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5.4.2 Qualitäten des Online-Angebotes

Für Zeitungen, die auch im Internet präsent sein und seine technischen Möglichkeiten ausschöpfen wollen, hat sich das Aufgabenspektrum um die folgenden, für die Qualität der journalistischen Inhalte wesentlichen Bereiche erweitert:

(1) Navigation

Zeitungsredaktionen sind im Internet nicht darauf beschränkt, selbst Beiträge zu produzieren. Daneben wird Neuberger zufolge auch die „nachträgliche Selektion, Prüfung und Vernetzung des im Internet bereits Publizierten“ zu einer journalistischen Leistung, die er in Anlehnung an Axel Bruns als „Gatewatching“ bezeichnet. Sichtbar wird sie unter anderem durch Hyperlinks und Meta-Kolumnen. Sie dienen der Vertiefung und Kontextualisierung der von der Redaktion aufgegriffenen Themen. (vgl. Bruns 2009, S. 112ff.; Neuberger 2009, S. 55f., 2011, S. 102)

(2) Kurzer Draht zum Leser

Auch ohne das World Wide Web suchten die Zeitungsredaktionen und insbesondere die Mitarbeiter im Lokalen den direkten Kontakt zu ihren Lesern – sei es nun über Leserbriefe, Lesertelefone, Ombudsleute oder „mobile Redaktionen“. Durch das Internet sind jedoch wesentlich schnellere Formen hinzugekommen: Die Redaktionsmitarbeiter können per E-Mail oder in Foren mit den Nutzern kommunizieren. Erscheinen deren Kommentare direkt unter einzelnen Beiträgen, so sind sie Teil des redaktionellen Angebotes (Integration). Die Nutzer werden dadurch zu Mitproduzenten. (vgl. Meier 2003, S. 255f.) Darüber hinaus kann die Redaktion ihre Leser über das Internet auch schon vor dem Erscheinen eines Beitrags an der Produktion beteiligen, indem sie deren Themenvorschläge aufgreift, sie über alternative Themenideen abstimmen lässt oder sie als ‚Leserreporter' in die Recherche und Artikelproduktion einbindet.

(3) Moderation

Auf der Zeitungs-Website oder in sozialen Netzwerken können die Redaktionen darüber hinaus auch die Kommunikation ihrer Leser und Nutzer organisieren und moderieren. Da bei solchen Diskursen im Internet weder Zeitdruck noch Platzmangel herrscht, können sie sich über Tage, Wochen oder Monate erstrecken [1]. (vgl. Neuberger 2009, S. 57, 2011, S. 111f.)

(4) Schneller Nachrichtentakt

Im Internet stehen die Redaktionen unter einem anderen Zeitdruck, weil es dort möglich und auch üblich ist, Nachrichten sehr schnell zu veröffentlichen. Dadurch steigt zwar die Aktualität, doch kann diese schnellere Taktung zu Lasten der Sorgfalt und damit der Richtigkeit der Informationen gehen. (vgl. Neuberger 2009, S. 46, 2011, S. 103) Auch andere Relevanzkriterien können dabei in den Hintergrund geraten. Die Redaktionen müssen deshalb Regeln dafür festlegen, wann eine Nachricht durch eine neue, aber ansonsten als weniger wichtig eingestufte Nachricht zu ersetzen ist. (vgl. Meier 2003, S. 253f.)

(5) Nachvollziehbarer Prozessjournalismus

Weil es im Internet möglich ist, Beiträge ständig zu berichtigen, ergänzen und aktualisieren und diese Änderungen kenntlich zu machen, kann daraus ein deutlich nachvollziehbarer Prozessjournalismus entstehen, der mit den oben beschriebenen Formen der Nutzerbeteiligung einhergeht. Dabei stellt sich zum Beispiel die Frage, ob und wie die Redaktion Fehler im Online-Archiv nachträglich korrigiert und ob sie diese Korrekturen zugunsten der Transparenz auch für die Nutzer kenntlich macht. (vgl. ebd., S. 254f.; Neuberger 2011, S. 103)

(6) Neue Formen der Archivierung

Im Internet lassen sich aktuelle Informationen mit anderen, zeitloseren Informationen verknüpfen und so in einen breiteren Kontext stellen. Aus zahlreichen Einzelbeiträgen kann sich so allmählich eine umfangreiche Sammlung zu einem Thema entwickeln. Eine Darstellungsform für längerfristig ‚haltbare' Informationen ist zum Beispiel das Web-Dossier mit seiner modularen Themenaufbereitung. (vgl. Meier 2003, S. 258; Neuberger 2011, S. 104–106)

(7) Multimedialität

Das Internet erlaubt den Redaktionen eine mehrmediale Präsentation von Inhalten, die sich auch auf Videound Audio-Elemente erstreckt. (vgl. Meier 2003, S. 260f.) Die Elemente lassen sich in neuen Darstellungsformen wie der AudioSlideshow oder der multimedialen Reportage miteinander kombinieren.

Christoph Neuberger bezeichnet die genannten Eigenschaften von OnlineMedien – wenn auch in etwas anderer Systematik – als „internetspezifische Qualitätskriterien“ für den Journalismus. (vgl. Neuberger 2011, S. 156) Im Unterschied zu medienübergreifenden Kriterien wie Aktualität und Vielfalt handelt es sich dabei aber nicht um Bewertungskriterien, sondern um unbewertete Eigenschaften oder Potenziale. Falls die Redaktion diese Möglichkeiten nutzen will, kann sie spezielle Qualitätsanforderungen dafür definieren, die sich aus den medienübergreifenden Standards ableiten lassen. So kann sie zum Beispiel für das Kriterium der Aktualität festlegen, wann und wie oft ein Beitrag auf der Zeitungs-Website zu aktualisieren ist. Oder sie bestimmt Regeln für die Moderation von Nutzerforen, wobei unter anderem die Kriterien der Unabhängigkeit (Fairness) und der Wechselseitigkeit medienspezifisch zu konkretisieren sind.

  • [1] Christoph Neuberger hält für einen solchen Internetdiskurs folgendes Vorgehen für denkbar:„Mehrere Diskussionsrunden wären Teilaspekten des Themas gewidmet. Sie könnten mit Eingangsstatements der Diskutanten als Videos beginnen und dann schriftlich weitergeführt werden. Registrierte Nutzer kämen – in einer vergleichbaren Rolle wie das Studiopublikum – zu Wort oder könnten in großer Zahl über Argumente und Forderungen abstimmen. Teilnehmer müssten sich registrieren und könnten bei Regelverstößen ausgeschlossen werden. Ein Moderator würde den Ablauf strukturieren: Er führt in das Thema ein, liefert Basiswissen und fehlende Zusatzinformationen, stellt Zusammenhänge her, erfragt Begründungen und resümiert.“ (Neuberger 2011, S. 112)
 
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