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5 Qualität im Zeitungsjournalismus

Die Qualität journalistischer Leistungen zu analysieren und zu beurteilen, ist ein schwieriges Unterfangen, und dennoch haben sich etliche Publizistikwissenschaftler seit Anfang der 90er-Jahre damit beschäftigt [1]. Ein Auslöser für die Herausbildung der Qualitätsforschung – in der angelsächsischen Fachliteratur als „performance assessment“ bezeichnet – war die öffentliche Diskussion um die Qualität von Fernsehprogrammen, die hierzulande wie auch in anderen europäischen Ländern durch die Zulassung von Privatanbietern ab Mitte der 80er-Jahre an Heftigkeit gewann. Einen weiteren Schub bekam die Qualitätsdebatte durch die Medienkrise, die 2001 einsetzte. Weil im Zuge dieser Krise insbesondere den Tageszeitungen die Werbeeinnahmen wegbrachen, richteten die Verlage ihr Augenmerk wieder verstärkt auf den Lesermarkt und auf die publizistische Qualität als Verkaufsargument. (vgl. Arnold 2009, S. 81; McQuail 1992, S. 10)

Die Protagonisten der Qualitätsforschung haben sich darum bemüht, Kriterien für journalistische Qualität theoretisch herzuleiten oder empirisch zu ermitteln, zu operationalisieren und zur Bewertung medialer Angebote heranzuziehen. Sie haben sich mit Verfahren der journalistischen Qualitätssicherung beschäftigt und nach Ansätzen gesucht, um die Qualitätsthematik in eine journalistische Theorie einzubinden. (vgl. Arnold 2009, S. 83; Wyss 2002, S. 94). Dabei sind die Forscher jedoch sehr unterschiedliche Wege gegangen, insbesondere was die theoretische Herleitung und Begründung grundlegender Qualitätsstandards anbelangt.

5.1 Qualität als Beobachterkonstrukt

Die erste Frage, an der sich die Geister scheiden, betrifft den Qualitätsbegriff selbst: Was ist unter journalistischer Qualität überhaupt zu verstehen? Wie in Abschnitt 2.4.2.1 (Zum Begriff der Qualität) bereits dargestellt, bezeichnet der Begriff Qualität, zurückgehend auf das lateinische „qualitas“ (Beschaffenheit, Merkmal, Eigenschaft, Zustand), zunächst ganz wertfrei die Beschaffenheit eines publizistischen Produktes anhand von wahrnehmbaren Eigenschaften. Daneben kann mit Qualität aber auch die – subjektiv zugeschriebene – Güte eines Objektes gemeint sein. (vgl. Hohlfeld 2003, S. 205)

Diese Normativität des Begriffs kommt auch in der Normenreihe 9000ff. der International Standards Organization (ISO) zum Ausdruck, die folgende Definition enthält: „Qualität ist die Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte oder vorausgesetzte Erwartungen und Anforderungen zu erfüllen.“ (vgl. Gumpp & Wallisch 1995, S. 22) Welche Eigenschaften oder Merkmale in welcher Gewichtung in die Qualitätsbewertung einfließen, hängt von den Erwartungen und Anforderungen des Urteilenden ab, die wiederum auf bestimmten Werten und Normen beruhen. Schon die Bestimmung der Qualitätsindikatoren ist somit ein normativ-subjektiver Akt. (vgl. Hohlfeld 2003, S. 205–207)

Journalistische Qualität ist nach diesem Verständnis ein Beobachterkonstrukt, das aus bestimmten Zielvorstellungen heraus entsteht. Verschiedene Akteure wie Medienrechtler, Medienkritiker, Medienmanager oder die Medienkonsumenten beobachten den Journalismus aus ihrer jeweiligen Perspektive und legen dabei unterschiedliche Maßstäbe an, die sie aus Zielen wie dem Gemeinwohl oder dem wirtschaftlichen Erfolg ableiten[2]. Diese Maßstäbe sind zudem keine fixen Größen, sondern wandelund beeinflussbar. (vgl. Weischenberg 2006a, S. 12) Aus welchen Perspektiven heraus die Vertreter der journalistischen Qualitätsforschung versucht haben, grundlegende Qualitätskriterien theoretisch herzuleiten, soll im folgenden Abschnitt erläutert werden.

Was unter journalistischer Qualität zu verstehen ist, hängt jedoch nicht nur von der Perspektive der Urteilenden ab, sondern auch davon, was überhaupt beurteilt werden soll: der Journalismus insgesamt, die einzelne Redaktion, die Journalisten als handelnde Akteure oder die Medienprodukte und -inhalte sowie deren gattungsspezifische Ausprägungen? Das Qualitätsverständnis ist daher auch eine Frage der Betrachtungsebene[3]. (vgl. Wyss 2002, S. 98)

  • [1] Ein ausführlicher Überblick über die Vorläufer der Qualitätsforschung findet sich bei Arnold (2009, S. 35–80). Wichtige „Vorarbeit“ haben demnach die Objektivitäts-, Vielfaltsund Verständlichkeitsforschung, Studien zur Pressekonzentration und zur lokalen Publizistik sowie der Diskurs über journalistische Ethik geleistet
  • [2] Saxer und Kull sprechen in diesem Zusammenhang von „normierenden Instanzen“, die auf Journalisten einwirken und so die Qualität journalistischer Produkte beeinflussen. Für besonders einflussreich halten sie dabei die folgenden Instanzen: gesetzliche Kontrollinstanzen eines Mediums (Gesetze, Gerichte, Aufsichtsgremien wie Rundfunkräte und Landesmedienanstalten), das Medienmanagement, Interessenorganisationen (Kirchen, Parteien, Wirtschaftsverbände), Experten (Wissenschaftler, Medienkritiker), journalistische Kollegen (Berufskollegen, Vertreter anderer Medien) und das Publikum. (vgl. Saxer & Kull 1981, S. 14–17)
  • [3] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 2.3.4 zu den Bezugsebenen der Transparenz
 
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