Fazit

Aufstieg und Fall westlicher Herrschaft folgen Mustern. Das ist unverkennbar. Dahinter eine allgemeine „Logik der Geschichte“ zu vermuten, wie Spengler das noch tat (Spengler 1969, S. 3), ist zwar illusionäre Metaphysik. Doch völlig regellos verlaufen die betreffenden Entwicklungsprozesse auch nicht (Turchin 2003). Die Frage, welche Anteile dieser Evolution auf das Konto des Zufalls gehen und welche einer systematischen Logik unterliegen, bleibt damit weiter offen. Ihre Beantwortung kann nur durch einen konzertierten interdisziplinären Verbund gelingen. Denn allein schon die terminologische Vielfalt des Phänomens belegt, dass sich in ihm genuine Arbeitsfelder eines großen Spektrums geistes-, sozialund nicht zuletzt naturwissenschaftlicher Fächer schneiden. Die disziplinären Hintergründe der hier analysierten Klassiker-Autoren, die ja nur einen kleinen, wenn auch zentralen Ausschnitt dieses Forschungsfeldes darstellen, versinnbildlichen dies.

Vielleicht hat Friedrich der Große mit seiner Einschätzung am Ende doch noch recht, „Sa sacrée Majesté le Hasard“ zeichne für drei Viertel der Geschichte verantwortlich (Koser und Droysen 1911: 43). Der Preußenkönig ist für die Fügungen des Zufalls wohl das beste Beispiel, denn der Aufstieg seines Landes zur europäischen Großmacht wäre ohne das „Mirakel des Hauses Brandenburg“ nicht möglich gewesen: Nur der überraschende Tod der Zarin Elisabeth im Jahre 1762 und das anschließende Ausscheiden Russlands aus der antipreußischen Koalition des Siebenjährigen Krieges ermöglichten Friedrich einen Friedensschluss, der die früheren Gebietsgewinne Preußens bestätigte. Gleichwohl hätte er seine Kriege nicht ohne eine systematische Organisation des Staates und insbesondere des Militärs bestehen können. Hier trugen die weitsichtigen Reformen seines Vaters Friedrich Wilhelm I. Früchte, die nun keineswegs mehr dem Zufall, sondern dem vom „Alten Fritz“ offen gelassenen letzten Viertel des Schicksals angehören, das menschengemacht ist.

Das bedeutet natürlich nicht, sich die Devisen des autokratischen Hohenzollern zum Vorbild zu nehmen. Doch mit Blick auf den Aufstieg und den Fall westlicher Herrschaft ist diese Perspektive schon ernstzunehmen: Auch der Aufstieg des Okzidents war angesichts vielgestaltiger Zufälle ein „Mirakel“; ob sein (potentieller) Fall dann im selben Maße zufallsbedingt oder nicht vielmehr hausgemacht sein wird, muss die Zukunft erweisen.

 
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