Inhaltsanalyse als Methode zur Erfassung sozialer Realität

Die Analyse von Botschaften kann verwendet werden, um auf den Kontext der Berichterstattung, die Motive und Einstellungen der Kommunikatoren oder auf die mögliche Wirkung bei Rezipienten der Botschaften zu schließen.

Rückschlüsse auf den Kontext

Die typischen Ergebnisse einer Befragung befassen sich mit Einstellungen, Meinungen und dem Verhalten von Personen, z. B. mit der Zustimmung oder Ablehnung der zivilen Nutzung der Atomenergie oder dem Wahlverhalten, kurz, allen aktuellen Sachverhalten, die im weitesten Sinn die Meinung oder das Verhalten der Bürger widerspiegeln. Bei der Inhaltsanalyse erhält man ganz ähnliche Aussagen: Man beschreibt zum Beispiel die Tendenz der Berichterstattung hinsichtlich des Pro und Contra zur doppelten Staatsbürgerschaft, ebenfalls in Prozentpunkten. Wie schon im letzten Absatz ausgeführt, bleibt es jedoch selten bei der reinen Frequenzmessung bzw. Häufigkeitsauszählung. Das eigentlich Spannende ist der Schluss auf den Kontext.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Mit einer Inhaltsanalyse soll erfasst werden, wie viele Gewaltakte im TV pro Tag gezeigt werden. Wiederum sind die nackten Zahlen für sich genommen uninteressant (z. B. 70 Morde pro Tag; vgl. Groebel und Gleich 1993). Erst der Schluss auf den aktuellen Kontext, nämlich die medienpolitische Debatte über die Qualität der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender, verleiht den Zahlen Relevanz. Dasselbe gilt für Studien zur Konvergenzdebatte, d. h. zu der Frage nach einer inhaltlichen Angleichung des öffentlich-rechtlichen Programms an die Privaten. Rückschlüsse von erhobenen Textmengen können natürlich auch auf historische Kontexte gezogen werden, wie etwa die Propagandaforschung über das Dritte Reich, oder, um einen aktuellen Bezug zu nehmen, die Berichterstattung der Medien über Atomkraft. Ohne den gesellschaftspolitischen Bezug, z. B. ohne die Berücksichtigung des atomaren GAU von 2011 in Fukushima, sind die gewonnenen Zahlen, die man dann in einem Graphen als Fieberkurve ausdrücken kann, ganz und gar unverständlich. Man muss von den Ereignisses des Jahres 2011 wissen, um den „Knick“ in der Tendenz der Berichterstattung angemessen interpretieren zu können. Der Rückschluss von einem bestimmten Datenmaterial bzw. dessen Ergebnis auf einen die Forschungsfrage betreffenden Kontext berücksichtigt folgende Aspekte:

• historischer bzw. aktueller Kontext, d. h. das gesellschaftliche Verständnis von Sachverhalten der jeweiligen Zeit

• kultureller Kontext, einmal im Laufe der Zeit innerhalb einer Gesellschaft, wie etwa Enttabuisierungen, einmal interkulturell, etwa im Vergleich Deutschland – Japan

• sozioökonomischer Kontext, d. h. die unterschiedliche Informationsverarbeitung von Menschen innerhalb einer Gesellschaft aufgrund ihres sozialen und/oder ökonomischen Status

Die Rezeption von Texten kann also nicht objektiv sein, sondern nur intersubjektiv nachvollziehbar, und dies heißt, sie ist gebunden an einen bestimmten raum-zeitlichen Kontext. An dieser Stelle ist noch einmal ein Rückbezug auf die Definition von Inhaltsanalyse notwendig: Während Berelson diesen Gesichtspunkt nicht in Erwägung zieht, macht die Definition von Merten diesen Aspekt deutlich: Man schließt von Merkmalen eines manifesten Textes auf Merkmale eines nicht-manifesten Kontextes. Das methodische Instrumentarium der Inhaltsanalyse muss also gewährleisten, dass Texte so messbar gemacht werden, dass valide erfasst wird, auf welchen Kontext sich die Inhalte beziehen, welche soziale Wirklichkeit sie widerspiegeln.

 
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