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9 Ausgrenzung und Auswahl von Inhalten

Im siebten und achten Kapitel wurden die Themenfelder der externen Transparenzkommunikation beschrieben, aus deren Zusammenschau sich ein Bild von der Redaktion als soziales System organisierten Handelns ergibt. Die Informationen können sich jeweils auf die gesamte Redaktion (u.a. übergreifende Ziele und Strategien) oder auf einzelne Aufgabenbereiche wie Produktion, Marketing oder Personalwirtschaft beziehen.

Den Möglichkeiten der externen Transparenzkommunikation stehen allerdings auch Grenzen und Risiken gegenüber, mit denen sich der folgende Abschnitt 9.1 beschäftigt. Diese Grenzen und Risiken können zu Ausgrenzungsentscheidungen führen, welche die für die Transparenzkommunikation Verantwortlichen entweder im eigenen Ermessen oder nach bestimmten Verhaltensvorgaben als Teil des formalen Regelsystems treffen. Um den Eindruck einer willkürlichen Auswahl zu vermeiden, müssen sie ihre Ausgrenzungsentscheidungen offenlegen und begründen.

Das Gleiche gilt für die Auswahl von Inhalten: Die Redaktion entscheidet, wo sie in der Transparenzkommunikation besondere Schwerpunkte setzen will, und sie muss auch diese Entscheidungen begründen. In Abschnitt 9.2 wird es um die Frage gehen, wie solche Begründungen aussehen können.

9.1 Grenzen und Risiken der Transparenzkommunikation

Die Grenzen und Risiken der externen Transparenzkommunikation werden hier in verschiedene Kategorien unterteilt, um sie dadurch systematischer beschreiben zu können:

(1) Grenzen durch den Informantenschutz

Beschränkungen der Transparenz ergeben sich unter anderem aus dem Informantenschutz: Personen, die Redaktionen Insider-Informationen liefern, können verlangen, dass sie weder in der Zeitung noch bei anderen Gelegenheiten namentlich genannt und mit bestimmten Angaben in Verbindung gebracht werden, damit ihre Auskünfte keine nachteiligen Folgen für sie haben. Die Redaktionen können ihnen diesen Schutz einräumen, um an die Informationen zu gelangen, und dafür von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen[1]. Redakteure, die sich dazu verpflichtet haben, bestimmte Informanten nicht zu nennen, dürfen auch ihre Recherchewege nicht uneingeschränkt transparent machen, weil die Rezipienten aus einigen Angaben schließen könnten, wer die Informanten waren.

(2) Begrenzte Bereitschaft zur Selbstdarstellung

Ob einzelne Redakteure porträtiert und bei ihrer Arbeit gezeigt werden, hängt auch von deren Bereitschaft ab, sich als „öffentliche Person“ zu präsentieren. Dabei können sie sich zum Teil auf medienrechtliche Vorschriften berufen: Das allgemeine Persönlichkeitsrecht schützt unter anderem persönliche Daten und Aufzeichnungen, das nicht-öffentlich gesprochene Wort, das eigene Bild, die häusliche Sphäre und das Privatleben vor einer Veröffentlichung, der die Betroffenen nicht zugestimmt haben. Ob der Persönlichkeitsschutz oder die Pressefreiheit Vorrang hat, ist im Einzelfall abzuwägen. (vgl. Branahl 2009, S. 124ff.)

Redaktionsmitarbeiter können sich auch aus Sicherheitsgründen weigern, bestimmte Bereiche ihrer Arbeit oder Details zu ihrer Person offenzulegen: Bei einer Redakteurin etwa, die regelmäßig in der rechtsradikalen Szene recherchiert, kann es zu ihrem Schutz geboten sein, dass sie ihre Artikel unter einem Pseudonym veröffentlicht und nicht mit Name, Bild und weiteren Details auf der Website oder in der Zeitung auftaucht.

Der amerikanische Journalist und Medien-Blogger Jeff Jarvis hat gefordert, dass Journalisten den Lesern weitgehende Einblicke in ihre Biografie geben sollten, zum Beispiel was ihre finanziellen Bindungen, ihre politische Gesinnung und ihre Glaubenszugehörigkeit betrifft (vgl. Smolkin 2006, S. 22f.). Er trennt dabei nicht mehr zwischen der Berufsrolle des Journalisten, der nach professionellen Regeln handelt, und der Rolle des Privatmenschen, der einer Partei oder Kirche angehört. Bei einer solchen Vermischung hätten die Leser zum Beispiel jederzeit die Möglichkeit, die Arbeit eines Politikredakteurs als tendenziös hinzustellen. Damit aber würden sich die einzelnen Redakteure wie auch die gesamte Redaktion angreifbar machen.

(3) Risiken durch dysfunktionale Effekte

Das Ziel der völligen Transparenz ist auch deshalb unrealistisch, weil es die Redaktion in ihrer Arbeit beeinträchtigen oder blockieren kann. Diese Effekte lassen sich wie folgt kategorisieren:

a) Eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit des Verlages: Ein Zuviel an Transparenz kann die Wettbewerbsfähigkeit des Verlages und damit die Existenz der Redaktion gefährden. So können Konkurrenten zum Beispiel die Struktur und Arbeitsweise der Redaktion kopieren oder ihr in der Berichterstattung zuvorkommen, wenn sie deren Themenpläne kennen. Ein heikler Bereich ist auch die Entwicklung neuer Produkte oder Produktelemente: „Innovation würde sich nicht mehr lohnen, wäre jede Stufe des Innovationsprozesses transparent. Jeder Konkurrent könnte sich über den Entwicklungsstand informieren und entsprechend seine eigene Strategie anpassen“, schreiben dazu Bentele und Seiffert (2009, S. 53). Die Ziele der Redaktion geraten hier in Konflikt mit den wirtschaftlichen Zielen des Medienunternehmens, in das sie eingebettet ist.

b) Eingeschränkte Qualität der investigativen Berichterstattung: Dysfunktional ist die Transparenzkommunikation auch dort, wo sie die Qualität der investigativen Arbeit beeinträchtigt. Die Redaktion kann dadurch ihre Kritikund Kontrollfunktion nur eingeschränkt wahrnehmen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Redaktionsteam bei einer investigativen Recherche schon im ersten Artikel sämtliche ihrer nicht unter den Informantenschutz fallenden Quellen und Rechercheschritte offenlegt. Falls die Journalisten das Thema weiterverfolgen wollen, kann diese Offenheit zum Problem werden, weil die Akteure, über die sie berichten, ihren Informationsstand relativ gut einschätzen und sich auf weitere Schritte einstellen können.

c) Eingeschränkte Autonomie redaktioneller Entscheidungen: Die Transparenz redaktioneller Arbeitsprozesse kann auch die unabhängige Arbeit und damit die Autonomie der Redaktion gefährden (vgl. Craft & Heim 2009, S. 224; Hayes, Singer & Ceppos 2007, S. 274; Smolkin 2006, S. 23). Lädt die Zeitung ihre Leser zum Beispiel dazu ein, den täglichen Redaktionskonferenzen [2] beizuwohnen, so besteht die Gefahr, dass die Redakteure sich in der Diskussion um neue Themen anders verhalten als im internen Zirkel, dass sie ihre Aussagen glätten, auf provokante Thesen verzichten und weniger Ideen einbringen, weil sie sich unter externer Beobachtung fühlen und dadurch befangener sind. Stellt die Zeitung zum Beispiel Webcastings ihrer täglichen Redaktionskonferenzen oder schriftliche Protokolle ihrer Meetings ins Internet, so führt das unter Umständen ebenfalls dazu, dass die Redakteure während der Konferenz nicht so frei reden wie im Kollegenkreis.

Problematisch ist auch die direkte Einwirkung durch Außenstehende, die sich bei Konferenzen an der Diskussion beteiligen oder Webcastings und Protokolle auf der Zeitungs-Website kommentieren und diskutieren. Hier zeigt sich, dass der Leserdialog einerseits die Transparenz fördern, andererseits aber auch die Unabhängigkeit redaktioneller Entscheidungen beeinträchtigen kann, wenn sich Leser und Nutzer direkt in den laufenden Arbeitsprozess einmischen und die Redakteure durch ihre Kommentare und Argumente in ihrer Entscheidung beeinflussen.

Craft und Heim (2009, S. 223f.) weisen in diesem Zusammenhang auf die Gefahr der politisch motivierten Einflussnahme hin: Parteienvertreter, Lobbyisten und andere organisierte Interessengruppen hätten so noch bessere Möglichkeiten, auf redaktionelle Entscheidungen einzuwirken und Druck auszuüben. Dies gilt umso mehr, wenn die User im Internet Kommentare posten und diskutieren dürfen, ohne sich registrieren und ihre Identität preisgeben zu müssen. Dadurch können besagte Interessenvertreter dort auch unentdeckt tätig werden, um Redakteure auf bestimmte Fährten zu lenken oder deren Arbeitsweise in Frage zu stellen und systematisch zu diskreditieren.

In seinem Aufsatz "The trouble with transparency" beschäftigt sich David S. Allen (2008, S. 335) mit der "Ethik der Transparenz" im US-amerikanischen Journalismus. Mit Verweis auf die Ethiktheorie des französischen Philosophen Michel Foucault erläutert er, dass Transparenz auch als eine Form der sozialen Kontrolle genutzt werden kann: „Demands for transparency by critics of traditional journalism is less a way of understanding how journalism is done and far more a way of trying to exert pressure on journalistic outlets to change what it is they do.” (ebd.) In einer transparenten “Überwachungsgesellschaft”, so Allen, sei die Pressefreiheit nicht nur durch staatliche Überwachung bedroht: „The fear that government is watching is no longer the only threat facing journalists; surveillance also comes from newer media, private corporations, private citizens and even from within the profession itself. Surveillance has become, in important ways, more democratic and perhaps more powerful.” (ebd.)

Transparenz auf der Vermittlungsebene und Unabhängigkeit können sich also durchaus entgegenstehen. Die Redaktion muss deshalb jeweils abwägen,

welche Bereiche des Redaktionsgeschehens sie wie nach außen kehren kann, ohne ihre Autonomie zu gefährden.

  • [1] Das Zeugnisverweigerungsrecht berechtigt die Mitarbeiter eines Zeitungsverlages dazu, Auskünfte zur Person des Informanten und Angaben zum Inhalt der erhaltenen Informationen zu verweigern. (vgl. Branahl 2009, S. 40ff.)
  • [2] Die amerikanische Journalistin Rachel Smolkin geht in ihrem Artikel „Too transparent?“ auf die Transparenzbemühungen der „Spokesman-Review“ in Spokane, Washington ein. Die Zeitung machte demnach ihre täglichen Nachrichtenkonferenzen für die Öffentlichkeit zugänglich und wies ihre Leser mehrmals pro Woche mit einer Eigenanzeige auf der Titelseite auf diese Möglichkeit hin. Außerdem stellte die Redaktion jedes Mal eine Zusammenfassung der Konferenzen auf die Zeitungs-Website. (vgl. Smolkin 2006, S. 21)
 
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