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5.2 Qualität – eine Frage der Perspektive

Die Frage nach der Perspektive der Qualitätsbeurteilung lässt sich Wyss (2002,

S. 98) zufolge in mehrere Teilfragen aufspalten:

Ÿ Wer sind die Anspruchsträger, aus deren Perspektive heraus die Qualitätsbeurteilung erfolgt? Sollen zum Beispiel Professionsmitglieder, die Rezipienten, die Werbewirtschaft, der Mediengesetzgeber oder die Wissenschaft über die Kriterien bestimmen?

Ÿ Welches Bezugsoder Wertesystem soll dabei herangezogen werden? Ist die Qualität einer journalistischen Leistung danach zu beurteilen, inwiefern sie zum Wohl der Gesellschaft beiträgt, den Wertvorstellungen des Publikums bzw. der Journalisten entspricht oder ökonomischen Zielen dient? (vgl. dazu auch Schatz & Schulz 1992, S. 690 f.)

Ÿ Auf welchen Normquellen basiert die Qualitätsbeurteilung? (u.a. rechtliche, ethische oder berufskulturelle Normen) Werden dafür Redaktionsstatuten, Ethik-Kodizes oder sonstige Richtlinien herangezogen?

Die Qualitätsforschung kann zur Messung von Qualität eigene, theoretisch abgeleitete Kriterien anlegen, sie kann aber auch die von den Medieninstitutionen und

-akteuren selbst gesetzten Kriterien und Ziele oder die Qualitätskriterien der Rezipienten ermitteln und zur Bewertung heranziehen. (vgl. Handstein 2010, S. 15; Hermes 2006, S. 21) Die Ansätze sind vielfältig, weisen im Ergebnis aber auch Überschneidungen auf. Dabei sind im Wesentlichen drei Begründungsraster oder wissenschaftliche Perspektiven erkennbar, aus denen heraus journalistische Qualitätskriterien diskutiert werden, nämlich eine normativ-demokratietheoretische, eine journalistisch-analytische und eine publikumsbezogene Blickrichtung [1].

5.2.1 Qualität aus normativ-demokratietheoretischer Perspektive

Die Anforderungen an den Journalismus werden bei diesem Ansatz aus seiner öffentlichen Aufgabe heraus begründet, das heißt mit Blick auf seine Bedeutung für eine lebendige demokratische Gesellschaft. Dabei berufen sich die Vertreter auf zentrale gesellschaftliche Werte wie Freiheit oder Gleichheit[2]. Anhand von rechtlichen Regelungen oder journalistischen Kodizes zeichnen sie nach, inwiefern sich aus diesen Werten deduktiv bestimmte Prinzipien oder Qualitätskriterien für den Journalismus ableiten, begründen und konkretisieren lassen. In den Gesetzestexten und Kodizes wird dabei teilweise zwischen einzelnen Mediengattungen und Organisationsformen unterschieden. (vgl. Arnold 2009, S. 84)

Der einflussreichste Vertreter des normativ-demokratietheoretischen Begründungsansatzes ist nach Einschätzung von Arnold (ebd., S. 86) Denis McQuail, der ein komplexes Kriterienraster zur Messung der Qualität von Massenmedien vorlegte. Die Grundzüge dieses Kriterienrasters von McQuail werden hier exemplarisch vorgestellt. Zu den Vertretern der normativ-demokratietheoretischen Perspektive zählen auch Schatz und Schulz, Hagen und Rager (vgl. ebd., S. 86–92).

McQuail (1992) arbeitet mit dem Begriff Performance – also Leistung – statt mit Qualität. Die Performance von Medieninhalten bemisst sich seiner Argumentationslinie zufolge daran, ob sie sich im Einklang mit dem „öffentlichen Interesse“ befinden. Dieser Begriff des öffentlichen Interesses lässt sich dabei auf drei verschiedene Arten verstehen, und zwar als Wille der Mehrheit, als gemeinsame Interessen, bei denen anzunehmen ist, dass alle Gesellschaftsmitglieder sie teilen, und als absolute, ideologisch verankerte Standards. McQuail hält das gemeinsame Interesse für die entscheidende Spielart – eine Sichtweise, die viele andere Autoren teilen, die sich aus der normativ-demokratietheoretischen Perspektive heraus mit Qualität im Journalismus beschäftigt haben. Gegen die anderen beiden Varianten spricht für McQuail, dass die Zwecksetzungen der öffentlichen Kommunikation zu komplex sind, um sie von Mehrheitsentscheidungen abhängig zu machen, und dass absolut gesetzte Standards nicht die allgemeinen Bedürfnisse widerspiegeln. (vgl. McQuail 1992, S. 20–25)

Die drei fundamentalen Grundwerte der westlichen, demokratischen Gesellschaften, aus denen sich deduktiv ein normatives Kriterienraster für die Strukturen und Inhalte des Mediensystems gewinnen lässt, sind für McQuail Freiheit, Gleichheit und Ordnung (im Sinne von Zusammenhalt). Daraus wiederum leitet er für die Medien die Leistungskriterien Unabhängigkeit, Vielfalt, Objektivität, kulturelle Ordnung und soziale Ordnung ab. (vgl. ebd., S. 66–78)

Die Unabhängigkeit, die sich aus der in Artikel 5 des Grundgesetzes verankerten Meinungsund Pressefreiheit herleiten lässt, zeigt sich für McQuail daran, ob und inwieweit Geldgeber und Eigner von Medienbetrieben, deren Anzeigenkunden, Informanten, organisierte Interessengruppen sowie redaktionsinterne Machtverhältnisse Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen nehmen. (vgl. ebd., S. 106–111).

Das Kriterium der Vielfalt basiert nach McQuail auf den Werten der Freiheit und Gleichheit: Jeder soll sich frei äußern dürfen, ohne daran von dominant auftretenden Gruppen oder Einzelpersonen gehindert zu werden. McQuail unterscheidet dabei drei Arten von Vielfalt: Sie zeigt sich in der Spiegelung gesellschaftlicher Unterschiede durch die Medien (Media Reflection), aber auch darin, dass verschiedene Gruppen und Interessen Zugang zu den Medien haben (Media Access), und insbesondere auch oppositionelle Stimmen Gehör finden, damit Veränderungen und Gegenbewegungen möglich sind und das politische System nicht erstarrt. Des Weiteren entsteht Vielfalt auch durch eine Vielzahl von Kanälen und Wahlmöglichkeiten für die Rezipienten, also durch eine große Zahl von alternativen Anbietern, Medienprodukten und Programmen (Audience Choice). Darüber hinaus differenziert McQuail noch zwischen interner und externer Vielfalt, zwischen Gleichheit und Proportionalität des Zugangs sowie zwischen Quantität und Qualität der Berücksichtigung von Interessengruppen und deren Anliegen. (vgl. ebd., S. 141–149; Handstein 2010, S. 32–35)

Das schwer zu fassende Postulat der Objektivität spaltet McQuail zunächst in die beiden Dimensionen Faktizität und Unparteilichkeit auf. Bei der Faktizität unterscheidet er wiederum zwischen Wahrheitskriterien (Tatsachenbezogenheit, Genauigkeit, Vollständigkeit) und Relevanzkriterien. Letztere beziehen sich auf die Qualität der Nachrichtenselektion. Zur Messung von Relevanz können unter anderem Bewertungsmaßstäbe des Publikums oder des journalistischen Berufsstandes und normative Theorien herangezogen werden. Bei der Unparteilichkeit als Objektivitätsdimension fließen schließlich Ausgewogenheitskriterien (ausgewogene Wertungen) und die neutrale Präsentation (Verzicht auf Sensationalismus) in die Beurteilung ein. (vgl. McQuail 1992, S. 196–204)

Unter dem Wert der Ordnung versteht McQuail, dass die Medien zum sozialen und kulturellen Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen sollen. Im sozialen Bereich unterscheidet er zudem die beiden Dimensionen soziale Kontrolle und Solidarität. Mit sozialer Kontrolle ist hier gemeint, dass die Medien mit dafür sorgen sollen, dass die öffentliche Ordnung erhalten bleibt und dass sich ein längerfristiger gesellschaftlicher Konsens über „fundamentale Werte“ herausbildet. Eine andere Perspektive liegt der Förderung von Solidarität zugrunde: McQuail will hier den Medien abverlangt wissen, dass sie zur Bildung von Gruppenidentitäten und zur Verbesserung von gegenseitigem Verständnis, von Empathie und Hilfsbereitschaft beitragen. Dient die soziale Kontrolle dazu, eine einheitliche Sicht auf die Grundfesten des Staates zu befördern, so basiert die Solidarität auf der freiwilligen Kooperation und gegenseitigen Fürsprache verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. (vgl. ebd., S. 237–239; Handstein 2010, S. 38–42)

McQuail hat durch die Ableitung von immer genauer fassbaren Kriterien vorgeführt, wie sich Qualität im Journalismus aus rechtlichen Regelungen und aus den ihnen zugrunde liegenden gesellschaftlichen Werten heraus begründen lässt. Er erläutert zudem, ob und wann einzelne Werte mit anderen in Konflikt geraten – etwa wenn die Aufgabe, die bestehende staatliche Ordnung zu stabilisieren, mit der Aufgabe der Medien konfligiert, Vielfalt widerzuspiegeln und Kritik an Entscheidungsträgern zu üben. Qualitätskriterien, das wird hier deutlich, müssen deshalb auch gewichtet und gegeneinander abgewogen werden, was wiederum bestimmte, der jeweiligen Perspektive entsprechende Werturteile oder rationale Begründungen voraussetzt.

  • [1] Die Verfasserin folgt hier der Begriffswahl von Arnold (2009, S. 86ff.). Sinngemäß findet sich diese Dreiteilung aber auch bei Vinzenz Wyss: Er unterscheidet zwischen einer ideologischnormativen, einer normativ-pragmatischen, einer utilitaristisch-ökonomischen und einer professionellen Perspektive. (vgl. Wyss 2002, S. 114–116). Die von ihm so benannte „ideologisch-normative“ Kategorie ist jedoch nicht den wissenschaftlich begründeten, über bestimmte Gruppeninteressen hinausreichenden Ansätzen zuzurechnen, weshalb sie hier auch nicht näher betrachtet werden soll.
  • [2] Durch die Thematisierung zentraler Werte besteht hier eine Parallele zum Medienethikdiskurs, bei dem es aber auf einer vorgelagerten Ebene um die Ermittlung und Begründung solcher Grundwerte geht. Zur Abgrenzung des Ethikdiskurses vom Qualitätsdiskurs siehe die Ausführungen von Arnold (2009, S. 186 u. 233)
 
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