Theorie und Empirie

Das Verständnis davon, in welchem Verhältnis unsere Theorien über die Realität zur Realität selbst stehen, hat sich im Laufe der Zeit geändert. Eine vergleichsweise naive Vorstellung geht davon aus, dass man einfach durch Verallgemeinerung von Erfahrungen Gesetzmäßigkeiten findet. Man müsse die Realität nur hinreichend ausdauernd beobachten, dann zeigten sich ihre Gesetzmäßigkeiten von selbst: Man beobachtet fallende Äpfel und entdeckt darüber das Fallgesetz. Wenn man sich lange genug mit Rezipienten beschäftigt, so in etwa die Analogie, dann werden alle wichtigen Gesetzmäßigkeiten und Theorien, die es im Bereich der Kommunikationswissenschaft gibt, automatisch entdeckt, etwa in der Form: „Ich schaue häufig das Fernsehprogramm an und finde, dass die ARD mehr Information bringt und RTL mehr Unterhaltungsprogramme.“ In der Wissenschaftstheorie wird dieser Standpunkt als „naiver Empirismus“ bezeichnet.

Der naive Empirismus geht davon aus, dass sich durch Kumulation singulärer Beobachtungen alle Gesetzmäßigkeiten, die diese Welt bestimmen, automatisch entdecken lassen.

Aus der Herangehensweise des naiven Empirismus folgen zwei wissenschaftliche Prinzipien, Induktion und Verifikation. Bei der Induktion handelt es sich um eine Vorgehensweise, die vom besonderen Einzelfall auf das Allgemeine, Gesetzmäßige schließt – vereinfacht ausgedrückt: Induktion ist Verallgemeinerung. Die Induktion ist demnach eine wissenschaftliche Methode zur Entwicklung von Theorien, die im Wesentlichen darauf beruht, dass sich der Forscher seinem Untersuchungsgegenstand ohne theoretische Vorstellungen und Konzeptionen nähert. Im wissenschaftlichen Prozess wird dann eine bestimmte Hypothese immer wahrscheinlicher, wenn nacheinander immer wieder dieselben Erfahrungen gemacht werden. Auf dieser Erfahrungsgrundlage basieren dann die Erwartungen an zukünftige Ereignisse.

Auch wenn es so aussieht, Wissenschaft funktioniert nicht nach dem Induktionsprinzip. Ohne eine Hypothese über die Realität zu haben, kann man Realität gar nicht wahrnehmen, sie bleibt ein sinnloses raum-zeitliches Kontinuum. Nur wenn Sie die Hypothese haben, dass Sie in einer Vorlesung sitzen, können Sie die Verhaltensweisen der Beteiligten verstehen. Erst kommt die Hypothese über die Realität, dann die Wahrnehmung von Ausschnitten dieser Realität. Induktion ist also logisch gar nicht möglich. Beispielsweise existiert der Vielseher nicht einfach irgendwo, erst durch unsere Kultivierungshypothese nehmen wir Menschen als Vieloder Wenigseher wahr. Der sogenannte logische Empirismus als Weiterentwicklung des naiven Empirismus geht deshalb vom Prinzip der Deduktion aus. Durch die Bildung einer Hypothese unterstellt man eine Gesetzmäßigkeit, die man dann durch Beobachtung der Realität (Erfahrung = Empirie) überprüfen kann. Ohne die Hypothese könnte man die Erfahrungen zur Bildung einer Gesetzmäßigkeit gar nicht machen.

Aber nicht nur das Induktionsprinzip, sondern auch das Prinzip der Verifikation von Hypothesen ist kritisiert worden. Der Kritische Rationalismus, von vielen als der gegenwärtige Stand der Wissenschaftstheorie angesehen, wendet sich vom Verifikationshin zum Falsifikationsprinzip. Karl Popper hat 1935 mit seinem Buch „Logik der Forschung“ die Grundlagen des Kritischen Rationalismus entwickelt. Er postuliert ebenso wie die logischen Empiriker, dass es keine Induktion gibt, weil allgemeine Theorien nicht aus singulären Sätzen ableitbar sind. Theorien können aber – und hier unterscheidet sich Popper fundamental von seinen Vorgängern – auch nicht letztlich verifiziert werden, weil die Anzahl der Beobachtungen, mit denen dies geschieht, prinzipiell unendlich ist. Beispielsweise kann selbst das Fallgesetz nicht letztlich verifiziert (endgültig bewiesen) werden, weil es in Zukunft unter anderen Bedingungen möglicherweise Dinge gibt, die nicht zu Boden fallen, wenn man sie loslässt. Daraus folgert Popper, dass Theorien letztlich nur falsifiziert (d. h. widerlegt), nie aber verifiziert werden können (Prinzip der Falsifikation). Theorien besitzen nach diesem Verständnis stets den Status von vorläufigen Hypothesen. Positive empirische Belege sind für vorläufige Hypothesen demnach logisch irrelevant: Obwohl sie deren Brauchbarkeit bestätigen, können sie nie zur endgültigen Verifikation beitragen. Negative, widersprechende empirische Belege dagegen können eine Theorie sofort falsifizieren. „Der Schluss von den durch ‚Erfahrung' (was immer wir auch mit diesem Worte meinen) verifizierten besonderen Aussagen auf die Theorie ist logisch unzulässig, Theorien sind somit niemals empirisch verifizierbar.“ (Popper 1982, S. 14). Der Ausgangspunkt im Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnis ist in diesem Konzept der schöpferische Einfall, der Entwurf einer Theorie. Eine Theorie entwickelt sich nicht aus empirischen Beobachtungen, sondern bildet die Voraussetzung dafür, systematisch Fragen stellen zu können. Aus allgemeinen Aussagen – also aus Hypothesen oder Theorien – werden deduktiv-logisch Basissätze abgeleitet, die in falsifikatorischer Absicht mit empirisch gewonnenen Aussagen über die Realität verglichen werden.

Der Kritische Rationalismus postuliert, dass wissenschaftliche Theorien, die einen universellen Gültigkeitsbereich beanspruchen, nie verifi t, sondern lediglich falsifi t werden können.

Hinter dieser Logik des Forschens steckt ein Theorieverständnis, das vor allem und zunächst auf nomothetische Theorien zutrifft, also auf ein Netz von Aussagen, die immer und überall zutreffen. Der Forschungsprozess sieht nach Popper verkürzt wie folgt aus: Am Anfang steht eine Theorie bzw. Aussage, die universelle Gültigkeit beansprucht, z. B. „Wenn Menschen fernsehen, dann beziehen sie ihre Weltsicht aus den Medien.“ Ohne dass die Bedeutung dieser Aussage verändert würde, wird der Satz in seine Negation transformiert: „Es gibt keinen Menschen, der fernsieht und dessen Weltsicht nicht aus den Medien bezogen wäre.“ Diese Transformation ist nun die Grundlage für den Prozess der Falsifikation. Popper sagt, dass derartige Es-gibtnicht-Aussagen, die nach wie vor Universalität beanspruchen, durch singuläre, auf einen konkreten Sachverhalt bezogene Es-gibt-Aussagen, die sogenannten Basissätze, widerlegt werden können. In diesem Fall könnte man einen Basissatz etwa so formulieren: „Der Student Karl aus Köln sieht seit 1996 fern und bezieht seine Weltsicht nicht aus den Medien.“ Dieser auf ein singuläres Ereignis bezogene Satz wäre im nächsten Schritt zu generalisieren: „Es gibt Menschen, die fernsehen und ihre Weltsicht nicht aus den Medien beziehen.“ Beide, sowohl der partikulare Basissatz als auch der generelle Es-gibt-Satz stehen im Widerspruch zum Ausgangspunkt, somit ist die Theorie widerlegt. Während das Verifikationsprinzip ein nie endendes Beweisprogramm wäre, ist nun eine Falsifikation ausreichend, um die Gültigkeit der Theorie zu widerlegen: Weil es den Studenten Karl gibt, kann die nomothetische Theorie vom Anfang, „Wenn Menschen fernsehen …“, nicht aufrechterhalten werden, und dazu ist der singuläre Fall völlig ausreichend.

Kann man Poppers Kritischen Rationalismus auf die Sozialwissenschaften mit ihren probabilistischen Theorien und Aussagen anwenden? Wenn man das tun würde, hätten wir keine brauchbaren Theorien mehr. Wenn man sagt „Gewalt im Fernsehen führt zu Gewalt bei Rezipienten“, dann ist diese Theorie nach der Popper'schen Logik falsifiziert, sobald man einen Rezipienten findet, bei dem Gewalt keine negativen Auswirkungen oder keine Gewaltbereitschaft erzeugt hat. Das wird nicht schwerfallen. Analoge Beispiele zu anderen Theorien unseres Faches (Schweigespirale, Wissenskluft, Agenda-Setting) wären leicht zu finden. Insofern wäre das ganze Theoriegebäude, das ja soziale Realität erklären soll, mit einem kurzen Handstreich falsifiziert und wir könnten nach Hause gehen.

Für die Sozialwissenschaften wurde – beispielsweise von Holzkamp (1976) – der Kritische Rationalismus weiter entwickelt, um dem Dilemma der Falsifizierbarkeit in probabilistischen Kontexten zu entkommen. Der Ausweg liegt im sogenannten Bewährungsgrad; dies ist eine Art vorläufiger Bericht, der den Stand der kritischen Diskussion einer Theorie zu einem bestimmten Zeitpunkt bewertet. Der Bewährungsgrad ist sozusagen ein Bericht über die bisherigen Leistungen einer Theorie. Je häufiger eine Hypothese durch empirische Forschung bestätigt wurde, desto bewährter ist sie, ohne deshalb gleich als wahr im Sinne eines Allsatzes zu gelten. Je häufiger eine Theorie widerlegt wurde, desto größer ist ihre Belastetheit: Eine Theorie ist also nicht dann schon falsifiziert und muss verworfen werden, wenn eine einzelne empirische Beobachtung gegen die Theorie spricht. Je mehr Falsifikationsversuche eine Theorie übersteht, desto bewährter ist sie, je mehr Falsifikationen erfolgreich waren, desto belasteter ist die Theorie. Jede Theorie hat sozusagen zwei Konten, die mitgeführt werden, das „Bewährtheitskonto“ und das „Belastetheitskonto“. Aus der Belastetheit einer Theorie folgt nun nicht mehr, dass man sie verwerfen muss, sondern man versucht, diese Theorie zu exhaurieren, d. h., man typisiert die fehlgeschlagenen und die gelungenen Falsifikationen und führt somit ex post Bedingungen ein, unter denen die Theorie bestätigt bzw. nicht bestätigt werden kann. Man unterteilt die Theorie gewissermaßen in Fälle, die einem bestimmten Muster folgen. Allsätze werden relativiert, indem weitere intervenierende Bedingungen eingeführt werden: „außer wenn …“.

 
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