Das Interview als soziale Situation

Trotz aller Sorgfalt bei der Schulung und Betreuung des Interviewer-Stammes können negative Effekte nie ganz ausgeschaltet werden. Es handelt sich eben nicht um eine naturwissenschaftliche Versuchsanordnung, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen und sich über Mediennutzungsgewohnheiten oder Ähnliches unterhalten. Sowohl das telefonische als auch das Face-to-Face-Interview sind eine soziale Situation, in der zwei Menschen sich miteinander unterhalten, allerdings unter Umständen, wie sie im normalen Leben nicht vorkommen [1]. Die Situation ist künstlich hergestellt und dient allein dem Zweck der Datenerhebung. Der Befragte ist sich dabei keineswegs darüber im Klaren, dass er nicht als Person, sondern nur als Merkmalsträger interessant ist, und auch der Interviewer fungiert im Prinzip als verlängerter Arm des Messinstrumentes, des Fragebogens. Beide Beteiligten schlüpfen in eine Rolle, die zumindest für den Befragten unbekannt und deshalb verunsichernd ist. Dabei findet auch während des Interviews ein dauernder Rollentausch statt: Wer den Interviewer in die Küche bittet, ist Gastgeber, kein Merkmalsträger. Wenn zwischendurch das Telefon klingelt, antwortet kein Merkmalsträger, sondern der Telefonbesitzer, und so fort. Das Interview als soziale Situation ist an sich ein Widerspruch, der jedoch nicht auszumerzen, sondern nur möglichst gut zu kontrollieren ist – angefangen von der Entwicklung der gesamten Untersuchung über die Konzeption des Fragebogens bis hin zur Interviewerschulung.

Unerwünschte Effekte

In Kap. 5 kamen Effekte zur Sprache, die sich unmittelbar aus der Formulierung einer Frage bzw. dem Fragebogendesign ergaben. Es wurde gezeigt, dass die Stellung einer Frage im Fragebogen eine Rolle spielen kann, die Formulierung einer Frage möglicherweise zu sozial erwünschten Antworten führt oder die Frage selbst Meinungen generiert, die quasi exklusiv für die Befragung „erfunden“ werden. Unerwünschte Effekte, die die Validität der Untersuchung extrem beeinflussen, können auch aufgrund des Interviewers selbst bzw. der sozialen Situation an sich auftreten, was in zahlreichen Untersuchungen auch belegt wurde. Unerwünschte Effekte dieser Art sind im Folgenden kurz dargestellt: Die Probleme beginnen schon beim ersten Kontakt. Jeder Mensch, ob bewusst oder eher unbewusst, hat ein Selbstbild, das er in der Regel positiv bewahren will. Wer will schon in einem schlechten Licht dastehen? Eher möchte man dem Gegenüber einen positiven Eindruck von sich vermitteln. Dieses Phänomen wird als Looking-good-Tendenz bezeichnet und wurde schon im Zusammenhang mit der Frageformulierung angesprochen. Im Resultat kann diese Tendenz dazu führen, dass der Befragte nur Antworten gibt, von denen er denkt, dass sie gut für das Image sind, das der Interviewer vermutlich von ihm hat. Man gibt Antworten, die nett sind, Antworten, die sozial erwünscht sind. Diese Effekte müssen im Vorfeld durch die Frageformulierung minimiert werden, aber auch der Interviewer kann gegensteuern. Je neutraler der Interviewer als Person im Hintergrund bleibt, desto weniger wird der Befragte Vermutungen über die Person, den Geschmack, die Vorlieben des Interviewers entwickeln und deshalb auch seine eigene Person weniger in den Vordergrund spielen. Die Situation wird dadurch insgesamt professioneller. Anders ausgedrückt: Je weniger stark das Interview vom Befragten als soziale Situation empfunden wird, desto aufgabenorientierter wird sich der gesamte Ablauf gestalten und Resultate hervorbringen, die dem wahren Wert, der wahren Meinung nahekommen.

  • [1] Im Folgenden gehen wir besonders auf die Face-to-Face-Situation ein
 
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