Perspektiven

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Die Erforschung des Aufstiegs und des Falls westlicher Herrschaft kann also in der Tat als eine große wissenschaftliche Baustelle qualifiziert werden, die unbestreitbar viele verdienstvolle Einzelerträge aufweist, die aber noch nicht systematisch zueinander in Bezug gesetzt wurden. Oder anders gefasst: Das unübersehbare synergetische Potential zwischen diesen spezifischen Erkenntnissen ist über weite Strecken noch nicht ausgeschöpft. Darauf vor allem gilt es in der Zukunft hinzuarbeiten.

3.1 Die nötige terminologische Vermessung des Forschungsfeldes

Voraussetzung dafür ist allerdings eine systematische terminologische Vermessung des Forschungsgegenstandes. Denn schon die einführenden Bemerkungen zum machtpolitischen Verfall und der anschließenden spirituellen Renaissance des Papsttums im 19. Jahrhundert sollten ja dafür sensibilisieren, dass Aufstieg und Fall eben keineswegs selbstverständliche oder selbsterklärende Termini sind, sondern vielfältig verstanden und auch konnotiert werden können: Haben die einen bei einem Schwund faktischer Machtressourcen nur ein Szenario des Verfalls vor Augen, begreifen dies andere geradezu als Chance, durch das Abwerfen diskreditierender Gewaltpotentiale in ein reinigendes Fegefeuer gelangen zu können, um anschließend mit neuer, nun moralisch begründeter Autorität politisch wiederaufzuerstehen.

Gerade die Geschichte des europäischen Kolonialismus kann in diesem terminologischen Spannungsfeld ganz unterschiedlich interpretiert werden: Unbestreitbar verschafften die überseeischen Besitzungen den europäischen Staaten einen exponentiellen Zuwachs an realer Macht, doch der Preis dafür war langfristig zu hoch: Denn erkauft wurde dieser Aufstieg eben mit einer unübersehbaren moralischen Diskreditierung europäischer Zivilisation (Ansprenger 1981, S. 7–28). Erst mit dem Zerfall der Kolonialreiche im Laufe des 20. Jahrhunderts konnten die nun auf den Status von Mittelmächten reduzierten europäischen Staaten daran gehen, von der imperialen Erblast befreit zu einer ethischen Reinigung ihrer politischen Identität zu schreiten. Dieser Aufarbeitungsund Erneuerungsprozess ist keineswegs abgeschlossen – weder politisch noch wissenschaftlich, wovon insbesondere die in der Einleitung dieses Sammelwerks genauer beschriebenen antiwestlichen Perspektiven der Postcolonial Studies zeugen. Gleichwohl hat dieser Prozess der „Dekolonisation“ (Osterhammel 2006, S. 119–124) Großbritannien, Frankreich, Spanien, Portugal und sonstigen Staaten mit imperialistischer Tradition auch wieder einen größeren moralisch-ethischen Handlungsspielraum gegenüber ihren ehemaligen Kolonien verschafft.

Eine derartig differenzierte terminologische Herangehensweise an den Forschungsgegenstand lassen die Klassiker allerdings vermissen. Fraglos muss man dabei zunächst zugestehen, dass etliche von ihnen nicht explizit unter dieser begrifflichen Dichotomie laufen: Landes kontrastiert stattdessen Wealth and Poverty of Nations (1999), Pomeranz spricht noch undeutlicher von der Great Divergence (2000). Acemoğlu und Robinson fassen es mit Why Nations Fail (2012) dann begrifflich noch einseitiger, wie auch Morris mit Why the West Rules (2011). Fukuyamas End of History (2006), Huntingtons Clash of Civilizations (2002), Diamonds Guns, Germs, and Steel (2005), Fergusons Civilization. The West and the Rest (2011) sowie Empire (2001) von Hardt und Negri sind dann noch einmal unspezifischer gefasst.

Lediglich North und Thomas, Olson sowie Kennedy erfassen dieses Spannungsfeld zumindest mit ihren Buchtiteln Rise of the Western World, Rise and Decline of Nations und Rise and Fall of the Great Powers präziser, und doch fehlt auch dort eine systematische begriffliche Reflexion. Ganz offensichtlich herrscht hier die Attitüde vor, dass ein intuitives Grundverständnis von Aufstieg und Fall beim Leser vorausgesetzt werden könne, was derlei terminologische Präliminarien überflüssig mache. Zweitens ist unverkennbar, dass die Autoren durch die Wahl ihrer spezifischen Forschungsperspektive recht unreflektiert definieren, was sie darunter selbst verstehen. So finden sich bei North und Thomas unter der unscharfen Überschrift The Issue nur recht kursorische und exemplarisch illustrierte Bemerkungen zu ihren marktund institutionenökonomischen Kernthesen (North und Thomas 2009, S. 1–8). Olson hält sich in seinen Einführungspassagen unter dem Titel The Questions, and the Standards a Satisfactory Answer Must Meet damit ebenfalls nicht lange auf, sondern schneidet seine Untersuchung recht zügig auf seinen handlungslogischen und verteilungskoalitionären Ansatz zu (Olson 1982, S. 1–16). Und Kennedy geht in seiner Einführung ebenfalls davon aus, dass Benennung und kurze Erläuterung seiner drei Theoriekomponenten (ökonomische und militärische Stärke sowie die Gefahr imperialer Überdehnung) für sein Unterfangen völlig ausreichen (Kennedy 1988, S. XV–XXV).

Auch bei den übrigen Studien ist auffällig, wie diese notwendigen Vorarbeiten mehr oder weniger elegant umschifft werden. Beliebt sind dabei anekdotische Aufgallops, die zwar ohne Zweifel attraktiv sind und sensibilisieren, aber eben keinen wirklich systematischen Einstieg liefern: Diamond startet mit Yali's Question, der unbestreitbar eindrucksvollen Frage seines papuanischen Gesprächspartners nach den Gründen des westlichen Entwicklungsvorsprungs (Diamond 2005, S. 13–32). Ferguson hat Rasselas's Question zu bieten, die der abessinische Fürst gleichen Namens schon im 18. Jahrhundert zum gleichen Problem stellte (Ferguson 2011, S. 10). Und Morris liefert mit seinen alternativen biographischen Skizzen Albert in Beijing und Looty in Balmoral auch nur zwei impressionistische Szenarien: Die erste beschreibt das fiktive Geisel-Schicksal des viktorianischen Prinzgemahls im Reich der Mitte unter den ebenso fiktiven Bedingungen chinesisch-östlicher Vorherrschaft. Das zweite – nun real – beleuchtet das Schicksal des an den Hof Viktorias gelieferten Pekinesen-Hundes Looty unter den faktischen Verhältnissen britisch-westlicher Vorherrschaft (Morris 2011, S. 3–11).

Kurzum: Es findet sich am Ende nirgends das, was für einen gezielten Einstieg in das Forschungsfeld eigentlich vonnöten wäre: die systematische Grundlegung der Begrifflichkeit. Das soll nicht heißen, dass auch nach Ende der Lektüre kein entsprechendes Grundverständnis dazu vermittelt wäre, doch bleibt es durchweg implizit und auch unterkomplex: Implizit, weil die Autoren ihre konkrete Forschungsperspektive mit dem terminologischen Terrain von Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft gleichsetzen, ohne dies weiter zu hinterfragen. Unterkomplex, weil damit eben die vielfältigen definitorischen Optionen, die weiter oben schon angedeutet wurden, weder zur Kenntnis genommen noch intellektuell verarbeitet werden.

3.2 Ein Forschungsterrain mit Ausweitungsund Differenzierungspotentialen

Aus diesen terminologischen Überlegungen, die in Anschlussstudien weiter zu entfalten sind, ergeben sich auch entsprechende Folgerungen zur Ausweitung und zur Ausdifferenzierung des gesamten Forschungsterrains. Denn die Vielschichtigkeit der Leitbegriffe verdeutlicht, dass ihre einzelnen Dimensionen in den bisherigen Untersuchungen längst noch nicht ausgeschöpft sind:

Erstens wird ‒ wenn nicht explizit so doch implizit ‒ durchweg mit Begriffen von Aufstieg und Fall gearbeitet, die realpolitischer bzw. ressourcenbezogener Natur sind, also die faktisch wirksamen Potentiale in und zwischen Staaten betreffen. Die weiter oben thematisierte moralisch-ethische Dimension wird zwar in spezifischen Fällen (z. B. Entkolonialisierung) durchaus auch ins Auge gefasst, aber eben nicht unter einer komparativen, das Verhältnis zwischen verschiedenen politischen Ordnungen gleichermaßen erfassenden Perspektive von Aufstieg und Fall. Gerade dieser moralisch-ethische Aspekt ist daher künftig wesentlich stärker zu berücksichtigen und systematisch zu integrieren.

Zweitens müssen die Ebenen, auf denen sich Aufstieg und Fall vollziehen, reflektierter voneinander abgegrenzt bzw. gezielter aufeinander bezogen werden. Konkret: Die einzelnen Klassiker thematisieren Entwicklungsprozesse, die sich auf unterschiedlichen Hierarchieszenarien vollziehen: An dem einen Ende der Skala stehen Hardt und Negri, die mit ihrer Empire-Vision die kontinentale und die einzelstaatliche Ebene längst hinter sich gelassen haben, von subnationalen Evolutionsprozessen ganz zu schweigen. Diese wiederum stehen aber bei Olsons Logik des kollektiven Handelns sowie seinen Thesen zum fatalen Wirken eigennütziger Verteilungskoalitionen im Mittelpunkt. Damit verkörpert er also das andere Extrem. Die übrigen Autoren reihen sich mit Abstufungen dazwischen auf.

Huntington denkt ebenfalls global, jedoch in Gestalt seiner Kulturkreis-Systematik trotzdem mit merklichen regionalen Bezügen. Kennedy, Fukuyama, Landes, Ferguson sowie Acemoğlu und Robinson fassen ihre Studien ebenfalls global, nunmehr aber jeweils problemspezifisch fokussiert. Bei Kennedy sind es die weltweiten Effekte wirtschaftlichen und militärischen Potentials, bei Fukuyama die interkontinentalen Strahlkräfte von westlicher Wissenschaft, Marktwirtschaft und Demokratie. Auf die ökonomische und die wissenschaftliche Überlegenheit des Westens konzentrieren sich mit unterschiedlicher Akzentuierung auch Landes und Ferguson, während Acemoğlu und Robinson auf dessen Schrittmacherfunktion bei der Evolution inklusiver Institutionen abstellen. Pomeranz und Morris haben durchaus auch eine weltweit ausgerichtete Perspektive; im Vordergrund steht aber am Ende doch der spezifischere Gegensatz zwischen dem angelsächsisch dominierten Europa und dem chinesisch dominierten Fernen Osten. Bei Diamond wiederum ist der Gegensatz zwischen überlegener Alter und unterlegener Neuer Welt im Vordergrund stehend. North und Thomas schließlich fokussieren dann über weite Strecken auf Westeuropa, bleiben also im Wesentlichen innerkontinental.

Drittens verdeutlicht ja schon die Gesamtanlage des vorliegenden Sammelbandes, dass Gegenstände und Forschungsansätze auch bereichsspezifisch erheblich variieren: Diamond verleiht seiner Argumentation einen geographisch-physiologischen Anstrich, und auch bei Morris und Pomeranz besitzt das GeographieArgument einen wichtigen Stellenwert. Darüber hinaus fokussieren sie aber auch auf spezifische ökonomische und soziopolitische Ressourcen, was sie auch mit Kennedy verbindet. North und Thomas sowie Olson argumentieren demgegenüber institutionenökonomisch, wogegen Acemoğlus und Robinsons Institutionenperspektive noch umfassender ausfällt. Landes, Fukuyama und Ferguson fokussieren mit Unterschieden im Detail auf kulturelle und wirtschaftliche Aspekte, wogegen Huntington klarer der Kultursphäre verpflichtet bleibt. Die politische Ordnungsdimension schließlich steht beim Empire von Hardt und Negri klar im Vordergrund. Gerade diese markanten Unterschiede in der inhaltlichen Fokussierung der Klassiker-Studien haben in der Vergangenheit zu vielfältigen Kontroversen geführt, bis hin zu sehr persönlich gefassten Verbalinjurien, wovon die Rezeptionsgeschichten der einzelnen Fallstudien beredt Zeugnis ablegen. Das inhaltliche Synergiepotential zwischen diesen einzelnen Ansätzen, das bei mit innerem Abstand vorgenommener Reflexion eigentlich unverkennbar ist, konnte so bis heute nicht wirklich ausgeschöpft werden. Damit soll nicht einem unkritischen Synkretismus das Wort geredet werden, der verschiedene Zugänge zur gleichen Thematik undurchdacht vermengt. Aber produktive Kombinationsmöglichkeiten sollten doch ausgeschöpft werden. Zum Beispiel ließe sich Olsons verteilungskoalitionäre Argumentation gut mit Kennedys Überdehnungsargument kombinieren, denn beide thematisieren institutionelle Alterungs und damit Verfallsprozesse politischer Ordnungen – nur eben auf unterschiedlichen Ebenen und damit theoretisch wie

auch praktisch gut miteinander vereinbar.

Gleichermaßen können die Ansätze von Acemoğlu und Robinson, North und Thomas sowie erneut von Olson gut kombiniert werden, da die beiden letzteren Potentiale zur Konkretisierung des doch recht unscharfen Institutionenbegriffs der ersteren bieten. Fergusons medizinische „Killer-Apps“ bieten darüber hinaus

entsprechende Möglichkeiten zur Differenzierung des Infektionskrankeiten-Arguments von Diamond, ohne es jedoch obsolet zu machen: Denn die Gefährdung durch außereuropäische Erreger war ein wesentlicher Grund für die Entwicklung der europäischen Epidemiologie (Ferguson 2011, S. 168–175); die Bedrohung durch Seuchen spielt also auch nach der Okkupation der Neuen Welt durch die Konquistadoren eine Rolle, nun aber auch unter umgekehrten, den Westen selbst betreffenden Vorzeichen. Schon diese punktuellen Verweise zeigen also das große Kombinationspotential der Studien.

 
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