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3.1.2 Skalierungsverfahren

3.1.2.1 Thurstone-Skala

Der Leser, der brav alle Fragen zum „Gute-Autofahrer-Test“ beantwortet hat, zählt in der Regel Punkte zusammen, durch die er am Ende einer bestimmten Gruppe zugeordnet wird. Wenn dabei nicht bei jeder Frage die gleiche Anzahl an Punkten vergeben wird, handelt es sich bei der zugrunde liegenden Skala um eine Thurstone-Skala. Die Besonderheit der unterschiedlichen Punktevergabe ist in der Konstruktion der Skala begründet. Diese erfolgt in einem zweistufigen Verfahren. Denkbar sind zwei Konstruktionsprinzipien:

Die erste Möglichkeit zur Konstruktion der Skala beginnt mit der Sammlung einer großen Anzahl an Items, die das Konstrukt „Qualität des Autofahrers“ möglichst in seiner Gesamtheit abbilden. Diese Items werden zunächst einer kleinen Gruppe von Beurteilern vorgelegt. Ebenso wie die Leser der Zeitschrift beurteilen diese Tester alle Indikatoren, allerdings nicht mit ja/nein, sondern auf einer Skala, die in der Regel elfteilig ist (Tab. 3.1).

Dabei sollen sie nicht ihre eigene Einstellung angeben, sondern lediglich einschätzen, inwiefern dieses Item auf schlechte bzw. gute Autofahrer zutrifft. So würden die Tester das Item „Wenn ich mir sicher bin, dass ich nicht erwischt werde, fahre ich über rote Ampeln“ wahrscheinlich eher dem Pol „schlechter Autofahrer“ (z. B. Punktwert −4) zuordnen. Ein Item wie „Sicherheit steht für mich beim Autofahren an erster Stelle, selbst wenn ich dadurch manchmal zu spät komme“ würde vermutlich eher dem Pol „guter Autofahrer“ zugeordnet werden. Für den „Gute-AutofahrerTest“ ausgewählt werden nur solche Items, bei denen sich die Beurteiler relativ einig sind. Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die gesamte Breite zwischen den beiden Polen durch Items abgedeckt ist und sich im Test somit Items befinden, denen „gute“,

„neutrale“, aber auch „schlechte“ Autofahrer zustimmen würden. Die so auf weniger Items reduzierte und zusammengestellte Skala wird den tatsächlichen Befragten vorgelegt. Diese sollen nur angeben, ob sie dem Item zustimmen oder nicht. Stimmen sie der Aussage bzgl. der roten Ampeln zu, dann erhalten sie für ihre Zustimmung auch genau die Punktzahl, die die Beurteiler dem Item zugeordnet hatten, also z. B. minus vier Punkte.

Das zweite Konstruktionsprinzip läuft dagegen so ab: Man definiert erneut den Merkmalsraum eines Sachverhaltes, zum Beispiel „Ausländerfeindlichkeit“. Die In-

Tab. 3.1 Kategorienvorgabe zur Beurteilung von Items

schlechter Autofahrer neutral guter Autofahrer

−5 −4 −3 −2 −1 0 1 2 3 4 5

dikatoren werden wiederum einer Gruppe von Beurteilern vorgelegt, wobei man annimmt, dass das theoretische Konstrukt, das untersucht werden soll, in der Gruppe normalverteilt vorliegt [1]. Ein Indikator könnte vielleicht „Toleranz in der Familie“ heißen und mit der Aussage „Einen Schwiegersohn, eine Schwiegertochter aus einem anderen Land würde ich nicht akzeptieren.“ erhoben werden. Die Tester sollen nun anhand der elfstufigen Skala angeben, wie stark sie selbst dieser Aussage zustimmen. Nun wird für jedes Item der Wert ermittelt, der die Bewertungen aller Beurteiler in zwei gleiche 50 %-Hälften teilt. Wenn also von 30 Testpersonen 15 einen Wert von minus drei oder kleiner angekreuzt haben und somit ausdrücken, dass sie dieser Aussagen nicht zustimmen, erhält diese Frage den Punktwert −3. Dies ist übrigens kein arithmetisches Mittel, sondern ein anderer Mittelwert, der sogenannte Median. In diesem ersten Schritt werden die Indikatoren, die eine Einstellung abbilden, gewissermaßen geeicht, einem festen Wert zugeordnet.

Im zweiten Schritt, der eigentlichen Befragung zur Ausländerfeindlichkeit, wird dann gemessen, ob ein Befragter dieser Frage zustimmt oder nicht. Es wird also gemessen, ob eine bestimmte Einstellung, die Teil einer generellen Einstellung (z. B. Ausländerfeindlichkeit) ist, bei Befragten vorliegt oder nicht. Wenn der Befragte einem Einstellungs-Item zustimmt, wird der im ersten Schritt ermittelte Skalenwert (in diesem Fall minus drei Punkte) vergeben. Dies passiert im Folgenden mit vielleicht zwanzig Items, die alle Indikatoren für eine bestimmte Einstellung sind. Die Werte der zwanzig Items werden zusammengezählt und heraus kommt ein intervallskalierter Wert, der als Thurstone-Skala beispielsweise die Einstellung eines Befragten zu Ausländern in Deutschland repräsentiert.

Eine Thurstone-Skala besteht aus mehreren Items mit dichotomer oder polytomer Antwortvorgabe, deren Werte, mit bestimmten Punktwerten gewichtet, zu einem Gesamtwert (Index) zusammengefasst werden.

In der Regel werden Thurstone-Skalen für die Messung von Einstellungen gegenüber sozialen Sachverhalten verwendet. Das erklärt auch, warum häufig unterschiedlich hohe Punktzahlen in den typischen Zeitschriften-Tests vergeben werden: Die beiden Antwortmöglichkeiten bei einer Frage werden dann entsprechend des Vortests gewichtet. Bezogen auf die Autofahrerskala würde also ein „Ja“ auf die Frage „Wenn ich mir sicher bin, dass ich nicht erwischt werde, fahre ich über rote Ampeln“ mit −4 Punkten gewichtet, die Antwort „Nein“ dagegen mit 0 Punkten.

Eine weitere Variante liegt vor, wenn ich über einen bestimmten Gegenstandsbereich bereits über Vorinformationen verfüge. Nehmen wir an, wir hätten eine Gruppe von Personen zur Verfügung, die seit 30 Jahren unfallfrei Auto gefahren sind, und eine Gruppe, deren Mitglieder in der Flensburger Verkehrssünderdatei über mehr als 14 Punkte verfügen. Beiden Gruppen legen wir eine große Anzahl von Fragen vor, die sich in der Regel aufs Autofahren beziehen, aber auch auf ganz andere Sachverhalte,

z. B. die Lieblingsfarbe. Für die endgültige Skala werden dann die Items verwendet, die beide Gruppen am besten trennen, das kann dann theoretisch auch die Lieblingsfarbe sein. Wenn alle schlechten Autofahrer „Rot“ sagen und alle guten „Blau“, dann wäre dieses Item sehr gut geeignet, gute und schlechte Autofahrer zu trennen. Angesichts dieser Vorgehensweise ist dann auch verständlich, warum in solchen Tests in Zeitschriften häufig nicht direkt erkennbar ist, was eine Frage mit dem entsprechenden Phänomen zu tun haben soll.

  • [1] Will man zum Beispiel eine Thurstone-Skala zum Begriff Ausländerfeindlichkeit entwickeln, wird man seine Gruppe nicht aus den Reihen einer rechtsradikalen Partei rekrutieren
 
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