Gruppeninterviews als Sonderform der Befragung

Alle Interviewtypen, die bisher erläutert wurden, gehen implizit von einer Face-toFace-Situation aus: Ein Interviewer befragt persönlich eine Person. Tatsächlich werden sowohl in der angewandten Marktforschung als auch in der Kommunikationsforschung auch Gruppeninterviews durchgeführt. Gruppeninterviews ähneln in ihrem Verlauf den Leitfadeninterviews. Der Interviewer hat eine Liste mit Themenbereichen, die abgearbeitet werden sollen. Gruppeninterviews werden hauptsächlich in der Marktforschung eingesetzt, wenn es beispielsweise um die Einführung neuer Produkte, veränderter Produktnamen oder neuer Produktverpackungen geht. In so einem Fall werden fünf bis zehn Nutzer des Produktes zu einem Gruppeninterview gebeten. Der Interviewer beginnt die Diskussion mit Fragen wie „Was fällt Ihnen an dieser Verpackung besonders auf?“, „Finden Sie rot oder grün sympathischer?“ usw. Es entwickelt sich eine Diskussion zwischen den Teilnehmern, die vom Interviewer mittels seines Interviewleitfadens gesteuert wird. In der Regel wird die Diskussion per Video aufgezeichnet und von der Marktforschung ausgewertet; dies hilft den Marketingabteilungen der Unternehmen bei der Entscheidungsfindung.

Durch die Gruppe, das ist der Vorteil dieser Gruppendiskussion, werden Meinungen, auch abseitige, stimuliert und formuliert. Das Gespräch zwischen den Teilnehmern fördert die Generierung von Meinungen. Allerdings sind solche Meinungsfindungen stets mit Vorsicht und vermutlich auch nur mit einer größeren Zahl von Gruppendiskussionen zu interpretieren. Die Vorstellung, man könne auf Basis aufgrund einer einzelnen Diskussion valide Auskünfte über Marktpotenziale erhalten, ist sicher übertrieben. Insofern können Gruppeninterviews in der Marktforschung immer nur ergänzendes Instrument zum Erkenntnisgewinn sein. Denn einmal abgesehen von möglichen Ergebnisverzerrungen, die durch die Gruppendynamik entstehen (Isolationsfurcht, totales Verstummen mancher Teilnehmer, übergebührliche Dominanz anderer Teilnehmer uvm.), sind die Resultate nicht auf die Bevölkerung zu übertragen.

Standardisierte Gruppenbefragungen sind wenig sinnvoll, da der positive Effekt einer Gruppendiskussion verloren ginge, fragte man nacheinander zum Beispiel soziodemografische Daten ab. Darüber hinaus kann man mit negativen Ausstrahlungseffekten rechnen, wenn in Gruppeninterviews Meinungsund Einstellungsfragen wie in einem Einzelinterview gestellt werden. Es erscheint recht naheliegend, dass die Meinung des einen die Meinung der anderen beeinflussen kann, weil Menschen beispielsweise dazu neigen, sich Mehrheitsmeinungen anzuschließen. Dadurch, dass sich die Teilnehmer gegenseitig in ihren Antworten beeinflussen, sind Gruppeninterviews also nicht geeignet, Einzelinterviews ökonomischer durchzuführen.

 
< Zurück   INHALT   Weiter >