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2 Ausgangsproblem, Forschungsfeld und Forschungsansatz

2.1 Die Krise der Tageszeitung

Schadet das Internet dem Journalismus? Sind Blogger, Laienreporter, Portalbetreiber und Social-Web-Plattformen eine Konkurrenz? Wozu braucht man heute noch Journalisten? Und wozu noch die gedruckte Tageszeitung, wenn sich der Berichtsfaden im Internet doch viel schneller aufnehmen, weiterspinnen und mit anderen Fäden zusammenführen lässt?

In den Zeitungsnationen Nordamerikas und Europas häufen sich seit einigen Jahren die Unkenrufe vom baldigen Verschwinden der Zeitung. Vor allem in den USA haben die Verlage bereits massive Verluste zu beklagen: Einer von der Newspaper Association of America herausgegebenen Statistik zufolge schrumpfte die verkaufte tägliche Gesamtauflage der nordamerikanischen Tageszeitungen zwischen 1990 und 2011 von 62,3 Millionen auf 44,4 Millionen Exemplare zusammen – das entspricht einem Rückgang von rund 30 Prozent innerhalb von 22 Jahren (vgl. Newspaper Association of America 2012).

Obschon die deutsche Presselandschaft hinsichtlich Vertriebsstruktur und Rezeptionsgewohnheiten nicht direkt mit der US-amerikanischen zu vergleichen ist, wird auch hierzulande in Fachkreisen intensiv über die Zukunft der Tageszeitung diskutiert (vgl. Weichert & Kramp 2009b, S. 53). Um sich auf die veränderten Marktbedingungen einzustellen, haben die Verlage versucht, ihre journalistischen Inhalte auf Computermonitore, Handys und Tablet-Computer zu überführen. Sie sind zu crossmedialen Anbietern geworden und haben ihre Zeitungen – legt man einen technischen Medienbegriff zugrunde[1] – in Hybridmedien umgewandelt.

Im Internet greifen jedoch die alten Geschäftsmodelle und publizistischen Konzepte nicht mehr. Die Werbetreibenden beschreiten dort andere Wege, und auf den Lesermärkten konkurrieren die Zeitungen mit zahlreichen nichtjournalistischen Informationsangeboten und partizipativen Vermittlungsformen – der ganze Fluss durchzogen vom lauter werdenden Grundrauschen des Social Web. Strategische Anpassungen waren und sind erforderlich, um den veränderten Ansprüchen der Rezipienten gerecht zu werden und die Möglichkeiten des neuen Mediums entsprechend auszuschöpfen.

Die folgenden Ausführungen beschäftigen sich mit den Symptomen und Ursachen der „Zeitungskrise“. In Abschnitt 2.1.2 werden dann die von den Verlagen verfolgten Strategien zu ihrer Bewältigung beleuchtet.

  • [1] Zur Unterscheidung eines technischen Begriffsverständnisses von einem institutionellen Medienbzw. Zeitungsbegriff vgl. Neuberger 2003a, S. 17–29.
 
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