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11 Anforderungen an die Qualität der Transparenzkommunikation

Im fünften Kapitel wurden zentrale, multiperspektivisch begründbare Qualitätskriterien vorgestellt, anhand derer sich journalistische Inhalte beurteilen lassen. Zu klären ist nun, welche Kriterien an die Qualität der externen Transparenzkommunikation anzulegen sind.

Wird Transparenz auf der Vermittlungsebene wie in dieser Arbeit als umfassende Durchsichtigkeit und Verstehbarkeit einer Redaktionsorganisation definiert, so erfordert dieses Ziel eine größtmögliche Annäherung an die ‚Wirklichkeit' von Sachverhalten, Handlungen oder gedanklichen Konstrukten. Ein solches, vom Bemühen um eine wahrheitsgemäße und verstehbare Selbstdarstellung getragenes Verständnis bringt zum Teil ähnliche Anforderungen an die Richtigkeit, Relevanz und Aktualität, Transparenz und Wechselseitigkeit mit sich wie ein der Wahrhaftigkeit verpflichteter Journalismus. Das gilt umso mehr, wenn die selbstbezüglichen Informationen direkt im Artikel oder im redaktionellen Teil erscheinen, weil sie dann als Bestandteil des journalistischen Produktes wahrgenommen werden [1]. Auch einige der anderen Qualitätskriterien sind teilweise auf die Transparenzkommunikation (abgekürzt: TK) übertragbar, wie noch zu zeigen sein wird.

(1) Richtigkeit

Beim Kriterium der Richtigkeit fällt die Mitteilungs-Adäquanz kaum ins Gewicht, weil die Redaktion Informationen über ihre Umwelt, ihre formalen Organisationselemente, ihre Mitarbeiter und deren Handeln herausgibt, die überwiegend von ihr selbst stammen. Eine Ausnahme bilden zum Beispiel dokumentierte Berichte von externen Gutachtern oder von Medienkritikern: Wenn die Redaktion daraus zitiert, so muss sie das Geschriebene im Sinne der MitteilungsAdäquanz korrekt wiedergeben.

Bei der Sachverhalts-Adäquanz, also dem Grad der Übereinstimmung zwischen den Aussagen der Redaktion und den ihnen zugrunde liegenden Sachverhalten, kommt neben dem Objektivitätsproblem noch erschwerend hinzu, dass die Aussagen der Redaktionsmitglieder über sich selbst interessengefärbt und durch eine gewisse Betriebsblindheit gekennzeichnet sein können, ohne dass ihnen diese Einfärbungen und Einengungen des Blickes unbedingt diskursiv bewusst sind. Die Redaktion kann aber dafür sorgen, dass die von ihr über sich selbst verbreiteten Informationen in ihrer Argumentationsstruktur logisch und somit nachvollziehbar sind. So kann sie zum Beispiel auf nachvollziehbare Weise darlegen, wie sie aus dem Qualitätsziel der Unabhängigkeit bestimmte Regeln oder Qualitätssicherungsmaßnahmen für die Redaktionsarbeit abgeleitet hat.

Ein weiteres Teilkriterium der Richtigkeit ist die ständige Prüfung und Berichtigung von Aussagen: Die Redaktion kann fehlerhafte Informationen, die sie über sich selbst herausgegeben hat, sofort korrigieren, sobald sie als fehlerhaft erkannt worden sind.

(2) Relevanz und Aktualität

Die Redaktionsorganisation und das Handeln darin lassen sich nicht lückenlos abbilden. Welche Themen innerhalb der einzelnen Themenfelder und Analysebereiche relevant sein können (externe Relevanz), wurde bereits im siebten und achten Kapitel beschrieben. Um zu entscheiden, welche Aspekte eines Themas aktiv kommuniziert werden sollen (interne Relevanz), müssen die Redaktionen auch für die Transparenzkommunikation bestimmte Auswahlregeln definieren, indem sie sich zum Beispiel an den W-Fragen orientieren. Als weiteres Teilkriterium der Relevanz kommt die ständige Ergänzung der TK-Inhalte um weitere als relevant erkannte Aspekte hinzu.

Was die Aktualität der externen Transparenzkommunikation betrifft, so sind die Leser und Nutzer kontinuierlich auf dem Laufenden zu halten, weil die Redaktionsorganisation durch das Wechselspiel zwischen Struktur und Handeln strukturationstheoretisch betrachtet in einem ständigen Wandel begriffen ist. Neben diesen gänzlich neuen Entwicklungen können auch weitere Aspekte hinzukommen, die vorher schon da waren, die aber niemand gesehen und deshalb auch nicht kommuniziert hatte. Die Redaktion muss nun festlegen, wie oft sie die selbstbezüglichen Informationen aktualisiert. Die ständige Aktualisierung der TK-Inhalte ist als ein Teilkriterium der Aktualität anzusehen. Beides setzt voraus, dass den Redaktionsmitgliedern die Veränderungen diskursiv bewusst sind.

(3) Transparenz und Qualitätstransparenz

Will die Transparenzkommunikation als Aufgabenbereich und Organisationseinheit (TK-Einheit) die Beschaffenheit und Entstehung ihrer Aussagen über die Redaktionsorganisation – und daher auch über sich selbst – in irgendeiner Form transparent machen, so kann sie einerseits auf der Inhaltsebene (Inhalte der Transparenzkommunikation) und andererseits auf der Vermittlungsebene ansetzen. Damit die Verlässlichkeit der Aussagen ersichtlich wird, müssen die Redaktionen möglichst viele Beweise oder Indizien für ihre Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Handeln und dem tatsächlichen Grad der Zielerreichung liefern. Die (stichprobenartige) Überprüfung erfolgt entweder durch direkte Einblicke der Leser oder durch externe Instanzen, die bei den Lesern als vertrauenswürdig gelten müssen. Dabei ist wiederum zwischen Transparenz und Qualitätstransparenz zu trennen.

Transparenz auf der Inhaltsebene:

Ÿ Um Außenstehenden die Überprüfung von Aussagen über ihre Umweltbeziehungen zu erleichtern, kann die Redaktion ihre Vertragspartner (Agenturen, freie Journalisten) namentlich nennen und einen Teil der Verträge oder Verlagsverfassungen offenlegen, soweit das aus rechtlicher und wettbewerbsstrategischer Sicht möglich ist.

Ÿ Die Herkunft der Aussagen über die formalen Elemente der Redaktionsorganisation lässt sich transparent machen, indem die Leser und Nutzer schriftliche Dokumente wie Statute und Stellenoder Prozessbeschreibungen einsehen dürfen. Bei Redaktionsbesuchen können sie Ausstattung und Abläufe direkt in Augenschein nehmen – was allerdings nur für eine begrenzte Zahl von Lesern gilt. Hier kann sich die Redaktion damit behelfen, dass sie ihre Angaben stellvertretend für die gesamte Leserschaft regelmäßig durch eine unabhängige Instanz überprüfen lässt und die Ergebnisse veröffentlicht.

Ÿ Bezüglich der Aussagen über das Handeln der Mitarbeiter im Managementprozess ist es denkbar, zugunsten der Transparenz bestimmte Dokumente wie Besprechungsprotokolle oder Ideenskizzen einsehbar zu machen, allerdings nur insoweit, wie diese ‚Offenherzigkeit' die Wettbewerbsposition der Redaktion bzw. des Verlages nicht gefährdet, weil Konkurrenten von den Plänen erfahren. Dabei ist zudem zwischen Nachricht und Meinung zu trennen: Wo handelt es sich um Beschlüsse der Verlagsoder Redaktionsleitung und wo um bloße Meinungsäußerungen zum Veränderungsbedarf in der Redaktion? Wer genau hat sich dahingehend geäußert? Und sollen solche internen Diskussionsprozesse überhaupt nach außen hin sichtbar werden? Wo sind hier die Grenzen zu ziehen?

Ÿ Um die Güte der Aussagen über das Handeln der Mitarbeiter im Leistungsprozess transparent zu machen, ist ein relativ hoher Aufwand erforderlich. Das gilt insbesondere für das Handeln im Content-Produktionsprozess: Dass die Leser einen Autor oder ein Autorenteam während der Arbeit begleiten, diese Möglichkeit ist aus verschiedenen Gründen wie dem Informantenschutz oder der Arbeitsökonomie stark begrenzt. Im Nachhinein rekonstruieren lässt sich die Vorgehensweise der Autoren während des Berichterstattungsprozesses allenfalls in Teilen, indem man zum Beispiel deren Kollegen und Informanten befragt.

Ÿ Die Angaben zu den individuellen Profilen ihrer Mitarbeiter kann die Redaktion theoretisch durch Zeugnisse, Teilnahmebestätigungen und dergleichen belegen.

Transparenz auf der Vermittlungsebene:

Analog zur Transparenz der Content-Produktion oder der Personalarbeit kann die Redaktion ihrem Publikum auch zeigen, wie die Inhalte der Transparenzkommunikation zustande kommen, indem sie die dafür geschaffenen Umweltbeziehungen und Strukturelemente, das Handeln der dafür zuständigen Mitarbeiter und deren individuelle Profile beleuchtet:

Ÿ Umweltbeziehungen: Die Redaktion zeigt, mit welchen externen Akteuren und Institutionen sie im Bereich der Transparenzkommunikation zusammenarbeitet.

Ÿ Formale Organisationselemente der Transparenzkommunikation: Die Redaktion kann kommunizieren und – soweit sinnlich wahrnehmbar – auch vor Ort zeigen, welche Stellen, Abteilungen und Hierarchien sie für die Transparenzkommunikation gebildet hat, welche Verhaltensvorgaben, Programme und Pläne sie definiert hat und auf welche Ressourcen sie dabei zurückgreifen kann [2].

Ÿ Handeln im Managementprozess: Die TK-Verantwortlichen machen deutlich, warum sie sich bestimmte Ziele gesetzt und daraufhin bestimmte strategische und operative Entscheidungen getroffen haben.

Ÿ Handeln im Leistungsprozess: Die zuständigen Mitarbeiter erklären, wie sie bestimmte Informationen über die Redaktion erhoben haben und welche Informationslücken sie noch nicht schließen konnten. Dieser Teilbereich der

„Metakommunikation über die Metakommunikation“ umfasst auch die

‚Sichtbarmachung des Subjektiven'. Er steht somit für eine besonders umfassende Form der Transparenzkommunikation.

Ÿ Die Redaktion kann die individuellen Profile der für die Transparenzkommunikation zuständigen Mitarbeiter veröffentlichen.

Qualitätstransparenz auf der Inhaltsebene:

Qualitätstransparenz in Bezug auf die Inhalte der Transparenzkommunikation lässt sich herstellen, indem die Redaktion kommuniziert, welche Qualitätskriterien sie dafür definiert hat, und indem sie darlegt, inwieweit die Inhalte diese Kriterien erfüllen.

Qualitätstransparenz auf der Vermittlungsebene:

Die Redaktion kann wie bei der redaktionellen Content-Produktion oder der Personalarbeit versuchen, ihre Qualitätsbemühungen im Bereich der Transparenzkommunikation sichtbar zu machen:

Ÿ Auf die Qualitätssicherung bezogene Umweltbeziehungen der Transparenzkommunikation: Die Redaktion zeigt, wie die Verantwortlichkeiten und die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitern der Transparenzkommunikation und anderen Abteilungen, Teams und Stelleninhabern im Bereich der redaktionellen Qualitätssicherung geregelt sind und mit welchen externen Institutionen sie diesbezüglich zusammenarbeitet.

Ÿ Auf die Qualitätssicherung bezogene formale TK-Elemente: Welche operationalisierbaren Qualitätsziele für die Transparenzkommunikation hat die Redaktion aus den (inhaltlichen) Qualitätskriterien abgeleitet? Welche Strategien zur systematischen Verbesserung der Qualität ihrer selbstbezüglichen Kommunikation verfolgt sie? Welche Verhaltensvorgaben, Programme und Pläne hat sie zum Beispiel für die Fehlerprüfung der selbstbezüglichen Kommunikation eingeführt? (Qualitätskriterium der Richtigkeit)

Ÿ Qualitätszielorientiertes Handeln im Managementprozess: Wie und warum hat sich die Redaktion für bestimmte Qualitätsziele und -strategien entschieden? Welche Umsetzungsschritte sind geplant? Denkbar ist zum Beispiel, bestimmte Dokumente wie Projektbeschreibungen oder Ideenskizzen für die Einführung oder die Reorganisation des Qualitätsmanagements einsehbar zu machen.

Ÿ Qualitätszielorientiertes Handeln im Leistungsprozess: Die zuständigen Mitarbeiter zeigen, inwiefern sie sich bei der Kommunikation über die Redaktion an bestimmten Qualitätskriterien orientiert haben und begründen ihre Entscheidungen im Qualitätssicherungsprozess.

Ÿ Die Redaktion kann darlegen, über welche Erfahrungen und Kenntnisse zum Thema Qualitätssicherung die für die Transparenzkommunikation zuständigen Mitarbeiter verfügen.

(4) Wechselseitigkeit

Beschließt eine Redaktion, sich im Sinne der Transparenz für Anfragen und Redaktionsbesuche von Außenstehenden zu öffnen, so setzt das die ständige Bereitschaft zur wechselseitigen Kommunikation voraus [3]. Diese Offenheit mildert insofern das Relevanzproblem, als dass die Außenstehenden auf Basis ihrer eigenen Relevanzkriterien bestimmte Themen anschneiden oder Details erfragen bzw. sich vor Ort von deren Vorhandensein überzeugen können. Die Redaktion enthebt sich so des Verdachts, dass sie bestimmte, aus ihrer Sicht heikle Sachverhalte vertuschen oder verschleiern will.

(5) Vielfalt und Unabhängigkeit

In der externen Transparenzkommunikation geht es weniger darum, eine Vielfalt der Sichtweisen und Meinungen widerzuspiegeln. Ziel ist es vielmehr, ein möglichst konsistentes Bild von der Redaktion als soziales System organisierten Handelns zu zeichnen, damit die Rezipienten die Informationen zur Beurteilung der redaktionellen Arbeit und damit letztendlich auch der journalistischen Inhalte heranziehen können. Das Kriterium der Vielfalt spielt daher eine untergeordnete Rolle. Kommunikative Selbstdarstellung kann zudem niemals unabhängig sein. Das Kriterium der Unabhängigkeit ist daher nur insofern relevant, als dass die Redaktion externe Kontrollinstanzen einschalten kann, die ihre Aussagen auf deren Richtigkeit hin überprüfen. Eine Voraussetzung ist allerdings, dass diese Kontrollinstanzen sich in irgendeiner Form als unabhängig ausweisen können, damit das Publikum sie als glaubwürdige Quelle akzeptiert.

(6) Achtung der Persönlichkeit

Das Qualitätskriterium der Achtung der Persönlichkeit betrifft die Frage, ob und inwieweit die in die externe Transparenzkommunikation eingebundenen Mitarbeiter dazu bereit sind, sich bei der Arbeit über die Schulter schauen zu lassen und etwas über ihre individuellen Motive und Entscheidungen im Leistungsund Managementprozess preiszugeben. Nicht jeder Mitarbeiter wird es zum Beispiel begrüßen, während einer Konferenz gefilmt und so zum Protagonisten eines Videos zu werden, das anschließend auf der Zeitungs-Website landet. Dieses Problem wurde bereits im neunten Kapitel angesprochen, als es um die Grenzen und Risiken der Transparenzkommunikation ging.

(7) Zugänglichkeit und Unterhaltsamkeit

Die Kriterien der Zugänglichkeit und Unterhaltsamkeit gelten für die externe Transparenzkommunikation in demselben Maße wie für den Journalismus. Wie in Abschnitt 10.2 ausgeführt, dient die Selbstthematisierung in erster Linie dazu, das Wissen der Bezugsgruppen über die Redaktionsorganisation zu erweitern, die Inhalte sind überwiegend kognitiver Natur. Deshalb und weil die selbstbezüglichen Inhalte eng mit den journalistischen Inhalten verknüpft und zum Teil sogar in die redaktionelle Berichterstattung eingebunden sind, erscheint es naheliegend, in der externen Transparenzkommunikation einen sachlichen und informativen Stil zu wahren.

  • [1] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 10.2 zur Transparenz als Teil des journalistischen Produktes
  • [2] Siehe dazu die Ausführungen in Abschnitt 12.5 zur Organisation der Transparenzkommunikation
  • [3] Zu den möglichen Formen der wechselseitigen Kommunikation siehe die Ausführungen in Abschnitt 12.3.3 dieser Arbeit
 
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