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5.4 Antwortverzerrungen aufgrund der Frageformulierung

Um zu ergiebigen und vor allem validen Antworten zu kommen, die der wahren Meinung bzw. dem tatsächlichen Verhalten von Befragten möglichst nahe kommen, ist nicht nur die Wahl der richtigen Skala von Bedeutung. Eingangs wurde schon auf eine bedeutende „soziale“ Randbedingung, die soziale Erwünschtheit, hingewiesen, die das Antwortverhalten von Befragten verzerren kann. Es existieren weitere Phänomene, die unmittelbar mit der Fragebogenentwicklung zusammenhängen und Validitätsprobleme aufwerfen.

5.4.1 Kognitive und affektive Ausstrahlungseffekte

Dies betrifft zunächst die Reihenfolge der Fragen im Fragebogen. Hier hat man in zahlreichen Untersuchungen Ausstrahlungseffekte von einer Frage auf die nächste nachgewiesen. Durch die unmittelbar hintereinandergeschalteten Fragen produziert der Befragte eine affektive Verknüpfung von zwei Sachverhalten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. In einem Leitfaden oder Tiefeninterview sind solche Effekte nicht problematisch, denn die Art der Befragung imitiert mit Absicht ein normales Gespräch, das Raum für Nachfragen, detaillierte Information und Assoziationen lässt. Dabei kommt es nicht auf die Erhebung und Auswertung quantitativer Daten an, sondern auf eine qualitative Bewertung eines zusammenhängenden „Ganzen“. Bei standardisierten Befragungen dagegen handelt es sich um viele aneinandergehängte Einzelfragen, die im Idealfall völlig unabhängig voneinander analysiert und ausgewertet werden sollen. Im demoskopischen Interview will man vermeiden, dass die Befragung wie ein Gespräch verstanden wird. Die Auskünfte der Befragten sollen eben nur die letzte Frage beantworten und nicht – wie im Gespräch sonst üblich – in einen sinnvollen Gesamtkontext gestellt werden. Doch das ist gerade die Schwierigkeit: Befragte sind es einfach gewöhnt, Dinge logisch miteinander in Beziehung zu setzen. Im Resultat bedeutet dies, dass durch bestimmte Vorgaben innerhalb einer Frage und/oder die Reihenfolge von Fragen inhaltliche Verknüpfungen zwischen zwei Sachverhalten vorgenommen werden, die das Antwortverhalten beeinflussen. Man erhält Antworten, die nicht die wahre Einstellung der Befragten abbilden, sondern aufgrund der Fragebogenkonstruktion hervorgerufen werden. Neben diesen inhaltlichen Ausstrahlungseffekten hat man emotionale oder affektive Ausstrahlungseffekte nachgewiesen. Diese können bei sozial brisanten und emotional aufgeladenen Themen entstehen. Fragt man etwa danach, ob ein Befragter von den teilweise katastrophalen Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern weiß, und fragt direkt im Anschluss, wie groß seine generelle Spendenbereitschaft ist, erhält man sicher positivere Ergebnisse als ohne die vorgeschaltete Frage. Ausstrahlungseffekte können vermieden werden, wenn man die entsprechenden Fragen im Fragebogen auseinanderzieht oder durch Fragen „puffert“, welche die Aufmerksamkeit des Befragten zwischenzeitlich auf ein anderes Thema lenken.

 
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