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Messen und Zählen I

2.1 Messen in der empirischen Kommunikationsforschung

Das folgende Kapitel beschreibt die Vorgehensweise, wie Ausschnitte der sozialen Realität für die Forschung wahrnehmbar, erfahrbar, systematisiert und eben intersubjektiv nachvollziehbar „gemacht“ werden. Die Notwendigkeit einer Transformation liegt auf der Hand: Wer nicht am partikularen Einzelfall interessiert ist, sondern Aussagen über „die Bevölkerung“, „Fernsehanstalten“ oder „Vielseher“ machen will, muss die Realität dieser diversen Gruppen zunächst auf wesentliche Aspekte reduzieren [1].

Vor allem die quantitative empirische Sozialforschung ist daran interessiert, zu einem bestimmten Phänomen viele Fälle systematisch und intersubjektiv nachvollziehbar zu untersuchen.

Nicht die fachliche Einschätzung eines Forschers über ein Individuum ist das Mittel der Wahl, sondern die von allen untersuchten Einzelfällen unabhängige Darstellung eines bestimmten Merkmals, das allen Fällen gleichermaßen anhaftet. Dazu muss das Merkmal quasi extrahiert, vom Merkmalsträger gelöst und so dargestellt werden, dass nicht mehr seine spezielle Besonderheit zählt, sondern nur mehr das Merkmal als Objekt unter seinesgleichen: Damit wird es messbar.

Wenn man im Alltag an Messen denkt, hat man vermutlich spontan Längenoder Gewichtsmessung vor Augen. Man denkt an ein Zentimetermaß, an eine Waage, vielleicht auch an eine Geschwindigkeitsmessung. Messen in der empirischen Kommunikationsforschung funktioniert prinzipiell genauso, nur sind die Messinstrumente andere. Ziel ist es, Konstrukte wie „Gewaltbereitschaft“, „politische Einstellung“ oder „Ängstlichkeit“ zu messen. Das bedeutet, dass wir diese abstrakten Konstrukte zunächst durch Indikatorenbildung und operationale Definitionen überhaupt messbar machen und dann geeignete Instrumente zur Messung entwickeln. Messen und Zäh-

Abb. 2.1 Überführung eines empirischen in ein numerisches Relativ

Der Code „1“ wird viermal, der Code „2“ dreimal vergeben. Die strukturgleiche (in diesem Fall homomorphe) Abbildung des empirischen in ein numerisches Relativ ist vollzogen.

len sind in der empirischen Kommunikationsforschung ganz wesentliche Mittel, um Aussagen über Untersuchungsgegenstände intersubjektiv nachvollziehbar treffen zu können. Nach Friedrichs (1990, S. 97) lässt sich das Konzept des Messens in der empirischen Sozialforschung so formulieren:

„Messen [ist] die systematische Zuordnung einer Menge von Zahlen oder Symbolen zu den Ausprägungen einer Variablen, mithin auch zu den Objekten. […] Die Zuordnung (oder genauer: Abbildung) sollte so erfolgen, dass die Relationen unter den Zahlenwerten den Relationen unter den Objekten entsprechen.“

In der empirischen Kommunikationsforschung wird somit nicht die Gesamtheit einer Person in ihrer ganzen Komplexität erfasst, sondern stets nur für die jeweilige Forschungsfrage bedeutsame Ausschnitte (vgl. Abb. 2.1). Man will bestimmte Merkmalsausprägungen von Menschen systematisch erfassen, so dass man Aussagen treffen kann wie „Männer schauen häufiger Sport und Nachrichten als Frauen.“ In diesem Beispiel ist dann nicht der Wohnort einer Person, sondern es sind nur die Merkmale von Bedeutung, die für die Forschungsfrage relevant sind, also „Geschlecht“ und „Fernsehnutzung“. Messen ist nun der Vorgang, der einem empirischen Relativ, also der Merkmalsausprägung „männlich“, systematisch ein numerisches Relativ, zum Beispiel die Zahl Eins, zuordnet. Im numerischen Relativ sind demnach Zahlenwerte niedergelegt, im empirischen Relativ sind Objekte oder Merkmalsträger niedergelegt.

Messen heißt in diesem Kontext, allen Mitgliedern des empirischen Relativs einen Zahlenwert zuzuordnen: „Männlich“ ist immer „1“, „weiblich“ wäre immer „2“. Für jedes Mitglied des empirischen Relativs wird ein definierter Zahlenwert zugeordnet, so dass die Relationen im empirischen Relativ den Relationen im numerischen Relativ entsprechen, einander äquivalent sind. Man bildet im Vorgang der Messung die ausgewählte Merkmalsausprägung 1:1 numerisch ab. Die Messung ist also eine Art Übersetzung in einen Code. Messung ist Datenerhebung: „Männlich“ und „weiblich“ bzw. deren numerische Relative „1“ und „2“ sind Daten, die genau den definierten und kontrollierten Ausschnitt aus der sozialen Realität darstellen, über den wissenschaftliche Aussagen gemacht werden sollen. Mit dem Vorgang des Messens verlässt man die Realität und überführt Merkmale in einen wohlstrukturierten Objektbereich, in dem es nicht mehr „Michael aus München“ mit allen seinen Macken und Vorzügen, sondern nur noch seine Merkmale „Geschlecht“, „politische Einstellung“, „Fernsehkonsum“ und Ähnliches gibt.

Dieses Prinzip kann am Beispiel der Notenvergabe verdeutlicht werden. Will man einen empirischen Merkmalsbereich (Leistung von 100 Studierenden) strukturgleich, also 1:1 abbilden, so impliziert dies eine bestimmte Reihenfolge, die die Leistung (empirisches Relativ) als Note (numerisches Relativ) ausdrückt. Dies geschieht durch das Aufstellen von Regeln, etwa die Vergabe von Punktzahlen für das Lösen von Aufgaben und die Umrechnung von erreichten Punkten in Noten. Die Leistung einer Studentin/eines Studenten wird gemessen und findet in einer Note von 1,0 bis 5,0 ihren strukturgleichen numerischen Ausdruck. In diesem Fall spricht man von einer homomorphen Abbildung.

Von homomorphen Abbildungen spricht man, wenn eine Strukturgleichheit zwar gewährleistet ist, die Überführung des empirischen Relativs in das numerische jedoch nicht mehr eindeutig umkehrbar ist.

Es wird mehreren Elementen des empirischen Relativs (z. B. besagten 100 Studierenden) das gleiche numerische Relativ (z. B. die Note 2,0) zugeordnet. Nur durch das Wissen um die Merkmalsausprägung „Note“ kann man einen Studenten also nicht eindeutig identifizieren.

Von isomorphen Abbildungen spricht man, wenn diese Zuordnung möglich ist, d. h. empirisches und numerisches Relativ umkehrbar und eindeutig einander zuzuordnen sind.

Dies bedeutet, dass jeder Wert des numerischen Relativs nur einmal vorkommt. So hat beispielsweise jeder Läufer in einem 100-Meter-Rennen in der Regel eine einzigartige Laufzeit. Anhand der vorliegenden Zeit kann ich eindeutig den entsprechenden Läufer identifizieren. Während die Messung des Merkmals „Geschlecht“ oder „Leistung im Seminar“ noch recht einfach erscheint, leuchtet es gleich ein, dass eine Messung des Merkmals „Gewaltbereitschaft“ bereits wesentlich komplizierter ist. Das Geschlecht einer Person ist leichter festzustellen als ihre Gewaltbereitschaft. In der Mehrzahl werden in der Kommunikationswissenschaft Daten erhoben, die ihrem Begriff nach nur einen indirekten empirischen Bezug haben. Auch hier muss der Messvorgang empirische Relative 1:1 in numerische überführen. Die korrekte Abbildung des vollständigen Spektrums des theoretischen Konstruktes „Gewaltbereitschaft“ muss demnach in einem Objektbereich mit numerischen Relativen 1, 2, … strukturgleich darstellbar sein.

  • [1] Eine Einzelfallanalyse, etwa in der Psychiatrie, würde vielleicht Videobeobachtung, Tagebucheintragungen, Tiefeninterviews mit dem Arzt und ähnliche Dinge zur Erklärung dieses Falls verwenden
 
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