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5.3.3 Differenziertheit von Skalen

Intervallskalen können auch zu differenziert sein. Wir erinnern uns an das Beispiel zur politischen Orientierung, die auf einer Intervallskala von 0 bis 100 nicht sinnvoll erfasst werden kann, weil kaum jemand 68 ankreuzen, sondern eher die Zehnerschritte 60 oder 70 wählen wird. Unter Umständen wird also eine Differenziertheit vorgegaukelt, die tatsächlich bei den Befragten so nicht existiert. Deshalb umfassen Skalen zu Einstellungsund Verhaltensfragen in der Regel zwischen fünf und neun Abstufungen. Das erfordert von den Befragten nur relativ grobe Entscheidungen, nämlich erstens, ob sie sich jenseits oder diesseits vom Mittelwert oder direkt darauf einschätzen und zweitens, ob sie sich eher an den Extremen oder irgendwo zwischen Mitte und Extrem sehen. Damit ist bereits die nächste Überlegung angesprochen, die bei jeder Fragebogenkonzeption eine Rolle spielt.

5.3.4 Skala mit oder ohne Mittelpunkt?

Bei der Anzahl der Antwortvorgaben gibt es zwei Philosophien: Wählt man eine Skala mit Mittelpunkt (also z. B. fünf oder sieben Stufen), haben die Befragten die Möglichkeit, sich tatsächlich in der Mitte einzuordnen. Die andere Philosophie geht davon aus, dass man Befragte zu einer Entscheidung für oder gegen eine Sache zwingen und deshalb eine gerade Anzahl von Vorgaben (sechs oder acht Stufen) machen sollte. Beide Überlegungen haben ihre Vorund Nachteile. Gibt man eine Skala mit Mitte vor, dann haben die Befragten, die wirklich eine indifferente Meinung haben, die Chance, diese auch kundzutun. Anderenfalls sind sie ratlos und können die Frage nicht beantworten. Der Nachteil ist spiegelbildlich: Es ist „bequem“, auf eine Mittelkategorie auszuweichen und nicht genau über die Frage nachzudenken. Eine Mittelkategorie bietet all jenen, die ihre wahre Meinung nicht nennen wollen oder können, die Möglichkeit, eine Antwort zu wählen, von der sie vermuten, dass sie in der Masse untergeht. Durch eine geradzahlige Skala zwingt man diese Befragten, Farbe zu bekennen, erschwert jedoch eine Antwort für diejenigen, die wirklich eine indifferente Meinung haben. Letztlich entscheidet auch hier der Forschungsgegenstand, ob der Aspekt des Polarisierens in die eine oder andere Richtung im Vordergrund steht. Wählt man eine Skala mit Mittelpunkt, muss man bedenken, dass die Mitte vom Befragten auch als „betrifft mich nicht“ aufgefasst werden kann. Erhebt man etwa die Zustimmung zur Gesundheitsreform mit einer siebenstufigen Skala, läuft man Gefahr, dass diejenigen, denen die Gesundheitsreform eigentlich egal ist, die Mitte ankreuzen. Somit würde man sie in einen Topf werfen mit denen, die tatsächlich eine ausgewogene Meinung zu den Plänen der Regierung haben. Diese Erhebung wäre nicht valide, weil das Messinstrument nicht das misst, was es messen soll. In diesem Fall wählt man den Ausweg, dass eine zusätzliche Antwortvorgabe „ist mir egal“ oder Ähnliches angeboten wird.

Für die Konstruktion von Antwortvorgaben gilt generell, dass man die Befragten nicht überfordern darf und die Antwortvorgaben so gestaltet sind, dass sie mit der Realität des Befragten übereinstimmen.

Es geht also nicht darum, den höchsten Grad an Differenziertheit herauszuholen, sondern darum, die Antwortmöglichkeiten so zuzuschneiden, dass sie vom Befragten sinnvoll bewältigt werden können.

 
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