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10.4.1 Wortschatzanalysen

Wortschatzanalysen beschäftigen sich mit der Wortwahl, dem Duktus bestimmter Personen (z. B. Politiker), aber auch TV-Sendungen wie etwa der Tagesschau. Derartige Analysen sind besonders spannend, wenn man vergleichend vorgeht.

• Wie hat sich die Nachrichtensprache in den letzten zwanzig Jahren entwickelt?

• Wie verschieden drücken sich unterschiedliche Politiker aus?

• Kann man kulturelle Unterschiede, etwa zwischen Ostund Westdeutschen, an der Wortwahl erkennen?

Der Einsatz der AIA drängt sich geradezu auf, weil man zumindest im ersten Schritt blitzschnell eine Art Wörterbuch ausgeben lassen kann, in dem alle verwendeten Worte entsprechend ihrer Häufigkeit gelistet sind. Man kann also Rangordnungen erstellen, diese über verschiedene Medien und Zeiten hinweg miteinander vergleichen und daraus eventuell Schlüsse auf die jeweiligen Kommunikatoren ziehen.

10.4.2 AIA als Vorbereitung für eine konventionelle Inhaltsanalyse

An einem Beispiel soll dargestellt werden, wie man die AIA als Hilfe für eine herkömmliche Inhaltsanalyse einsetzen kann [1]. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 1992 in den USA wurden die dort üblichen Fernsehdebatten zwischen den Kandidaten Clinton, Bush und Perot jeweils in den landesweiten Zeitungen abgedruckt. Diese Texte sind die Grundgesamtheit für eine Untersuchung, die der Frage nachgeht, wie häufig soziale Gruppen in den Redebeiträgen der einzelnen Kandidaten vorkommen. Das bedeutet, dass in vielen Fällen nicht alle Textteile relevant sind, also erst einmal eine Vorauswahl, eine Reduzierung der Textmenge, vorgenommen werden muss. Es war aber auch nicht ausreichend, einfach die Begriffe suchen zu lassen. Dies würde einer reinen Häufigkeitsauszählung entsprechen. Vielmehr wollte man ja wissen, in welcher Art und Weise sich die Kandidaten äußerten.

10.4.2.1 Das Wörterbuch der AIA

Die Entwicklung des sogenannten Wörterbuches für eine AIA entspricht der Konzeption des Kategorienschemas. Für die Auswahl der Texteinheiten wird ein solches Kategorienschema entwickelt, das neben den Hauptkategorien sowohl theorieals auch empiriegeleitet Unterkategorien mit allen notwendigen Ausprägungen und entsprechenden Skalierungen aufweist. In der Soziologie ist der Begriff „soziale Gruppe“ wohldefiniert. Das heißt, man wird theoriegeleitet alle einschlägigen und aktuellen Definitionen des theoretischen Konstruktes aufarbeiten und für die eigene Untersuchung fruchtbar machen. Mit einer automatisierten Wortauszählung kann man dann empiriegeleitet alle sozialen Gruppen auflisten, die überhaupt in den Reden vorkommen. Es ist dann die Aufgabe des Forschers, zielführende Kategorien aus dem schieren Textmaterial zu entwickeln. In dieser Phase der Konzeption müssen alle Begriffe monosemiert werden, das heißt, dass alle Zweideutigkeiten eliminiert werden müssen. Im vorliegenden Fall war dies recht einfach. Es stellte sich mit Hilfe der Keyword-incontext-Funktion heraus, dass das Wort „general“ stets im Sinne von „allgemein“ und nicht als Bezeichnung für einen Militär benutzt wurde, deshalb nicht in die Liste der sozialen Gruppen aufgenommen werden musste. Nach dieser Rohfassung des Wörterbuchs, die vielleicht der ersten Fassung eines Codebuches entspricht, müssen die Begriffe zur Kontrolle in ihrem Kontext erfasst werden. Es wird also ein Pretest, vergleichbar mit dem einer konventionellen Inhaltsanalyse, durchgeführt. Hier wird notfalls mehrfach geprüft, ob die Begriffe im definierten Kontext vom Computer ausgewählt werden.

10.4.2.2 Durchführung der AIA mit anschließender konventioneller Inhaltsanalyse

Wie gesagt: Textreduktion ist das Ziel, das bei dieser Anwendung der AIA erreicht werden soll. In diesem Beispiel konnten von insgesamt 575 Redeeinheiten nach dem computerunterstützten Durchgang knapp 400 ausgeschlossen werden. Hier wird der große Vorteil der AIA deutlich. Menschliche Codierer hätten das komplette Textmaterial durchforsten müssen, hätten unter Umständen einzelne Redeeinheiten übersehen und hätten in jedem Fall viel länger an dieser Aufgabe gesessen als der Computer. Wenn bei der Vorbereitung, sprich bei der Erstellung des Wörterbuchs, das dem PC sagt, was er suchen soll, sorgfältig gearbeitet wurde, ist die AIA also eine hervorragende Erleichterung. Der Vorteil wird umso größer, je kleiner der Anteil der relevanten Textmenge an der gesamten Textmenge ist. Wenn man beispielsweise wissen will, wie von 1950 bis 2012 über Kindesentführungen berichtet wurde, dann würde ein Großteil der Zeit, die Codierer mit dieser Aufgabe verbringen, für das Suchen der relevanten Artikel aufgewendet werden. Mit einem adäquaten Wörterbuch und einer AIA könnten diese Artikel schnell gefunden werden; vorausgesetzt natürlich, die entsprechenden Medieninhalte aus diesem Untersuchungszeitraum sind elektronisch verfügbar.

Zurück zu den amerikanischen Wahlen: Nachdem die relevanten Textpassagen gefunden wurden, treten die vernunftbegabten Codierer in Aktion. Bisher kann man nur feststellen, wie viel die Kandidaten über soziale Gruppen sagen. Die AIA liefert jedoch keine Bewertungen. Bewertungen sind schon in konventionellen Inhaltsanalysen nicht immer leicht zu codieren. Die Schritte, die nun bei der konventionellen Inhaltsanalyse folgen, also die Pretests, die Codiererschulung, die Verschlüsselung und die anschließende Auswertung, laufen nun wie im letzten Kapitel beschrieben ab.

  • [1] Vgl. Geis und Züll (1998), die anhand dieses Beispiels den detailgenauen Ablauf eines ausgewählten Programms (TEXTPACK) darstellen. Denjenigen, die tiefer in die Welt der AIA einsteigen möchten, seien diese Lektüre und die Publikationen von Scharkow (2010, 2012) empfohlen
 
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