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4.10 Stichprobenausfälle

Am Ende dieses Abschnittes soll noch auf ein generelles Problem von Zufallsstichproben hingewiesen werden, das einen großen Einfluss auf die Validität von Untersuchungsergebnissen hat: das Problem der Ausfälle bei zufälligen Auswahlverfahren.

Unter Stichprobenausfällen fasst man alle Fälle zusammen, bei denen ein Element der Stichprobe nicht untersucht werden konnte.

Ausfälle sind unter verschiedenen Aspekten zu diskutieren und auf verschiedene Weise problematisch. Wichtig ist zunächst die Unterscheidung zwischen zufälligen und systematischen Ausfällen. Als zufällige Ausfälle kann man all jene fassen, bei denen Personen in die Stichprobe gezogen wurden, tatsächlich aber nicht mehr einer Grundgesamtheit angehören, wie zum Beispiel solche, die zwar noch in einer Stadt gemeldet, tatsächlich aber umgezogen sind. Andere Personen sind zum Zeitpunkt eines vereinbarten Interviews krank, haben keine Zeit oder fallen aus anderen nichtsystematischen Gründen aus.

Eine relativ große Anzahl von Ausfällen macht die Gruppe der Verweigerer aus. Deren Begründungen müssen genau analysiert werden, um sicherzugehen, dass es sich bei diesen Elementen der Grundgesamtheit nicht um systematische Ausfälle handelt, die die gesamte Datenanalyse wertlos machen würden. Dieser Gruppe von Verweigerern gilt deshalb ein besonderes Interesse, weil sie im Verlauf der Jahre immer größer wurde. Man schätzt, dass sie bei normalen Bevölkerungsumfragen derzeit bei mindestens 30 % liegt. Man muss davon ausgehen, dass es Menschen gibt, die aus den unterschiedlichsten Gründen generell keine Interviews geben. Dieser Tatbestand ist für sich schon ein interessantes Forschungsfeld. In unserem Zusammenhang interessieren diese Personen allerdings nur als „systematische Ausfälle“. Es ist beispielsweise denkbar, dass vor allem Hochgebildete – dazu zählt man Menschen, die mindestens das Abitur abgelegt haben – ein Interview verweigern, weil sie aus politischen Gründen den „gläsernen Bürger“ ablehnen. Wenn das so wäre und dieses Problem einer systematischen Verweigerung nicht erkannt wird, wäre die Stichprobe derjenigen, die noch befragt werden, verzerrt, weil zu wenig Hochgebildete in ihr vertreten sind. Die Ergebnisse wären nicht mehr brauchbar. Es gibt viele andere, eher psychologische Gesichtspunkte, die zur Verweigerung führen können. Zum Beispiel gibt es Menschen, die sich schlecht ausdrücken können und deshalb ein Interview verweigern. Das hätte für die Repräsentativität der Stichprobe vielleicht die Konsequenz, dass die weniger gebildeten Personen unterproportional vertreten wären. Auch die Erreichbarkeit einer Zielperson kann zu systematischen Verzerrungen von Ergebnissen führen. Vielleicht wären jüngere, mobile Menschen in einer Telefonbefragung unterrepräsentiert, weil sie seltener zu Hause sind als ältere. Im Grunde müsste man viel über die Grundgesamtheit wissen, um zu entscheiden, ob und welche Teilgruppe einer Population überoder unterrepräsentiert ist. Ein solcher Abgleich ist nur auf der Grundlage von Daten einer Volksbefragung möglich. Ein Hauptproblem besteht darin, dass man über die Verweigerer nichts weiß, eben weil sie verweigern. Daher sind die Ursachen der Verweigerung und deren Auswirkungen auf die Qualität der Stichprobe schwer einzuschätzen.

Diese Probleme treten bei Zufallsstichproben von Zeitungsartikeln natürlich ebenso wenig auf wie bei Quotenstichproben. Bei der Quotenstichprobe gibt es zwar auch Verweigerer, aber hinsichtlich ihrer zu quotierenden Kontrollmerkmale sind solche Personen leicht durch andere zu ersetzen. Wenn ein Abgleich mit der Grundgesamtheit möglich ist, können für die Datenauswertung ex post Gewichtungen in der Stichprobe eingeführt werden. Wenn man feststellt, dass von den 1 600 Personen, die befragt wurden, die Jungen unterrepräsentiert sind, verleiht man diesen Altersgruppen bei der Auswertung der Ergebnisse ein Gewicht größer als 1. Dadurch stellt man sicher, dass Verzerrungen der Stichprobe wieder ausgeglichen werden. Wie bereits ausgeführt, funktioniert das nur mit den Merkmalen aus der Grundgesamtheit, die bekannt sind. Diese sind in der Regel soziodemografischer Art und spielen bei der Ergebnisdiskussion eine nur marginale Rolle. Wenn systematisch „Vielseher“ ein Interview zum Thema Medienwirkung verweigern, weil sie ihre Lieblingssendung nicht verpassen wollen, hat man ein Problem, das vermutlich nicht so elegant zu lösen ist, weil man die Menge der Vielseher in der Grundgesamtheit nicht kennt. In diesem Zusammenhang sei auch noch darauf hingewiesen, dass eine nachträgliche Gewichtung nur dann zulässig ist, wenn die Ausschöpfungsquote hinreichend groß ist. Bei manchen Befragungen erzielt man häufig eine Rücklaufquote von nicht mehr als drei bis vier Prozent. In solchen Fällen kann man nicht mehr sinnvoll gewichten.

Systematische Ausfälle werden nicht nur von den Zielpersonen selbst, sondern auch – bei persönlichen Befragungen – durch die Interviewer produziert, wenn diese nämlich Interviews fälschen (vgl. hierzu auch Kap. 7.1). Je nach Merkmal sind diese Ausfälle relativ schwierig zu kontrollieren und auszugleichen. So ist beispielsweise bekannt, dass eine lange Anreise – etwa aufs Land – bei Interviewern genauso unbeliebt ist wie das Erklimmen des fünften Stockwerks in einem Haus ohne Lift. Während man im ersten Fall mittels Abgleich mit der Grundgesamtheit wahrscheinlich hinter diese Verzerrung kommt, wird es im zweiten Fall schwierig sein, festzustellen, ob nicht einfach eine neue Zielperson im 1. Stock ausgewählt wurde.

 
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