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10.2 Teil des journalistischen Produktes

Die externe Transparenzkommunikation als eine besondere Form der redaktionellen Selbstdarstellung lässt sich zwar der Redaktions-PR zuordnen, berührt aber gleichzeitig auch Fragen der laufenden Content-Produktion und der konzeptionellen (Weiter-)Entwicklung der journalistischen Produkte (Produktentwicklung). Letztere wird in der marketingwissenschaftlichen Literatur als Produktpolitik bezeichnet (vgl. Siegert 2002, S. 176f.).

Der Doppelcharakter der Transparenzkommunikation zeigt sich vor allem dann, wenn es darum geht, das auf einen bestimmten Artikel, eine Themenseite oder Zeitungsausgabe bezogene Handeln der Redakteure und freien Mitarbeiter im Leistungsprozess und die darauf bezogenen Führungsentscheidungen ihrer Vorgesetzten für die Leser und Nutzer transparent zu machen. Karlsson (2010, S. 537ff.) trennt hier zunächst zwischen zwei Spielarten der Transparenz: der Veröffentlichung oder Offenlegung von Informationen (disclosure transparency) und der partizipatorischen Transparenz (participatory transparency).

Partizipatorische Transparenz entsteht als eine Art Nebeneffekt, wenn die Redaktion ihre Leser und Nutzer direkt vor Ort oder über interaktive Tools in Prozesse der Themenfindung, Recherche und Weiterentwicklung journalistischer Inhalte einbindet oder sie sogar als sogenannte Laien-, Leseroder Bürgerreporter [1]einsetzt. Direkt erfahrbar wird die journalistische Arbeit für die Leser und Nutzer zum Beispiel, wenn sie die Redakteure auf einer Recherchetour begleiten oder als Laienreporter ihre selbstverfassten Beiträge mit ihnen durchsprechen.

Transparenz im Sinne einer Offenlegung von Informationen über die Vorgehensweise bei der Produktion journalistischer Inhalte entsteht im Unterschied zur partizipatorischen Transparenz nicht ‚nebenbei' in kollaborativen Prozessen, sondern bedarf der gezielten Kommunikation. Wenn die Aussagen über die Redaktion und ihre Arbeitsweise (kommunikative Transparenz) im eigenen Medium vermittelt werden, dann können sie so eng mit den journalistischen Inhalten verknüpft sein, dass sie zum Produktbestandteil werden. Diese Verknüpfung gilt es nun genauer zu betrachten:

Transparenz gehört zu den in Abschnitt 5.3 beschriebenen zentralen journalistischen Qualitätskriterien. Auf der Ebene der journalistischen Inhalte (Transparenz auf der Inhaltsebene) lässt sie sich befördern, indem Autoren und Rechercheure ihre Quellen offenlegen, Fehler in ihren Artikeln für die Leser sichtbar korrigieren, ihre Artikel im Internet mit zusätzlichem Recherchematerial und Originaldokumenten verlinken oder mit Nutzern über inhaltliche Fragen diskutieren. (vgl. Meier & Reimer 2011, S. 138f. u. 141; Smolkin 2006, S. 21) Solche Informationen erleichtern es den Lesern, das von den Autoren Geschriebene einzuordnen und nachzuprüfen, wobei das Prüfen allerdings relativ aufwendig ist und ein mehr oder weniger großes Fachwissen erfordert.

Wie in Abschnitt 2.3.4 erläutert, können diese auf den Inhalt des Artikels bezogenen Informationen durch Informationen über die Vorgehensweise der Autoren und Vorgesetzten ergänzt werden, um den Lesern die Qualitätsbeurteilung zu erleichtern. Sie beziehen sich nicht unmittelbar auf den Berichterstattungsgegenstand, sondern auf die redaktionellen Produktionsprozesse, die sich einzelnen Artikeln, Themenkomplexen oder Serien zuordnen lassen (Transparenz auf der Vermittlungsebene): Warum haben die Beteiligten das Thema aufgegriffen? Warum haben sie bestimmte Quellen und Informanten ausgewählt? Wie sind sie bei der Recherche vorgegangen? Welche Fragen sind dabei noch unbeantwortet geblieben? Auch diese (Meta-)Informationen sind als Teil der jeweiligen journalistischen Leistung und somit als Teil des journalistischen Angebotes anzusehen, weil sie den Lesern dabei helfen, die Entstehung eines journalistischen Beitrags nachzuvollziehen. Zum Teil sind sie auch nur schwer von den auf die journalistischen Inhalte gerichteten Transparenzbemühungen zu trennen, wie Meier und Reimer mit Blick auf den Online-Journalismus ausführen:

„Die Möglichkeiten des Internets verwischen entsprechend auch zunehmend die analytische Trennung zwischen Produktund Prozessebene der Transparenz: Sind Fehler passiert, verlangt hier eine weitergehende Transparenz nicht nur eine Korrektur der Fakten auf der Beitragsebene, sondern auch eine Erklärung, wie und warum es im journalistischen Prozess dazu kommen konnte. Nutzer-Kommentare unter Online-Artikeln können sich entweder um das Thema des Beitrags drehen oder um den Entstehungsprozess des Beitrags. Beides hängt eng zusammen: Die Diskussion über das Thema kann in Kritik an der Redaktion umschlagen – zum Beispiel über mangelnde Recherche-Sorgfalt oder eine verzerrte Faktenauswahl.“ (Meier & Reimer 2011, S. 140)

Die Informationen über das auf einen bestimmten Artikel, eine Themenstrecke oder Zeitungsausgabe bezogene Handeln können – wie gerade beschrieben eng mit der journalistischen Berichterstattung und dem darauf bezogenen Leserdialog (z.B. über Online-Kommentarfunktionen oder Diskussionsforen) verwoben sein und dadurch zum Produktbestandteil werden. Sie können aber auch getrennt davon stehen. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn ein Verlag in einer Broschüre über die Zeitungsredaktion einen Beispielartikel abdruckt und erklärt, wie dieser zustande gekommen ist, um den Lesern die eigene Arbeitsweise näherzubringen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass selbstreflexive Informationen, die den Entstehungsprozess eines journalistischen Beitrags erklären, zum Produktbzw. Content-Bestandteil werden, wenn sie im redaktionellen Teil der Zeitung oder ihres Online-Auftritts erscheinen. Sie fließen in die Produktbzw. ContentKonzeption ein und sind somit für die Produktentwicklung relevant. Und sie sind Gegenstand der laufenden Content-Produktion. Dort ist zu regeln, wie die Autoren der jeweiligen Beiträge die Selbstdarstellungselemente genau ‚mitproduzieren' sollen.

  • [1] Ein wichtiges Motiv für die Einbindung von Leserreportern ist die Steigerung der LeserBlatt-Bindung. Ihre Beiträge werden zum Teil des Produktes, was zu einer höheren Identifikation beitragen soll. (vgl. Riefler 2009, S. 16)
 
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