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7.3.2 Sponsorship-Effekt

Ein weiterer Effekt, der schon implizit angesprochen war, ist der sogenannte Sponsorship-Effekt: Sobald der Befragte merkt, welcher Auftraggeber wahrscheinlich hinter der Befragung steckt, wird er anders antworten. Dabei kann es sein, dass sich der Interviewer direkt als Mitarbeiter eines Unternehmens vorstellt; möglich ist allerdings auch, dass der Befragte aufgrund der Inhalte nur vermutet, dass der Interviewer zum Auftraggeber gehört. Der Sponsorship-Effekt verzerrt in jedem Fall das Antwortverhalten positiv. Der Befragte will dem Interviewer einen Gefallen tun, indem er sich möglichst „passend“ äußert: Wenn Greenpeace eine Umfrage startet, findet man unter Umständen einen höheren Anteil an Atomgegnern, als die tatsächliche Verteilung in der Bevölkerung ist. Wenn das ZDF befragt, kommt unter Umständen das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem besser weg, als wenn ein privater Rundfunkanbieter befragen würde. Hier beeinflussen Vermutungen des Befragten sein Antwortverhalten. Generell gilt deshalb: Je geringer der Einfluss des Interviewers, desto besser sind die Ergebnisse. In so einem Fall könnte man zum Beispiel vor Beginn des Interviews erwähnen, dass man einem unabhängigen Institut angehört, das keinen Einfluss auf die Verwendung der erzielten Ergebnisse der Untersuchung hat.

7.3.3 Anwesenheitsund Zustimmungseffekt

Zwei weitere Effekte, die auf der Grundlage der sozialen Situation entstehen können, sind Anwesenheitsund Zustimmungseffekte, die man unabhängig vom Inhalt einer Frage feststellen kann. Im ersten Fall handelt es sich um die Anwesenheit Dritter beim Interview, etwa der Ehepartner. Es ist zu vermuten, dass hier zwei Rollen des Befragten miteinander in Konflikt geraten können: Seine Rolle als Befragter und die als Ehepartner. Kommt es (zufällig) zu einer Frage, bei der die Partner nicht einer Meinung sind, wird vermutlich das Antwortverhalten verzerrt. Aus diesem Grund bestehen Interviewer in der Regel auf eine echte Face-to-Face-Situation, bei der keine andere Person anwesend ist.

Zustimmungstendenzen von Befragten werden über kontrafaktische Frageformulierungen aufgedeckt. „Abtreibung sollte generell verboten werden“ und „Abtreibung sollte generell erlaubt werden.“ Wer beide Male zustimmt, tut dies offenbar nicht aufgrund seiner Überzeugung, sondern um dem Interviewer allein durch sein Zustimmen einen Gefallen zu tun. Nach Schnell, Hill und Esser (2011, S. 347) gibt es zwei Ursachen für diese Zustimmungstendenz. Zum einen wird sie vor allem bei Befragten mit geringer Ich-Stärke vermutet, zum zweiten kann man sie bei sozioökonomisch Unterprivilegierten als soziale Behauptungsstrategie identifizieren. Gerade der letztgenannte Aspekt ist für die empirische Kommunikationsforschung von Belang, denn in einer ganzen Reihe von Forschungsfeldern wird der ökonomische Status von Personen als Erklärung für bestimmte Zusammenhänge mit herangezogen.

Der sozioökonomische Status spielt noch in einer anderen Hinsicht eine wichtige Rolle beim Phänomen „Interview als soziale Situation“: Der Interviewer klingelt und wird von einer älteren Dame eingelassen, die offenbar allein lebt, in Rente ist und vermutlich viel Zeit hat. An der nächsten Tür bekommt er Eintritt von einer Mutter mit vier Kindern, von denen eines gerade die Windeln voll hat, und im dritten Fall öffnet eine PR-Agentin. Es bedarf nicht viel Phantasie, sich die Unterschiedlichkeit des Ablaufes vorzustellen: Im ersten Fall ist man herzlich willkommen, der Kaffee steht schon auf dem Tisch, man hat sich Zeit genommen und freut sich über die Abwechslung. Die beiden anderen Personen wollen das Interview so schnell wie möglich hinter sich bekommen, die Mutter ist unkonzentriert, die PR-Agentin sehr aufgabenorientiert und professionell. Will man später die Antworten der drei Befragten „in einen Topf “ werfen, muss der Interviewer in der Lage sein, die Situation möglichst gleichmäßig zu bewältigen. Im Vorfeld wird er sicher die übliche Dauer des Interviews angegeben haben; er wird durch sein Verhalten klarstellen müssen, dass es allein auf die Beantwortung der Fragen ankommt. Allgemein gesprochen: Alter, Geschlecht, die verfügbare Zeit, vielleicht auch der zur Verfügung stehende Interviewort in einer Wohnung sind zu berücksichtigen. Um unerwünschte Interviewer-Effekte zu verhindern, versucht man, den Einsatz der Interviewer so zu streuen, dass diese bei möglichst vielen verschiedenen Umfragen eingesetzt werden. Auf diese Weise verhindert man Routine-Effekte, die sich in verzerrtem Antwortverhalten der Befragten niederschlagen können.

 
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