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5.2.3 Qualität aus publikumsorientierter Perspektive

Bei den publikumsorientierten Ansätzen der journalistischen Qualitätsforschung stehen die Bedürfnisse und Erwartungen der Rezipienten im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Es geht dabei im Wesentlichen um die Frage, welche Qualitäten das Publikum oder stärker eingegrenzte Publikumssegmente für wichtig halten. (vgl. Arnold 2009, S. 129) Für einen Teil der Autoren ist dieser Ansatz gleichzusetzen mit der Übertragung des ökonomischen Paradigmas auf die Medienwirtschaft und damit auf den Journalismus. Qualität bemisst sich demnach an der Eignung eines (journalistischen) Produktes zur bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung. Aufgabe des redaktionellen Marketings ist es daher, die Bedürfnisse, Interessen und Qualitätsmaßstäbe der Leser zu ermitteln und die journalistische Leistung daran auszurichten[1]. (vgl. Rau 2007, S. 86–89)

Neben der ökonomischen Herangehensweise sind auch kommunikationswissenschaftlich geprägte Ansätze vorhanden, journalistische Qualität primär aus der Perspektive des Publikums heraus zu betrachten. Erkenntnisse über die Motive der Mediennutzung und die zugrunde liegenden Bedürfnisse sind vor allem in der Literatur zum Nutzenund Belohnungsansatz (Uses-and-GratificationsApproach) und zu den Cultural Studies zusammengetragen worden [2].

Beide Ansätze beziehen sich auf den Begriff der Lebenswelt, der maßgeblich von Alfred Schütz entwickelt und von Vertretern des sozialökologischen Ansatzes wie Urie Bronfenbrenner weiter ausgearbeitet wurde. Schütz definiert die alltägliche Lebenswelt eines Menschen als diejenige Umwelt oder Wirklichkeitsregion, in die er eingreifen und die er verändern kann. Seine Handlungen werden umgekehrt aber auch durch die Ereignisse und Strukturen der Lebenswelt sowie die anderen darin handelnden Menschen beeinflusst. Diese Lebenswelt ist jedoch nie ganz durchschaubar, so dass Probleme auftauchen, die sich durch Routine und vorhandenes Wissen nicht bewältigen lassen. (vgl. Schütz & Luckmann 1979, S. 25–28 u. 141ff.) Nach dem Uses-and-Gratifications-Ansatz nutzen die Rezipienten Medien aktiv, um nach weiteren Informationen zu suchen, die ihnen dabei nützen, solche Probleme in ihrer Lebenswelt zu lösen. Außerdem dient die Mediennutzung der direkten Befriedigung von Unterhaltungsbedürfnissen. (vgl. Arnold 2009, S. 204–207) Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch die Vertreter der Cultural Studies. (vgl. ebd., S. 207–214; Fiske 2003, S. 186)

Christoph Neuberger hat auf Basis dieser Ansätze seine Konzeption der Kommunikation als Problembearbeitung entwickelt. Menschen kommunizieren miteinander, so Neuberger, um dadurch Probleme in ihrer Lebenswelt lösen zu können. Journalismus definiert er als eine Institution, die Rezipienten mit aktuellen Informationen versorgen soll, die ihnen dabei helfen. Die Qualität der Berichterstattung steigt demnach, wenn die Journalisten vermitteln, was für eine Bedeutung bestimmte Nachrichten für das Leben der Rezipienten haben, inwiefern sie davon betroffen oder dafür verantwortlich sind, welche Problemlösungen denkbar sind und wo sie bei Bedarf weiterführende Informationen bekommen. (vgl. Neuberger 1996, S. 19–40, 1997, S. 176–179)

Aus den hier skizzierten Ansätzen lassen sich die publikumsorientierten Qualitätskriterien Anwendbarkeit und Unterhaltsamkeit ableiten. (vgl. Arnold 2009, S. 216ff.)

5.2.4 Qualität aus der Multiperspektive

Bis hierher wurden einzelne Perspektiven vorgestellt, aus denen heraus sich journalistische Qualität betrachten lässt: Während sie bei den normativdemokratietheoretischen Ansätzen aus der ,Außensicht' von Politik und Recht beurteilt wird, gehen die journalistisch-analytischen Ansätze vom Journalismus selbst aus, indem sie vor allem seine gesellschaftliche Funktion und die sich daraus ergebenden Anforderungen thematisieren. Die publikumsorientierte Perspektive schließlich ist auf die Bedürfnisse und Qualitätsanforderungen der Rezipienten gerichtet.

Den bislang umfassendsten Versuch, die drei genannten Perspektiven zusammenzuführen und mit einem theoretischen Rahmen zu versehen, stellt das multiperspektivische Qualitätskonzept von Klaus Arnold (2009) dar[3]. Es soll hier zunächst beschrieben werden. Daran anschließend wird die Verfasserin das Kriterienraster noch einmal kritisch durchleuchten, um daraufhin in Abschnitt 5.3 ein abgewandeltes Set von zentralen, multiperspektivisch begründbaren Kriterien für Qualität im Journalismus vorzuschlagen.

(1) Das Konzept von Arnold

Zur theoretischen Fundierung seines multiperspektivischen Qualitätskonzepts hat sich Arnold in seiner Habilitationsschrift der akteurzentrierten Differenzierungstheorie des Soziologen Uwe Schimank bedient, die Systemund Akteurtheorie miteinander verbindet (vgl. Arnold 2009, S. 142–152)[4]. Schimank setzt mit seiner Theorie zunächst bei der Frage an, wie sich die Prozesse der gesellschaftlichen Differenzierung, also die Herausbildung funktionaler Teilsysteme, erklären lassen. In Abgrenzung zur Luhmannschen Systemtheorie geht er davon aus, dass individuelle und korporative Akteure als Handlungsträger keineswegs nur als „Betriebsmittel“ für die autopoietische Reproduktion der Gesellschaft fungieren, sondern ihre Rolle auch individuell ausgestalten: Durch handelndes Zusammenwirken [5], das die Überwindung von Absichtskonflikten (Intentionsinterferenzen) voraussetzt, können sie soziale Strukturen aufbauen, erhalten und verändern, während umgekehrt die Strukturen auch das Handeln prägen. (vgl. Schimank 2005, S. 22–27 u. 72–76) Die akteurzentrierte Differenzierungstheorie weist damit Ähnlichkeiten zur Theorie der Strukturierung von Giddens auf: Beide gehen von einem ständigen Wechselspiel von handelndem Zusammenwirken bzw. Handeln und sozialen Strukturen aus und lassen sich insofern miteinander verbinden. (vgl. Arnold 2009, S. 146)

Hinsichtlich der sozialen Strukturen unterscheidet Schimank zwischen Konstellationsstrukturen, Erwartungsstrukturen und Deutungsstrukturen. Konstellationsstrukturen bezeichnen eingespielte Gleichgewichte von Akteurkonstellationen (z.B. funktionierende Arbeitsbeziehungen), aus denen sich der Einzelne ohne negative Folgen nicht so einfach lösen kann. Mit Erwartungsstrukturen sind institutionalisierte normative Erwartungen gemeint (z.B. rechtliche Regelungen, Moralkodex einer bestimmten Berufsgruppe). Als Deutungsstrukturen definiert Schimank evaluative Orientierungen, die Werte aller Art einschließen, und damit einhergehend kognitive Orientierungen als Ausdruck etablierter Sichtweisen (z.B. wissenschaftliche Theorien, berufsspezifisches Rezeptwissen). (vgl. Schimank 2005, S. 39–41) Die jeweiligen Strukturen beeinflussen das Handeln laut Schimank auf ihre eigene Weise: „Deutungsstrukturen prägen das Wollen der Akteure, Erwartungsstrukturen das Sollen und Konstellationsstrukturen das Können.“ (ebd., S. 41)

Klaus Arnold (2009) beschreibt unter Rückgriff auf die akteurzentrierte Differenzierungstheorie, wie sich aufgrund von sozialen Strukturen, die durch das handelnde Zusammenwirken von Akteuren (Journalisten, Redaktionen als korporative Akteure, Parteien, Leser etc.) geschaffen und verändert wurden, diverse Qualitätsmaßstäbe für den Journalismus herausgebildet haben. Nach seiner Terminologie haben sich diese Maßstäbe auf „funktional-systemorientierter Ebene“ aufgrund von bestimmten Deutungsstrukturen (z.B. Theorien über die Funktion des Journalismus), auf „normativ-demokratieorientierter Ebene“ aufgrund von Erwartungsstrukturen (Medienrecht, Berufskodizes) und auf „nutzerbezogenhandlungsorientierter Ebene“ aufgrund von Konstellationsstrukturen (gemeinsame Interessen von Abnehmern journalistischer Leistungen) entwickelt. (vgl. ebd., S. 134ff.)

Diese Maßstäbe finden wiederum ihren Niederschlag in den formalen Qualitätszielen und den konkreter gefassten qualitätsbezogenen Entscheidungsregeln der einzelnen Redaktionen, die das Management vorgibt und die somit zu den Erwartungsstrukturen gehören. Die aus den Zielen abgeleiteten verallgemeinerbaren Entscheidungsregeln und Verfahrensweisen sollen in dieser Arbeit der strukturationstheoretischen Terminologie entsprechend als Regeln der Legitimation bezeichnet werden.

Qualitätskriterien auf funktional-systemorientierter Ebene

Um auf dieser Ebene Kriterien zu gewinnen, zeigt Arnold zunächst, wie sich im historischen Verlauf durch das Zusammenspiel verschiedener Akteure der Journalismus als Teilsystem mit einer eigenen gesellschaftlichen Funktion herausgebildet hat. Möglich wird dies durch die Erweiterung des systemtheoretischen Zugangs um handlungstheoretische Zusammenhänge in Schimanks Differenzierungstheorie. (vgl. Arnold 2009, S. 134)

Die gesellschaftlichen Teilsysteme sind Schimank zufolge institutionalisierte Handlungskonstellationen, die einen speziellen Sinn verfolgen, der vom binären Code als Leitwert bestimmt wird. Dieser Leitwert umrahmt das Wollen und Sollen der Akteure. (vgl. Schimank 2005, S. 48) Im Unterschied zu Schimank arbeitet Arnold auch mit dem Funktionsbegriff, der neben dem Code als analytische Kategorie in der Luhmannschen Systemtheorie verankert ist.79 Während der Code intern das fortlaufende Operieren des Systems sicherstellt, dient die Funktion Luhmann gemäß dazu, das System nach außen darzustellen und dessen exklusive Zuständigkeit für ein bestimmtes Bezugsproblem zu umreißen (vgl. Luhmann 1997, S. 746–752). Am Funktionsbegriff hält Arnold deshalb fest, weil er wie Luhmann davon ausgeht, dass in der modernen Gesellschaft bestimmte Bezugsprobleme auch dann bestehen bleiben, wenn sich die Struktur von Teilsystemen in der Entwicklung verändert. Auf das Wirtschaftssystem übertragen bedeutet dies zum Beispiel, dass sich bei einem Zusammenbruch der Güterversorgung im Falle eines Krieges eine ausgeprägte Schattenwirtschaft herausbildet oder auf Selbstversorgung umgestellt wird. Das Bezugsproblem, nämlich der Konsumbedarf der Bevölkerung, bleibt bestehen; durch die Strukturumbauten wird die Funktion der Güterversorgung möglichst weiter erfüllt. (vgl. Arnold 2009, S. 150f.)

Journalismus als System entwickelte sich nach Darstellung von Arnold aus dem handelnden Zusammenwirken von Druckern, Verlegern, Publizisten, Journalisten und dem Publikum. Dass der Journalismus allmählich zu einer Profession wurde, war ihm zufolge eine Reaktion auf ein Orientierungsproblem in einer komplexer gewordenen Gesellschaft. (vgl. ebd., S. 152–162) Er schließt sich hier der Argumentation von Pöttker an (2000, S. 377f.). Die Funktion des Journalismus definiert er unter Bezugnahme auf Vorschläge von Kohring (2004a) und Scholl/Weischenberg (1998) wie folgt:

„Auf der Ebene der Gesellschaft lässt sich somit sagen, dass das System Journalismus bedingt durch seine umfassende Orientierungsleistung gegenüber den Akteuren die Funktion hat, aktuelle Themen aus den diversen sozialen Systemen der Umwelt zu sammeln, auszuwählen, zu bearbeiten und dann diesen Systemen als Medienangebote zur Verfügung zu stellen, um so eine möglichst anschlussfähige – und damit auch synchronisierende – Selbstbeobachtung der Gesellschaft zu gewährleisten.“ (Arnold 2009, S. 165)

Mit anschlussfähiger Selbstbeobachtung ist gemeint, dass Journalisten über relevante Ereignisse berichten, die auch für nicht unmittelbar davon Betroffene sowie für andere Systemzusammenhänge von Bedeutung sein können. Als Leitcode, der diese Form der Selbstbeobachtung sicherstellen soll, schlägt Arnold relevant/irrelevant vor, wobei er Relevanz dreidimensional als temporale, soziale und sachliche Relevanz versteht[6].

Aus Funktion und Code leitet er zentrale Qualitätskriterien für den Journalismus ab: Vielfalt, Aktualität, Relevanz, Glaubwürdigkeit, Unabhängigkeit, Recherche, Kritik und Zugänglichkeit. (vgl. Arnold 2009, S. 168–180, 2008, S. 494f.)

Qualitätskriterien auf normativ-demokratieorientierter Ebene

Auf dieser Ebene leiten die Wissenschaftler Qualitätskriterien nicht aus einer gesellschaftlichen Problemlage ab, sondern begründen sie mit fundamentalen Werten einer demokratischen Gesellschaft (vgl. Arnold 2009, S. 185–200, 2008,

S. 496–498): Die Funktion des Journalismus wird als öffentliche Aufgabe beschrieben, womit vor allem die möglichst anschlussfähige Beobachtung politischer Vorgänge und nicht unbedingt die Beobachtung der gesamten Gesellschaft gemeint ist. Deshalb spielen einige der funktional begründbaren Kriterien auf dieser Ebene nur eine untergeordnete Rolle:

„So werden in den gesetzlichen Regelungen Meinungsvielfalt, Wahrhaftigkeit/Richtigkeit, Recherche, Unabhängigkeit sowie Kritik betont; Relevanz, Aktualität und Zugänglichkeit sind jedoch nur indirekt von Bedeutung. Zum Teil werden diese Vorgaben auch journalismusintern in den Pressekodex übernommen und dort weiter ausgeführt.“ (Arnold 2008, S. 497)

Darüber hinaus führt Arnold zusätzliche, auf den gesetzlichen Regelungen basierende Kriterien auf, die nicht zum Kriterienset auf funktional-systemorientierter Ebene gehören: Die „Unparteilichkeit“, die er wiederum in die Qualitätskriterien Ausgewogenheit und Neutralität (bzw. Trennung von Nachricht und Meinung) unterteilt, und die Achtung der Persönlichkeit. (vgl. Arnold 2009, S. 194–199)

Qualitätskriterien auf nutzerbezogen-handlungsorientierter Ebene

Die Rezipienten nutzen journalistische Angebote aber nicht nur deshalb, weil sie es als ihre bürgerliche Pflicht ansehen, sich über aktuelle Ereignisse in Politik und Gesellschaft zu informieren. Arnold formuliert diesen Umstand auf Grundlage der akteurzentrierten Differenzierungstheorie wie folgt:

„Neben dem Wollen und Sollen, neben dem Handlungsrahmen, der sich historisch herausgebildet hat, ist aber auch das Können und damit die Akteursebene zu beachten: Hier geht es dann einerseits darum, warum und aufgrund welcher Interessen gewisse auf Funktion und öffentliche Aufgabe rückführbare Qualitätskriterien nicht, mangelhaft oder nur scheinbar umgesetzt werden und andererseits darum, ob es weitere Qualitätskriterien gibt, die weniger in Bezug auf die übergeordnete Funktion oder öffentliche Aufgabe begründbar sind, sondern von den Interessen der Abnehmer journalistischer Leistungen abhängen.“ (Arnold 2009, S. 152)

Diese zusätzlichen, rein auf den Rezipientennutzen bezogenen Qualitätskriterien leitet Arnold aus dem von Neuberger entwickelten Konzept der Problembearbeitung ab[7]. Um beim Publikum auf Interesse und Akzeptanz zu stoßen, müssen journalistische Angebote laut Neuberger einen direkten oder indirekten Nutzen stiften, indem sie eine Problemlösung ermöglichen oder erleichtern. Der indirekte Nutzen besteht darin, dass die Rezipienten die vermittelten Informationen auf ein in ihrer Lebenswelt liegendes Problem anwenden können. Ein direkt mit der Rezeption einhergehender Nutzen ist die Unterhaltsamkeit des Angebotes. (vgl. Neuberger 1996)

In Anlehnung an Neubergers Konzept der Problembearbeitung unterscheidet Arnold (2009, S. 216–223) die Qualitätskriterien Anwendbarkeit und Unterhaltsamkeit. Eine Voraussetzung für die Anwendbarkeit der Informationen ist für ihn jedoch die Transparenz, die er neben der Wechselseitigkeit als ein „Unterkriterium“ der Anwendbarkeit einstuft. Transparenz ist notwendig, damit das Publikum die beschriebenen Probleme und Lösungsvorschläge beurteilen und aufgrund dessen als anwendbar akzeptieren kann. Die Wechselseitigkeit hat vor Arnold schon Horst Pöttker (2000, S. 388f.) in seinen Kriterienkanon aufgenommen. Deren Einordnung als Unterkriterium der Anwendbarkeit begründet Arnold nun damit, dass ein auf Leserund Lebensnähe ausgerichteter Journalismus bei der Darstellung von Problemen und der Diskussion von Lösungsvorschlägen auch das Publikum selbst zu Wort kommen lassen und den Dialog mit dem Leser oder Zuschauer aufnehmen sollte.

(2) Kritik am Kriterienkanon von Arnold

Das Kriterienset, das Arnold zusammengestellt hat, ist in Tabelle 3 zu sehen (vgl. Arnold 2009, S. 229–238). Was dort noch fehlt, sind die von ihm entwickelten kanalspezifischen Qualitätskriterien für die Zeitung und ihr OnlineAngebot. Sie werden in Abschnitt 5.4 betrachtet. Wie Arnold die Kriterien definiert und einander überund untergeordnet hat, wirkt allerdings in einigen Fällen nicht schlüssig.

Insbesondere ist das von ihm aufgeführte Kriterium der Glaubwürdigkeit wenig trennscharf, weil Glaubwürdigkeit nach dem in dieser Arbeit erläuterten Begriffsverständnis eine Eigenschaft ist, welche die Rezipienten den Zeitungsjournalisten, Redaktionen und journalistischen Produkten aufgrund von verschiedenen Merkmalen oder Verhaltensweisen zuschreiben (Glaubwürdigkeitsfaktoren)[8]. Für Arnold ist Glaubwürdigkeit vor allem auf die Richtigkeit (Faktizität, Wahrheit) von Medienaussagen und auf die Nachvollziehbarkeit von Darstellungen, Interpretationen und Argumentationsketten zurückzuführen (vgl. Arnold 2009, S. 172f.). Glaubwürdigkeitsforscher haben in empirischen Studien jedoch auch andere Faktoren ermittelt, darunter Transparenz und Wechselseitigkeit bzw. kommunikative Offenheit, die Arnold beide der Anwendbarkeit als Unterkriterien zuordnet (vgl. Bentele 1994a, S. 144; Nawratil 1999; Wirth 1999).

Tabelle 3: Kriterienkanon des integrativen Qualitätskonzepts von Klaus Arnold

Die Anwendbarkeit, in der Nachrichtenfaktorforschung auch als Nutzwert tituliert, ist der sozialen Relevanz als Unterkriterium zuzuordnen, weil sie vor allem die Auswahl von Themen und Inhalten betrifft. (vgl. Handstein 2010, S. 185f.) Arnold stuft Transparenz und Wechselseitigkeit als Unterkriterien der Anwendbarkeit ein, was jedoch zu kurz greift:

Transparenz im Journalismus bewirkt, dass die Rezipienten die Qualität von Informationen besser einschätzen können und sie daraufhin eher als ‚ernstzunehmende' Informationen akzeptieren. Das wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass der Journalismus seine Orientierungsfunktion erfüllen kann. Transparenz ist deshalb auch aus funktional-analytischer Perspektive als ein zentrales Qualitätskriterium im Journalismus anzusehen. (vgl. Neuberger 1996, S. 156f.; Schröter 1995, S. 64–69) Neben den Kriterien Richtigkeit und Relevanz kommt ihr eine tragende Rolle beim Streben nach Wahrheit zu.

Ähnliches gilt für die Wechselseitigkeit: Diese Form der Kommunikation ermöglicht es den Lesern, sich auch nach der (ersten) Veröffentlichung eines Artikels in den Wahrheitsfindungsprozess einzuschalten, ihn um weitere Aspekte zu bereichern und die Redaktion auf Fehler hinzuweisen. Die Wechselseitigkeit ist deshalb ebenfalls als ein zentrales Qualitätskriterium zu behandeln, dessen Bedeutung sich auch funktional-analytisch oder normativ-demokratietheoretisch begründen lässt.

Das Kriterium der Neutralität[9] engt Arnold auf die Trennung von Nachricht und Meinung ein: „Aufgrund der Selektionsund Relevanzproblematik lässt sich

eine wirklich neutrale Darstellung nicht erreichen. Somit kann es hier lediglich darum gehen, in nachrichtlichen Texten auf explizite Wertungen zu verzichten.“ (Arnold 2008, S. 498) Die Trennung von Nachricht und Meinung lässt sich aber auch als Teilkriterium der Transparenz einstufen, weil die Leser dadurch Meinungen klar von Tatsachenbehauptungen unterscheiden können.

Die von Arnold in Anschlag gebrachten Kriterien der Kritik und Recherche sind indessen der Unabhängigkeit zuzuschlagen: Eine Redaktion, die eine kritische Grundhaltung einnimmt und möglichst viele eigene Recherchen anstellt, wappnet sich damit gegen Beeinflussungsversuche von außen[10].Diese Zuordnung nimmt auch McQuail vor: Ihm zufolge lässt sich der Grad der Unabhängigkeit einer Redaktion zum Beispiel am Anteil des selbstrecherchierten Materials im Verhältnis zum PR-Material und an deren Konfliktfreudigkeit bei kontrovers diskutierten Themen messen. (vgl. McQuail 1992, S. 112–140) Unabhängigkeit bedeutet auch, dass einzelne Redakteure in Kommentaren und anderen meinungsbetonten Darstellungsformen tatsächlich ihre eigene Meinung vertreten können, ohne dabei Sanktionen durch die Redaktionsoder Verlagsleitung fürchten zu müssen.

Ausgewogenheit besagt in strenger Auslegung, dass alle Meinungen oder Positionen zu jeweils gleichen Anteilen zu berücksichtigen sind. Da eine solche Auswahl den Relevanzkriterien zuwiderlaufen kann, plädiert Arnold für ein anderes Begriffsverständnis: „Ausgewogenheit kann deshalb nur bedeuten, bei Kontroversen nicht jede einzelne Gruppe, sondern die Befürworter und Gegner in einem etwa ausgeglichenen Verhältnis zu Wort kommen zu lassen.“ (2009, S.

196) Es gibt aber nicht nur Befürworter und Gegner, nicht nur schwarz und weiß, weshalb die von ihm geforderte Proportionalität nicht herstellbar ist. Das Kriterium der Vielfalt (bei Pöttker Verschiedenartigkeit) reicht hier aus, weil damit unter anderem gesagt ist, dass die Redaktionen eine möglichst große Bandbreite an Meinungen abbilden, wobei auch die Vielfalt mit den Relevanzkriterien konkurriert (vgl. Pöttker 2000, S. 384f).

  • [1] Harald Rau schreibt dem Redaktionsmarketing darüber hinaus aber auch die Aufgabe zu, aktiv Bedürfnisse zu wecken und ein Bewusstsein für bestimmte Qualitäten zu schaffen. Indem er journalistische Leistungen als meritorisch definiert, kann er in seiner „Ökomomie der Publizistik“ (2000) auch publizistische Qualitätsziele berücksichtigen, die bei einer rein am Gewinnstreben orientierten Betrachtung von Medienunternehmen durch das Raster fielen.
  • [2] Eine ausführliche Erläuterung dieser publikumsbezogenen Konzepte findet sich bei Arnold (2009, S. 201–215).
  • [3] Die Notwendigkeit eines solchen Konzeptes begründet er in Anlehnung an Ulrich Saxer damit, dass kommunikationswissenschaftliche Qualitätsmodelle möglichst vieldimensional, integral, transparent und operationalisiert sein sollten. Nur so lasse sich Qualität im Journalismus umfassend und nicht einseitig oder gar durch eine ideologische Brille hindurch betrachten. (vgl. Arnold 2009, S. 133; Saxer 2000, S. 197–203)
  • [4] Arnold bezieht sich dabei vor allem auf eine Aufsatzsammlung von Schimank (2005) zur akteurzentrierten Differenzierungstheorie
  • [5] Ob und in welcher Weise die Akteure zusammenwirken, hängt Schimank zufolge von bestimmten Akteurskonstellationen ab, wobei er die folgenden drei Typen unterscheidet: Beobachtungskonstellationen, Beeinflussungskonstellationen und Verhandlungskonstellationen. (vgl. Schimank 2005, S. 32–35)
  • [6] Temporale Relevanz bezeichnet demnach die Aktualität der Berichterstattung, soziale Relevanz deren Resonanzund Irritationspotenzial bei den Rezipienten. Mit sachlicher Relevanz meint Arnold, dass sich die journalistische Berichterstattung auf faktische im Unterschied zu fiktionalen Ereignissen bezieht. (vgl. Arnold 2009, S. 165–167)
  • [7] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 5.2.3 dieser Arbeit
  • [8] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 4.2 zu den Glaubwürdigkeitsfaktoren
  • [9] Das Gebot der Neutralität bei Nachrichten und Berichten findet sich in Deutschland in allen rundfunkrechtlichen Regelungen, in den Pressegesetzen ist es hingegen nicht explizit formuliert. (vgl. Arnold 2009, S. 196f.)
  • [10] Hinzu kommt die Kontrolle als wichtiges Ziel des sogenannten investigativen Journalismus, der sich der Recherche bedient, um bislang Verborgenes aufzudecken. (vgl. Schröter 1995, S. 35)
 
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