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12.1.1.2 Selbstversus Fremdbeobachtung

Der zweite Aspekt betrifft die Frage, ob man andere oder sich selbst beobachtet. Was Fremdbeobachtung bedeutet, muss nicht weiter erläutert werden. Die Selbstbeobachtung oder Introspektion wurde hauptsächlich in der Psychologie entwickelt und ist vor allem dazu geeignet, Prozesse abzubilden, die sich der direkten Beobachtung entziehen, da sie nicht oder nur kaum mit extern erfassbaren Reaktionen einhergehen. So können beispielsweise psychische Prozesse untersucht werden.

Weiterhin wird die Selbstbeobachtung eingesetzt, wenn sich aufgrund des Untersuchungsgegenstandes eine Fremdbeobachtung ausschließt. Ein Beispiel sind Zeitbudgetstudien. Externe Beobachter, die eine Person den ganzen Tag über begleiten und beobachten, sind kaum denkbar: Abgesehen davon, dass sich kaum jemand dazu bereit erklären würde, an einer derartigen Studie teilzunehmen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich die zu Beobachtenden natürlich und nicht aufgrund der Anwesenheit des Beobachters anders verhalten würden (Reaktivität). Die Teilnehmer dokumentieren somit selbst, welcher Tätigkeit sie jeweils im Tagesverlauf nachgegangen sind. An diesem Beispiel erkennt man den fließenden Übergang zwischen der Selbstbeobachtung und der Befragung. Eine genaue Abgrenzung ist nur schwer möglich, da auch Antworten auf Fragen nach dem Verhalten in einem Fragebogen streng genommen auf einer Selbstbeobachtung beruhen.

Kritikwürdig ist an der Methode der Selbstbeobachtung vor allem, dass das Vorgehen und die Ergebnisse schlecht intersubjektiv nachvollziehbar und somit auch nicht durch andere replizierbar sind. Nur der (Selbst-)Beobachter kann nachvollziehen, wie die Ergebnisse zustande kamen und deren Validität abschätzen. Das bedeutet aber keineswegs, dass die Selbstbeobachtung als wissenschaftliche Methode generell abgelehnt werden sollte. Wie erwähnt basieren auch Antworten auf Fragen nach Verhalten im Prinzip auf einer Selbstbeobachtung. Die Ergebnisse einer Befragung sollten aber, ebenso wie die einer Selbstbeobachtung, reflektiert und unter Berücksichtigung möglicher Verzerrungen interpretiert werden.

12.1.1.3 Teilnehmende versus nicht teilnehmende Beobachtung

Die Entscheidung darüber, ob der Beobachter an dem Geschehen, das er beobachten soll, teilnimmt, ist von zentraler Bedeutung für die Validität einer Untersuchung. Hierbei stehen drei Fragen im Mittelpunkt:

• Kann ein teilnehmender Beobachter das Geschehen adäquat beobachten und festhalten?

• Gibt es eine Rolle, die der teilnehmende Beobachter einnehmen kann, ohne dass er zu großen Einfluss auf die Situation ausübt?

• Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Anwesenheit eines nicht teilnehmenden Beobachters das zu beobachtende Verhalten beeinflusst?

Zunächst muss hier überlegt werden, ob ein teilnehmender Beobachter in der Lage ist, die relevanten Handlungen überhaupt wahrzunehmen und festzuhalten. Vor allem komplexe Situationen und komplexe Erhebungsinstrumente stellen hierbei ein Problem dar. Ist der Beobachter Teil des Geschehens, übersieht er möglicherweise relevante Handlungen anderer Personen. Dieses Problem wird umso größer, je aktiver der Beobachter am Geschehen beteiligt ist. Darüber hinaus ist er als Teilnehmer möglicherweise nicht in der Lage, alle relevanten Handlungen in Echtzeit zu protokollieren und muss dies im Nachhinein auf Basis seiner Erinnerung nachholen.

Die zweite und dritte Frage beziehen sich jeweils auf denselben Aspekt. Die Rolle des Beobachters sollte so gewählt werden, dass dieser möglichst wenig Einfluss auf das zu beobachtende Verhalten ausübt. Es interessiert den Forscher in der Regel nicht, wie sich Journalisten oder Mediennutzer verhalten, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Handlungen beobachtet werden. Ziel sollte sein, ihr „natürliches“ unvoreingenommenes Verhalten zu erfassen. Wenn Beobachter nicht am Geschehen teilnehmen, wirken sie oft wie ein „Fremdkörper“ (zumindest, wenn es sich um eine offene Beobachtung handelt; vgl. Kap. 12.1.2). Ihre Anwesenheit macht es den Teilnehmern bewusst, dass sie beobachtet werden. Sie werden sich Gedanken darüber machen, welches Verhalten von ihnen erwartet wird und wie ihr Verhalten auf die Beobachter wirken könnte. Viele werden darüber hinaus versuchen, ihre eigene Rolle möglichst positiv darzustellen. Diese Gefahr ist umso größer, je wertbeladener das zu beobachtende Verhalten ist.

Nehmen Beobachter dagegen am Geschehen teil, ist darauf zu achten, dass sie sich möglichst passiv verhalten und nicht aktiv in das Geschehen eingreifen. Je aktiver Beobachter in der Situation auftreten, desto größer ist die Gefahr, dass sie das Geschehen verfälschen und Ergebnisse produzieren, die vor allem auf ihre Anwesenheit zurückzuführen sind. Es muss also in der Situation eine Funktion geben, die Beobachter übernehmen können, ohne dass sie dadurch zu großen Einfluss auf die Ergebnisse ausüben.

Insgesamt ist je nach Untersuchungsgegenstand und -anlage sehr genau abzuwägen, welches Risiko höher einzuschätzen ist. Betrifft der Untersuchungsgegenstand allerdings den Bereich abweichenden Verhaltens oder sind Angehörige höherer sozialer Schichten involviert, ist meist nur eine teilnehmende Beobachtung möglich. Eine Besonderheit stellen noch solche Untersuchungen dar, in denen das zu beobachtende Verhalten normalerweise nicht oder nur selten auftritt. Dann können Beobachter in die Situation auch eingreifen und das entsprechende Verhalten erleichtern bzw. sogar provozieren. Fragen der Validität entsprechender Untersuchungsergebnisse müssen dabei natürlich berücksichtigt werden.

 
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