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13.7 Experimentalund Kontrollgruppen

Eine experimentelle Überprüfung eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs sieht gegenüber einer nicht-experimentellen Untersuchungsanlage immer vor, dass ein Vergleich zwischen zwei gleichen Gruppen angestellt wird: der Experimentalgruppe und der Kontrollgruppe. Die Herstellung zweier (oder mehrerer) Vergleichsgruppen ist der Ausgangspunkt jedes Experiments, ohne Kontrollgruppe sind Wirkungen eines Treatments, das die Experimentalgruppe erhält, nicht interpretierbar.

Die Experimentalgruppe erhält ein Treatment, die Kontrollgruppe bekommt dieses Treatment nicht.

Alle anderen Bedingungen werden gleich gehalten, das heißt kontrolliert. Beide in ihren sonstigen Merkmalen vergleichbaren Gruppen unterscheiden sich nur in der Gabe des experimentellen Stimulus. Nur dieses Treatment und nichts anderes ist dann für Unterschiede verantwortlich, die man später zwischen den beiden Gruppen misst. Um die Wirkung von Rauch auf das Ausbrechen von Lungenkrebs festzustellen, werden häufiger Tierversuche angestellt, denn mit Menschen kann man ein solches Experiment wohl kaum durchführen. Man würde also Ratten eines Wurfs nehmen, die völlig identisch sind, um die genetischen Voraussetzungen für das Ausbrechen von Lungenkrebs für alle Versuchstiere gleich zu halten. Zwanzig Ratten werden in zwei Gruppen geteilt. Sie leben in Räumen, die identisch sind. Das Futter, die Fütterungszeit, die Raumtemperatur, die Hygiene – alle Umweltbedingungen sind gleich, bis auf eine: Bei einer Gruppe wird in regelmäßigen Abständen Zigarettenrauch in den Raum geblasen. Die Untersuchung läuft dann vielleicht ein Jahr. Im Anschluss daran werden die Ratten auf Lungenkrebs untersucht. Stellt man signifikante Unterschiede zwischen beiden Gruppen fest, kann man sagen, dass bei dieser Gruppe von Ratten der Rauch eine ursächliche Wirkung auf den Lungenkrebs hatte. Diese Untersuchungsanlage erfüllt beide Voraussetzungen eines Experiments: Manipulation des experimentellen Stimulus und Kontrolle der Versuchsbedingungen.

13.7.1 Selbstselektion

Einmal abgesehen davon, dass Ergebnisse, die man bei Ratten findet, nicht auf Menschen übertragen werden können, wird man derart extreme Untersuchungsanlagen mit Menschen nicht in Erwägung ziehen. Zunächst findet man keine identischen Menschen; die genetischen Bedingungen sind individuell verschieden. Menschen haben im Gegensatz zu Ratten einen selbstbewussten Willen, d. h. Raucher und Nichtraucher haben sich entschieden, ob sie rauchen oder nicht rauchen wollen. Und natürlich kann man bei Menschen die Lebensbedingungen nicht in derselben Art und Weise kontrollieren wie im Tierversuch. Jetzt kann man einwenden, wir können doch einfach Raucher und Nichtraucher, die in einer relativ ähnlichen Umwelt unter relativ gleichen Bedingungen leben, untersuchen, beispielsweise Soldaten in einer Kaserne. Wir hätten doch dann eine Experimentalund eine Kontrollgruppe, oder?

Eine solche Untersuchungsanordnung stellt kein Experiment dar, da die Versuchspersonen sich selbst für Experimentaloder Kontrollgruppe entschieden hätten. Sobald Menschen sich durch Selbstselektion der einen oder anderen Gruppe zuordnen, sind die Gruppen von vornherein nicht mehr vergleichbar. Die Grundbedingung, um später Unterschiede eindeutig als Wirkung eines Merkmals interpretieren zu können, wird verletzt. Selbstselektion muss also bei der Rekrutierung von Versuchspersonen unter allen Umständen ausgeschaltet werden. Anderenfalls haben wir wieder das Problem, dass sich Raucher und Nichtraucher in tausend anderen Merkmalen unterscheiden. Ließe man in einem Experiment zur Gewaltforschung den Versuchspersonen die Wahl, ob sie lieber einen Gewaltoder einen Naturfilm sehen wollten, würden vielleicht alle gewaltbereiten Personen in die eine, alle Sanftmütigen in die andere Gruppe gehen. Schon sind die Ergebnisse beider Gruppen nicht vergleichbar, weil sich beide in mindestens einem anderen Merkmal (nämlich der vorherigen Gewaltbereitschaft) als dem experimentellen Stimulus unterscheiden.

Eine Grundbedingung des wissenschaftlichen Experiments, nämlich die Vergleichbarkeit von Gruppen, wird durch Selbstselektion verletzt. Die Ergebnisse eines solchen Experiments lassen sich nicht kausal interpretieren.

13.7.2 Ethische Probleme

Menschen sind keine Versuchskaninchen. Man kann viele Experimente mit Menschen nicht durchführen, weil man ihre persönliche Freiheit oder ihre Selbstbestimmung grob verletzen würde. Allerdings ist die Spannweite dessen, was man ihnen als Versuchspersonen zumutet, recht groß. Insbesondere dann, wenn Menschen nicht wissen, dass sie an einem Experiment teilnehmen, werden experimentelle Designs fragwürdig. Überaus kritisch wird die Situation, wenn Menschen durch das Experiment in irgendeiner Art geschädigt werden. Damit ist nicht unbedingt eine körperliche, sondern auch eine psychische Schädigung gemeint. Wenn man beispielsweise von der schädlichen Wirkung von Pornografie überzeugt ist, ist es zumindest fragwürdig, der Experimentalgruppe mehrere Pornofilme zu zeigen und der Kontrollgruppe normale Spielfilme. Man würde ja dadurch in Kauf nehmen, dass die Mitglieder der Experimentalgruppe einen psychischen Schaden davontragen. Diskussionswürdig ist aber auch, wenn man Versuchspersonen für das Experiment ein anderes als das eigentliche Forschungsziel nennt. Eine solche Täuschung kann notwendig sein, damit sich die Versuchspersonen nicht schon im Wissen über den Zweck des Experimentes anders verhalten, als sie das sonst tun würden. Spätestens im Anschluss an das Experiment sollten die Versuchspersonen über den wahren Sachverhalt aufgeklärt werden. Man nennt das debriefing.

 
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