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4.8 Bewusste Auswahlverfahren

Bei der bewussten Auswahl werden Merkmalsträger danach ausgewählt, wie

„brauchbar“ bzw. wie zentral ihre Untersuchung für die Beantwortung der gewählten Fragestellung ist.

Diese Auswahlverfahren sind problematisch hinsichtlich der Repräsentativität der Ergebnisse in den Stichproben, da die Auswahl nicht nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip, sondern nach sachlogischen Erwägungen erfolgt. Man unterscheidet vier Unterverfahren: die Auswahl typischer Fälle, die Auswahl nach dem Konzentrationsprinzip, die Auswahl von Extremgruppen und das Quotenverfahren.

4.8.1 Typische Fälle

Insbesondere bei qualitativen Untersuchungsmethoden, mit denen wenige Einzelfälle en détail analysiert werden, ist die Auswahl typischer Fälle angebracht. Was nun „typisch“ an einem Merkmalsträger ist, liegt allein in der Vorkenntnis und den Hypothesen der Wissenschaftler begründet. Solche Merkmale können ein bestimmter Beruf, bestimmte Hobbies oder auffällige Verhaltensweisen sein. Letzteres Kriterium wird bei Untersuchungen typischer Fälle in der Psychologie oder Psychiatrie angewendet. Dies leuchtet ein: Es hätte beispielsweise wenig Sinn, für eine Untersuchung von autistischem Verhalten, das ja nur ganz selten auftritt, eine uneingeschränkte Zufallsauswahl aus der deutschen Bevölkerung zu ziehen. Die Wahrscheinlichkeit, in der Stichprobe einen Autisten zu haben, wäre viel zu klein, weil Autisten in der Grundgesamtheit aller Deutschen eben auch relativ selten vertreten sind. Eine solche Auswahl würde also nur Zeit und Geld kosten.

Auch in der empirischen Kommunikationsforschung ist es üblich, nach typischen Merkmalen bewusst auszuwählen. Dies geschieht beispielsweise bei Inhaltsanalysen zur (partei-)politischen Neutralität bzw. Einseitigkeit von Tageszeitungen. Bei der Auswahl der zu analysierenden Tageszeitungen kommen dann nicht alle publizistischen Einheiten in die Auswahl, sondern nur solche Zeitungen, die man in ihrer Berichterstattung für besonders typisch hält oder die einen bestimmten politischen Standpunkt repräsentieren: Häufig werden dann die sogenannten Qualitätszeitungen (taz, FR, SZ, FAZ, Welt) einem politischen Spektrum a priori zugeordnet und als typische Fälle ausgewählt.

4.8.2 Auswahl von Extremfällen

In der Literatur wird zwischen typischen und Extremfällen unterschieden. Die erste Gruppe soll Merkmalsträger aufweisen, die besonders charakteristisch für alle Merkmalsträger in der Grundgesamtheit stehen. Extremfälle sind hingegen als solche definiert, von denen sich der Forscher besonders detaillierte Informationen zu einem bestimmten, zumeist wenig erforschten Untersuchungsgebiet erhofft, weil die zu untersuchenden Merkmale in besonders extremer Ausprägung vorliegen. Will man etwa wissen, ob sich mit der Nutzung von Online-Angeboten wie E-Mail oder Chatrooms die Sprache der Teilnehmer hinsichtlich Syntax und Semantik verändert, wird man zunächst Personen befragen, die diese Medien sehr intensiv nutzen. Findet man bei diesen extremen Vielnutzern – im Vergleich zur „normalen“ Bevölkerung – hinsichtlich ihrer Ausdrucksweise Veränderungen, die auf die Nutzung dieser OnlineAngebote zurückzuführen sind, wäre ein Rückschluss auf die Grundgesamtheit „der Deutschen“ sicher falsch. Wohl aber wären Aussagen, die auf Trends und auf potenzielle Veränderungen von Sprache hinweisen, angebracht.

Ein Spezialfall für eine derartige Auswahl sind Expertengespräche. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Man würde also nicht nur Vielnutzer von Online-Angeboten untersuchen, sondern vielleicht auch Wissenschaftlerinnen befragen, die sich schon mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Von ihnen erhofft man sich neue, detaillierte Auskünfte über das vermutete Phänomen.

In diesem Zusammenhang ist noch auf eine Besonderheit in der Auswahl selbst hinzuweisen – auf das sogenannte Schneeballprinzip. Dabei handelt es sich im Prinzip um eine Mischung aus bewusster und willkürlicher Auswahl, die aber unter Umständen durch den Untersuchungsgegenstand gerechtfertigt ist bzw. die einzig mögliche Art der Auswahl darstellt. Bei neuen Untersuchungsgegenständen hat man häufig das Problem, dass weder eine Grundgesamtheit noch eine bewusst zu wählende Teilmenge genau bekannt sind. Eine Untersuchung zum Thema Berichterstattung der Massenmedien und Eliten (Noelle-Neumann und Kepplinger 1978) illustriert das Vorgehen nach dem Schneeballprinzip, durch das die Mitglieder einer unbekannten Grundgesamtheit identifiziert werden sollten. Die Studie sollte verschiedene lokale Eliten untersuchen: Wirtschaftselite, politische Elite und kulturelle Elite. Wer gehört nun dazu und wie findet man diese Personen? Man geht davon aus, dass der Oberbürgermeister zur politischen Elite einer Stadt gehört. Er ist also Startpunkt (bewusste Auswahl). Man befragt ihn und bittet ihn am Ende des Interviews, diejenigen Personen zu nennen, die seiner Auffassung nach noch zur politischen Elite der Stadt gehören. Man sucht diese Personen auf, befragt sie und bittet sie, weitere Namen zu nennen. Auf diese Weise gelangt man relativ schnell an einen Punkt, an dem immer wieder dieselben Namen genannt werden; ein Zeichen dafür, dass man die Grundgesamtheit der politischen Elite einer Stadt ermittelt hat. Die Verbreitung nach der einmal getroffenen bewussten Auswahl (Festlegung des Oberbürgermeisters) erfolgt eher willkürlich, weil man nur wenig darüber weiß, wie die einmal gewählten Mitglieder andere benennen.

 
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