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13.6 Konfundierung

Störvariablen können auch im Treatment selbst, also im Kontext der Variation der unabhängigen Variablen angesiedelt sein. Wenn man beispielsweise (wie die ersten Experimente zur Gewaltforschung) seine unabhängige Variable so konzipiert, dass Gruppe A einen Gewaltfilm, Gruppe B überhaupt keinen Film sieht und man nachher nach dem Aggressionspotential der Versuchspersonen fragt, könnte eine solche Störvariable schon in der Anlage der Untersuchung liegen. War es wirklich der Gewaltfilm oder vielleicht eher die Tatsache, dass die eine Gruppe einen Film vorgesetzt bekam und die andere nichts, also warten musste? In diesem Fall hätten wir also nicht eine unabhängige Variable (Gewaltfilm versus Film ohne Gewalt), sondern zwei unabhängige Variablen (Film versus kein Film und Gewalt versus keine Gewalt) variiert. Man spricht hier von einer Konfundierung von zwei Variablen. Diese besteht darin, dass die beiden Gruppen sich nicht in einem, sondern in zwei Merkmalen unterscheiden. Das Ergebnis des Experiments, dass eine Gruppe gewalttätiger als die andere wurde, kann man nicht kausal auf eine Ursache zurückführen, wenn die beiden Gruppen sich in zwei Sachverhalten unterscheiden. Das Experiment ist in Bezug auf die Wirkung von Gewalt wertlos.

Die Lösung in diesem Fall wäre, beiden Gruppen einen Film zu zeigen. Eine Gruppe bekommt nun einen Naturfilm vorgesetzt, die andere den Gewaltfilm. Auch hier kann man als Kritiker „Konfundierung!“ rufen, denn es muss nicht die Gewalthaltigkeit des Films sein, die die Experimentalgruppe gewaltbereiter gemacht hat. War es nicht eher der schnellere Schnitt des Gewaltim Vergleich zum Naturfilm, der die Versuchspersonen unruhig und aggressiv machte? Man müsste also die Schnittfolgen angleichen, so dass auch diese Störvariable kontrolliert, d. h. gleich gehalten werden kann. Der Kritiker ist immer noch nicht zufrieden, denn er bemängelt, dass in einem Fall Menschen, im anderen Tiere gezeigt werden, und das würde doch auf das Gewaltniveau wirken. … Eine solche Vorgehensweise mag zwar kleinkariert klingen, sie schützt jedoch letztlich vor irreführenden Ergebnissen, und Kritik bzw. Vorsicht hat Wissenschaft noch selten geschadet.

Man kann sich ausmalen, welche Variablen noch aufzufinden wären. Festzuhalten ist in jedem Fall folgender Aspekt: Das Auffinden von Konfundierungen heißt zwar unter Umständen, dass ein Experiment im Nachhinein nicht mehr viel wert ist. Entscheidend ist jedoch, dass ein neues Untersuchungsdesign häufig der Schritt zu einem differenzierteren Umgang mit dem Untersuchungsgegenstand ist.

Das Aufdecken von Konfundierungen befruchtet deshalb den Forschungsprozess, anstatt ihn zu behindern.

Man erfährt mehr über Randbedingungen und Wirkungszusammenhänge und man ist sogar in der Lage, die einst störenden Drittvariablen konstruktiv in ein weiteres Experiment mit einzubauen. Man lernt an diesem Beispiel, dass die Gefahr einer Konfundierung steigt, je komplexer ein Stimulus ist. Filme (oder allgemeiner Medieninhalte) sind äußerst komplex und nie bis ins Letzte in einem Experiment zu kontrollieren. Der Ausweg, der deshalb gewählt werden muss, ist der Versuch, wirklich nur ein minimales Detail zu manipulieren, in dem sich die Gruppen unterscheiden. Man würde also im vorliegenden Fall beiden Gruppen denselben Film vorführen und vielleicht eine kleine Gewaltsequenz variieren. Je stärker der experimentelle Ablauf kontrolliert wird und je geringer das Ausmaß der experimentellen Manipulation ist, desto unwahrscheinlicher sind Konfundierungen.

Aber Achtung: Die Kontrolle sämtlicher möglicher Einflussfaktoren und die Standardisierung des experimentellen Ablaufs können dahin führen, dass das Experiment unter völlig unrealistischen Bedingungen abläuft und damit fragwürdig ist, ob man die Ergebnisse überhaupt auf die Realität übertragen kann (vgl. Kap. 14.2). Wenn man beispielsweise Versuchspersonen auf einem Stuhl anbindet und ihre Köpfe in Apparaturen einspannt, so dass man Augenbewegungen beim Überfliegen von Zeitschriftenseiten genau messen kann, dann hat man in einer solchen Anordnung alle Störvariablen kontrolliert. Der große Nachteil allerdings ist, dass eine völlig künstliche Situation geschaffen wird, die mit der realen Wahrnehmung nicht mehr viel zu tun hat. Kein Mensch liest in einer solchen Situation in Zeitschriften. Die Ergebnisse sind dann im Rahmen des Experiments mustergültig, man muss sich jedoch fragen, ob sie auch Gültigkeit in Bezug auf das wirkliche Leben haben.

 
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