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12.1.3.2 Direkte Beobachtung versus Analyse von Verhaltensresultaten

Oft wird das zu untersuchende Verhalten direkt, das heißt unmittelbar beobachtet. Dies ist aber nicht immer möglich und es stellt sich die mehrfach diskutierte Frage, ob das Verhalten der Beobachteten nicht hierdurch beeinflusst wird. Eine direkte Beobachtung ist demnach nicht möglich oder zu präferieren, wenn 1) die Privatsphäre der Beobachteten verletzt würde oder 2) eine Verhaltensbeeinflussung zu erwarten ist. Dieser Problematik kann begegnet werden, indem nicht das Verhalten an sich, sondern Verhaltensresultate erfasst werden. Stellen wir uns einen Redakteur vor, der Meldungen von Nachrichtenagenturen liest und diese nach ihrer Publikationswürdigkeit sortiert. Uns interessiert, welche Meldungen unterschiedliche Journalisten auswählen und wie sie diese weiterverarbeiten. Nun wäre es möglich, jeden von ihnen bei dieser Tätigkeit zu beobachten, um zu erfassen, welche Meldungen sie aussortierten, welche sie bearbeiten (nach eigener Recherche aber z. B. wieder verwerfen) und welche Artikel sie schließlich den Ressortleitern vorlegen. Dies führt allerdings evtl. dazu, dass sich einige Journalisten nicht nur beobachtet, sondern auch kontrolliert fühlen und von ihrem „normalen“ Verhalten abweichen.

Bei diesem Untersuchungsgegenstand wäre es (dann allerdings in Absprache mit dem Chefredakteur) auch möglich, am Ende des Tages die Resultate ihrer Handlungen zu erfassen. Welche Meldungen sind in den Papierkorb gewandert, welche sollten morgen in der Zeitung stehen? Was war der genaue Text der Agenturmeldung, was hat der einzelne Journalist daraus gemacht? Anhand der Analyse dieser Verhaltensresultate sind Rückschlüsse auf das Handeln der Journalisten zulässig. Gerade im Zeitalter der digitalen Bearbeitung von Material kann durch Logfile-Analysen sehr genau erfasst werden, was Journalisten getan haben. Dabei werden sämtliche aufgerufene Seiten oder Dateien aufgezeichnet. Solche Analysen sind im Bereich der Internetforschung auch dazu geeignet, das Nutzungsverhalten von Internetnutzern aufzuzeichnen.

12.1.3.3 Unvermittelte Beobachtung versus Aufzeichnung

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal von Beobachtungsstudien ist, ob das zu beobachtende Verhalten aufgezeichnet oder unvermittelt beobachtet wird. Ist der Beobachter vor Ort, erhält er zwar einen authentischen Eindruck in die Situation. Dennoch kann es aber sinnvoll sein, das Geschehen aufzuzeichnen und die Handlungen später zu erfassen. Dabei geht zwar etwas vom Eindruck der Gesamtsituation verloren und die Validität der Erhebung verringert sich – abhängig von der Qualität der Aufzeichnung – so evtl. etwas. Gleichzeitig bietet die Aufzeichnung aber die Möglichkeit, das Geschehen mehrfach zu beobachten, was besonders bei komplexen Beobachtungen hilfreich ist. Unter dem Gesichtspunkt einer hohen Reliabilität ist die Aufzeichnung demnach zu befürworten. An dieser Stelle sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Aufzeichnung und Speicherung von Bildund vor allem Tondateien nur mit Wissen und Einverständnis der zu beobachtenden Personen erfolgen sollten.

12.1.3.4 Manuelle versus automatisierte Protokollierung

Bei der manuellen Protokollierung ist der Beobachter vor Ort und erfasst mit Hilfe seines Beobachtungsbogens die relevanten Handlungen oder er protokolliert anhand von Videound/oder Tonaufzeichnungen. Der Nachteil der manuellen Erhebung liegt auf der Hand: Man benötigt dafür Menschen. Die kosten Geld und können Fehler machen. Eine andere Möglichkeit ist die automatisierte Protokollierung, die beispielsweise bei der telemetrischen Zuschauerforschung zum Einsatz kommt (vgl. Kap. 11.3). Deren Vorteil liegt in der hohen Reliabilität (vorausgesetzt, die Geräte funktionieren einwandfrei). Allerdings nimmt man dabei meist Abstriche im Hinblick auf die Validität in Kauf, da so nur eine sehr begrenzte Anzahl an Merkmalen erfasst werden kann. Ein menschlicher Beobachter könnte festhalten, ob eine Person konzentriert fernsieht oder nebenbei liest, ob sie lacht oder Verärgerung äußert usw. Abgesehen davon, dass die automatisierte Protokollierung einen zeitintensiven Vorlauf benötigt und die technische Realisierung meist sehr teuer ist, sollte man also sehr genau abwägen, ob das Forschungsinteresse eine automatisierte Beobachtung zulässt.

12.1.4 Zusammenfassung

Anhand dieser Merkmale der drei Dimensionen Beobachter, Situation und Erhebungsverfahren kann jede Beobachtungsstudie charakterisiert werden. Dabei ist nicht jede Entscheidung gleich wichtig, oft determiniert der Untersuchungsgegenstand eine der Varianten oder legt die Entscheidung zumindest nahe. Zentrale Entscheidungen bei der Konzeption einer Beobachtungsstudie sind:

• ob der Beobachter selbst am Geschehen teilnehmen soll

• ob die Beobachtung offen oder verdeckt erfolgt

• ob die Datenerhebung strukturiert vorgenommen wird

Dass diese drei Merkmale grundlegend für die Charakterisierung der unterschiedlichen Varianten sind, zeigt sich nicht zuletzt bei einem Blick in die Fachliteratur (vgl. hierzu Gehrau 2002, S. 29): Diese drei Aspekte werden in nahezu jedem Titel zur Beobachtung direkt oder indirekt thematisiert. Gehrau weist allerdings zu Recht darauf hin, dass auch die übrigen Gesichtspunkte bei der Konzeption der Beobachtung bedacht werden sollten. Bei sehr komplexen Vorgängen ist die Aufzeichnung des zu beobachtenden Verhaltens sinnvoll. Wenn Verhaltensresultate dazu geeignet sind, zuverlässig auf das zugrunde liegende Verhalten zu schließen, sollten diese analysiert werden. Es sollte weiterhin klar geworden sein, dass nicht alle Varianten frei miteinander kombinierbar sind. Alle Entscheidungen, die bei der Konzeption einer Beobachtung anstehen, sollten auf Basis von Überlegungen über Reliabilität und Validität getroffen werden.

Um eine hohe Reliabilität und Validität zu erreichen, sollte sichergestellt sein, dass das relevante Verhalten von den Beobachtern (oder automatisiert) gut erfasst werden kann und die Beobachtung selbst dieses Verhalten nicht (in zu starkem Maße) beeinfl .

 
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