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4.4 Transparenz als Wegbereiter von Vertrauen

In Günter Benteles Systematik der Vertrauensfaktoren wird nicht deutlich, wie der Faktor kommunikative Transparenz begrifflich trennscharf von den Faktoren kommunikative Offenheit und kommunikative Konsistenz abzugrenzen ist. Nach dem in dieser Arbeit vertretenen Verständnis von Transparenz sind kommunikative Konsistenz und Offenheit als Bedingungen für kommunikative Selbsttransparenz zu verstehen. Sie müssen beide gegeben sein, damit von Selbsttransparenz überhaupt die Rede sein kann [1].

Unter den übrigen von Bentele genannten Vertrauensfaktoren nimmt die so verstandene kommunikative Transparenz eine Sonderstellung ein: Indem Medienorganisationen ihre Ziele, Strukturen und internen Prozesse auf konsistente Weise offenlegen, ermöglichen sie es den Rezipienten, sich ein Urteil über die von ihnen als Vertrauensgründe herangezogenen Verhältnisse zu bilden. Transparenz auf der Vermittlungsebene stellt die Redaktion darüber hinaus vor die Aufgabe, den subjektiven und interpretativen Charakter journalistischer Inhalte deutlich zu machen. Das geschieht durch die Sichtbarmachung des individuellen Handelns der Redaktionsmitarbeiter. Diese wenden nicht nur formal oder informal etablierte Regeln an, sondern bilden darüber hinaus auch eigene Routinen heraus und treffen eigene, fallweise Entscheidungen, hinter denen ihr Wissen, ihre individuellen Erfahrungen und ihr berufliches Selbstverständnis stehen.

Folgt man dem medienethischen Diskurs zum Thema Transparenz, so müssen sie sich dabei um Wahrhaftigkeit, das heißt um eine wahrheitsgemäße Darstellung ihrer jeweiligen Vorgehensweise und ihrer selbst wahrgenommenen Misserfolge bemühen, um das Vertrauen ihrer Leser zu gewinnen[2]. Die ethischen Konzepte der Wahrhaftigkeit und Transparenz in der Kommunikation sind Singer (2007: 84) zufolge fundamental für die Herausbildung von Vertrauen in einer Gesellschaft und damit für die Stabilität sozialer Beziehungen. Bewusste Täuschungen, Beschönigungen oder Auslassungen wirken sich negativ aus: Sie unterhöhlen und zerstören Vertrauen, wenn das Publikum davon erfährt (vgl. O'Neill 2002, S. 70-75).

Autoren wie Allen (2008, S. 330f.) oder Craft und Heim (2009, S. 221) stellen dabei den Bezug zur Diskurstheorie von Jürgen Habermas her. Verständigung als Vertrauensbasis ist Habermas zufolge in einer Demokratie nur dann möglich, wenn Bürger und Institutionen davon ausgehen können, dass die jeweiligen Diskurspartner versuchen, klar und deutlich zu kommunizieren und sich an die Wahrheit zu halten, wenn sie sich also nicht verstellen und andere zu täuschen versuchen. Plaisance (2007, S. 189–193) erläutert, welchen Stellenwert das Konzept der Transparenz in der Moralphilosophie von Immanuel Kant hat. Darin ist es unter anderem eng mit dem Prinzip der Humanität verbunden, demzufolge die Menschen in ihrem kommunikativen Handeln die Vernunftbegabung der anderen und deren freien Willen zur Ausübung dieser Begabung respektieren sollten.

Als Stellgröße der selbstbezüglichen Kommunikation schafft kommunikative Transparenz die Voraussetzung dafür, dass bestimmte Sachverhalte oder Prozesse auf der Vermittlungsebene – zum Beispiel die Fachkompetenz der Journalisten oder die Routinen der redaktionellen Weiterverarbeitung von Informationen – von Außenstehenden überhaupt erfahrbar sind und damit wirksam werden können[3]. Kommunikative Transparenz (inklusive Offenheit und Konsistenz) ist deshalb nicht nur als Vertrauensfaktor oder -grund, sondern auch als notwendige Voraussetzung zu bezeichnen, die den Vertrauensbildungsprozess in Bezug auf bestimmte Sachverhalte erst ermöglicht.

Auch Kohring (2004b, S. 125–127) unterscheidet zwischen Gründen und notwendigen Voraussetzungen für die Entstehung von Vertrauen, die er als „strukturelle Vertrauenswürdigkeit“ bezeichnet:

„Diese Voraussetzungen müssen stets gegeben sein, damit überhaupt Vertrauensbeziehungen entstehen können, wobei durchaus denkbar ist, dass ein Mehr an Voraussetzung auch ein Mehr an Vertrauen nach sich ziehen könnte. Das Ausmaß, mit dem die Voraussetzungen für Vertrauen gewährleistet sind, kann daher vom Vertrauenssubjekt durchaus als ein Grund für Vertrauen wahrgenommen werden.“ (ebd.: 125)

Als strukturelle Bedingungen für Vertrauen nennt Kohring Freiwilligkeit, Erlernbarkeit, Adressierbarkeit, Sanktionierbarkeit und Kontrollierbarkeit. „Kontrollierbarkeit meint auch das ständige ‚Sich-einer-Prüfung-Aussetzen' im Sinne von Transparenz“, schreibt er dazu (ebd., S. 127). Kontrollierbarkeit ist demnach ein Ergebnis von Selbsttransparenz. Daneben kann sie auch von außen erzwungen werden (Fremdtransparenz). Die Rezipienten können die Kontrollen entweder selbst vornehmen oder sie an andere, (teilsystem-)externe Instanzen delegieren. Letzteres setzt allerdings wiederum die Kontrollierbarkeit bzw. Transparenz dieser externen Instanzen voraus – der Fokus des Vertrauens verlagert sich auf ein anderes System. (vgl. ebd.; Luhmann 2000, S. 77; Offe 2001, S. 262)

In dem Ausdruck „ständige Prüfung“ wird auch die zeitliche Dimension der Transparenz deutlich: Um das gewonnene Vertrauen dauerhaft zu stabilisieren, reicht es nicht aus, wenn das Vertrauenssubjekt sporadisch und nach eigenem Gutdünken Informationen herausgibt. Die Prüfung der Vertrauenswürdigkeit anhand von Indikatoren muss vielmehr jederzeit möglich sein. Das passive Bereithalten und Verfügbarmachen tritt hier neben die aktive Offenlegung von Informationen. Damit sind unterschiedliche Formen des Kommunikationsverhaltens angesprochen, die in Abschnitt 12.3.3 noch genauer beschrieben werden.

Transparenz, so viel dürfte hier deutlich geworden sein, ist nicht nur als Grund, sondern auch als eine wesentliche Voraussetzung für Vertrauen anzusehen. Welche Indikatoren die Rezipienten letztlich als Vertrauensgründe heranziehen, hängt von deren Qualitätsmaßstäben ab. Je nach persönlichen Wertvorstellungen und Bedürfnissen bilden sie ihre eigenen konkreten Qualitätserwartungen heraus, auf deren Erfüllung sich ihr Vertrauen richtet[4]. Transparenz ist die Voraussetzung dafür, dass die Rezipienten überhaupt wahrnehmen können, ob diese Erwartungen erfüllt werden.

Zusammenfassend lässt sich für dieses Kapitel Folgendes feststellen: Da ein unmittelbarer Abgleich zwischen Medienaussagen und Realität nur schwer möglich ist, sind Zeitungen als Vertrauensgüter einzustufen. Vertrauen in Form von bestimmten Zukunftserwartungen entwickeln die Leser unter anderem auf der Basis von konkreten Erfahrungen. Diese Erfahrungen können sie auch auf der Vermittlungsebene sammeln, indem sie bestimmte Sachverhalte wie die fachliche Qualifikation der Redakteure oder ein systematisches Fehlermanagement als Indizien oder Indikatoren für die Vertrauenswürdigkeit der Redaktion als Organisation und der darin handelnden Akteure heranziehen. Das aber setzt Transparenz voraus. Dabei ist auch deutlich geworden, dass es nicht ausreicht, wenn die Redaktion sporadisch und nach eigenem Gutdünken Informationen herausgibt. Um das Vertrauen der Leser zu gewinnen, muss sie vielmehr ständig offen für Anfragen oder Besuche sein. Auskünfte über die Redaktion und ihre Arbeit sind zudem nur dann glaubwürdig, wenn keine unaufgelösten kommunikativen Diskrepanzen auftauchen. Stoßen die Rezipienten bei ihrer Prüfung auf Diskrepanzen zwischen den von der Redaktion herausgegebenen Informationen und eigenen Beobachtungen oder Beobachtungen Dritter, die sie als glaubwürdig ansehen, so ruft das Misstrauen hervor. Das gilt auch für widersprüchliche Aussagen verschiedener Akteure derselben Institution oder derselben Akteure zu verschiedenen Zeitpunkten.

  • [1] Siehe dazu die Ausführungen in den Abschnitten 2.3.2 und 2.3.3 dieser Arbeit
  • [2] Die Wahrhaftigkeit kommunizierender Akteure zeigt sich darin, dass 1. ihre Aussagen auch der von ihnen vorausgesetzten Wahrheit bzw. ihrem Wirklichkeitsbild entsprechen, 2. sie die von ihnen vorausgesetzte Wahrheit nicht verschweigen oder verschleiern, wenn sie für sie persönlich oder für die Organisation unangenehm ist und 3. ihr Reden und Handeln übereinstimmen. (vgl. Fellsches & Stekeler-Weithofer 2010, S. 2925)
  • [3] Bentele und Seiffert (2009, S. 56) reklamieren diese Sonderstellung nur für Transparenz und sehen kommunikative Offenheit und Konsistenz als davon getrennte Vertrauensfaktoren an
  • [4] Dabei spielen auch individuelle Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Bildung eine Rolle. (vgl. Bentele 1996, S. 381) In Studien zur Medienglaubwürdigkeit zeigte sich etwa, dass Personen, die ein breites Medienwissen angesammelt haben, skeptischer sind und den Medien grundsätzlich weniger vertrauen als solche mit einem begrenzteren Medienwissen. (vgl. Fengler 2002, S. 53)
 
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