und Ressourcen

Jared Diamond

Westliche Dominanz durch Militärtechnik, Krankheitsresistenzen und Schriftkultur als Folge der günstigen

Ost-West-Ausrichtung der eurasischen Kontinentalachse, domestizierbarer Tiere und früher Landwirtschaft

Ian Morris

Westliche Dominanz durch geographisch induzierte Überlegenheit in den Machtfaktoren Energieausbeute, Organisation bzw. Urbanisierung, Kommunikation und Militärpotential, die allerdings künftig erodieren kann

Kenneth Pomeranz

Westliche Dominanz vor allem durch Ressourcen aus der Neuen Welt und englische Kohle; günstige Zufälle und größere Reserven an noch nicht genutzten Ressourcen der europäischen Peripherie wirken ebenfalls stärkend

Paul Kennedy

Westliche Dominanz durch überlegenes ökonomisches Potential und militärische Stärke, die allerdings langfristig zu imperialer Überdehnung führen und damit den Verfall der dominanten Machtposition einleiten

Kapitalismus und Kultur

David S. Landes

Westliche Dominanz aufgrund des Zusammenwirkens von günstiger Geographie, politischen Institutionen und insbesondere der christlichen Kultur und Arbeitsethik sowie der Fähigkeit zur wissenschaftlichen Innovation

Niall Ferguson

Westliche Dominanz durch „Killer-Apps“ (Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentum, Medizin, Konsumgesellschaft und Arbeitsethik); ihre Übernahme durch andere Kulturen und westlicher Defätismus gefährden dies jedoch

Francis Fukuyama

Westliche Dominanz durch ein „Ende der Geschichte“, das den Sieg der modernen Wissenschaft, der Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie bringt; die Unzufriedenheit des „letzten Menschen“ gefährdet dies jedoch

Samuel P. Huntington

Westlicher Verfall durch „Clash of Civilizations“, in dem der westliche Kulturkreis gegen den japanischen, hinduistischen, slawisch-orthodoxen, lateinamerikanischen, afrikanischen und insb. sinischen und islamischen steht

Institutionen und Organisation

Douglass C. North/ Robert Paul Thomas

Westliche Dominanz durch Ausbildung einer effizienten Marktwirtschaft mit stabilen Institutionen und ausgeprägter Garantie der Eigentumsrechte, die trotz „malthusianischer Zyklen“ Wohlstand und Wachstum garantieren

Tab. 1 (Fortsetzung)

Klassiker

Erklärungsansatz für Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft

Daron Acemoğlu/ James A. Robinson

Westliche Dominanz durch Schaffung inklusiver Institutionen, die durch Machtdispersion, Pluralismus und Zivilgesellschaft zu dauerhaften „Tugendkreisen“ und damit zu ihrer evolutionären Verstetigung führen

Mancur Olson

Westlicher Verfall durch institutionelle Alterungsprozesse moderner Demokratien, die vor allen Dingen in Form innovationsfeindlicher und eigennütziger verbandlicher Verteilungskoalitionen bewirkt und verstetigt werden

Michael Hardt/ Antonio

Negri

Westlicher Verfall durch die Entstehung und den schließlichen Verfall eines globalen „Empire“, dessen lose Netzwerkstruktur letztlich zu einer Auflösung traditioneller Machtgefüge und zu weltweiter Entgrenzung führt

wesentlich erleichterte und auch die Ausbreitung der Landwirtschaft begünstigte. Eine Vielzahl domestizierbarer Tiere kam begünstigend hinzu.

Auch Morris ist von den geographischen Vorteilen des Westens überzeugt, setzt jedoch spezifischer an: Die günstigen topographischen Verhältnisse und dabei insbesondere die langen Küsten und die interne geographische Gliederung hätten Europa einen Wettbewerbsvorteil bei den Faktoren Energieausbeute, Organisation bzw. Urbanisierung, Kommunikation und Militärpotential verschafft (Morris 2011). Hier wiederum schneidet sich seine Argumentation grundsätzlich mit der von Pomeranz, wobei dieser die entscheidenden Ressourcen jedoch noch enger fasst: Denn Pomeranz hält die materiellen Potentiale der Neuen Welt sowie die englische Kohle für entscheidend, weil sie der industriellen Revolution erst den richtigen Schub verliehen hätten (Pomeranz 2000). Günstige Zufälle und größere Reserven an noch nicht genutzten Ressourcen der europäischen Peripherie benennt er darüber hinaus noch als Sekundärfaktoren. Kennedy schließlich stuft das überlegene ökonomische Potential des Westens ebenfalls als entscheidend ein, führt zusätzlich aber auch seine militärische Stärke ins Feld (Kennedy 1988).

David S. Landes, Niall Ferguson, Francis Fukuyama und Samuel P. Huntington haben demgegenüber zwar durchaus auch die überlegene wirtschaftliche Stärke des Westens im Visier. Die für sie vorgesehene Rubrik Kapitalismus und Kultur soll jedoch verdeutlichen, dass bei ihnen allerdings nicht der Ressourcenaspekt dieser ökonomischen Erfolgsgeschichte im Mittelpunkt steht, sondern ihr ‚Geist'. Gerade bei Landes wird dies deutlich, der die westliche Dominanz neben günstigen geographischen Gegebenheiten und zukunftsweisenden politischen Institutionen insbesondere auf die christliche Kultur und die aus ihr erwachsende Arbeitsethik

zurückführt, welche nicht zuletzt die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Innovation geschaffen hätten (Landes 1999). Explizit nimmt Landes hier Bezug auf Max Webers hochumstrittene Protestantismus-These (Landes 1999, S. 174–179).

Auch bei Ferguson steht dieser enge Konnex von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft im Fokus, denn seine (ungeschickt betitelten) sechs westlichen „Killer Applications“ (Wettbewerb, Wissenschaft, Eigentum, Medizin, Konsumgesellschaft und Arbeitsethik) verweisen im Grunde auf einen ähnlichen Zusammenhang (Ferguson 2011).

Fukuyama rückt dann die kulturelle Komponente noch mehr in den Mittelpunkt, indem er das „Ende der Geschichte“ vor allen Dingen durch den unbestrittenen Sieg der modernen Wissenschaft kommen sieht, einhergehend mit der Evolution der modernen Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie (Fukuyama 2006). Ein Konglomerat aus kulturellen, wirtschaftlichen und auch politischen Faktoren führt damit seiner Meinung nach zu einem westlich geprägten Endzeitalter, und doch ist für ihn am Ende ersteres entscheidend. Huntington schließlich konzentriert sich dann voll auf diesen kulturellen Faktor, denn der von ihm prognostizierte „Clash of Civilizations“, in dem sich der westliche Kulturkreis und die konfuzianischen bzw. „sinischen“, japanischen, hinduistischen, slawisch-orthodoxen, lateinamerikanischen, afrikanischen und insbesondere islamischen Zivilisationen gegenüberstehen, basiert nun im Wesentlichen auf dieser Komponente (Huntington 2002). Insoweit wird klar, dass sich die vier Klassiker auch dieser zweiten Rubrik im Detail deutlich unterscheiden: Landes argumentiert am Ende weitaus am differenziertesten, während Huntington letztlich doch recht eindimensional vorgeht. Mit Abstufungen liegen Ferguson und Fukuyama dazwischen.

Douglass C. North und Robert Paul Thomas, Daron Acemoğlu und James A. Robinson, Mancur Olson sowie Michael Hardt und Antonio Negri schließlich eint dann im Kern eine institutionenund organisationsbezogene Perspektive. Dem umfassenden Charakter dieser beiden Leitbegriffe geschuldet nehmen die Autoren jedoch am Ende recht unterschiedliche Institutionen und Organisationen ins Visier. Die Ökonomen North und Thomas fokussieren auf die Ausbildung einer effizienten Marktwirtschaft mit stabilen Institutionen und ausgeprägter Garantie der Eigentumsrechte, die trotz „malthusianischer Zyklen“ zum Aufstieg des Westens geführt und seinen Wohlstand und sein Wachstum langfristig garantiert hätten (North und Thomas 2009). Acemoğlu und Robinson würden dies so sicherlich auch unterschreiben, jedoch ist ihr Leitbegriff wesentlich umfassender, damit aber auch unschärfer: Die Schaffung inklusiver Institutionen jeglicher Form (wirtschaftlich, kulturell, sozial, politisch) führt ihrer Ansicht nach zu Machtdispersion, Pluralismus und Zivilgesellschaft und damit letztlich zu dauerhaften „Tugendkreisen“, die diese inklusiven Institutionen damit evolutionär verstetigen (Acemoglu und Robinson 2012).

Olson argumentiert dann wieder spezifischer, worin auch seine Herkunft aus der ökonomischen Verbändeforschung zum Ausdruck kommt: Westlichen Verfall sieht er vor allem durch institutionelle Alterungsprozesse moderner Demokratien induziert, welche insbesondere in Form innovationsfeindlicher und eigennütziger Verteilungskoalitionen manifest würden (Olson 1982). Hardt und Negri schließlich nehmen dann wieder eine breitere Perspektive ein und führen diesen Verfall auf die Entstehung eines globalen „Empire“ zurück, dessen lose Netzwerkstruktur eine Auflösung traditioneller (westlich dominierter) Machtgefüge und weltweite Entgrenzung bewirke (Hardt und Negri 2001).

Damit wird im Übrigen auch klar, dass längst nicht alle Klassiker von einer dauerhaften Erfolgsgeschichte des Westens ausgehen. Am positivsten gestimmt sind hier noch Landes und Fukuyama sowie die Autorenduos North/Thomas und Acemoğlu/Robinson. Trotz ihrer gerade beschriebenen inhaltlichen Unterschiede eint sie am Ende doch eine modernisierungstheoretische Perspektive: Im Kern erblicken sie, um Fukuyamas Devise zu generalisieren, in der Leistungsbilanz des Westens eben doch das wirtschaftliche, soziale, kulturelle und auch politische „Ende der Geschichte“, woran sich der Rest der Welt langfristig orientieren werde, um ähnlich erfolgreich sein zu können. Fukuyamas „last man“, der das positive Endstadium durch seinen Überdruss doch noch in Gefahr bringen könnte, fungiert hier allerdings als Warnzeichen, doch letztlich wird auch dort der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass derlei düstere Wendungen der Weltgeschichte am Ende doch illusionäre Projektion bleiben (Fukuyama 2006, S. 287–339).

Diesen Optimisten steht mit Ferguson, Olson, Hardt und Negri sowie insbesondere Huntington eine Gruppe wesentlich pessimistischerer Auguren gegenüber. Gerade für letzteren ist eigentlich klar, dass sich die globale Machtmechanik im 21. Jahrhundert merklich zu Ungunsten des Westens verändern und den Aufstieg der übrigen Kulturkreise bringen wird. Ferguson erblickt zudem im Kopieren westlicher Erfolgsmuster durch andere Kulturkreise eine langfristige Gefahr für die Dominanz des Okzidents, welcher im Übrigen auch zunehmend den Glauben an sich selbst verliere (Ferguson 2012). Olson macht für den Abstieg dann noch institutionelle Gründe verantwortlich: Die lange politische und kulturelle Tradition könne eben auch Erblast sein, indem sie mit sklerotisierenden Alterungsprozessen der westlichen Staaten einhergehe, welche ihnen am Ende die Wendigkeit und Flexibilität nähmen, über die junge politische Ordnungsgefüge noch verfügten (Olson 1982, S. 36–74). Hardt und Negri schließlich sind nicht nur deshalb pessimistisch, weil sie die Ablösung westlicher Dominanz durch das globale „Empire“ prognostizieren, sondern sie sind es auch wegen ihrer noch weitergehenden Voraussage des schließlichen Zerfalls auch dieser Ordnung (Hardt und Negri 2001, S. 353–413). Globale Anomie könnte dieser Lesart zufolge dann das wirkliche „Ende der Geschichte“ sein.

Diamond, Morris, Pomeranz und Kennedy stehen zwischen diesen beiden prognostischen Extremen, und es ist wohl auch kein Zufall, dass alle vier ‚Ressourcentheoretiker' sind. Denn wiederum mit argumentativen Unterschieden im Detail wird bei ihnen doch deutlich, dass sie die Vorteile des Westens hinsichtlich dieser Ressourcen weder zeitlich unbegrenzt sehen noch prinzipiell: Morris formuliert unmissverständlich, dass der derzeit bestehende westliche Wettbewerbsvorteil hinsichtlich Energieausbeute, Organisation, Kommunikation und Militärtechnik stetig schwinde (Morris 2011, S. 582–622). Implizit sieht das auch Pomeranz so, der die Entwicklungspotentiale des Ostens generell in einem günstigeren Licht sieht (Pomeranz 2000, S. 3–27). Diamond thematisiert in Guns, Germs, and Steel, dass der eurasische Ressourcenvorteil der Krankheitsimmunitäten durch die Konfrontation mit anderen Erregern, denen die Bevölkerung der Alten Welt nun weitgehend resistenzlos gegenüberstehe (Malaria, Gelbfieber etc.), inzwischen partiell neutralisiert sei (Diamond 2005, S. 214). In seinem Nachfolgewerk Collapse steht dann ohnehin das Problem des zu einem guten Teil menschlich verursachten, allerdings nicht nur den Westen betreffenden Ressourcenschwunds im Mittelpunkt (Diamond 2011). Kennedy schließlich weist mit seinem berühmt gewordenen Bild der imperialen „Überdehnung“ auf die simultanen Gefahren hin, die ökonomische und militärische Aufstiegsprozesse des Westens nach sich zögen (Kennedy 1988,

S. XV–XXV).

2.2 Magere gegenseitige Bezüge

Die einzelnen Autoren nehmen dabei die Arbeiten der Konkurrenz durchaus zur Kenntnis. Auf einer eher impressonistischen Ebene wird das zunächst an den oft blumigen gegenseitigen Lobgesängen deutlich, die sich angloamerikanischem Publikationsund Vermarktungsgebaren gemäß auf den Klappentexten und im Vorspann der Studien finden. Naturgemäß sind damit die späteren Klassiker gegenüber den älteren im Vorteil.

Vergleichsweise noch nüchtern attestiert hier North seinem Kollegen Landes, er schreibe „with verve and gusto (…) This is indeed good history“ (Landes 1999). Fukuyama attestiert Huntingtons „Clash of Civilizations“ dann aber schon recht euphorisch: „The book is dazzling in its scope and grasp of the intricacies of contemporary global politics“ (Huntington 2002). Die Studie von Morris erntet später noch wesentlich breiteres Lob: Landes charakterisiert sie als „astonishing work“ (Morris 2011); Ferguson attestiert ihr „wit and wisdom“ und schließt mit der Verneigung „I loved it“ (Morris 2011). Diamond wagt gar einen verbalen Kotau:

„Here you have three books wrapped into one: an exciting novel that happens to

be true; an entertaining but thorough historical account of everthing important that happened to any important people in the last ten millenia; and an educated guess about what will happen in the future. Read, learn and enjoy!“ (Morris 2011).

Auch Acemoğlu und Robinson ernten derlei Referenzen, wobei sich Fukuyama, Ferguson und Diamond erneut als Laureaten hervortun: Fukuyama charakterisiert die Studie als „highly accessible book“ mit „welcome insight to specialists and general readers alike“; Ferguson spricht von einem „compelling and highly readable book“ (Acemoglu und Robinson 2012). Und Diamond ist erneut am euphorischsten: „You will have three reasons to love this book (…) And it's a great read. Like me, you may succumb to reading it in one go, and then you may come back to it again and again“ (Acemoglu und Robinson 2012). Morris reiht sich am Ende auch noch in den Lobreigen ein und tut es Diamond gleich: „In this delightfully readable romp through four hundred years of history, two of the giants of contemporary social science bring us an inspiring and important message: it is freedom that makes the world rich. Let tyrants everywhere tremble!“ (Acemoglu und Robinson 2012). Man muss diese Klappentextlyrik nicht ernster nehmen als sie (aus Marketinggründen) wohl gemeint ist. Gleichwohl wird sie zum Aufgalopp einer Diagnose genommen, die zu diesem Bild gegenseitiger Achtung und Rezeption in merklichem Kontrast steht: Die Klassiker stehen am Ende mehr solitär nebeneinander, als dass sie sich dialogisch gegenseitig befruchten. Implizit belegen dies die Klappentexte schon selbst: Fukuyama lobt Huntington in den höchsten Tönen, obwohl er damit seine eigenen Prognosen desavouiert; Morris und Diamond scheinen ebenfalls nicht realisiert zu haben, dass Acemoğlu und Robinson die von ihnen in den Mittelpunkt gerückte Geographie in ihrer Bedeutung abqualifizieren (Acemoglu und Robinson 2012, S. 48–56). Diamonds Eloge fehlt allerdings in späteren Auflagen des Werks – ein Hinweis darauf, dass er wohl erst später die geradezu herablassende Kritik der beiden Autoren an seinem eigenen Ansatz wirklich realisiert hat.

Kurzum: Diese Würdigungen sind erkennbar mit ‚heißer Nadel' unter Zeitdruck gestrickt, ohne die betreffende Studie wirklich zu verarbeiten.

Unproblematisch bliebe dies am Ende, wenn in den Klassikerstudien selbst dann eine intensive gegenseitige Rezeption stattfände; naturgemäß sind hier die später erschienenen Studien in der Pflicht. Ein genauerer Blick offenbart aber auch hier, dass dies bestenfalls fragmentarisch geschieht. Zum einen machen sich hier nach wie vor bestehende Trennlinien zwischen den einzelnen Wissenschaftsdisziplinen negativ bemerkbar; man bleibt lieber unter sich. Zum anderen zeichnen auch innerhalb einzelner Fächer bestehende Schulenstreits für eine gegenseitige Ignoranz verantwortlich. Tabelle 2 verschafft dazu einen Überblick.

Auch hier liegt es auf der Hand, dass sich die gegenseitigen Bezugnahmen erst in den jüngeren Studien häufen. Doch auch hier muss man diese Referenzen am

Tab. 2 Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft: Gegenseitige Bezüge der Klassiker

Klassiker

Jahr

Gegenseitige Bezüge in Text und Bibliographie

North/Thomas

1973

Olson

1982

Kennedy

1988

North/Thomas

Fukuyama

1992

Huntington

1996

Fukuyama

Diamond

1997

Landes

1998

Olson, Kennedy, Diamond

Pomeranz

2000

North/Thomas

Hardt/Negri

2000

Fukuyama

Morris

2010

Kennedy, Huntington, Diamond, Landes, Pomeranz

Ferguson

2011

Diamond, Huntington, Kennedy, Landes, Morris, Pomeranz

Acemoğlu/Robinson

2012

North/Thomas, Olson, Diamond, Landes

Ende mit der Lupe suchen, und überdies folgen sie bestimmten Mustern von Inklusion und Exklusion. Eine Sonderrolle spielen hier zunächst Hardt und Negri, die mit ihrer Empire-Vision im gesamten Diskussionszusammenhang weitgehend isoliert sind. Zwar erweisen sie Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ selbst en passant Referenz (Hardt und Negri 2001, S. 189), doch ansonsten nehmen sie weder die übrigen Studien zur Kenntnis, noch werden sie andernorts explizit genannt. Insoweit kann erstens konstatiert werden, dass das Gedankengut der neomarxistischen Postmoderne im gesamten Diskursszenario kaum eine Rolle spielt.

Zweitens ist auffällig und zugleich wenig überraschend, dass sich Vertreter gleicher bzw. benachbarter Diszipinen gehäuft gegenseitig rezipieren, und dann überwiegend auch positiv. So wird Olson sowohl von Landes als auch von Acemoğlu und Robinson zumindest bibliographisch berücksichtigt; letztere attestieren ihm darüber hinaus „a very influential account of the political economy of economic growth“ (Acemoglu und Robinson 2012, S. 468). Mehrfach werden auch North und Thomas benannt, jedoch erneut in erster Linie bibliographisch; Pomeranz immerhin erweist vor allem North mehrfach seine Referenz (Pomeranz 2000, S. 14–15, 18), und auch Acemoğlu und Robinson würdigen gerade seinen Beitrag zur Debatte als „particularly notable“ (Acemoglu und Robinson 2012, S. 468). Landes' kulturzentrierte Perspektive dagegen qualifizieren letztere im Text ohne Nennung seines Namens ab; nur im anschließenden bibliographischen Essay wird er von ihnen konkret genannt, um seine Thesen jedoch dann erneut geringschätzig („proposed that“) zu behandeln (Acemoglu und Robinson 2012, S. 466).

Freundlicher geht dann Ferguson mit ihm um: „David Landes made the cultural case by arguing that Western Europe led the world in developing autonomous intellectual inquiry, the scientific method of verification and the rationalization of research and its diffusion“ (Ferguson 2011, S. 11). Und Morris stuft das Werk sogar als „magnificent book“ ein: „David Landes renews the idea that disease and demography always gave Europe a decisive edge over China, but adds a new twist by suggesting that dense population favored centralized government in China and reduced rulers' incentives to exploit Zheng's voyages“ (Morris 2011, S. 17). Darüber hinaus reichende differenzierte Bezugnahmen fehlen dann jedoch auch hier.

Auch Kennedy wird mehrfach rezipiert, und dies erneut durch Kollegen der eigenen Zunft. Neben Landes rezipiert ihn auch Morris, der Kennedys Werk als

„influential book“ qualifiziert und insbesondere die These der imperialen Überdehnung erwähnt (Morris 2011, S. 248). Ferguson stuft es demgegenüber als „another work of cyclical history“ (Ferguson 2011, S. 298) und damit deutlich zurückhaltender ein. Pomeranz wird von Morris und Ferguson ebenfalls bewertet, und erneut unterscheiden sie sich im Tenor: Morris nimmt häufig und ausgesprochen differenziert Bezug auf ihn und qualifiziert seine Studie wohlwollend als „landmark book“ (Morris 2011, S. 18). Ferguson sieht die Angelegenheit am Ende allerdings deutlich kritischer: „The story of what Kenneth Pomeranz has called ‚the Great Divergence' between East and West (…) began much earlier than Pomeranz asserted“ (Ferguson 2011, S. 304). Von Morris abgesehen bleiben die Bezugnahmen aber auch hier recht kursorisch.

Viel Kritik zieht weiterhin Diamond auf sich, was wohl auch seiner disziplinären ‚Exotenrolle' zuzuschreiben ist: Er selbst nämlich nimmt die früher erschienenen Klassiker nicht zur Kenntnis. Landes charakterisiert Diamonds Aussagen zum Untergang des Inka-Reichs noch recht wohlwollend als „penetrating“ (Landes 1999, S. 108), und Morris qualifiziert Guns, Germs, and Steel sogar noch als „classic“ (Morris 2011, S. 17). Ferguson ist dann bereits viel zurückhaltender: „It is an appealing answer. And yet it cannot be a sufficient one“ (Ferguson, S. 12). Acemoğlu und Robinson schließlich ‚zerlegen' dann Diamonds Ansatz in einer mehrseitigen Fundamentalkritik, gefolgt von ihrem desaströsen Gesamturteil:

„The geography hypothesis is not only unhelpful for explaining the origins of prosperity throughout history, and mostly incorrect in its emphasis, but also unable to account for the lay of the land we started this chapter with“ (Acemoglu und Robinson 2012, S. 54).

Fukuyama und Huntington schließlich werden trotz ihrer öffentlichen Prominenz auffallend spärlich verarbeitet, wobei auch sie selbst fast keine Bezüge zu den früher publizierten Studien herstellen. Neben der schon vermerkten Fundstelle zu Fukuyama bei Hardt und Negri findet sich nur bei Huntington ein kurzer Verweis auf Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ (Huntington 2002, S. 31). Huntington selbst wird von Morris wenigstens bibliographisch verarbeitet, am Ende jedoch nur von Ferguson genauer rezipiert, der ihn mit Blick auf den Begriff des „sinischen“ Kulturkreises mit Spott bedenkt: „It is an idiosyncratic notion that one of the world's most venerable civilizations should have a name that no one but a political theorist has ever heard of. In his original 1993 essay, Huntington used ‚Confucian'“ (Ferguson 2011, S. 16).

Trotzdem findet er am Ende recht wohlwollende Worte für dessen Kulturkampf-Ansatz: „Numerous objections were raised to this prediction in the wake of its publication. It nevertheless seems a better description of the post-Cold War world than the competing theories Huntington discarded: that there would be a post-historical (or neo-conservative) ‚one world' under American leadership, or a realist free-for-all between nearly 200 nation-states, or just downright ‚apolarity', otherwise known as chaos“ (Ferguson 2011, S. 313).

Im Endeffekt kann aber vor der Tatsache nicht die Augen verschlossen werden, dass die einzelnen Studien über weite Strecken in sich selbst kreisen und die Erträge der übrigen Klassiker nicht wirklich präzise verarbeiten. Und so verdichtet sich die zu Beginn geäußerte Vermutung zum präzisen Befund, dass gegenseitige Würdigungen – und auch Kritiken – häufig recht lässig und gleichsam durch wissenschaftliches Handauflegen entstanden sind, nicht aber durch eine differenzierte Rezeption der spezifischen Inhalte, über welche die voluminösen Studien ja unbestreitbar verfügen.

 
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