Zwischen Aufstieg und Untergrund: Kategorie C

Sie hatten sich aufgemacht, die Böhsen Onkelz zu beerben: Kategorie C aus der Hansestadt Bremen. Eine Band aus dem Hooliganmilieu. Ihr Name steht für die polizeiliche Kategorisierung von gewalttätigen Fußballfans. Gegründet wurde sie 1997. Elf Jahre und sieben Alben später probte sie einen Durchbruchsversuch. Gerade war die CD

"Für immer" erschienen. Das Cover der CD, eine Zeichnung, zeigt zwei Bandmitglieder an einer Bar sitzend. Ein Wolf als Barkeeper schenkt ihnen einen im wahrsten Sinne des Wortes feurigen Drink ein. Ringsherum sind, teilweise auch halb versteckt, Waffen wie ein Schlagring, ein Baseballschläger, ein Morgenstern und eine Axt zu sehen.

"Wir stehen auf Fussball und Gewalt, Freundschaft und Zusammenhalt. Kategorie C, das sind Dinge zu denen wir stehn. So sind wir und dass ist unser Leben, so wird es immer weiter gehen, für immer Kategorie C. Wir sind Hools und werden uns ewig jagen, gegenseitig auf die Schnauze schlagen. Für immer Kategorie C" (Kategorie C 2008: Wir stehen auf).

Der Gesang auf der CD wird von harten, rockigen Gitarrenriffs begleitet. Auch die übrigen Texte drehen sich um Fußball, Hooliganismus, Kameradschaft und Liebe:

"Diese Band steht für Einigkeit, für Freundschaft und Zusammenhalt. Für einen Weg durch dick und dünn, den wir gemeinsam gehen um füreinander einzustehen" (Kategorie C 2008: In Flammen). Flankiert wurde die Veröffentlichung mit einer ganzseitigen Anzeige in der März-Ausgabe des "Metal Hammer": "Die neue Hungrige Wölfe CD Für immer KC" (Hungrige Wölfe 2008: 81). Das Magazin hat eine monatliche Auflage von 80 000 Exemplaren und ist wohl das bekannteste und renommierteste Heavy Metal Heft in Deutschland. Die Idee für diese Werbung ist vielleicht der Idee entsprungen, dass es einst das "Rock Hard"-Magazin war, das Konkurrenzheft zum "Metal Hammer", das den Böhsen Onkelz zu einer Karriere jenseits der NaziSzene im Metal verholfen hatte – darauf hoffte wohl auch KC. Doch es kam anders – die Vergangenheit holte die Bremer ein.

"Hungrige Wölfe (Kategorie C) war keine Naziband, ist keine Naziband und wird auch keine sogenannte Naziband sein!" (O. 2008), betonte Hannes Ostendorf im Internetforum des Heavy Metal Magazins "Metal Hammer" am 24. Februar 2008. Dort war in Folge der Anzeige eine heftige Diskussion um die politische Ausrichtung der Band entbrannt. Und so meldete sich eben auch der Sänger zu Wort, die Konstante zwischen Kategorie C und Hungrige Wölfe, weswegen Fans bis heute eher von KC sprechen, auch wenn sie das andere Projekt meinen.

Entstandenen ist KC im Vorfeld der Fußball-WM 1998 zunächst als ›Spaßprojekt‹ von Mitgliedern der RechtsRock-Bands Nahkampf und Boots Brothers. Das Debüt erschien 1998, es hieß "Fußballfest '98". Der erste Song mit dem Titel "Frankreich '98" ist eine leicht überarbeitete Fassung des Liedes "Frankreich '84" aus der Feder der Böhsen Onkelz, das bereits 1986 indiziert worden war. [1] Bei KC endet er mit einem grölenden Chor: "Wir sind wieder einmarschiert!". Auch andere Songs klingen derart aus, am Ende von "Dritte Halbzeit" singt die Band beispielsweise:

"Hoch auf dem gelben Wagen, sitz ich beim Führer vorn. Vorwärts die piiiieeeep traben, lustig schmettert das MG. Über Wiesen und Wäldern leuchtet das piiiieeeep. Ich tät ja so gerne noch bleiben, aber der Führer, der ruft piiiieeeep" (Kategorie C 2004: Dritte Halbzeit).

Derartige Passagen ebenso wie die Teilnahme an dem offen neonazistischen und verbotenen Sampler "Die Deutschen kommen II" dokumentierten ihre Zugehörigkeit zur extrem rechten Szene. [2] Hinzu kamen Konzerte mit den neonazistischen Bands Solution und Blitzkrieg am 26. Mai 2001 im sächsischen Bernsdorf als auch ein Auftritt anlässlich der Haftentlassung von Siegfried ›SS-Siggi‹ Borchert, einst Anführer der berüchtigten Borussenfront und seit den 1980er Jahren aktiver Neonazi, am

25. September 2004 in Dortmund. Vertreten ist die Band auch auf einem während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 veröffentlichten Sampler mit dem Titel "Zu Gast bei uns". In ihrem Song "Deutschland dein Trikot" singt sie:

"Deutschland dein Trikot, das ist schwarz und weiß. Doch leider auch die Farbe deiner Spieler. In München, Rom und Bern, da gab's noch echte Deutsche. Solche Jungs und diese Siege hätten wir jetzt gerne wieder! […] Deutschland ist der Schlachtruf. Für Deutschland stehen wir alle ein. Doch Deutschland ist nicht die BRD" (Kategorie C 2006: Deutschland dein Trikot).

Kurz nach Veröffentlichung und während der Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde die CD beschlagnahmt. [3] Und nur wenige Monate später, am 21. Oktober 2006, trat Ostendorf mit Hungrige Wölfe auf einer von der Berliner NPD angemeldeten Demonstration unter dem Motto "Freiheit für Lunikoff. Lasst unsere Kameraden raus" auf. Die Band sorgte mit den Gruppen Agitator und Faktor Deutschland für Abwechslung zwischen den Reden des damaligen NPD-Parteivorsitzenden Udo Voigt, dem damaligen Berliner NPD-Vorsitzenden Eckart Bräuniger und dem Führungskader aus dem Spektrum der Freien Kameradschaften und damaligen Mitglied des NPD-Parteipräsidiums, Thorsten Heise.

Gerade einmal siebzehn Monate später möchte der Sänger von alledem nichts mehr wissen. Die Band will vielmehr im Stile der Böhsen Onkelz versuchen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen um Karriere zu machen. Und dafür wird die Bandgeschichte schön gefärbt: "Die Aussage von Hannes, das Lied: ›Deutschland, Dein Trikot‹ sei vier Jahre alt und widerrechtlich, also gegen seinen Willen, veröffentlicht worden, entspricht nicht der Wahrheit" (Müller 2008), schreibt der neonazistische Liedermacher Michael Müller im Forum des "Metal Hammers" merklich erbost,

"und da dies offensichtlich zum eigenen Wohl so geäußert wurde, ist dies als dreckige Lüge einzustufen. Ich weiß, wann und wo das Lied aufgenommen wurde, da ich persönlich wirkend dabei war" (ebd.). Doch die Fans stehen zu ihrer Band und glauben, dass Kategorie C/Hungrige Wölfe unpolitisch seien: "Ich kenn natürlich nicht alles von KC", schreibt beispielsweise einer vorsichtig im Zuge der lebhaft geführten Diskussion: "Das was ich aber hörte, hatte wohl keinen zwanghaft rechtsradikalen Hintergrund, textlich gesehen" (HäääN 2008). Und ein anderer behauptet mit voller Überzeugung, dass die Band "nicht rechts" sei "und auch keinerlei politische Richtungen vertritt!! es geht um ›fussball‹ musik" (Rueckendecker 2008). Der Übergang aus der Skinheadin die Hard-Rock-/Heavy-Metal-Szene hat bei den Böhsen Onkelz rund acht Jahre gedauert: KC/Hungrige Wölfe, die offensichtlich in die Fußstapfen der Böhsen Onkelz zu steigen versuchten, haben die Distanzierungsversuche indessen nur bedingt funktioniert. Unter jüngeren Fußballfans wird die Gruppe oft als ›normale‹

Hooliganband betrachtet, doch jenseits dieses Spektrums steht KC nach wie vor im Ruf, eine RechtsRock-Band zu sein. Ihre Konzerte werden immer wieder von Aktivisten aus dem Spektrum der extremen Rechten organisiert und im Ausland tritt die Band auch auf offen neofaschistischen Festivals auf, wie 2012 auf dem "Boreal" in Ungarn. In Deutschland führte das mancherorts dazu, dass die Gruppe Auflagen von behördlicher Seite für ihre Auftritte bekam. Einige wurden sogar ganz untersagt (9. 2. 2013 in Fürth, 28. 9. 2013 in Finowfurt). Die Band verlegte daher 2013 zwei in Deutschland angekündigte Konzerte in die Niederlande. Und als ihnen gerade wieder ein Mietvertrag für ein geplantes Konzert gekündigt worden war, ließen sie auf ihrer Website am 3. Oktober 2013 verlauten:

"Die Konzerte werden geheim gehalten und nicht mehr öffentlich beworben. Der Staat zwingt uns zu dieser Maßnahme. Wir werden behandelt wie Vieh und besitzen anscheinden nicht die gleichen Rechte wie andere Bürger oder Neubürger hier in diesem Rechtsstaat. Obwohl wir Konzerte ordungsgemäß anmelden und offiziell bewerben, werden wir behandelt wie Terroristen obwohl unsere Lieder weder verboten noch indiziert sind. Bleibt uns treu … Ha Ho He Kategorie C" (Kategorie C 2013).

Der erhoffte Durchbruch scheiterte. Das ›Erbe der Onkelz‹ haben unterdessen andere angetreten: Frei.Wild – eine andere Band mit Vergangenheit. Ihr Sänger Phillip Burger war bis 2001 Mitglied der extrem rechten Skinhead-Band Kaiserjäger. Sie löste sich auf, nachdem es auf einem Konzert mit der Band in Südtirol am 11. Februar 2001 zu Auseinandersetzungen mit italienischen Veneto Fronte Skinheads gekommen war (Kuban 2012: 292). Im selben Jahr wurden Frei.Wild gegründet, die als Böhse Onkelz Coverband startete. Ihren ersten beiden Alben "Eines Tages" (2002) und "Wo die Sonne wieder lacht" (2003) erschienen damals auf dem belgischen Label Razorwire Records von Peter Swillen, dem Betreiber des Labels und Versands Pure Impact. In seinem Angebot waren damals und sind heute auch offen neonazistische Bands zu finden. Frei.Wild indes sind heute Stars und füllen als ›Deutschrocker‹ große Hallen. Zwei Mal landeten sie bisher auf dem ersten Platz der deutschen Album-Charts – obwohl sie öffentlich in der Kritik stehen, wegen ihrer Vergangenheit, aber auch wegen gegenwärtigen Texten wie "Das Land der Vollidioten":

"Das ist das Land der Vollidioten, die denken, Heimatliebe ist gleich Staatsverrat. Wir sind keine Neonazis und keine Anarchisten, wir sind einfach gleich wie Ihr, von hier. / Wir haben immer gesagt, dass wir das Land hier von Herzen lieben. Balsam für die Seele, wie wir euch damit provozieren. Ihr seid dumm, dumm und naiv, wenn ihr denkt, Heimatliebe = Politik dumm geboren. / Schaut euch doch um: Das Paradies auf Erden liegt hier mitten in den Bergen. Jeder Volksmusikant tritt live im Fernsehen auf, singt über das gleiche Thema, doch da fällt's keinem auf. / [Refrain] / Sind wir doch mal ehrlich: der Rest in Italien schämt sich nicht zu sagen, woher er kommt. Wir sind Opfer einer Resozialisierungspolitik, und wie viele Leute bei uns bemerken das nicht. / Die höchsten Leute im Staat beleidigen Völker ganzer Nationen und ihr Trottel wählt sie wieder. Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt vor den andersgläubigen Kindern" (Frei.Wild 2006: Das Land der Vollidioten).

Rechtsextrem ist dieser Text nicht. Die Band offenbart hier eine konservative Weltsicht (Bekenntnis zur Heimatliebe, Kreuze in den Schulen) und versucht diese als apolitisch, quasi natürlich auszugeben. Ihre Rhetorik, wie in diesem Lied oder dem Text "Gutmenschen und Moralapostel", ist dabei anschlussfähig für weiter rechts eingestellte Menschen:

"Ich scheiß auf Gutmenschen, Moralapostel selbsternannt, political correct. Der die Schwachen in die Ecke stellt und dem Rest die Ärsche leckt. Ich scheiße auf Gutmenschen, Moralapostel selbsternannt. Sie haben immer Recht, die Übermenschen des Jahrtausends. Ich hasse sie wie die Pest" (Frei.Wild 2012: Gutmenschen und Moralapostel).

›Political Correctness‹ ist in den vergangenen Jahren ein zentrales Thema rechtskonservativer bis rechtsextremer Kreise geworden, mit dem sie versuchen, einer vermeintlich ›linken Sprachpolizei‹ zu begegnen, immanent aber tatsächlich dafür eintreten, rassistische, sexistische oder andere diskriminierende Äußerungen nicht zu sanktionieren. Die Fans sehen die Kritiker der Band, ganz ihren Vorbildern folgend, als ›Gutmenschen‹ mit ›politisch korrektem‹ Weltbild.

  • [1] Album "Der nette Mann", beschlagnahmt mit Beschluss des Amtsgericht Brühl, 5. 12. 1986, bestätigt durch das Landesgericht Köln, 22. 4. 1987. Indizierungsbeschluss, Entscheidungsnummer 2638 (V), bekannt gemacht im Bundesanzeige am 30. 8. 1986.
  • [2] Am 29. 7. 2005 wies das Landgericht Hamburg eine Klage von Hannes Ostendorf gegen den "Weserkurier‹ zurück. Er begehrte die Unterlassung folgender Äußerung: "Lieder der Musikgruppe ›KC die Band‹ verherrlichten eher Sexismus, andere Lieder propagierten Gewalt gegen Ausländer oder verherrlichten den Nationalsozialismus" (AZ 324 O 157/05).
  • [3] Beschlagnahmebeschluss des Amtsgerichts Verden (Aller), vom 5. 7. 2006, AZ: 9a Gs 521 Js 18886/06.
 
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